Der Stallhof der Königin, der sich am Ostflügel des Palasts befand und im Norden und Süden von jeweils einem zweistöckigen Stall aus weißem Stein abgegrenzt wurde, war traditionellerweise den Pferden und Kutschen der Königin vorbehalten, und sie hatte gezögert, ihn zu benutzen, bevor man ihr den Löwenthron zugesprochen hatte. Die Schritte, die zum Thron führten, waren so kompliziert wie bei einem Hoftanz, und auch wenn dieser Tanz manchmal Ähnlichkeit mit einer Tavernenschlägerei hatte, musste man dennoch seine Schritte mit Präzision und Anmut ausführen, wollte man sein Ziel erreichen. Die Beanspruchung von Sonderrechten vor der Amtseinführung hatte einige Anwärterinnen die Herrschaft gekostet. Am Ende hatte sie entschieden, dass das keine Überschreitung war, die sie übermäßig stolz erscheinen lassen würde. Außerdem war der Stallhof der Königin eher klein und wurde für nichts anderes benutzt. Hier musste man weniger Leute als anderswo fern halten, wenn man ein Wegetor öffnen wollte. Tatsächlich war der gepflasterte Hof abgesehen von einem mit einem roten Mantel bekleideten Stallburschen menschenleer, als sie ihn betrat; er stand vor einer der bogenförmigen Stalltore und drehte sich um, um hineinzurufen, und ein Dutzend weiterer Stallburschen strömte heraus, während sie Feuerherz von dem abgesperrten Rechteck ritt.
Schließlich wäre es durchaus möglich gewesen, dass sie in Begleitung mächtiger Lords und Ladys zurückkam; vielleicht hofften sie es auch nur.
Caseille brachte die Gardistinnen durch das Tor und befahl den meisten abzusteigen und sich um ihre Tiere zu kümmern. Sie selbst und ein halbes Dutzend Frauen blieben im Sattel sitzen und hielten über den Köpfen der zu Fuß gehenden Menschen Wache. Nicht einmal hier ließen sie Elayne unbewacht. Vor allem hier, wo mehr Gefahren auf sie lauerten als in jedem der von ihr besuchten Herrenhäuser. Die Männer von Matherin gingen hierhin und dorthin und standen Stallburschen und Gardistinnen im Weg, während sie die weißen Steinbalkone und Säulengänge anstarrten, die auf den Hof hinausschauten, und die dahinter befindlichen Türme und goldenen Kuppeln. Die Kälte schien hier weniger ausgeprägt zu sein als in den Bergen — die Weigerung, sich von ihr berühren zu lassen, jedenfalls so weit sie das im Augenblick konnte, bedeutete nicht gleichzeitig, dass sie sie nicht länger wahrnehmen konnte —, aber Männer, Frauen und Pferde stießen noch immer Atemwölkchen hervor. Nach der klaren Bergluft erschien der Gestank von Pferdemist ebenfalls übermäßig stark. Ein heißes Bad vor einem lodernden Kaminfeuer wäre ihr jetzt sehr willkommen gewesen. Danach würde sie sich wieder der Aufgabe zuwenden, sich den Thron zu sichern, aber im Augenblick wäre ein langes Eintauchen in heißes Wasser genau das Richtige.
Zwei Stallburschen kamen angerannt. Einer nahm nach einer flüchtigen Verbeugung Feuerherz' Zaumzeug — er war mehr darauf bedacht, dass der große Wallach keinen Ärger machte, während Elayne abstieg —, während der andere nach seiner tiefen Verbeugung gebückt stehen blieb und mit den Händen für Elayne einen Steigbügel bildete. Sie hatten für den Anblick der schneebedeckten Bergwiese, die sich dort erstreckte, wo sonst eine Mauer zu sehen war, kaum mehr als einen flüchtigen Blick übrig. Mittlerweile hatte sich das Stallpersonal an die Wegetore gewöhnt. Elayne war zu Ohren gekommen, dass sie sich in den Tavernen freihalten ließen, indem sie damit prahlten, wie oft sie den Gebrauch der Macht erlebten und von welchen angeblichen Taten sie Zeugen geworden waren. Elayne konnte sich lebhaft vorstellen, wie diese Geschichten klingen würden, wenn sie bis zu Arymilla gedrungen waren. Ihr gefiel die Vorstellung, dass Arymilla an den Nägeln kaute.
