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Elyas stieg ab und hockte sich auf die Fersen; er musterte stirnrunzelnd die Felsplatte und achtete nicht auf seinen Wallach, der an den Zügeln zerrte und vor ihr zurückweichen wollte. Neben dem Felsen ruhte der dicke Stamm einer Kiefer, die gute fünfzig Fuß in die Höhe geragt hatte, auf den zersplitterten Überresten ihres Stumpfs; hoch genug, dass Elyas darunter aufrecht hätte hindurchgehen können. Grelle Sonnenstrahlen, die an anderen Stellen das Blätterdach durchstießen, schienen die Schatten um den mit Spuren versehenen Stein fast in eine undurchdringliche Finsternis zu verwandeln, aber das störte ihn genauso wenig wie Perrin. Er rümpfte die Nase wegen des Gestanks nach verbranntem Schwefel, der noch in der Luft hing. »Ich habe mir auf dem Weg hierher doch gedacht, diesen Gestank gerochen zu haben. Ich schätze, du hättest es erwähnt, wenn du nicht andere Dinge im Kopf haben würdest. Ein großes Rudel. Größer als alles, was ich je gesehen habe. Oder von dem ich gehört habe.«

»Das hat Masuri auch gesagt«, erwiderte Perrin gedankenverloren. Was hielt Grady bloß auf? Wie viele Menschen gab es in Ebou Dar? Das war die Größe des Shaido-Lagers. »Sie hat gesagt, sie sei sieben Rudeln begegnet, aber dieses ist ihr unbekannt.«

»Sieben«, murmelte Elyas überrascht. »Selbst eine Aes Sedai muss weit herumkommen, um das zu erreichen. Hinter den meisten Geschichten von Schattenhunden stecken bloß Leute, die sich vorm Dunkeln fürchten.« Er starrte die Pfotenspuren an, die sich über den glatten Stein zogen, und schüttelte den Kopf. Trauer stahl sich in seine Stimme, als er sagte: »Einst waren sie Wölfe. Jedenfalls die Seelen von Wölfen, die der Schatten eingefangen und verzerrt hat. Das war der Kern, aus dem die Schattenhunde entstanden, die Schattenbrüder. Ich glaube, darum müssen die Wölfe bei der Letzten Schlacht dabei sein. Oder vielleicht wurden die Schattenhunde auch erschaffen, weil die Wölfe dort sein werden, um gegen sie zu kämpfen. Manchmal lässt das Muster die feine Spitze aus Sovarra wie aus einem Stück Bindfaden gewoben aussehen. Wie dem auch sei, es war vor langer Zeit, soweit ich weiß, während der Trolloc-Kriege, und davor dem Schattenkrieg. Wölfe haben weit zurückreichende Erinnerungen. Was ein Wolf weiß, gerät nie wirklich in Vergessenheit, solange noch andere Wölfe leben. Aber sie ver meiden es, über die Schattenhunde zu sprechen, und sie meiden auch die Schattenhunde selbst. Hundert Wölfe könnten bei dem Versuch sterben, einen Schattenbruder zu töten. Schlimmer, wenn sie scheitern, kann der Schattenhund die Seelen derjenigen fressen, die noch nicht verendet sind, und ein Jahr später gäbe es ein neues Rudel Schattenbrüder, die sich nie mehr daran erinnern würden, dass sie einmal Wölfe waren. Ich hoffe jedenfalls, dass sie sich nicht mehr daran erinnern.«

Perrin zügelte Traber, obwohl es ihn in den Fingern juckte, weiter in Bewegung zu bleiben. Die Bezeichnung der Wölfe für Schattenhunde hatte eine zusätzliche grimmige Note erhalten. »Können sie die Seele eines Menschen fressen, Elyas? Sagen wir, von einem Mann, der zu den Wölfen sprechen kann?« Elyas zuckte mit den Schultern. Soweit beide wußten, konnten nur eine Hand voll Leute das tun, was sie taten. Eine Antwort auf diese Frage würde es möglicherweise erst im Augenblick des Todes geben. Was aber jetzt viel wichtiger war, wenn sie einst Wölfe gewesen waren, dann mussten sie auch intelligent genug sein, um Bericht über das zu erstatten, was sie gesehen hatten. Masuri hatte etwas in der Art angedeutet. Es wäre närrisch gewesen, etwas anderes anzunehmen. Wie lange, bevor sie es taten? Wie lange blieb ihm, um Falle zu befreien?

Die Laute von im Schnee knirschenden Hufen verkündeten das Eintreffen von Reitern, und er setzte Elyas schnell darüber in Kenntnis, dass sie das La — ger umrundet hatten und über ihn Bericht erstatten würden, wem auch immer sie Rechenschaft schuldig waren.

