Выбрать главу

»Ich werde dir helfen, soweit ich kann, weil es nicht richtig ist, dass die Shaido euch gefangen halten. Ihr folgt nicht dem Ji'e'toh. Ich schon. Wenn ich meine Ehre und meine Verpflichtungen zur Seite werfe, nur weil die Shaido dies getan haben, dann erlaube ich ihnen, meine Handlungen zu bestimmen. Ich werde das Weiß ein Jahr und einen Tag tragen, und dann werden sie mich freilassen oder ich gehe, aber ich werde nicht wegwerfen, wer ich bin.« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, fädelte sich Chiad in den Strom der Gai'schain ein.

Faile hob die Hand, um sie aufzuhalten, dann ließ sie sie sinken. Sie hatte diese Frage schon zuvor gestellt und eine freundlichere Antwort erhalten, und weil sie sie erneut gestellt hatte, hatte sie ihre Freundin beleidigt. Sie würde sich entschuldigen müssen. Nicht um Chiads Hilfe zu behalten — die Frau würde sie nicht zurücknehmen —, sondern weil sie selbst Ehre besaß, selbst wenn sie nicht dem Ji'e'toh folgte. Man beleidigte Freunde nicht und vergaß es dann einfach, oder erwartete, dass sie es vergaßen. Aber Entschuldigungen mussten warten. Sie wagten es nicht, dass man sie zu lange miteinander sprechen sah.

Maiden war eine blühende Stadt gewesen, ein Umschlagplatz für gute Wolle und eine Menge ordentlichen Wein, aber innerhalb der Stadtmauern war es jetzt nur noch eine leere Ruine. Viele der schiefergedeckten Häuser waren sowohl aus Stein wie aus Holz gebaut, und während der Plünderung war das Feuer außer Kontrolle geraten. Das südliche Ende der Stadt bestand aus Haufen geschwärzter Holzbalken, die von Eiszapfen verziert wurden, zur Hälfte niedergebrannte, dachlose Grundmauern. Die vom Wind verwehte Asche färbte die Straßen grau, ob sie nun gepflastert oder nur aus Erde bestanden, und die ganze Stadt stank nach verbranntem Holz. Wasser war die einzige Sache, von der es in Maiden anscheinend niemals zu wenig gab, aber wie alle Aiel maßen die Shaido ihm einen hohen Wert zu, und sie verstanden nichts von Brandbekämpfung. In der Aiel-Wüste gab es nur wenig, das brennen konnte. Wären sie mit Stehlen fertig gewesen, hätten sie die ganze Stadt niederbrennen lassen, und tatsächlich hatten sie wegen der Wasserverschwendung gezaudert, bevor sie die Gai'schain mit vorgehaltenen Speeren zu Eimerreihen gezwungen und den Männern von Maiden gestattet hatten, ihre Pumpenwagen hervorzuholen. Faile hätte gedacht, dass die Shaido wenigstens diese Männer belohnt hätten, indem sie sie zusammen mit den Leuten gehen ließen, die der Auswahl als Gai'schain entgangen waren, aber die Männer an den Pumpen waren jung und kräftig, genau die Sorte, welche die Shaido als Gai'schain haben wollten. Die Shaido hielten sich an einige der Regeln, die für Gai'schain galten — Frauen, die schwanger waren oder Kinder unter dem Alter von zehn Jahren hatten, durften gehen, genau wie Jugendliche unter sechzehn Jahren und die Schmiede der Stadt, die zu gleichen Maßen verblüfft und dankbar gewesen wa — ren —, aber Dankbarkeit spielte dabei keine Rolle.

Möbel lagen auf den Straßen, große umgestürzte Tische und verzierte Truhen und Stühle, und manchmal auch ein zerknitterter Wandbehang oder kaputtes Geschirr. Überall lagen Kleidungsstücke, Mäntel und Hosen und Kleider, die meisten zu Fetzen zerschlitzt. Die Shaido hatten alles genommen, was aus Gold oder Silber war, alles, was mit Edelsteinen verziert war, alles, was nützlich oder essbar war, aber die Möbel mussten während der Plünderung hinausgeworfen und dann zurückgelassen worden sein, wenn derjenige, der sie erbeutet hatte, zu dem Schluss gekommen war, dass eine kleine vergoldete Gravur oder schöne Schnitzerei die Mühe nicht lohnte. Aiel benutzten sowieso keine Stühle, und für die schweren Tische war auf den Wagen und Karren kein Platz. Ein paar Shaido streiften noch immer durch die Häuser und Gasthöfe und Läden und suchten nach allem, was sie möglicherweise übersehen hatten, aber die meisten Leute, die Faile begegneten, waren Gai'schain, die Eimer schleppten. Aiel hatten kein Interesse an Städten, es sei denn an Lagerhäusern, die man plündern konnte. Zwei Töchter gingen an ihr vorbei, die einen nackten Mann mit wildem Blick, dem man die Arme auf den Rücken gefesselt hatte, mit den Speerschäften auf das Tor zutrieben.

