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Es war mehr ein Lachen der Erleichterung als alles andere. Die Schwarze Ajah war ihr nicht bis in Lord Aedmuns Herrenhaus gefolgt. Es warteten keine Attentäter mit blankgezogenen Messern, keine Elaida treu ergebene Schwestern, die sie nach Tar Valon zurückschleppen wollten. Manchmal träumte sie davon, und zwar von allem im selben Traum. Sie ließ Saidar los, so widerstrebend wie immer, voller Bedauern, dass die Fülle des Lebens und der Freude aus ihr herausströmte. Matherin unterstützte sie, aber Aedmun hätte es vermutlich missverstanden, wenn sie sein Haus zerstört hätte.

»Die Toten können den Lebenden nicht schaden, Elsie«, sagte sie besonders sanft, weil sie gelacht hatte, ganz zu schweigen davon, dass sie die alberne Gans am liebsten geohrfeigt hätte. »Sie sind nicht länger von dieser Welt, und sie können nichts darin berühren, uns eingeschlossen.« Das Mädchen nickte und machte noch einen Hofknicks, aber der Größe ihrer Augen und dem Zittern ihrer Lippen nach zu urteilen, war sie nicht davon überzeugt. Aber Elayne hatte keine Zeit, sie an der Hand zu nehmen. »Hol die Männer für mein Gepäck, Elsie«, sagte sie energisch, »und sorge dich nicht wegen der Geister.« Das Mädchen flitzte nach einem weiteren Hofknicks davon und ließ nervös den Kopf hin und her schwingen für den Fall, dass Lady Nelein aus den getäfelten Wänden sprang. Geister! Das Mädchen war eine alberne Gans!

Matherin war ein altes Haus, wenn auch nicht groß oder besonders stark befestigt, und die Haupttreppe, die zur Eingangshalle hinunterführte, war breit und mit einem Marmorgeländer ausgestattet. Die Halle mit ihren grauen und blauen Bodenfliesen und den mit Spiegeln versehenen Öllampen, die an Ketten von der zwanzig Fuß hohen Decke herabhingen, bot großzügig Platz. Hier war nichts vergoldet, und es gab auch kaum Einlegearbeiten, aber entlang der Wände standen mit Schnitzereien versehene Truhen und Schränke, und an der einen Wand hingen zwei Wandteppiche. Der eine stellte Reiter dar, die Leoparden jagten, ein bestenfalls unsicheres Geschäft, und der andere zeigte, wie die Frauen von Haus Matherin der ersten Königin von Andor ein Schwert übergaben, ein Ereignis, das die Matherin in Ehren hielten und von dem keiner sagen konnte, ob es tatsächlich passiert war.

Aviendha ging bereits ungeduldig in der Halle auf und ab, und Elayne seufzte, als sie es sah. Eigentlich hätten sie sich das Zimmer geteilt, wäre da nicht die Andeutung Matherins gewesen, zwei wichtige Besucherinnen nicht angemessen unterbringen zu können. Je kleiner das Haus, desto größer der Stolz. Die kleineren Häuser besaßen oft nicht mehr. Aviendha hätte Stolz eigentlich verstehen müssen, da sie förmlich vor wildem Stolz und Stärke leuchtete. Ein Stück größer als Elayne und mit dem dicken, dunklen Schultertuch über der hellen Bluse und dem zusammengefalteten grauen Kopftuch, das ihr langes rötliches Haar zurückhielt, sah sie aus wie die sprichwörtlicher Weise Frau, dabei war sie nur ein Jahr älter. Weise Frauen, die die Macht lenken konnten, erschienen oftmals jünger, als sie tatsächlich waren, und Aviendha verfügte über die notwendige Erhabenheit. Zumindest in diesem Augenblick, obwohl sie oft genug zusammen gekichert hatten. Ihr einziger Schmuck bestand aus einer langen kandorischen Silberkette, einer Bernsteinbrosche in Form einer Schildkröte und einem breiten Armreif aus Elfenbein; für gewöhnlich waren Weise Frauen regelrecht mit Ketten und Armreifen behängt, aber Aviendha war noch keine Weise Frau, sondern bloß Lehrling. Für Elayne spielte das keine Rolle, aber manchmal ergaben sich daraus Probleme. Manchmal glaubte sie, dass die Weisen Frauen sie ebenfalls als eine Art Lehrling betrachteten, oder zumindest als Studentin. Ein sicherlich alberner Gedanke, aber manchmal ...

Als Elayne den Fuß der Treppe erreichte, richtete Aviendha ihr Schultertuch und fragte: »Hast du gut geschlafen?« Ihr Tonfall war unbefangen, aber in ihrem Blick lag Sorge. »Du hast dir keinen Wein bringen lassen, um besser einschlafen zu können, oder? Ich habe dafür gesorgt, dass dein Wein beim Essen mit Wasser verdünnt war, aber ich habe genau gesehen, wie du den Weinkrug angestarrt hast.«

»Ja, Mutter«, sagte Elayne honigsüß. »Nein, Mutter.