»Ich würde mir deswegen keine großen Sorgen machen, mein Junge«, erwiderte der ältere Mann und hielt argwöhnisch nach den herannahenden Pferden Ausschau. Er bewegte sich von dem Stein fort und fing an sich zu strecken und dehnte Muskeln, da er zu lange im Sattel gesessen hatte. Elyas war zu vorsichtig, um sich dabei erwischen zu lassen, wie er etwas studierte, was für andere Augen von Schatten verhüllt wurde. »Klingt, als würden sie jemanden Wichtigeres jagen als dich. Sie werden weitermachen, bis sie ihn finden, und wenn es das ganze Jahr dauert. Mach dir keine Sorgen. Wir werden deine Frau befreien, bevor die Schattenhunde berichten können, dass du hier warst. Ich sage nicht, dass es einfach werden wird, aber wir werden es schaffen.« Entschlossenheit lag in seiner Stimme und in seinem Geruch, aber nicht viel Hoffnung. Eigentlich sogar gar keine.

Perrin kämpfte die erneut aufsteigende Verzweiflung nieder und ließ Traber umherschreiten, als Berelain mit ihrer Leibwache zwischen den Bäumen erschien. Marline saß hinter Annoura auf dem Pferd. Sobald die Aes Sedai die Zügel anzog, rutschte die Weise Frau zu Boden und schüttelte die voluminösen Röcke zurecht, um ihre dunklen Strümpfe zu bedecken. Einer anderen Frau wäre es möglicherweise peinlich gewesen, ihre Beine entblößt zu haben, aber nicht Marline. Sie richtete lediglich ihre Kleidung. Annoura war diejenige, die aufgebracht aussah, eine griesgrämige Verstimmung, die ihre Nase noch mehr wie einen Schnabel aussehen ließ. Sie sagte kein Wort, aber ihr Mund lauerte förmlich darauf, zubeißen zu können. Sie musste fest davon überzeugt gewesen sein, dass man ihr Angebot, mit den Shaido zu verhandeln, annehmen würde, vor allem, weil Berelain es unterstützte und sich Marline anscheinend schlimmstenfalls neutral verhalten hätte. Graue waren Vermittler und Unterhändler, sie sprachen Recht und handelten Verträge aus. Möglicherweise waren das ihre Beweggründe gewesen. Oder doch nicht? Ein Problem, das er im Moment beiseite schieben musste, aber keineswegs vergessen durfte. Er musste alles, was sich zu einem Hindernis für Failes Befreiung entwickeln konnte, in seine Pläne mit einbeziehen, aber das Problem, das er lösen konnte, lag vierzig Meilen im Nordosten.

Während die Geflügelten Wachen zwischen den riesigen Bäumen um den Wegetorplatz herum ihren Schutzkreis bildeten, lenkte Berelain ihren Braunen neben Traber und versuchte, Perrin in ein Gespräch zu verwickeln und ihn mit dem Rest des Rebhuhns zu locken. Der Geruch von Unsicherheit ging von ihr aus, Zweifel an seiner Entscheidung. Vielleicht hoffte sie, ihn doch zu einem Lösegeldangebot überreden zu können. Er ließ Traber weitergehen und hörte einfach nicht zu. Der Vorschlag mit dem Lösegeld kam dem Versuch gleich, alles auf einen Würfelwurf zu setzen. Er konnte nicht mit Falle als Einsatz spielen. Es musste so methodisch wie die Arbeit in einer Schmiede gemacht werden. Beim Licht, war er müde. Er umarmte den Zorn in ihm noch fester, zog aus der lodernden Hitze Energie.

Gallenne und Arganda trafen kurz nach Berelain mit einer Zweierreihe ghealdanischer Lanzenreiter in ihren funkelnden Brustpanzern und hellen Spitzhelmen ein, die sich zwischen den Bäumen zu den Mayenern gesellten. Ein Hauch von Gereiztheit trat in Berelains Geruch, und sie verließ Perrin und ritt zu Gallenne hinüber. Die beiden führten ihre Pferde aneinander, bis sich ihre Knie fast berührten, der Einäugige beugte den Kopf vor, um verstehen zu können, was Berelain sagte. Ihre Stimme war leise, aber Perrin war klar, worüber sie sprach, jedenfalls teilweise. Gelegentlich warf einer von ihnen einen Blick in seine Richtung, während er Traber unablässig auf und ab gehen ließ. Arganda ließ seinen Rotschimmel stehen und starrte an den Bäumen vorbei nach Süden, in Richtung des Lagers, einerseits so unbeweglich wie eine Statue, strahlte er dennoch Ungeduld aus wie ein Feuer Hitze. Mit seinen Helmfedern, dem Schwert und der silbernen Rüstung und dem versteinerten Gesicht verkörperte er das Bild eines Soldaten, aber sein Geruch verkündete, dass er am Rand der Panik stand. Perrin fragte sich, wie er selbst wohl roch. Nur in einem abgeschlossenen Raum konnte man den eigenen Geruch wahrnehmen. Er glaubte nicht, dass er nach Panik roch, bloß nach Furcht und Zorn.