»Wie Ihr bereits gesagt habt, mein Lord. Eine denkbare Möglichkeit, sicher. Darf ich aber noch einmal erwähnen, dass Masemas Ansichten über die Aes Sedai denen der Weißmäntel sehr ähneln? Tatsächlich stimmen sie überein. Am liebsten würde er jede Schwester tot sehen. Die seanchanische Einstellung ist da ... pragmatischer, falls es mir erlaubt ist, das so auszudrücken.
Auf jeden Fall stehen sie Masema nicht zu nahe.«
»So sehr Ihr die Weißmäntel auch hasst, Meister Balwer, sie sind nicht die Wurzel allen Übels. Und Masema hatte schon seine Auseinandersetzungen mit den Seanchanern.«
»Wie Ihr meint, mein Lord.« Balwer verzog keine Miene, aber er stank nach Zweifel. Perrin konnte nicht beweisen, dass sich Masema mit den Seanchanern getroffen hatte, und jemandem zu erzählen, wie er davon erfahren hatte, würde seine derzeitigen Probleme nur noch verschlimmern. Das stellte Balwer nicht zufrieden; er war ein Mann, der gern Beweise sah. »Was die Aes Sedai und die Weisen Frauen angeht, mein Lord ... Aes Sedai scheinen immer davon überzeugt zu sein, es besser als alle anderen zu wissen, ausgenommen vielleicht andere Aes Sedai. Ich glaube, die Weisen Frauen sind da sehr ähnlich.«
Perrin schnaubte weiße Wölkchen in die Luft. »Erzählt mir etwas, das ich nicht weiß. Zum Beispiel, warum sich Masuri mit Masema treffen sollte, und warum die Weisen Frauen es erlaubt haben. Ich wette Traber gegen einen Hufeisennagel, dass sie es nicht ohne ihre Erlaubnis getan hat.« Bei Annoura sah es anders aus, sie konnte durchaus aus eigenem Antrieb gehandelt haben. Mit Sicherheit erschien es unwahrscheinlich, dass sie es aufgrund von Berelains Bitte getan hatte.
Balwer rückte den Umhang auf seinen Schultern zurecht und schaute über die Reihen von spitzen Pflöcken zu den Zelten der Aiel; dabei kniff er die Augen zusammen, als hoffte er, durch das Segeltuch blicken zu können. »Es gibt viele Möglichkeiten, mein Lord«, sagte er gereizt. »Für manche, die einen Eid schwören, ist alles erlaubt, was nicht verboten ist, und was nicht befohlen wird, kann ignoriert werden. Andere tun Dinge, von denen sie glauben, dass es ihrem Lehnsherrn helfen wird, und zwar ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Es hat den Anschein, als würden Aes Sedai und Weise Frauen in eine dieser Kategorien fallen, aber darüber hinaus kann ich, so wie die Dinge stehen, nur spekulieren.«
»Ich könnte sie fragen. Aes Sedai können nicht lügen, und wenn ich genug Druck ausübe, könnte Masuri mir die Wahrheit sagen.«
Balwer verzog das Gesicht, als hätte er plötzlich Magenschmerzen. »Vielleicht, mein Lord, Vielleicht. Aber es ist eher wahrscheinlich, dass sie Euch etwas sagt, das wie die Wahrheit klingt. Wie Ihr wisst, sind Aes Sedai darin sehr erfahren. Auf jeden Fall würde sich Masuri fragen, woher Ihr davon wisst, mein Lord, und diese Überlegungen könnten zu Haviar und Nerion führen. Wer kann unter diesen Umständen schon sagen, mit wem sie darüber spricht? Der gerade Weg ist nicht immer der beste. Gewisse Dinge muss man manchmal aus Gründen der Sicherheit hinter Masken erledigen.«
»Ich habe Euch gesagt, dass man den Aes Sedai nicht vertrauen kann«, sagte Aram plötzlich. »Ich habe Euch das gesagt, Lord Perrin.« Er schwieg, als Perrin die Hand hob, aber der Wutgestank, der von ihm ausging, war so stark, dass er ausatmen musste, um seine Lungen zu klären. Ein Teil von ihm wollte den Geruch tief inhalieren und sich von ihm überwältigen lassen.
Perrin musterte Balwer. Wenn die Aes Sedai die Wahrheit so lange verdrehen konnten, bis man oben nicht mehr von unten unterscheiden konnte, und sie konnten und taten es auch, wie weit konnte man ihnen vertrauen? Vertrauen war immer die Frage. Das hatte er in harten Lektionen gelernt. Aber er legte seinem Zorn die Zügel an. Ein Hammer musste mit Sorgfalt geschwungen werden, und er arbeitete in einer Schmiede, wo ihm ein Fehler das Herz aus dem Leib reißen würde. »Würden sich die Dinge ändern, wenn ein paar von Selandes Freunden mehr Zeit mit den Aiel verbringen würden? Schließlich wollen sie ja Aiel sein. Das sollte ihnen einen ausreichenden Vorwand geben. Und vielleicht kann einer von ihnen mit Berelain und ihrer Beraterin Freundschaft schließen.«
»Das sollte möglich sein, mein Lord«, sagte Balwer nach kurzem Zögern. »Der Vater von Lady Medore ist ein Hochlord von Tear, was ihr eine ausreichend hohe Stellung verleiht, um sich der Ersten von Mayene zu nähern, und auch einen Grund. Für eine oder zwei der Cairhiener gilt das Gleiche. Aber es wird dennoch einfacher sein, jene zu finden, die unter den Aiel leben wollen.«
Perrin nickte. Unendliche Sorgfalt mit dem Hammer, auch wenn man alles in Reichweite zerschlagen wollte.