Sie hatte den Fuß noch nicht auf das Steinpflaster gesetzt, als eine Horde Gardistinnen sie auch schon umringte; sie trugen blutrote Hüte mit weißen Federn, die flach auf den breiten Hutkrempen lagen, und blutrote, mit Spitze abgesetzte Schärpen mit einem aufgestickten Weißen Löwen, die sich quer über funkelnde Harnische zogen. Erst jetzt führte Caseille den Rest von Elaynes Eskorte in den Stall. Ihre Ablösung war genauso misstrauisch, Blicke gingen in alle Richtungen, Hände schwebten über den Schwertgriffen; die einzige Ausnahme war Deni, eine breite Frau mit gleichmütiger Miene, die eine lange, messingbeschlagene Keule hielt. Es waren nur neun Frauen — bloß neun, dachte Elayne bitter, ich brauche im Königlichen Palast nur neun Leibwächterinnen —, aber jede von ihnen, die ein Schwert trug, war eine Meisterin ihres Faches. Frauen, die das »Handwerk des Schwertes« ausübten, wie Caseille es nannte, mussten gut sein, denn sonst wurden sie früher oder später von irgendeinem Kerl niedergemacht, dessen einziger Vorteil darin bestand, über genug Kraft zu verfügen, um sie niederzuprügeln. Deni konnte überhaupt nicht mit dem Schwert umgehen, aber die wenigen Männer, die sich mit ihrer Keule anlegten, hatten es bitter bereut. Trotz ihrer Beleibtheit war Deni ausgesprochen flink, und die Idee eines fairen Kampfes war ihr völlig fremd, genau wie die eines Übungskampfes, was das anging.
Rasoria, eine untersetzte Frau im Rang eines Unter leutnants, die das Kommando hatte, schien erleichtert zu sein, als die Stallburschen Feuerherz fortführten.
Wäre es nach Elaynes Leibwache gegangen, hätte außer ihnen niemand auf Armlänge an sie herankommen dürfen. Nun ja, das mochte etwas übertrieben sein, so schlimm waren sie nun auch wieder nicht, aber abgesehen von Aviendha und Birgitte betrachteten sie jeden mit Misstrauen. Rasoria gehörte in dieser Hinsicht zu den Schlimmsten von ihnen, die Tairenerin mit den untypischen blauen Augen und dem blonden, kurz geschorenen Haar bestand sogar darauf, die Köche bei der Zubereitung von Elaynes Mahlzeiten zu überwachen, außerdem ließ sie alles vorkosten, bevor man es brachte. Elayne hatte nicht protestiert, egal wie übertrieben das auch sein mochte. Eine Erfahrung mit vergiftetem Wein reichte, auch wenn sie wusste, dass sie zumindest lange genug leben würde, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Aber es war weder das Misstrauen der Gardistinnen noch deren Notwendigkeit, die sie den Mund verziehen ließ. Es war Birgitte, die sich einen Weg über den bevölkerten Hof suchte, aber nicht auf sie zuging.
Aviendha kam natürlich als Letzte durch das Wegetor, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass jeder durchgekommen war, und bevor sie es verschwinden ließ, hatte sich Elayne in ihre Richtung in Bewegung gesetzt, und zwar so schnell, dass ihre Eskorte förmlich springen musste, um den Ring um sie aufrechtzuerhalten. Doch so schnell sie auch ging, Birgitte mit ihrem langen goldenen Zopf, der ihr bis zur Taille reichte, war vor ihr da, half Aviendha beim Absteigen und übergab die graue Stute an einen Stallburschen mit einem langen Gesicht, der beinahe genauso lange Beine wie Siswai zu haben schien. Aviendha hatte stets mehr Schwierigkeiten beim Absteigen als beim Aufsitzen, aber Birgitte wollte mehr als bloß behilflich sein.
Elayne und ihre Eskorte trafen gerade noch rechtzeitig ein, um zu hören, wie sie Aviendha hastig fragte: »Hat sie ihre Ziegenmilch getrunken? Hat sie genug geschlafen? Sie fühlt ...« Sie verstummte und holte tief Luft, bevor sie sich Elayne scheinbar unbewegt zuwandte; es schien sie nicht zu überraschen, dass sie da war. Der Bund funktionierte in beide Richtungen.
Birgitte war keine große Frau, auch wenn sie in ihren Stiefeln Elayne überragte, aber sie verfügte für gewöhnlich über eine beeindruckende Ausstrahlung, die noch von der Uniform des Generalhauptmanns der Königlichen Garde verstärkt wurde, ein kurzer roter Mantel mit weißem Stehkragen über weiten blauen Hosen, die in auf Hochglanz polierten schwarzen Stiefeln steckten; auf der linken Schulter prangten vier goldene Knoten, auf jedem der weißen Ärmelaufschläge vier goldene Ringe. Schließlich war sie Birgitte Silberbogen, die Heldin aus der Legende. Sie scheute sich davor, der Legende entsprechen zu wollen; sie behauptete, dass die Geschichten auf groteske Weise übertrieben seien, wenn es sich nicht direkt um Erfindungen handelte. Aber sie war dieselbe Frau, die jede einzelne der Taten vollbracht hatte, die den Kern dieser Legenden bildeten. Trotz ihrer augenscheinlichen Ruhe war ihre Sorge um Elayne mit Unbehagen vermischt, und beides strömte zusammen mit ihren Kopfschmerzen und dem sauren Magen durch den Behüterbund. Sie wusste ganz genau, dass Elayne es hasste, wenn die beiden hinter ihrem Rücken über sie sprachen. Das war nicht der ganze Grund für Elaynes Gereiztheit, aber der Bund ließ Birgitte wissen, wie aufgebracht sie war.