Faile hatte gesehen, wie sich Galina kriecherisch duckte, aber jetzt rauschte sie majestätisch über den Platz, jeder Zoll eine Aes Sedai. Hier waren keine Weisen Frauen anwesend, bei denen sie sich einschmeicheln konnte. Galina war hübsch, aber alles andere als eine Schönheit, und Faile konnte nicht verstehen, was Therava in ihr sah; vielleicht war es ja nur das Vergnügen, eine Aes Sedai dominieren zu können. Aber das ließ noch immer die Frage offen, warum die Frau blieb, da Therava doch jede Gelegenheit zu ergreifen schien, um sie zu demütigen.
Galina blieb einen Schritt von dem Tisch entfernt stehen und musterte sie mit einem schmalen Lächeln, das man als bedauernd hätte bezeichnen können. »Ihr seid ja noch nicht sehr weit mit eurer Arbeit gekommen«, sagte sie. Sie meinte nicht die Wäsche.
Sie hatte Faile angesprochen, aber Alliandre ergriff das Wort, und zwar noch bitterer als zuvor. »Maighdin ist heute Morgen losgegangen, um Euren Elfenbeinstab zu holen, Galina. Wann werden wir etwas von der Hilfe zu sehen bekommen, die Ihr uns zugesagt habt?« Hilfe bei der Flucht war die Karotte, die Galina vor ihrer Nase baumeln ließ; der Stock war die Drohung, Faile zu verraten. Bis jetzt hatten sie allerdings nur den Stock zu sehen bekommen.
»Sie ist heute Morgen zu Theravas Zelt gegangen?«, flüsterte Galina und wurde aschfahl.
Faile wurde plötzlich bewusst, dass die Sonne im Westen den halben Weg zum Horizont zurückgelegt hatte, und ihr Herz begann, schmerzhaft zu pochen. Maighdin hätte schon längst wieder dasein müssen.
Die Aes Sedai schien noch erschütterter als sie zu sein. »Heute Morgen?«, wiederholte sie und sah über die Schulter. Sie zuckte zusammen und gab einen leisen Aufschrei von sich, als Maighdin unvermittelt aus dem Strom der Gai'schain trat, die den Platz bevölkerten.
Im Gegensatz zu Alliandre war die blonde Frau an jedem Tag ihrer Gefangenschaft härter geworden. Sie war nicht weniger verzweifelt, aber sie schien alles zu kanalisieren und in Entschlossenheit umzuwandeln.
Sie hatte immer schon über eine Ausstrahlung verfügt, die mehr zu einer Königin gehörte als zu einer Zofe obwohl die meisten Zofen darüber verfügten —, aber jetzt stolperte sie mit stumpfem Blick an ihnen vorbei und stieß die Hände in einen Wassereimer, führte eine Hand voll an den Mund, um gierig zu trinken, und rieb sich dann mit dem Handrücken über die Lippen.
»Ich will Therava töten, wenn wir gehen«, sagte sie heiser. »Ich würde sie gern auf der Stelle umbringen.«
Leben trat erneut in ihre blauen Augen, und ein hitziges Funkeln. »Ihr seid sicher, Galina. Sie hat geglaubt, ich wollte etwas stehlen. Ich hatte noch nicht einmal zu suchen angefangen. Etwas ... etwas ist geschehen, und sie ist gegangen. Nachdem sie mich gefesselt hatte. Für später.« Das Funkeln verschwand aus ihrem Blick und wich Ratlosigkeit. »Was ist das, Galina? Selbst ich kann es fühlen, und mein Talent ist so verschwindend klein, dass diese Aielfrauen mich als ungefährlich eingestuft haben.« Maighdin konnte die Macht lenken. Nicht verlässlich und auch nicht sehr viel — soweit es Faile beurteilen konnte, hätte die Weiße Burg sie nach wenigen Wochen fortgeschickt, und sie behauptete, niemals dort gewesen zu sein —, darum würde ihnen das auch nicht bei der Flucht helfen können. Faile hätte sie gern gefragt, wovon sie sprach, aber sie erhielt keine Gelegenheit.
Galina war noch immer sehr blass, aber davon abgesehen schien ihre Gelassenheit unerschütterlich. Nur dass sie nach Maighdins Kapuze mitsamt dem darunterliegenden Haar griff und ihren Kopf nach hinten riss. »Das geht Euch nichts an«, sagte sie kühl. »Das hat nichts mit Euch zu tun. Ihr sollt Euch nur darum kümmern, mir das zu beschaffen, was ich haben will. Und das sollte Eure einzige Sorge sein.«
Bevor Faile Maighdin zur Hilfe eilen konnte, war eine andere Frau mit dem goldenen Gürtel über ihrem weißen Gewand zur Stelle, zerrte Galina weg und stieß sie zu Boden. Mollig und unscheinbar hatte Aravine einen völlig resignierten Eindruck gemacht, als Faile ihr das erste Mal begegnet war, an dem Tag, an dem ihr die Amadicianerin den goldenen Gürtel überreicht und sie darüber belehrt hatte, dass sie jetzt in den Diensten von »Lady Sevanna« stand. Doch die seitdem vergangene Zeit hatte Aravine noch härter gemacht als Maighdin.
