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»Ich habe dich beobachtet«, sagte er. »Du bist stark und wild, und ich glaube, du hast keine Angst. Sie meisten Feuchtländer sind halb wahnsinnig vor Angst. Die stellen sich so lange dumm an, bis sie bestraft wer — den, und dann weinen sie und kriechen. Ich glaube, du bist eine Frau mit viel /z.«

»Ich habe Angst«, erwiderte sie. »Ich versuche bloß, es nicht zu zeigen. Weinen nützt nichts.« Das glaubten die meisten Männer. Tränen konnten einem in die Quere kommen, wenn man dies zuließ, aber ein paar in der Nacht vergossene Tränen konnten einem dabei helfen, den nächsten Tag zu überstehen.

»Es gibt Augenblicke, in denen man weinen sollte, und Augenblicke, in denen sollte man lachen. Ich würde dich gern einmal lachen sehen.«

Sie lachte, ein trockenes Lachen. »Solange ich Weiß trage, gibt es dafür wenig Anlass, Rolan.« Sie betrachtete ihn aus dem Augenwinkel. War sie zu schnell?

Aber er nickte nur.

»Ich würde es trotzdem gern sehen. Ein Lächeln passt zu deinem Gesicht. Lachen würde ihm noch besser stehen. Ich habe keine Ehefrau, aber manchmal kann ich eine Frau zum Lachen bringen. Ich habe gehört, du hast einen Ehemann?«

Überrascht stolperte Faile über die eigenen Füße und griff haltsuchend nach seinem Arm. Sie riss die Hand schnell weg und musterte ihn am Kapuzenrand vorbei. Er blieb lange genug stehen, bis sie wieder sicher stand, und ging weiter, als sie sich in Bewegung setzte. Seine Miene verriet nicht mehr als milde Neugier. Nadric zum Trotz stellte nach den Sitten der Aiel die Frau die Fragen, nachdem ein Mann ihr Interesse erregt hatte. Ihr Geschenke zu machen war eine Möglichkeit. Sie zum Lachen zu bringen, eine andere. Soviel zu der Überlegung, dass er nicht auf Frauen stand. »Ich habe einen Ehemann, Rolan, und ich liebe ihn sehr. Sogar über alles.

Ich kann es nicht erwarten, zu ihm zurückzukehren.«

»Was mit dir geschieht, während du Gai'schain bist, kann man dir nicht zum Vorwurf machen, sobald du das Weiß abgelegt hast«, sagte er ruhig. »Aber vielleicht betrachtet ihr Feuchtländer das nicht auf diese Weise. Dennoch kann es sehr einsam sein, wenn man Gai'schain ist. Vielleicht können wir uns ja gelegentlich unterhalten.«

Der Mann wollte sie lachen sehen, und sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Er verkündete, dass er keinesfalls vorhatte, seine Bemühungen einzustellen, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aielfrauen bewunderten Hartnä ckigkeit an einem Mann. Aber wenn Bain und Chiad ihr nicht weiter als bis zum Waldrand helfen wollten oder konnten, stellte Rolan ihre beste Hoffnung dar. Mit etwas Zeit glaubte sie, ihn überzeugen zu können. Natürlich würde sie das schaffen; zaghafte Herzen waren niemals erfolgreich! Er war ein verachteter Außenseiter, der nur geduldet wurde, weil die Shaido seinen Speer brauchten. Aber sie würde ihm einen Grund geben müssen, sein Interesse aufrechtzuerhalten.

»Das würde mir gefallen«, sagte sie vorsichtig. Vielleicht würde sie doch etwas flirten müssen, aber sie konnte ihm schlecht im einen Atemzug sagen, wie sehr sie ihren Mann Hebte, um ihn im nächsten anzuhimmeln. Nicht, dass sie vorhatte, soweit zu gehen — schließlich war sie keine Domani! —, aber möglicherweise musste sie näher an ihn herankommen. Im Moment würde eine kleine Erinnerung, dass Sevanna sein »Recht« an sich gerissen hatte, nicht schaden. »Aber jetzt muss ich arbeiten, und ich bezweifle, dass Sevanna erfreut wäre, wenn ich mich stattdessen mit Euch unterhalte.«

Rolan nickte wieder, und Faile seufzte. Vermutlich wusste er, wie er eine Frau zum Lachen bringen konnte, so wie er es behauptet hatte, aber gesprächig war er nicht. Wenn sie von ihm mehr als Witze hören wollte, die sie ohnehin nicht verstehen würde, musste sie einiges tun, um ihn aus sich herauszulocken. Trotz Chiads und Bains Bemühungen war ihr der Humor der Aiel völlig unverständlich geblieben.

