»Weiß jemand, was das ist?«, fragte er und zeigte in die Richtung. Der Blick durch das Fernglas hatte ihm nicht mehr verraten als die Tatsache, dass die Bögen anscheinend aus dem gleichen grauen Stein wie die Stadtmauer erbaut waren. Die Konstruktion war viel zu schmal für eine Brücke. Es fehlten Seitenmauern, außerdem schien es hier nichts zu geben, wofür eine Brücke notwendig gewesen wäre.
»Das ist für den Transport von Wasser«, erwiderte Sulin. »Es erstreckt sich über fünf Meilen bis zu einem See. Ich weiß nicht, warum sie ihre Stadt nicht nä — her herangebaut haben, aber der größte Teil des Landes um den See herum sieht aus, als bestünde er aus Schlamm, wenn die Kälte weg ist.« Sie stolperte nicht länger über unvertraute Worte wie Schlamm, aber bei »See«, der Vorstellung von so viel Wasser an einem Ort, schwang noch immer eine Spur von Ehrfurcht mit.
»Ihr denkt daran, ihre Wasserversorgung zu unterbrechen? Das wird sie sicherlich hervor locken.« Ein Kampf um Wasser, das konnte sie verstehen. In der Wüste nahmen die meisten Kämpfe wegen Wasser ihren Anfang. »Aber ich glaube nicht ...«
Die Farben explodierten in Perrins Kopf, und zwar so stark, dass Sicht- und Hörvermögen verschwand.
Die Farben einmal ausgenommen, was die Sicht anging. Sie kamen als eine riesige Welle, als hätten die viele Male, die er sie aus seinem Kopf gedrängt hatte, einen Damm errichtet, den sie nun in einer stummen Flut zerschmetterten, um in lautlosen Strudeln zu kreisen, die ihn in die Tiefe zu reißen drohten. Mittendrin nahm ein Bild Gestalt an, Rand und Nynaeve, die einander gegenüber auf dem Boden saßen, und es war so klar, als säßen sie direkt vor ihm. Er hatte keine Zeit für Rand, nicht jetzt. Nicht jetzt! Er krallte die Farben beiseite, wie ein Ertrinkender das Wasser zur Seite krallte, um zur Oberfläche zu gelangen, er ... zwang ...
sie ... aus ... seinem ... Kopf!
Sicht- und Hörvermögen, die ganze Welt schlug über ihm zusammen.
»... ist Wahnsinn«, sagte Grady besorgt. »Niemand kann so viel Saidin lenken, dass ich es aus dieser Entfernung noch spüre! Niemand!«
»Und niemand kann so viel Saidar lenken«, murmelte Marline. »Aber jemand tut es.«
»Die Verlorenen?« Annouras Stimme zitterte. »Die Verlorenen, die ein Sa'angreal benutzen, von dem wir nichts wußten. Oder ... der Dunkle König selbst.«
Alle drei schauten nach Nordwesten, und wenn Marline beherrschter als Annoura oder Grady aussah, roch sie doch genauso verängstigt. Mit Ausnahme von Elyas beobachteten alle sie mit dem Gesichtsausdruck von Männern, die die Ankündigung erwarteten, dass die erneute Zerstörung der Welt ihren Anfang genommen hatte. Elyas' Miene drückte Akzeptanz aus. Ein Wolf würde nach einem Erdrutsch schnappen, der ihn in den Tod riss, aber ein Wolf wusste auch, dass der Tod früher oder später kam, und gegen den Tod konnte man nicht kämpfen.
»Es ist Rand«, murmelte Perrin heiser. Der Versuch der Farben, ihn erneut zu überschwemmen, ließ ihn erbeben, aber er hämmerte sie nieder. »Das ist seine Sache. Er wird sich darum kümmern, was auch immer es ist.« Alle starrten ihn an, selbst Elyas. »Sulin, ich brauche Gefangene. Sie schicken sicher Jagdexpeditionen aus. Elyas hat gesagt, dass sie Wachen ein paar Meilen weit ausgesandt haben, kleine Gruppen. Könnt Ihr mir Gefangene besorgen?«
»Hört mir genau zu«, stieß Annoura hervor. Sie erhob sich weit genug aus dem Schnee, um über Marline hinweg eine Handvoll von Perrins Umhang zu ergreifen. »Etwas geschieht gerade, vielleicht etwas Wunderbares, vielleicht auch etwas Schreckliches, aber auf jeden Fall etwas Gewaltiges, und zwar weitaus bedeutsamer, als alles in der überlieferten Geschichte! Wir müssen wissen, was das ist! Grady kann uns nahe genug heranbringen, um es zu beobachten. Ich könnte uns dort hinbringen, wenn ich wüsste, wie man das Gewebe erschaffen muss. Wir müssen es wissen!«
Perrin erwiderte ihren Blick und hob die Hand, und sie verstummte mit offenstehendem Mund. So leicht ließen sich Aes Sedai sonst nicht zum Schweigen bringen, aber sie ließ es geschehen. »Ich habe Euch gesagt, was zu tun ist. Unsere Arbeit liegt direkt vor uns.
