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»Sevanna hat sie sich genommen«, erwiderte der andere Mann ruhig, »aber ich habe sie nie Sevanna gegeben. Ich habe nie angeboten, sie gegen etwas einzutauschen. Wollt Ihr Eure Ehre preisgeben, nur weil Sevanna die ihre preisgibt?«

Eine lange Stille trat ein, die nur von Failes gedämpften Geräuschen unterbrochen wurde. Sie hörte nicht auf, sich zu wehren, sie konnte es nicht, aber sie hätte genauso gut ein Säugling in Windeln sein können.

»Sie ist nicht hübsch genug, um wegen ihr zu kämpfen«, sagte Nadric schließlich. Er klang nicht ängstlich, nicht einmal besorgt.

Er ließ Faile los, und ihre Zähne wurde so plötzlich von seinem Mantel losgerissen, dass sie glaubte, einen oder zwei verloren zu haben, aber dann landete sie mit dem Rücken auf dem Boden, und der Aufprall trieb ihr sämtliche Luft aus den Lungen und fast jeden klaren Gedanken aus dem Kopf. Als sie wieder zu genug Atem gekommen war, um sich auf die Hände stützen zu können, schritt der große Mann die Gasse entlang und hatte die Straße fast schon wieder erreicht. Es war eine Gasse, ein schmaler Lehmweg zwischen zwei Steinhäusern. Niemand hätte gesehen, was er hier tat. Zitternd spuckte sie den Geschmack nach ungewaschener Wolle und Nadrics Schweiß aus — sie bebte nicht, sie zitterte bloß! — und starrte auf seinen Rücken. Wäre sie jetzt an ihr verstecktes Messer gekommen, hätte sie auf ihn eingestochen. Nicht hübsch genug, um wegen ihr zu kämpfen, ach ja? Ein Teil von ihr wusste, dass das einfach lächerlich war, aber sie griff nach allem, das ihre Wut anfachen konnte, nur um ihre Wärme zu spüren und das Zittern zu unterdrücken.

Sie hätte so lange auf ihn eingestochen, bis sie die Arme nicht mehr hätte heben können.

Sie stand auf, stellte sich auf ihre unsicheren Beine und tastete mit der Zunge ihre Zähne ab. Sie waren alle noch da, keiner war zerbrochen oder fehlte. Die raue Wolle von Nadrics Mantel hatte ihr das Gesicht aufgescheuert und ihre Lippen waren wund, aber sie war unverletzt. Sie hielt diesen Gedanken fest. Sie war unverletzt und konnte die Gasse aus freiem Willen ver lassen. Jedenfalls so frei, wie man in einem Gai'schainGewand sein konnte. Wenn es viele wie Nadric gab, die den Schutz dieses Gewands nicht länger anerkannten, dann brach unter den Shaido die Ordnung zusammen. Das Lager würde ein noch gefährlicherer Ort sein, aber fehlende Ordnung würde nur noch mehr Gelegenheiten zur Flucht erschaffen. Aus dieser Perspektive musste sie es betrachten. Sie hatte etwas erfahren, das ihr helfen konnte. Wenn sie doch bloß aufgehört hätte zu zittern.

Schließlich wandte sie sich zögernd ihrem Retter zu. Sie hatte seine Stimme erkannt. Er stand ein gutes Stück von ihr entfernt und beobachtete sie ruhig, machte keinerlei Anstalten, sie zu trösten. Vermutlich hätte sie geschrien, wenn er sie berührt hätte. Noch eine Absurdität, immerhin hatte er sie gerettet, aber das war eine Tatsache. Rolan war kaum mehr als ein paar Fingerbreit kleiner als Nadric und beinahe genauso breit, und Falle hatte auch genug Gründe, ihn zu erstechen. Er war kein Shaido, sondern gehörte zu den Bruderlosen, den Mera'din, Männer, die ihre Clans verlassen hatten, weil sie Rand al'Thor nicht folgen wollten, und er war tatsächlich derjenige gewesen, der sie »zur Gai'schain gemacht« hatte. Sicher, er hatte sie in der Nacht ihrer Entführung vor dem Erfrieren bewahrt, indem er sie in seinen Mantel gehüllt hatte, aber sie hätte das Kleidungsstück nicht gebraucht, hätte er nicht zuvor jeden Fetzen Stoff von ihrem Körper heruntergeschnitten. Der erste Schritt, jemanden zum Gai'schain zu machen, bestand immer darin, ihn nackt auszuziehen, aber das war kein Grund für sie, ihm zu vergeben.

»Danke«, sagte sie, und das Wort schmeckte bitter auf ihrer Zunge.

