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Die Gardistinnen, die nichts davon mitbekommen hatten, warteten noch immer geduldig auf ihren Pferden und beobachteten die Baumgrenze, obwohl sie sich nach dem Empfang im Herrenhaus keine großen Sorgen machten; allerdings betrachtete Caseille Elayne und Aviendha, und hinter dem Helmvisier war ein leichtes Stirnrunzeln erkennbar. Sie wusste, dass sie noch nie gezögert hatten, ein Wegetor zu öffnen. Die Männer versammelten sich um ihr Lasttier, kramten in den Bündeln herum und stritten sich anscheinend darüber, ob etwas vergessen worden war oder nicht. Aviendha lenkte ihre graue Stute näher an Elaynes Schwarzen heran und sprach in einem Tonfall, der nicht weit trug.

»Elayne, wir wissen nichts. Vielleicht tanzt er mit den Speeren, vielleicht handelt es sich um etwas ganz anderes. Wenn er den Tanz der Speere tanzt und wir platzen da rein — wird er uns angreifen, bevor er uns erkennt? Werden wir ihn ablenken, weil er uns nicht erwartet, und seinen Feinden dadurch den Sieg bringen? Sollte er sterben, werden wir diejenigen finden, die ihn getötet haben, und sie werden auch sterben, aber wenn wir jetzt zu ihm gehen, dann stürzen wir uns blindlings in etwas hinein, und möglicherweise lösen wir eine Katastrophe aus.«

»Wir könnten vorsichtig sein«, sagte Elayne bockig. Es erzürnte sie, dass sie sich bockig fühlte und es auch zeigte, aber sie konnte ihre Stimmungen bloß erdulden und versuchen, sie nicht völlig die Oberhand gewinnen zu lassen. »Wir müssen ja nicht genau zu der Stelle Reisen.« Sie tastete nach ihrer Gürteltasche und fühlte die kleine Elfenbeinschnitzerei der sitzenden Frau, die darin steckte, dann sah sie auf die Bernsteinbrosche ihrer Schwester. »Beim Licht, Aviendha, wir haben Angreale, und keine von uns ist hilflos.« Beim Licht, jetzt klang sie verdrossen. Sie wusste nur zu gut, dass sie, wenn sie gegen das antraten, was sie da fühlten, selbst mit den Angrealen wie Fliegen sein würden, die gegen eine Flamme ankämpften, dennoch konnte ein Mückenstich im richtigen Augenblick einen Unterschied machen. »Und komm mir jetzt nicht damit, dass ich mein Baby gefährde. Min hat behauptet, dass es stark und gesund zur Welt kommen wird. Das hast du selbst gesagt. Das bedeutet, dass ich lange genug lebe, um meine Tochter zur Welt zu bringen.« Sie hoffte, dass es eine Tochter wurde.

Feuerherz wählte diesen Augenblick, um nach der Grauen zu schnappen, und Siswai biss zurück, und für eine Weile war Elayne damit beschäftigt, ihren Wallach unter Kontrolle zu bekommen und zu verhindern, dass Aviendha abgeworfen wurde, außerdem musste sie Caseille sagen, dass sie keine Hilfe brauchten, und als das alles getan war, fühlte sie sich nicht länger verdrossen. Am liebsten hätte sie Feuerherz eins zwischen die Ohren gegeben.

Aviendha zügelte ihr Pferd und tat so, als wäre nichts geschehen. Ihr von der dunklen Wolle des Schultertuchs eingerahmtes Gesicht zeigte eine Spur von Unsicherheit, aber diese Unsicherheit hatte nichts mit dem Pferd zu tun.

»Ich habe dir von den Ringen in Rhuidean erzählt«, sagte sie langsam, und Elayne nickte ungeduldig. Jede Frau, die zur Weisen Frau werden wollte, wurde vor ihrer Ausbildung durch ein Ter'angreal geschickt. Es ähnelte dem Ter'angreal, mit dem man in der Weißen Burg die Novizinnen auf die Probe stellte, bevor man sie in den Rang der Aufgenommenen erhob, nur mit dem Unterschied, dass in Rhuidean eine Frau ihr ganzes Leben vor sich sah. Alle ihre möglichen Leben, jede Entscheidung, die einen Unterschied machte, ein unendlicher Fächer von Leben, die auf unterschiedlichen Entscheidungen beruhten. »Niemand kann sich an alles erinnern, Elayne, nur an Bruchstücke. Ich wusste, dass ich Rand al'Thor lieben werde ...« — manchmal bereitete es ihr noch immer Unbehagen, vor anderen seinen Vornamen zu benutzen — »... und dass ich Schwesterfrauen finden werde. Größtenteils behält man aber nur vage Eindrücke. Manchmal eine leise Warnung. Ich glaube, wenn wir jetzt zu ihm gehen, wird etwas sehr Schlimmes geschehen. Vielleicht wird eine von uns sterben, vielleicht auch wir beide, ganz egal, was Min gesagt hat.« Dass sie Mins Namen aussprach, ohne zu stocken, war ein Zeichen ihrer Besorgnis. Sie kannte Min nicht besonders gut, und für gewöhnlich bezeichnete sie sie förmlich als Min Farshaw.