Sulin?«
Sulin sah von ihm zu der Aes Sedai und dann zu Marline. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. »Ihr werdet nur wenig Nützliches erfahren, selbst wenn Ihr sie der Befragung unterzieht. Sie werden den Schmerz umarmen und Euch auslachen. Und Scham wird nur langsam wirken — falls diese Shaido überhaupt noch zu beschämen sind.«
»Was auch immer ich erfahre, wird mehr sein, als ich jetzt weiß«, erwiderte er. Seine Arbeit lag vor ihm ausgebreitet. Ein Rätsel musste gelöst, Faile musste befreit und die Shaido vernichtet werden. Das war alles, was auf der Welt zählte.
9
Fallen
Und sie hat sich wieder darüber beschwert, dass die anderen Weisen Frauen so zaghaft sind«, beendete Faile in ihrer besten demütigen Stimme den Satz, rückte den hohen Korb auf ihrer Schulter zurecht und trat in dem matschigen Schnee von einem Fuß auf den anderen. Der Korb war nicht schwer, auch wenn er mit schmutziger Wäsche gefüllt war, und die Wolle ihres weißen Gewands war dick und warm, und darunter trug sie noch zwei Untergewänder, aber ihre weichen, weiß gebleichten Lederstiefel boten nur wenig Schutz gegen den Schneematsch. »Man hat mir befohlen, die genauen Worte der Weisen Frau Seva nna wiederzugeben«, fügte sie schnell hinzu. Someryn war eine der »anderen« Weisen Frauen, und ihr Mund hatte sich bei dem Wort zaghaft verzogen.
Mit ihrem gesenkten Blick war das alles, was Faile von Someryns Gesicht sehen konnte. Gai'schain hatten eine demütige Haltung einzunehmen, ganz besonders die Gai'schain, die keine Aiel waren, und obwohl sie durch die Wimpern blinzelte, um Someryns Miene zu erfassen, war ihr Gegenüber doch größer als die meisten Männer, Aiel eingeschlossen; sie war eine blonde Riesin, die sie hoch überragte. In der Hauptsache konnte sie bloß Someryns übertrieben großen Busen sehen, das üppige, von der Sonne verbrannte Dekollete, das von einer Bluse enthüllt wurde, die bis zur Hälfte ihrer Brust hinunter nicht verschnürt war und größtenteils von einer gewaltigen Sammlung langer Halsketten aus Feuertropfen, Smaragden, Rubinen und Opalen sowie dreilagigen Strängen dicker Perlen und aufwändig verzierter Goldketten bedeckt wurde. Die meisten Weisen Frauen schienen Sevanna, die »für den Häuptling« sprach, bis man einen neuen Clanhäuptling der Shaido erwählen konnte — eine Prozedur, die kaum in absehbarer Zeit stattfinden würde —, nicht leiden zu können. Sie versuchten ihre Autorität bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu untergraben, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig bekämpften oder Cliquen bildeten, aber viele von ihnen teilten Sevannas Vorliebe für Feuchtländerschmuck, und ein paar waren sogar ihrem Beispiel gefolgt und trugen Ringe an den Fingern. An Someryns rechter Hand steckte ein großer weißer Opal, in dem rote Adern aufblitzten, wenn sie ihr Schultertuch richtete, und an der linken war ein langer blauer, mit Rubinen eingefasster Saphir. Allerdings hatte sie nicht die Seidenkleidung übernommen. Ihre Bluse war einfaches weißes Aglode aus der Wüste, und Rock und Schultertuch bestanden aus dicker Wolle, die genauso dunkel wie das zusammengefaltete Halstuch war, mit dem sie ihr taillenlanges blondes Haar aus dem Gesicht hielt. Die Kälte schien sie nicht im mindesten zu stören.
Sie standen direkt jenseits der Grenze, die Falles Ansicht zufolge das Lager der Shaido von dem der Gai'schain trennte — dem der Gefangenen —, aber natürlich gab es in Wirklichkeit keine zwei Lager. Ein paar Gai'schain schliefen bei den Shaido, aber den Rest hielt man in der Mitte des Lagers, wenn sie nicht ihren aufgetragenen Arbeiten nachgingen, Vieh, das durch eine Mauer aus Shaido vom Lockruf der Freiheit abgegrenzt wurde. Die meisten Männer und Frauen, die an ihnen vorbeigingen, trugen die weißen Gewänder der Gai'schain, wenn auch nur wenige so fein gewoben waren wie das ihre. Da so viele einzukleiden waren, nahmen die Shaido sämtliches weißes Tuch, das sie finden konnten. Manche trugen grobes Leinen oder Handtuchstoff oder gar Gewänder aus rauer Zeltplane, und viele Gewänder waren schlammverschmiert oder mit Asche verdreckt. Nur gelegentlich hatte einer der Gai'schain die Größe und die hellen Augen eines Aiel. Die überwiegende Mehrzahl waren rotgesichtige Amadicianer, Altaraner mit olivenfarbener Haut und blasse Cairhiener, dazu kamen der eine oder andere Reisende oder Kaufmann aus Illian oder Tarabon oder woher auch immer, die sich zur schlimmsten Zeit am schlimmsten Ort aufgehalten hatten. Die Cairhiener befanden sich am längsten von allen in Gefangenschaft und hatten sich — abgesehen von den Aiel in Weiß — resigniert in ihr Schicksal gefügt, aber sie alle hielten den Blick gesenkt und gingen ihren Arbeiten so schnell nach, wie es der zertrampelte Schnee und Schlamm erlaubte. Von Gai'schain wurde erwartet, dass sie Demut und Gehorsam zeigten und sich beides bereitwillig zu Eigen machten. Jede geringere Anstrengung führte zu schmerzhaften Lektionen.