»Ich habe nicht um Dankbarkeit gebeten«, sagte er milde. »Sieh mich nicht an, als wolltest du mich nur beißen, weil du Nadric nicht beißen konntest.«

Sie schaffte es, ihn nicht anzufauchen, wenn auch nur mit Mühe — im Augenblick hätte sie keine Demut zustande gebracht, selbst wenn sie es gewollt hätte —, bevor sie sich abwandte und zur Straße marschierte. Das heißt, sie wollte marschieren. Ihre Beine zitterten noch immer so sehr, dass es mehr ein Taumeln war. Die vorbeigehenden Gai'schain schenkten ihr kaum einen Blick, während sie sich mit ihren Wassereimern die Straße entlangschleppten. Nur wenige der Gefangenen wollten sich mit den Sorgen anderer Leute belasten. Sie hatten genug eigene.

Als Faile den Wäschekorb erreichte, stieß sie ein Seufzen aus. Er lag auf der Seite, und weiße Seidenblusen und dunkle Seidenreitröcke breiteten sich über das schmutzige, ascheverschmierte Kopfsteinpflaster aus. Wenigstens war keiner daraufgetreten. Man hätte niemandem, der den ganzen Morgen Wasser geschleppt und einen weiteren Tag dieser Beschäftigung noch vor sich hatte, verübeln können, wenn er keinen Bogen um herumliegende Kleidungsstücke gemacht hätte, die man den zu Gai'schain gemachten Bürgern Maidens vom Leib geschnitten hatte. Sie hätte versucht, ihnen zu vergeben. Sie stellte den Korb aufrecht hin und fing an, die Kleider einzusammeln, schüttelte soweit möglich den Dreck und die Asche ab und achtete sorgfältig darauf, den verbleibenden Rest nicht tiefer in den Stoff zu drücken. Im Gegensatz zu Someryn hatte Sevanna an Seide Gefallen gefunden. Sie trug nichts anderes mehr. Sie war auf ihre seidene Kleidung genauso stolz wie auf ihre Juwelen, und bei beiden gleichermaßen besitzergreifend. Sie würde nicht erfreut sein, wenn auch nur eines dieser Kleidungsstücke nicht sauber zurückkam.

Als Faile die letzte Bluse obenauf legte, griff Rolan an ihr vorbei und hob den Korb mit einer Hand hoch. Im Begriff, ihn anzuschnauzen — sie konnte ihre Last selbst tragen, vielen herzlichen Dank! —, schluckte sie die Worte wieder hinunter. Ihr Verstand war die einzige Waffe, die ihr zur Verfügung stand, und sie musste ihn benutzen, statt ihrem Temperament freien Lauf zu lassen. Rolan war nicht zufällig da gewesen. Das war kaum vorstellbar. Seit ihrer Gefangennahme hatte sie ihn oft gesehen, viel zu oft, als sich nur durch Zufälle erklären ließ. Er war ihr gefolgt. Was hatte er Nadric gesagt? Er hatte sie Sevanna nicht gegeben und sie auch nicht gegen etwas eingetauscht. Obwohl er sie gefangen genommen hatte, schien er es nicht für richtig zu halten, Feuchtländer zu Gai'schain zu machen — die meisten Bruderlosen vertraten diese Ansicht —, aber anscheinend beanspruchte er noch immer das Recht auf ihre Person.

Sie war sich sicher, keine Angst haben zu müssen, dass er versuchen würde, sie mit Gewalt zu nehmen. Rolan hatte seine Chance gehabt, als er sie nackt und gefesselt vor sich hatte, und damals hätte er genauso gut einen Zaunpfosten ansehen können. Vielleicht konnte er Frauen nichts abgewinnen. Auf jeden Fall waren die Bruderlosen fast ebensolche Außenseiter unter den Shaido wie die Feuchtländer. Kein Shaido vertraute ihnen vorbehaltlos, und die Bruderlosen erschienen selbst oft wie Männer, die sich die Nase zuhielten und das in ihren Augen kleinere Übel akzeptierten, statt sich mit dem größeren abzufinden, die sich aber nicht länger so sicher waren, was das kleinere Übel wirklich war. Wenn sie mit dem Mann Freundschaft schließen konnte, würde er vielleicht bereit sein, ihr zu helfen. Nicht bei einer Flucht — das wäre zuviel verlangt gewesen —, aber ... Oder doch nicht? Die einzige Möglichkeit, das herauszufinden, bestand darin, es zu versuchen.

»Danke«, sagte sie erneut, und diesmal brachte sie ein Lächeln zustande. Überraschenderweise erwiderte er das Lächeln. Es war ein kleines Lächeln, kaum zu sehen, aber Aiel waren nicht für ihre überschwängliche Art bekannt. Sie erschienen kalt und abweisend, bevor man sie besser kennenlernte.

Ein paar Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her, er trug den Korb mit einer Hand, und sie hielt den Gewandsaum hoch. Man hätte denken können, sie würden einen Spaziergang machen. Wenn man etwas im Auge hatte. Einige der vorbeigehenden Gai'schain starrten sie überrascht an, senkten aber schnell wieder den Blick. Faile wusste nicht, wie sie anfangen sollte, er sollte schließlich nicht glauben, dass sie mit ihm flirtete; möglicherweise gefielen ihm Frauen ja doch, aber er kam ihr zuvor.