»Ab jetzt gehen wir zu Fuß«, verkündete Elyas mit leiser Stimme, die kaum das gelegentliche Aufstampfen eines Pferdehufs übertönte. Er hatte gesagt, dass die Shaido unvorsichtig waren und kaum Wachen aufgestellt hatten, aber er sprach, als würden sie keine zwanzig Schritte entfernt lauern. »Ein Mann auf einem Pferd ist auffällig. Die Shaido sind nicht blind, nur blind für Aiel, was bedeutet, dass sie doppelt so gut sehen können wie jeder von euch, also zeigt euch oben auf dem Kamm nicht. Und versucht, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Sie sind auch nicht taub. Irgendwann werden sie unsere Spuren finden — da kann man wegen des Schnees nichts machen —, aber wir dürfen sie jetzt nicht wissen lassen, dass wir hier sind.«
Arganda, der bereits über den Verlust seiner Rüstung verstimmt war, fing an sich zu beschweren, dass Elyas jetzt die Befehle gab. Da er kein kompletter Narr war, tat er es mit leiser Stimme, die nicht weit trug, aber er war seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Soldat, er hatte Soldaten gegen Weißmäntel, Altaraner und Amadicianer in den Kampf geführt, und, wie er gern betonte, er hatte im Aiel-Krieg gekämpft und in Tar Valon den Blutigen Schnee erlebt. Er wusste über die Aiel Bescheid, und er brauchte keinen Waldläufer, der ihm sagte, wie er die Stiefel anzuziehen hatte. Perrin ließ es geschehen, da er sich erst beschwerte, nachdem er zwei Männer dazu abkommandiert hatte, auf die Pferde aufzupassen. Er war kein Narr, er hatte nur Angst um seine Königin. Gallenne ließ seine Männer alle zurück und murmelte etwas darüber, dass Lanzenreiter ohne ihre Pferde weniger als nutzlos waren und sich vermutlich den Hals brechen würden, wenn er sie zu Fuß losschickte. Auch er war kein Narr, aber er sah zuerst immer die schlechte Seite. Elyas übernahm die Führung, und Perrin wartete nur lange genug, um sein Fernglas aus Trabers Satteltasche in seine Manteltasche zu stecken, bevor er ihm folgte.
Das Unterholz — hauptsächlich Kiefern, Tannen und andere Baumgruppen, jetzt wintergrau und blattlos — war nicht besonders dicht, und das Gelände war nicht steiler als die Sandhügel zu Hause, wenn auch etwas felsiger, also stellte es für Dannil und die Männer von den Zwei Flüssen kein Hindernis dar; geistergleich und fast so lautlos wie der Nebel ihres Atems schwärmten sie mit eingespannten Pfeilen und wachsamen Blicken den Hügel hinauf. Aram hielt sich mit gezogenem Schwert in Perrins Nähe; auch ihm waren Wälder nicht fremd. Einmal fing er an, ein Dickicht aus braunen Schlingpflanzen aus seinem Weg zu hacken, bis Perrin ihn mit einer Berührung innehalten ließ, dennoch machte er kaum mehr Lärm als Perrin, von dem nur das leise Knirschen von Stiefeln im Schnee zu hören war. Es war keine große Überraschung, dass sich Marline zwischen den Bäumen bewegte, als wäre sie in einem Wald statt in der Aiel-Wüste aufgewachsen, wo alles, das die Bezeichnung Baum verdiente, selten und Schnee völlig unbekannt war; eigentlich hätte man annehmen sollen, dass ihre Ketten und Armbänder bei ihren Bewegungen klirrten, aber das taten sie nicht.
Annoura stieg mit beinahe der gleichen Mühelosigkeit den Hang hinauf; zwar musste sie sich mit ihren Röcken manchmal etwas abmühen, aber sie wich geschickt den scharfen Dornen von Katzenklauen und Schlingpflanzen aus. Aes Sedai fanden für gewöhnlich eine Möglichkeit, einen zu überraschen. Sie schaffte es sogar, Grady misstrauisch im Auge zu behalten, dabei schien sich der Asha'man lediglich darauf zu konzentrieren, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Gelegentlich seufzte er tief, blieb eine Minute lang stehen und schaute stirnrunzelnd zum Kamm hinauf, aber irgendwie fiel er nie zurück. Gallene und Arganda waren keine jungen Männer mehr und auch nicht daran gewöhnt zu gehen, wenn sie reiten konnten, und ihre Atmung wurde schwerer, je höher sie kamen, manchmal zogen sie sich sogar von einem Baum zum nächsten, aber sie beobachteten einander fast so oft wie den Boden, keiner von ihnen war ber eit, sich von dem anderen überholen zu lassen. Die vier ghealdanischen Lanzenreiter hingegen rutschten aus und stolperten über vom Schnee verborgene Wurzeln, verfingen sich mit ihren Schwertscheiden im Gestrüpp und knurrten Flüche, wenn sie auf Steinen landeten und von Dornen geritzt wurden. Perrin zog langsam in Betracht, sie zurück zu den Pferden zu schicken. Entweder das, oder ihnen eins über den Schädel zu verpassen und sie auf dem Rückweg wieder einzusammeln.
