»Geruch ist nicht das richtige Wort. Die Ausstrahlung, die von jedem Rudel ausgeht, ist einzigartig, und ich kann mit Sicherheit sagen, dass mir dieses hier noch nie begegnet ist, also wissen wir, dass die Zahl sieben falsch ist. Ob die korrekte Zahl nun neun oder dreizehn oder anders ist, es gibt viel mehr Geschichten über Schattenhunde als Schattenhunde selbst, und so weit südlich von der Großen Fäule sind sie äußerst selten. Und da ist noch eine zweite Ausnahme: dieses Rudel dürfte fast fünfzig Tiere umfasst haben. Für gewöhnlich sind zehn oder zwölf die Grenze. Eine nützliche Maxime: zwei Ausnahmen, die zusammentreffen, verlangen nähere Aufmerksamkeit.« Sie hielt inne und hob einen Finger, um den Punkt zu unterstreichen, dann nickte sie, als sie davon überzeugt war, dass Berelain es begriffen hatte, und faltete wieder die Hände. Ein heftiger Wind stieß ihr den gelbbraunen Umhang von einer Schulter, aber sie schien den Wärmeverlust nicht zu spüren.
»Von den Spuren der Schattenhunde geht immer das Gefühl von Dringlichkeit aus, aber das ändert sich durch eine Vielzahl von Faktoren, die ich nicht alle mit Sicherheit benennen kann. Diese hier weisen eine intensive Beimischung von ... ich schätze, man könnte es Ungeduld nennen. Das trifft es zwar nicht einmal annähernd — genauso gut könnte man eine Stichwunde als Nadelstich bezeichnen —, aber es muss reichen. Ich würde sagen, ihre Jagd dauert schon eine Weile, und ihr Wild entgeht ihnen irgendwie. Was die Geschichten auch behaupten mögen — übrigens, Lord Gallenne, Salz kann den Schattenhunden nicht im mindesten schaden.« Also war sie doch nicht völlig in Gedanken versunken gewesen. »Den Geschichten zum Trotz jagen sie niemals zufällig, obwohl sie töten, wenn sich die Gelegenheit bietet und sie nicht die Jagd behindert. Bei den Schattenhunden kommt die Jagd an erster Stelle. Ihr Opfer ist dem Schatten immer wichtig, auch wenn uns der Grund dafür manchmal verborgen bleibt. Sie sind dafür bekannt, die Großen und Mächtigen links liegen zu lassen, um eine Bauersfrau oder einen Handwerker zu töten, oder ein Dorf oder eine Stadt zu betreten und ohne zu töten wieder zu verschwinden, obwohl sie doch offensichtlich aus einem bestimmten Grund kamen. Mein erster Gedanke, was sie hergeführt hat, musste verworfen werden, da sie weitergelaufen sind.« Ihr Blick glitt zu Perrin herüber, so schnell, dass er sich nicht sicher war, ob es jemand bemerkt hatte. »Darum bezweifle ich sehr, dass sie zurückkommen werden. O ja, und sie sind eine Stunde oder länger weg. Ich fürchte, das ist alles, was ich euch sagen kann.« Nevarin und die anderen Weisen Frauen nickten zufrieden, als sie endete, und in ihre Wangen trat wieder eine Spur Farbe, die allerdings schnell verschwand, als sie die gelassene Maske der Aes Sedai aufsetzte. Eine Veränderung der Windrichtung trug ihren Geruch an Perrin heran; sie war überrascht und erfreut — und aufgebracht, dass sie erfreut war.
»Danke, Masuri Sedai«, sagte Berelain förmlich und machte im Sattel eine kleine Verbeugung, die Masuri mit einem leichten Nicken entgegennahm. »Ihr habt uns unsere Sorgen genommen.«
Tatsächlich begann die Furcht unter den Soldaten zu verblassen, obwohl Perrin hörte, wie Gallenne leise murmelte: »Sie hätte uns das Letzte auch zuerst sagen können.«
Perrins Ohren nahmen durch das Stampfen der Pfer — dehufe und das leise, erleichterte Gelächter der Männer hindurch allerdings noch etwas anderes wahr. Im Süden ertönte das Trillern eines Blaufinken, das sonst keiner wahrnehmen konnte, dicht gefolgt vom summenden Ruf eines Maskenspatzen. Ein weiterer Blaufink ertönte, wieder gefolgt von einem Maskenspatzen, und dann rief das Paar aus noch größerer Nähe. Es mochte in Altara Blaufinken und Maskenspatzen geben, aber er wusste, dass diese Vögel Langbogen aus den Zwei Flüssen trugen. Der Blaufink bedeutete, dass Männer kamen, mehr als nur ein paar und möglicherweise mit unfreundlichen Absichten. Der Maskenspatz andererseits, der zu Hause auch Diebvogel genannt wurde, weil er gern funkelnde Gegenstände stahl ... Perrin fuhr mit dem Daumen über die Axtschneide, wartete aber auf weitere Rufe, die nahe genug ertönten, dass sie auch den anderen auffielen.