Sie hatten einen großen Platz vor der Festung am Nordende der Stadt erreicht; es war eine sich auftürmende Masse grauer Steinmauern, die ihre Bewohner nicht besser beschützt hatte als die Stadtmauern. Faile glaubte, unter den wasserschleppenden Gai'schain die Lady gesehen zu haben, die Maiden und alles im Umkreis von zwanzig Meilen beherrscht hatte, eine ansehnliche, ehrwürdige Witwe in den mittleren Jahren. Auf dem gepflasterten Platz drängten sich in Weiß gekleidete Männer und Frauen, die alle Eimer trugen. Am östlichen Ende des Platzes schien sich ein Teil der Stadtmauer grau und dreißig Fuß hoch zu erheben, aber in Wirklichkeit war das die Mauer einer großen Zisterne, die von dem Aquädukt gespeist wurde. Vier Pumpen, die jeweils von zwei Männern bedient wurden, ließen Wasser in die bereitstehenden Eimer fließen, dabei spritzte mehr auf das Straßenpflaster, als die Männer zugelassen hätten, wäre ihnen bewusst gewesen, dass Rolan in der Nähe war. Faile hatte überlegt, durch den tunnelähnlichen Aquädukt zu fliehen, aber es war unmöglich, sich trocken zu halten, und wo auch immer sie die Röhren hinführten, sie wäre triefend nass gewesen und wahrscheinlich eher erfroren, als im Schnee mehr als zwei Meilen weit zu kommen.

Es gab in der Stadt noch zwei andere Stellen, an denen man Wasser bekommen konnte, die beide von unterirdischen Röhren gespeist wurden, aber hier hatte man einen langen Schwarzholztisch mit Löwenpfoten als Füße an der Zisternenmauer aufgestellt. Einst war es ein Banketttisch gewesen, dessen Oberfläche mit Elfenbeinintarsien geschmückt war, aber die hatte man herausgebrochen. Dafür standen jetzt mehrere Waschzuber dort. Neben dem Tisch standen zwei Holzeimer, und an einem Ende dampfte ein Kupferkessel über einem mit zersplitterten Stühlen gefütterten Feuer. Faile bezweifelte, dass Sevanna ihre Schmutzwäsche in die Stadt schleppen ließ, um ihrer Gai'schain die Mühe zu ersparen, Wasser zu den Zelten schleppen zu müssen, aber was auch der Grund war, Faile war dankbar dafür. Ein Korb mit Wäsche war leichter als zwei Eimer Wasser. Davon hatte sie genug geschleppt, um es zu wissen. Auf dem Tisch standen zwei Körbe, aber nur eine Frau mit goldenem Gürtel und Kragen war an der Arbeit, die Ärmel ihres weißen Gewands waren so weit aufgerollt, wie es ging, und ihr langes dunkles Haar war mit einem Stoffstreifen zurückgebunden, damit es nicht in das Wasser des Waschzubers fiel.

Als Alliandre Faile zusammen mit Rolan näher kommen sah, richtete sie sich auf und trocknete sich die nackten Arme am Gewand ab. Alliandre Maritha Kigarin, Königin von Ghealdan, Gesegnete des Lichts, Verteidiger von Garens Wall und Trägerin eines Dutzends weiterer Titel, war eine elegante, zurückhaltende, ausgeglichene und vornehme Frau gewesen. Alliandre die Gai'schain war noch immer hübsch, aber sie trug ständig einen gehetzten Ausdruck. Mit den feuchten Flecken auf ihrem Gewand und den vom langen Eintauchen ins Wasser geschrumpelten Händen hätte sie als hübsche Waschfrau durchgehen können. Sie sah zu, wie Rolan den Korb abstellte und Falle zulächelte, bevor er davonging, sah zu, wie Falle das Lächeln erwiderte, und hob fragend eine Braue.

»Er ist derjenige, der mich gefangen genommen hat«, sagte Faile und stapelte Kleidungsstücke aus dem Korb auf den Tisch. Selbst hier unter Gai'schain war es besser, beim Sprechen zu arbeiten. »Er gehört zu den Bruderlosen, und ich glaube, es missfällt ihm, dass man Feuchtländer zu Gai'schain macht. Ich glaube, er könnte uns nützlich sein.«

»Ich verstehe«, sagte Alliandre. Mit einer Hand strich sie behutsam über den Rücken von Falles Gewand.

Stirnrunzelnd blickte Faile über die Schulter. Einen Augenblick lang starrte sie den Schmutz und die Asche an, die ihren Rücken von den Schultern abwärts bedeckten, dann schoss Hitze in ihre Wangen. »Ich bin gefallen«, sagte sie schnell. Sie konnte Alliandre nicht erzählen, was mit Nadric vorgefallen war. Sie glaubte nicht, es jemals jemandem erzählen zu können. »Rolan hat angeboten, mir den Korb zu tragen.«