Nach einem kurzen Sprint zügelte er den Mausgrauen, bis er Schritt ging, und verspürte einen Anflug von schlechtem Gewissen. Die Dunkelheit unter dem Blätterdach war tief, und zwischen den hohen Bäumen hervorragende Felsspitzen warnten vor weiteren, die unter dem Schnee verborgen lagen, hundert Stellen, die einem galoppierenden Pferd das Bein brechen konnten, und da waren Maulwurfslöcher und Fuchshöhlen nicht mit eingerechnet. Es war unnötig, dieses Risiko einzugehen. Ein Galopp würde Falle keine Stunde früher befreien, davon abgesehen konnte kein Pferd dieses Tempo lange durchhalten. Der Schnee war an verwehten Stellen knietief, und überall sonst tief genug. Er ritt nach Nordosten. Die Kundschafter würden aus Nordosten kommen, mit Neuigkeiten über Falle. Oder zumindest Neuigkeiten über die Shaido. Er hatte so oft darauf gehofft, dafür gebetet, aber heute würden sie eintreffen, das wußte er. Aber dieses Wissen verstärkte seine Anspannung nur. Sie zu finden war bloß der erste Teil dieses Rätselspiels. Der Zorn ließ seine Gedanken von einer Sache zur nächsten springen, aber was Balwer auch sagen mochte, Perrin wußte, dass er bestenfalls methodisch war. Er war nicht gut darin, schnell zu denken, und da es ihm an Gewitztheit fehlte, musste das Methodische reichen. Irgendwie.
Aram schloß zu ihm auf und trieb seinen Grauen hart an, dann wurde er langsamer und ritt ein Stück hinter ihm, an der Seite wie ein Hund, der bei Fuß ging. Aram roch niemals entspannt, wenn Perrin ihm befahl, neben ihm zu reiten. Der ehemalige Kesselflicker sagte kein Wort, aber Ströme in der eisigen Luft trieben seinen Geruch heran, eine Mischung aus Wut und Enttäuschung und Verärgerung. Er saß so angespannt wie eine überdrehte Uhrenfeder im Sattel und beobachtete den Wald grimmig, als würde er erwarten, dass hinter dem nächsten Baum Shaido hervorspringen würden.
In Wahrheit hätte sich in diesem Wald so gut wie alles vor den meisten Männern verbergen können. Wo durch das Blätterdach der Himmel hindurchschimmerte, zeigte er einen dunkelgrauen Ton, aber im Augenblick war der Wald in Schatten getaucht, die verschwommener als die Nacht waren, und die Bäume selbst waren massive Säulen aus Dunkelheit. Doch Perrins Augen nahmen selbst die Bewegung einer schwarzen Dohle auf einem verschneiten Ast wahr, deren Federn sich wegen der Kälte sträubten, und eine jagende Kiefernschwalbe, die ein tieferes Schwarz als die Dunkelheit aufwies. Er nahm auch von beiden den Geruch wahr. Von einer massiven Eiche mit Ästen, die so dick wie Baumstämme waren, trieb ein schwacher Hauch von Männergeruch heran. Die Ghealdaner und Mayener ließen ihre berittenen Patrouillen das Lager im Umkreis von ein paar Meilen umrunden, aber Perrin bevorzugte es, in der Nähe Männer von den Zwei Flüssen zu haben. Er hatte nicht genug Leute, um das Lager komplett zu umringen, aber sie waren an Wälder gewöhnt und daran, Tiere zu jagen, die im Gegenzug sie jagen würden, daran gewöhnt, Bewegungen zu bemerken, die einem Mann entgehen würden, der in Begriffen wie Soldat und Krieg dachte. Raubkatzen aus den Bergen, die Jagd auf Schafe machten, konnten sich überall verbergen, und Bären und wilde Eber waren dafür bekannt, dass sie sich ihren Verfolgern stellten und im Hinterhalt lauerten. Von dreißig oder vierzig Fuß hohen Ästen sahen die Männer alles, was sich bewegte, und zwar rechtzeitig, um das Lager zu warnen, und mit ihren Langbögen konnten sie von jedem, der sich den Weg an ihnen vorbeikämpfen wollte, einen blutigen Preis einfordern. Aber er nahm die Anwesenheit des Wächters so flüchtig wahr wie die Dohle. Seine Konzentration war jenseits der Bäume und Schatten gerichtet, auf das erste Anzeichen der zurückkehrenden Kundschafter.
Plötzlich warf Traber den Kopf in die Höhe und schnaubte eine Nebelwolke, seine Augen verdrehten sich vor Furcht, er blieb abrupt stehen, und Arams Grauer wieherte und scheute. Perrin beugte sich vor, um den Hals des zitternden Hengstes zu tätscheln, aber seine Hand erstarrte, als er den Hauch eines Geruchs wahrnahm, den Geruch von brennendem Schwefel, bei dem sich seine Nackenhaare aufrichten wollten. Es roch aber nur beinahe wie verbrannter Schwefel; dies war nur eine schwache Imitation dieses Geruchs. Es hatte den Gestank von ... etwas Unnatürlichem, etwas, das nicht in diese Welt gehörte. Der Geruch war nicht neu — man hätte diesen Gestank niemals frisch nennen können —, aber auch nicht alt. Eine Stunde, vielleicht weniger. Vielleicht die Zeit, zu der er aufgewacht war. Die Zeit, in der er diesen Geruch geträumt hatte.