Ich hatte mich gefragt, wo Aedmun einen so gu ten Jahrgang herbekommen hat, Mutter. Es war eine Schande, ihn zu verwässern. Und ich habe vor dem Schlafengehen die Ziegenmilch getrunken.« Wenn ihr etwas die Schwangerschaftskrankheit brachte, dann die Ziegenmilch! Wenn sie nur daran dachte, dass sie Ziegenmilch einmal gern getrunken hatte.

Aviendha stemmte die Hände in die Hüften und stellte eine derartige Entrüstung zur Schau, dass Elayne lachen musste. Es gab Unbequemlichkeiten, wenn man ein Kind erwartete, von abrupten Stimmungsschwankungen angefangen über extreme Sensibilität in den Brüsten bis hin zu ständiger Müdigkeit, aber in gewisser Weise war das ewige Verhätscheltwerden am schlimmsten. Im Königlichen Palast wusste jeder, dass sie schwanger war — viele hatten es vor ihr gewusst, was Mins Vorahnungen und ihrem viel zu losen Mundwerk zu verdanken war —, und sie glaubte nicht, als Säugling derart bemuttert worden zu sein. Aber sie erduldete alles mit so viel Anstand, wie sie aufbringen konnte. Jedenfalls meistens. Sie versuchten alle nur zu helfen. Sie wünschte bloß, dass nicht jede Frau, die sie kannte, der Überzeugung sein würde, dass die Schwangerschaft ihr den Verstand genommen hatte. Fast jede Frau, die sie kannte, jene, die selbst noch keine Kinder hatten, waren die schlimmsten.

Der Gedanke an ihr Baby — manchmal wünschte sie, Min hätte verraten, ob es ein Junge oder ein Mädchen war, oder dass Aviendha oder Birgitte sich an Mins genaue Worte erinnern könnten; Min irrte sich niemals, aber die drei hatten in jener Nacht einige Becher Wein getrunken, und Min hatte den Palast verlassen, bevor sie sie hatte fragen können — ließ sie unwillkürlich auch an Rand denken, so wie der Gedanke an ihn sie an ihr Baby denken ließ. Das eine folgte dem anderen so unweigerlich, wie in einer Milchkanne Schaum nach oben stieg. Sie vermisste Rand schrecklich, dabei konnte sie ihn gar nicht vermissen. Ein Teil von ihm, seine Essenz, war ständig in ihrem Hinterkopf präsent, solange sie den Bund nicht verschleierte, direkt neben der Essenz von Birgitte, ihrer anderen Behüterin. Aber der Bund hatte seine Grenzen. Rand hielt sich irgendwo im Westen auf, so weit entfernt, dass sie kaum mehr wusste, als dass er am Leben war. Nicht mehr, obwohl sie fest davon überzeugt war, dass sie es wissen würde, wenn er schwer verletzt wäre. Sie war sich nicht sicher, ob sie genau wissen wollte, was er vorhatte. Nachdem er sie verlassen hatte, war er eine lange Zeit im Süden gewesen, und gerade an diesem Morgen war er mit Hilfe des Schnellen Reisens in den Westen gegangen. Es verwirrte sie, ihn im einen Augenblick in einer bestimmten Richtung zu spüren und dann im nächsten in einer ganz anderen und noch weiter weg. Er konnte Feinde verfolgen oder vor Feinden fliehen, es waren auch tausend andere Dinge vorstellbar. Sie hoffte von ganzem Herzen, dass der Grund für seinen Ortswechsel harmlos war. Er würde allzu bald sterben — Männer, die die Macht lenken konnten, starben immer daran —, aber sie wollte ihn so lange wie möglich am Leben erhalten.

»Es geht ihm gut«, sagte Aviendha, als hätte sie ihre Gedanken lesen können. Seitdem sie sich einander gegenseitig als Erstschwestern adoptiert hatten, teilten sie ein eigenes Gespür für die andere, aber das ging nicht so tief wie der Behüterbund, den sie und Min mit Rand teilten. »Wenn er sich umbringen lässt, schneide ich ihm die Ohren ab.«

Elayne blinzelte, dann lachte sie wieder, und nach einem überraschten Blick stimmte Aviendha in das Lachen ein. So toll war der Witz nicht gewesen, höchstens für einen Aiel — Aviendha hatte einen sehr merkwürdigen Sinn für Humor —, aber Elayne konnte nicht aufhören zu lachen, und Aviendha ging es ebenso. Sie umarmten einander lachend und hielten sich fest. Das Leben war schon seltsam. Hätte ihr jemand vor ein paar Jahren gesagt, dass sie sich einen Mann mit einer anderen Frau teilen würde — mit zwei anderen Frauen! —, hätte sie ihn für verrückt erklärt. Allein die Vorstellung wäre unanständig gewesen. Aber sie liebte Aviendha genauso sehr wie Rand, nur auf eine andere Weise, und die Aiel liebte ihn genauso sehr, wie sie ihn liebte. Das zu verneinen hätte bedeutet, Aviendha zu verneinen, und da hätte sie genauso gut aus ihrer Haut schlüpfen können. Aielfrauen — egal ob Schwestern oder enge Freundinnen — heirateten oft denselben Mann und ließen ihm in dieser Sache nur selten eine Wahl. Sie würde Rand heiraten, und Aviendha auch, und Min ebenfalls. Was auch immer jemand davon halten mochte, es war eben so. Wenn sie lange genug lebten.