Plötzlich kamen vor Elyas zwei Aiel aus dem Unterholz. Dunkle Schleier verhüllten ihre Gesichter bis zu den Augen, weiße Umhänge bedeckten ihre Rücken, in Händen hielten sie Speere und Schilde. Der Größe nach zu urteilen, waren es Töchter des Speers, was sie keineswegs weniger gefährlich machte als jeden anderen Algai'd'siswai, und im nächsten Augenblick wurden neun Langbögen gespannt, und breite Pfeilspitzen zielten auf ihre Herzen.
»Ihr könntet Euch auf diese Weise verletzten, Tuandha«, murmelte Elyas. »Sulin, Ihr solltet es besser wissen.« Perrin bedeutete den Männern von den Zwei Flüssen, die Bogen zu senken, und Aram, das Schwert herunterzunehmen. Er hatte ihre Gerüche im gleichen Augenblick wie Elyas erkannt, bevor sie aus ihrem Versteck getreten waren.
Die Töchter wechselten einen überraschten Blick, aber sie nahmen die Schleier ab und ließen sie auf der Brust hängen. »Ihr habt scharfe Augen, Elyas Machera«, sagte Sulin. Drahtig und mit einem Gesicht wie Leder, das auf einer Wange eine Narbe aufwies, hatte sie scharfe blaue Augen, die so durchdringend wie eine Nadel blicken konnten, aber jetzt schauten sie noch immer überrascht. Tuandha war größer und jünger, und möglicherweise war sie hübsch gewesen, bevor sie das rechte Auge verloren und die wulstige Narbe erhalten hatte, die vom Kinn unterhalb ihrer Shoufa nach oben führte. Sie verzerrte ihren Mundwinkel zu einem halben Lächeln, aber das war auch das einzige Lächeln, das sie je zeigte.
»Eure Mäntel sind anders«, sagte Perrin. Tuandha blickte stirnrunzelnd an sich herab, ihr Mantel war grau und grün und braun, genau wie Sulins Kleidung.
»Eure Umhänge auch.« Elyas war müde. So einen Fehler zu machen. »Sie sind doch nicht etwa aufgebrochen?«
»Nein, Perrin Aybara«, sagte Sulin. »Die Shaido scheinen eine Zeitlang an diesem Ort bleiben zu wollen. Letzte Nacht haben sie die Menschen aus der Stadt dazu gezwungen, sie zu verlassen und nach Norden zu gehen, zumindest jene, die sie weggelassen haben.«
Sie schüttelte den Kopf, noch immer verwirrt darüber, dass die Shaido Leute dazu zwangen, Gai'schain zu werden, die nicht dem Ji'e'toh folgten. »Eure Freunde Jondyn Barran und Get Ayliah und Hu Marwin sind ihnen gefolgt, um zu sehen, ob sie etwas in Erfahrung bringen können. Unsere Speerschwestern und Gaul umrunden wieder das Lager. Wir haben hier darauf gewartet, dass Elyas Machera mit Euch zurückkehrt.« Sie ließ nur selten Gefühle in ihrer Stimme zu, und es waren auch jetzt keine herauszuhören, aber sie roch nach Traurigkeit. »Kommt, ich zeige es Euch.«
Die beiden Töchter wandten sich dem Hügel zu, und er eilte ihnen hinterher und vergaß alles andere um sich herum. Ein kurzes Stück vor dem Kamm gingen sie in die Hocke, dann auf Hände und Knie, und er machte es ihnen nach und kroch die letzten paar Handspannen, um oben auf dem Kamm an einem Baum vorbei durch den Schnee zu spähen. Der Wald endete hier und ging auf dem Abhang in verstreut wachsende Büsche und vereinzelte Schösslinge über. Perrin konnte mehrere Meilen weit sehen, hinweg über Bodenwellen, die wie baumlose Hügel aussahen, bis zu der Stelle, an der das dunkle Band des Waldes wieder begann. Er konnte alles sehen, was er sehen wollte, mehr, als ihm lieb gewesen wäre.
Er hatte versucht, sich das Lager der Shaido aufgrund von Elyas' Beschreibung vorzustellen, aber die Wirklichkeit machte dieses Bild zunichte. Eintausend Schritte unter ihm lag eine Masse aus niedrigen Aielzelten und jeder anderen Art von Zelt, eine Masse aus Wagen und Karren, Menschen und Tieren. Sie breitete sich fast über eine Meile von den grauen Mauern der Stadt bis zur Hälfte des Weges zur nächsten Anhöhe in alle Richtungen aus. Ihm war klar, das es auf der anderen Seite genauso aussehen musste. Es handelte sich um keine der großen Städte, sie war nicht wie Caemlyn oder Tar Valon; auf der Seite, die er sehen konnte, maß sie weniger als vierhundert Schritte und war auf der anderen offensichtlich noch schmaler, doch es war dennoch eine Stadt mit hohen Mauern und Türmen und allem Anschein nach einer Festung am nördlichen Ende. Aber das Lager der Shaido verschluckte sie völlig. Faile befand sich irgendwo in diesem riesigen Meer aus Menschen.