»Dann kümmert Euch darum. Aber, Meister Balwer, Ihr habt versucht, mich ... dazu zu verleiten, seit Selande gegangen ist. Wenn Ihr wieder einen Vorschlag zu machen habt, dann tut es. Selbst wenn ich neunmal nein sage, werde ich immer ein zehntes Mal zuhören. Ich bin kein kluger Mann, aber ich bin bereit, klugen Leuten zuzuhören, und ich glaube, Ihr seid es. Aber versucht nicht, mich in die Richtung zu schubsen, die Ihr für richtig haltet. Das mag ich nicht, Meister Balwer.«
Balwer blinzelte, dann verneigte er sich unvermittelt mit in Hüfthöhe gefalteten Händen. Er roch überrascht. Und erfreut. Erfreut? »Wie Ihr befehlt, mein Lord. Mein voriger Dienstherr mochte es nicht, wenn ich ungefragt Vorschläge machte. Ich werde den gleichen Fehler nicht noch einmal machen, das versichere ich Euch.« Er musterte Perrin und schien sich zu einer Entscheidung durchzuringen. »Falls ich das sagen darf«, begann er vorsichtig, »die Arbeit in Euren Diensten hat sich auf eine Weise ... angenehm ... erwiesen, mit der ich nie gerechnet hatte. Ihr seid, was Ihr zu sein scheint, mein Lord, keine verborgenen Giftnadeln, um die Unvorsichtigen zu erwischen. Mein voriger Dienstherr war weithin bekannt für seine Gewitztheit, aber ich halte Euch für genauso klug, wenn auch auf eine andere Weise. Ich glaube, ich würde es bedauern, Eure Dienste zu verlassen. Jeder Mann würde das sagen, um seine Stellung zu behalten, aber ich meine es ernst.«
Giftnadeln? Bevor Balwer in Perrins Dienste getreten war, war er Sekretär einer murandianischen Adligen gewesen, die verarmt war und sich ihn nicht länger leisten konnte. Murandy musste ein schwierigerer Ort sein, als Perrin dachte. »Ich sehe keinen Grund, warum Ihr meine Dienste verlassen solltet. Sagt mir einfach, was Ihr tun wollt, und lasst mich entscheiden, versucht aber nicht, mich zu drängen. Und die Schmeichelei könnt Ihr vergessen.«
»Ich schmeichle nie, mein Lord. Aber ich bin darin geübt, mich den Bedürfnissen meines Herrn anzupassen; das ist in meinem Beruf erforderlich.« Der kleine Mann verbeugte sich erneut. Er war noch nie zuvor so formell gewesen. »Wenn Ihr keine weiteren Fragen habt, mein Lord, darf ich dann zu Lady Medore gehen?«
Perrin nickte. Der kleine Mann verbeugte sich noch einmal rückwärtsgehend, dann rutschte er dem Lager entgegen, und sein Umhang flatterte hinter ihm her, als er sich wie ein durch den Schnee hüpfender Spatz einen Weg an den Pflöcken vorbei suchte. Er war ein seltsamer Bursche.
»Ich vertraue ihm nicht«, murmelte Aram und starrte Balwer hinterher. »Und ich vertraue auch nicht Selande und ihrem Haufen. Sie werden sich mit den Aes Sedai verbünden, denkt an meine Worte.«
»Irgendjemandem muss man vertrauen«, sagte Perrin grob. Die Frage war nur: wem? Er schwang sich auf Trabers Rücken und stieß dem Braunen die Stiefel in die Rippen. Ein Hammer war nutzlos, wenn er herumlag.
6
Der Geruch eines Traums
Die kalte Luft roch sauber und frisch, als Perrin in den Wald galoppierte; die Brise war erfüllt von der Reinheit des Schnees, der fontänenartig unter Trabers Hufen aufspritzte. Hier draußen konnte er alte Freunde vergessen, die bereit waren, aufgrund von Gerüchten das Schlimmste zu glauben. Er konnte versuchen, Masema zu vergessen, und die Aes Sedai und die Weisen Frauen. Die Shaido hingegen waren mit dem Inneren seines Schädels verschmolzen, ein Rätselspiel, das nicht nachgab, wie sehr er auch daran zerrte. Er wollte es auseinanderreißen, aber das funktionierte nie bei einem schmiedeeisernen Rätselspiel.