»Was ist, Lord Perrin?« Aram hatte Mühe, seinen Grauen zu besänftigen, der sich im Kreis drehte, gegen die Zügel ankämpfte und in jede Richtung laufen wollte, solange sie ihn nur hier fort brachte. Aber obwohl er an den Zügeln zerrte, hatte er das Schwert mit dem Wolfkopfknauf gezogen. Er übte täglich damit, stundenlang, wenn er konnte, und jene, die sich in solchen Dingen auskannten, waren der Ansicht, dass er gut darin war. »Ihr könnt hier vielleicht einen schwarzen Faden von einem weißen unterscheiden, aber für mich ist es noch nicht Tag. Ich kann in der Dunkelheit nichts erkennen.«
»Steckt das Schwert weg«, sagte Perrin. »Es wird nicht gebraucht. Schwerter würden sowieso nichts ausrichten.« Er musste sein zitterndes Pferd dazu verleiten, sich wieder vorwärts zu bewegen, aber er folgte dem ranzigen Duft und studierte den schneebedeckten Boden. Er kannte diesen Geruch, und nicht nur aus seinem Traum.
Er brauchte nicht lange, um das zu finden, was er suchte, und Traber wieherte dankbar, als Perrin ihn ein Stück vor einem abgeflachten grauen Felsen anhielt, der rechts von ihm in die Höhe ragte. Der umliegende Schnee war unberührt, aber die schräg stehende Felsplatte war mit Pfotenabdrücken von Hunden versehen, so als wäre ein Rudel darübergelaufen. Ob das Licht nun schlecht war oder nicht, für Perrins Augen waren sie deutlich sichtbar. Pfotenabdrücke, die größer als seine Hand waren und sich in den Stein eingegraben hatten, als bestünde er aus Lehm. Er tätschelte wieder Trabers Hals. Kein Wunder, dass das Tier Angst hatte.
»Aram, reitet ins Lager zurück und sucht Dannil. Sagt ihm, ich hätte befohlen, alle wissen zu lassen, dass Schattenhunde hier waren, vielleicht vor einer Stunde. Ihr würdet nicht versuchen wollen, einen Schattenhund mit dem Schwert zu töten, glaubt mir.«
»Schattenhunde?«, rief Aram aus und schaute in die trüben Schatten zwischen den Bäumen. Jetzt ging eine nervöse Furcht von ihm aus. Die meisten Männer hätten über die Geschichten von Reisenden oder Kindermärchen gelacht. Kesselflicker durchstreiften das Land und wußten, auf was man in der Wildnis stoßen konnte. Aram schob das Schwert mit offensichtlichem Zögern wieder in die Scheide auf seinem Rücken, aber seine rechte Hand blieb erhoben, auf halber Höhe zum Griff. »Wie tötet man einen Schattenhund? Können sie überhaupt getötet werden?«
»Seid froh, dass Ihr es nicht versuchen müsst, Aram. Und jetzt geht und tut, was ich Euch aufgetragen habe. Jeder muss auf der Hut sein für den Fall, dass sie zurückkommen. Ich würde zwar sagen, dass das nicht sehr wahrscheinlich ist, aber es ist besser, vorbereitet zu sein.« Perrin erinnerte sich daran, wie er einem Rudel gegenübergestanden und einen getötet hatte. Er hatte gedacht, einen getötet zu haben, nachdem er ihn mit drei guten Pfeilen getroffen hatte. Schattengezücht starb nicht so leicht. Moraine hatte das Rudel mit Baalsfeuer auslöschen müssen. »Sorgt dafür, dass die Aes Sedai und Weisen Frauen davon erfahren, und die Asha'man.« Ziemlich unwahrscheinlich, dass einer von ihnen wusste, wie man Baalsfeuer erschuf — die Frauen würden möglicherweise nicht zugeben wollen, dass sie ein verbotenes Gewebe kannten, wenn sie es denn taten, und für die Männer galt möglicherweise das Gleiche —, aber vielleicht wußten sie etwas anderes, das funktionierte.
Aram wollte ihn nicht allein lassen, bis Perrin ihn anschnauzte, und dann wandte er sich beleidigt dem Lager zu, als wären zwei Männer auch nur eine Spur sicherer gewesen als einer allein. Sobald er außer Sicht war, lenkte Perrin Traber nach Süden, die Richtung, die auch die Schattenhunde genommen hatten. Hierfür wollte er keine Begleitung, nicht einmal Aram. Nur weil Leute manchmal seine scharfen Augen erwähnten, war das kein Grund, sie unter Beweis zu stellen, genauso wenig wie seinen Geruchssinn. Es gab bereits mehr als genug Gründe, ihm aus dem Weg zu gehen, da musste man nicht noch welche hinzufügen.