»Vielleicht wird er sterben. Vielleicht geschieht auch etwas anderes. Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Vielleicht überleben wir auch alle und setzen uns an ein Feuer und rösten Pecara, wenn wir zu ihm gestoßen sind. Aber in meinem Kopf funkelt eine Warnung.«

Elayne öffnete wütend den Mund. Dann schloss sie ihn wieder, und ihre Wut strömte aus ihr heraus wie Wasser durch einen Abfluss, und ihre Schultern sackten nach unten. Vielleicht verkündete Aviendhas Funkeln die Wahrheit und vielleicht auch nicht, aber die Tatsache blieb bestehen, dass ihre Argumente von Anfang an stichhaltig gewesen waren. Ein Wagnis, in das sie sich blindlings hineinstürzten, und wenn sie es eingingen, konnte daraus eine Katastrophe entstehen. Das Leuchtfeuer war noch heller geworden. Und er war genau da, wo dieses Fanal brannte. Der Bund verriet ihr das nicht, nicht auf diese Entfernung, aber sie wusste es. Und sie wusste, dass sie es ihm überlassen musste, sich um sich selbst zu kümmern, während sie sich um Andor kümmerte.

»Ich muss dir nicht mehr beibringen, eine Weise Frau zu sein, Aviendha«, sagte sie leise. »Du bist bereits viel weiser als ich. Ganz zu schweigen davon, dass du tapferer bist und einen viel kühleren Kopf behältst. Wir kehren nach Caemlyn zurück.«

Das Lob ließ Aviendha leicht erröten — sie konnte manchmal sehr feinfühlig sein —, aber sie verschwendete keine Zeit und öffnete das Wegetor, ein rotierendes Abbild eines Stallhofs im Königlichen Palast, das sich zu einem Loch in der Luft verbreiterte und Schnee von der Wiese auf das frisch gefegte Pflaster fallen ließ, da fast dreihundert Meilen Entfernung keinen Unterschied machten. Schlagartig erwachte Birgittes Präsenz irgendwo im Palast in Elaynes Kopf zu neuem Leben. Birgitte hatte Kopfschmerzen und Magendrücken, in letzter Zeit keine ungewöhnlichen Vorkommnisse, aber sie passten hervorragend zu Elaynes Stimmung.

Ich muss es ihm überlassen, sich um sich selbst zu kümmern, dachte sie, als sie durch das Tor ritt. Beim Licht, wie oft dachte sie das? Es spielt keine Rolle. Rand war die Liebe ihres Lebens und die Freude ihres Herzens, aber Andor war ihre Pflicht.

11

Gespräche über Schulden

Das Wegetor war so ausgerichtet, dass Elayne aus einem Loch in der Wand auf einen gepflasterten Platz zu reiten schien, der aus Sicherheitsgründen von sandgefüllten Weinfässern markiert wurde. Seltsamerweise konnte sie im Palast nicht eine Frau fühlen, die gerade die Macht lenkte, obwohl er mehr als hundertfünfzig Frauen mit dieser Fähigkeit beherbergte. Ein paar von ihnen würden natürlich auf der äußeren Stadtmauer stationiert sein, zu weit weg, um alles außer einem verbundenen Zirkel wahrzunehmen, aber im Palast benutzte eigentlich immer gerade jemand Saidar, sei es, um eine der gefangenen Sul'dam dazu zu zwingen zuzugeben, dass sie die Gewebe der Einen Macht wirklich sehen konnten, oder um die Falten aus einem Schultertuch zu bekommen, ohne ein Bügeleisen erwärmen zu müssen. Doch nicht an diesem Morgen. Die Arroganz der Windsucherinnen reichte oft an das schlimmste Verhalten einer jeden Aes Sedai heran, aber selbst das musste von dem unterdrückt worden sein, was sie alle wahrnahmen. Elayne war der festen Überzeugung, dass sie, wäre sie in die oberste Etage gestiegen, die Wellen dieses gewaltigen Fanals hätte sehen können, auch wenn sie Hunderte von Meilen entfernt waren. Sie kam sich wie eine Ameise vor, die sich zum ersten Mal der Berge bewusst geworden war, eine Ameise, die das Rückgrat der Welt mit dem Hügel verglich, der ihr immer Ehrfurcht eingeflößt hatte. Ja, angesichts dessen mussten selbst die Windsucherinnen die Köpfe einziehen.