Zweifellos hatte er geglaubt, er könnte sich in einem Keller oder Dachboden verstecken, bis die Shaido abgezogen waren. Zweifellos hatten die Töchter geglaubt, eine Truhe mit Münzen zu finden. Als ihr ein großer Mann im Cadin'sor eines Algai'd'siswai den Weg versperrte, wich sie ihm so geschickt aus, wie sie konnte. Ein Gai'schain machte einem Shaido immer Platz.

»Du bist sehr hübsch«, sagte er und vertrat ihr den Weg. Er war der größte Mann, den sie je gesehen hatte, bestimmt sieben Fuß groß und massig. Nicht dick — sie hatte noch keinen dicken Aiel gesehen —, aber sehr breit. Er rülpste, und sie roch Wein. Betrunkene Aiel hatte sie schon gesehen, seit sie in Maiden die vielen Weinfässer gefunden hatten. Aber sie verspürte keine Furcht. Gai'schain wurden für alle möglichen Verfehlungen bestraft, oft für Dinge, die nur wenige Feuchtländer überhaupt begreifen konnten, aber die weißen Gewänder boten einen gewissen Schutz.

»Ich bin Gai'schain der Weisen Frau Sevanna«, sagte sie im unterwürfigsten Ton, den sie zustande brachte. Zu ihrem Widerwillen musste sie feststellen, dass sie ihn sehr gut traf. »Sevanna wäre verärgert, würde ich meine Pflichten vernachlässigen, um mich zu unterhalten.« Sie versuchte noch einmal, um ihn herumzugehen, und keuchte auf, als er ihren Arm mit einer Hand ergriff, die zweimal darum gepasst und noch Platz übrig gelassen hätte.

»Sevanna hat Hunderte von Gai'schain. Eine mehr oder weniger wird sie eine oder zwei Stunden nicht vermissen.«

Der Korb fiel auf die Straße, als er sie mit der gleichen Mühelosigkeit in die Luft hob, als würde er ein Kissen hochheben. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte er sie sich unter den Arm geklemmt. Sie wollte schreien, doch er drückte mit seiner freien Hand ihr Gesicht gegen seine Brust. Der Geruch von verschwitzter Wolle stieg ihr in die Nase. Sie konnte nur graubraune Wolle sehen. Wo waren die beiden Töchter? Töchter des Speers würden ihn das nicht tun lassen! Jeder Aiel, der dies sah, würde einschreiten! Von den Gai'schain erwartete sie keine Hilfe. Wenn sie Glück hatte, würden einer oder zwei vielleicht loslaufen, um Hilfe zu holen, aber die erste Lektion eines jeden Gai'schain bestand darin, dass selbst nur die Androhung von Gewalt dazu führte, an den Füßen aufgehängt und so lange geschlagen zu werden, bis man schrie. Zumindest die erste Lektion der Feuchtländer, Aiel wußten das: den Gai'schain war jede Art von Gewalt verboten. Egal aus welchem Grund. Was Falle nicht davon abhielt, wütend nach dem Mann zu treten. Sie hätte genauso gut gegen eine Wand treten können, soviel Eindruck machte sie damit. Er lief weiter und trug sie irgendwo hin. Sie biss so hart zu, wie sie konnte, und bekam für ihre Anstrengungen nur den Mund voll kratziger schmutziger Wolle, während ihre Zähne über Muskern glitten, die keinen Ansatzpunkt boten. Er schien aus Stein gemacht zu sein. Sie schrie, aber selbst in ihren Ohren klang der Schrei gedämpft. Plötzlich blieb das Ungeheuer, das sie trug, stehen.

»Ich habe sie zur Gai'schain gemacht, Nadric«, sagte eine tiefe Männerstimme.

Faile spürte ein grollendes Lachen in der Brust, gegen die ihr Gesicht gedrückt wurde, bevor sie es hörte. Sie hörte nicht auf zu treten, genauso wenig wie sie aufhörte, sich zu winden oder zu schreien, aber ihr Entführer schien nichts davon zu bemerken. »Sie gehört jetzt Sevanna, Bruderloser«, sagte der große Mann — Nadric? — verächtlich. »Sevanna nimmt sich, was sie will, und ich nehme mir, was ich will. Das sind die neuen Sitten.«