»Seid Ihr verrückt, Hand an eine Aes Sedai zu legen?«, fauchte Galina und kämpfte sich auf die Füße.
Sie klopfte sich den Schmutz von ihrem Seidengewand und richtete ihre volle Wut auf die mollige Frau. »Ich werde Euch ...«
»Soll ich Therava sagen, dass Ihr eine von Sevannas Gai'schain misshandelt habt?«, schnitt ihr Aravine eiskalt das Wort ab. Ihr Akzent klang gebildet. Möglicherweise war sie eine bedeutende Kauffrau gewesen, vielleicht sogar eine Adlige, aber sie sprach nie davon, was sie gewesen war, bevor sie das Weiß hatte anziehen müssen. »Als Therava das letzte Mal der Ansicht war, Ihr würdet Eure Nase dorthin stecken, wo sie nicht hingehört, konnte jeder im Umkreis von hundert Schritten Euch kreischen und betteln hören.«
Galina zitterte förmlich vor Wut; es war das erste Mal, dass Faile eine Aes Sedai so außer sich sah. Es kostete sie eine sichtbare Anstrengung, die Beherrschung zurückzuerlangen. Und es gelang ihr nur so gerade eben. Ihre Stimme troff vor Gift. »Aes Sedai haben ihre eigenen Gründe für das, was sie tun, Aravine, Gründe, die Ihr nie verstehen würdet. Ihr werdet es bereuen, diese Schulden gemacht zu haben, wenn ich sie eintreiben komme. Ihr werdet es schrecklich bereuen.« Sie strich ein letztes Mal über ihr Gewand und stolzierte davon, nicht länger eine Königin, die den Pöbel verabscheute, sondern eine Leopardin, die die Schafe herausforderte, ihr den Weg zu versperren.
Aravine sah ihr hinterher und schien nicht besonders beeindruckt zu sein, und sie schien auch nicht zu einer Unterhaltung geneigt zu sein. »Sevanna will dich sehen, Falle«, war alles, was sie zu sagen hatte.
Faile machte sich nicht die Mühe, nach dem Grund zu fragen. Sie trocknete sich die Hände ab, rollte die Ärmel herunter und folgte der Amadicianerin, nachdem sie Alliandre und Maighdin versprochen hatte, so bald wie möglich zurückzukehren. Sevanna war von ihnen dreien fasziniert. Maighdin, die einzige echte Zofe unter ihren Gai'schain, schien sie genauso zu interessieren wie Königin Alliandre, ganz zu schweigen von Faile, eine Frau, die mächtig genug war, um eine Königin zur Lehnsfrau zu haben. Manchmal schickte sie namentlich nach einer von ihnen, um ihr beim Umziehen zu helfen oder beim Bad in der großen Kupferbadewanne, die sie öfter als das Schweißzelt benutzte, oder auch nur um ihr Wein einzuschenken. Die restliche Zeit bekamen sie die gleichen Arbeiten zugeteilt wie ihre anderen Diener, aber Sevanna fragte nie danach, ob man ihnen bereits eine Aufgabe zugeteilt hatte, genauso wenig, wie sie sie in diesem Fall in Ruhe ließ. Was auch immer sie wollte, Faile war sich völlig darüber im Klaren, dass sie zusammen mit den anderen beiden auch weiterhin für die Wäsche zuständig war. Sevanna wollte, wa s sie wollte, wenn sie es wollte, und sie akzeptierte keine Entschuldigungen.
Faile brauchte keinen, der ihr den Weg zu Sevannas Zelt zeigen musste, aber Aravine führte sie an den Wasserträgern vorbei, bis sie die ersten niedrigen Aielzelte erreichten, und dann wies sie in die entgegengesetzte Richtung von Sevannas Zelt und sagte: »Zuerst dort hin.«
Faile blieb stehen. »Warum?«, fragte sie misstrauisch. Unter Sevannas Dienerin gab es tatsächlich Männer und Frauen, die eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit waren, die sie Faile, Alliandre und Maighdin schenkte, und obwohl Faile das bislang noch nicht bei Aravine bemerkt hatte, war es durchaus nicht undenkbar, dass ein paar der anderen sie in Schwierigkeiten bringen wollten, indem sie falsche Befehle weitergaben.
»Du wirst das sehen wollen, bevor du zu Sevanna gehst. Glaub es mir.«