»Hört Ihr das?«, sagte er und schaute nach Süden, als wäre es ihm gerade erst aufgefallen. »Meine Posten haben Masema entdeckt.« Das führte dazu, dass sich Köpfe hoben und lauschten, und mehrere Männer nickten, als die Rufe aus noch größerer Nähe wiederholt wurden. »Er kommt hier entlang.«
Gallenne stülpte sich unter Flüchen den Helm auf den Kopf und stieg in den Sattel. Annoura zog die Zügel enger, und Masuri stapfte zurück zu ihrem Pferd. Die Lanzenreiter rutschten in den Sätteln umher und fingen an, nach Wut zu riechen, in die sich wieder Furcht mischte. In ihren Augen schuldete Masema den Geflügelten Wachen eine Blutschuld, aber keiner war darauf versessen, sie mit nur fünfzig Mann einzufordern, nicht, wenn Masema immer mit hundert Mann ritt.
»Ich werde nicht vor ihm davonlaufen«, verkündete Berelain. Sie starrte mit einem kalten Blick nach Süden.
»Wir werden hier auf ihn warten.«
Gallenne öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne etwas gesagt zu haben — jedenfalls zu ihr. Er holte tief Luft, dann begann er, Befehle zu brüllen, um seine Männer zu gruppieren. Das war nicht einfach. Auch wenn die Bäume weit voneinander entfernt standen, ein Wald war kein guter Ort für einen Lanzenreiter. Jeder Ausfall würde von Anfang an unzusammenhängend sein, und es war schwer, einen Mann mit der Lanze aufzuspießen, wenn er sich hinter einem Baumstamm verstecken und einem in den Rücken fallen konnte. Gallenne versuchte, sie vor Berelain aufzustellen, vor ihr und den näher kommenden Männern, aber sie warf ihm einen missbilligenden Blick zu, und der Einäugige änderte seine Befehle und stellte die Lanzenreiter in einer einzigen, leicht schrägen Reihe auf, die sich um große Bäume ballte, aber sie in die Mitte nahm. Gallenne schickte einen Soldaten ins Lager zurück; er duckte sich tief in seinen Sattel, hielt die Lanze wie bei einem Angriff gesenkt, und ritt so schnell, wie es Schnee und Gelände erlaubten. Berelain nahm das mit einer erhobenen Braue zur Kenntnis, sagte aber nichts.
Annoura fing an, ihren Braunen auf Berelain zuzusteuern, hielt aber inne, als Masuri ihren Namen rief. Die Braune Schwester hatte ihr Pferd geholt, stand aber noch immer von den Weisen Frauen umgeben im Schnee. Verglichen mit ihr waren sie so groß, dass sie wie eine Halbwüchsige erschien. Annoura zögerte, bis Masuri sie erneut rief, diesmal etwas schärfer, und Perrin glaubte sie seufzen zu hören, bevor sie zu ihnen ritt und abstieg. Was auch immer die Aielfrauen zu sagen hatten — ihre Stimmen waren zu leise, als dass Perrin sie verstehen konnte, und sie drängten sich vor Annoura und steckten die Köpfe zusammen —, es gefiel der Schwester aus Tarabon nicht. Ihr Gesicht blieb in der Kapuze verborgen, aber ihre dünnen Zöpfe wirbelten immer schneller umher, je länger sie den Kopf schüttelte, und schließlich wandte sie sich abrupt ab und schob einen Fuß in den Steigbügel. Masuri hatte still dagestanden und die Weisen Frauen reden lassen, aber jetzt legte sie Annoura eine Hand auf den Ärmel und sagte leise etwas, das Annouras Schultern nach vorn sacken und die Weisen Frauen nicken ließ. Annoura stieß die Kapuze zurück und wartete, bis Masuri aufgesessen war, bevor sie auf ihr Pferd stieg, und dann ritten die beiden Schwestern zusammen zu der Reihe der Lanzenreiter und schoben sich auf der anderen Seite von Perrin neben Berelain, während sich die Weisen Frauen dazwischendrängten. Annouras Mundwinkel hingen mürrisch nach unten, und sie rieb sich nervös ihre Daumen.
»Was habt Ihr vor?«, fragte Perrin und versuchte nicht, sein Misstrauen zu verbergen. Vielleicht hatten die Weisen Frauen ja erlaubt, dass sich Masuri mit Masema traf, aber sie behaupteten noch immer, der Meinung zu sein, dass dieser Mann sterben sollte. Die Aes Sedai konnten die Macht nicht als Waffe verwenden, solange sie nicht in Gefahr schwebten, aber die Weisen Frauen kannten diese Beschränkung nicht. Er fragte sich, ob sie einen Zirkel gebildet hatten. Er wusste mehr über die Eine Macht, als ihm lieb war, und genug über die Weisen Frauen, um sicher zu sein, dass Nevarin in diesem Fall den Befehl über einen Zirkel hatte.