Выбрать главу

Aviendha wickelte seelenruhig das Tuch von ihrem Kopf, legte es sich auf die Schultern und bemühte sich um den Blick einer Frau, die nichts Falsches getan und ohne jeden Zweifel auch mit niemandem zu tun hatte, der in derartige Aktivitäten verstrickt war. Es wäre ihr auch gelungen, hätte sie die Augen nicht für eine zusätzliche Spur Unschuld geweitet. In mancherlei Hinsicht übte Birgitte einen schlechten Einfluss auf sie aus.

»Ich habe die Ziegenmilch getrunken«, sagte Elayne gefasst, da sie sich der Gardistinnen, die sie umringten, nur allzu bewusst war. Sie wandten ihnen den Rücken zu und überprüften ständig den Hof, die Balkone und die Dächer, aber mit Sicherheit hörte jede von ihnen zu. »Ich habe genug Schlaf bekommen. Gibt es sonst noch etwas, das du mich fragen willst?« Aviendhas Wangen röteten sich.

»Ich glaube, im Augenblick habe ich alle Antworten, die ich brauche«, erwiderte Birgitte ohne auch nur den Hauch eines Errötens, auf das Elayne gehofft hatte. Die Frau wusste, dass sie müde war, wusste, dass sie, was den Schlaf betraf, gelogen hatte.

Manchmal war der Bund entschieden lästig. Sie hatte am vergangenen Abend nicht mehr als einen halben Pokal ausgesprochen verwässerten Wein getrunken, aber nun fing sie an, Birgittes Kopfschmerzen und ihren aufgewühlten Magen zu haben. Keine der anderen Aes Sedai, mit denen sie über den Bund gesprochen hatte, hatte von ähnlichen Erfahrungen berichtet, aber sie und Birgitte spiegelten einander allzu oft physisch und emotional wider. Letzteres stellte manchmal ein echtes Problem dar, wenn ihre Nerven blank lagen. Manchmal konnte sie es einfach abschütteln oder sich auch dagegen wehren, aber heute wusste sie, dass sie es würde ertragen müssen, bis Birgitte Geheilt war. Sie glaubte, dass es zu der Spiegelung kam, weil sie beide Frauen waren. Soweit bekannt war, waren noch nie zuvor zwei Frauen den Behüterbund eingegangen. Tatsächlich hatte sich das auch nicht besonders weit herumgesprochen, und viele schienen es nicht glauben zu können. Ein Behüter war männlich, so wie ein Stier männlich war. Jeder wusste das, und nur wenige vertraten die Ansicht, dass das, was »jeder« wusste, einer näheren Untersuchung würdig war.

Bei einer Lüge ertappt zu werden, wo sie doch versuchte, Egwenes Gebot zu befolgen und so zu leben, als hätte sie bereits die Drei Eide abgelegt, verunsicherte Elayne, und das machte sie kurz angebunden.

»Ist Dyelin zurück?«

»Nein«, sagte Birgitte genauso kurz angebunden, und Elayne seufzte. Dyelin hatte die Stadt zusammen mit Reanne Corly, die für sie Wegetore weben und ihre Reise beschleunigen sollte, Tage vor Arymillas Aufmarsch verlassen, und von ihrer Rückkehr hing vieles ab. Von den Nachrichten, die sie mitbringen würde. Ob sie auch noch etwas anderes als Nachrichten mitbringen würde.

Wenn man es auf die grundsätzlichen Dinge reduzierte, war die Wahl der Königin von Andor eine relativ simple Sache. Es gab über vierhundert Häuser im Reich, aber nur neunzehn waren mächtig genug, dass die anderen ihnen folgen würden. Für gewöhnlich standen alle neunzehn oder zumindest die meisten hinter der Tochter —Erbin, solange sie nicht völlig unfähig war. Haus Mantear hatte nach Mordrellens Tod den Thron nur deshalb an Trakand verloren, weil Tigraine, die Tochter-Erbin, verschwunden war und bei Mantear immer mehr Knaben geboren worden waren. Und weil Morgase Trakand dreizehn Häuser hinter sich hatte versammeln können. Gesetz und Brauch zufolge reichten zehn der neunzehn aus, um den Thron zu besteigen. Für gewöhnlich schlössen sich Anspruchsteller, die immer noch der Ansicht waren, dass der Thron eigentlich ihnen zustand, dem Rest an oder verstummten und gaben ihre Anstrengungen auf, wenn eine Anwärterin zehn Häuser hinter sich brachte.

Es war schlimm genug gewesen, als Elayne drei erklärte Rivalen gehabt hatte, aber da nun Naean und Elenia ausgerechnet geschlossen hinter Arymilla Marne standen, hatten die drei mit den eigentlich geringsten Aussichten den Erfolg davongetragen, und das bedeutete, sie verfügte über zwei Häuser — beide waren groß genug, um zu zählen; Matherin und die achtzehn anderen, die sie besucht hatte, waren zu klein —, denen sechs andere gegenüberstanden. Ihr eigenes Haus Trakand und Dyelins Taravin. Oh, Dyelin beharrte darauf, dass Carand, Coelan und Renshar sich Elayne anschließen würden, ganz zu schweigen von Norwelyn, Pendar und Traemane, aber die ersten drei wollten Dyelin auf dem Thron sehen, und die letzten drei schienen im Winterschlaf versunken zu sein. Aber Dyelins Loyalität zu Elayne war ungebrochen, und sie unterstützte sie unermüdlich. Sie bestand auf ihrer Überzeugung, dass einige der Häuser, die sich abwartend verhielten, überzeugt werden konnten, sich auf Elaynes Seite zu schlagen. Natürlich konnte Elayne nicht selbst auf sie zugehen, aber Dyelin konnte es. Und jetzt grenzte die Situation an Verzweiflung. Sechs Häuser unterstützten Arymilla, und nur ein Narr würde glauben, dass sie keine Fühler nach den anderen ausgestreckt hatte. Oder dass keiner zuhören würde, nur weil sie bereits sechs hatte.

Obwohl Caseille und ihre Wächterinnen den Platz geräumt hatten, mussten sich Elayne und die anderen einen Weg durch eine Menschenmenge bahnen. Die Männer von Matherin waren endlich von ihren Pferden gestiegen, standen aber noch immer im Weg; sie ließen ihre Hellebarden fallen und hoben sie wieder auf, nur um sie abermals fallen zu lassen, und versuchten, ihr Packpferd auf dem Stallhof abzuladen. Einer der Jungen verfolgte ein Huhn, das irgendwie freigekommen war, und duckte sich unter den Pferden hindurch, während einer der alten Männer Anfeuerungsrufe schrie; dabei blieb unklar, ob er den Jungen oder das Huhn meinte. Ein ledergesichtiger Bannerträger in einem verblichenen roten Mantel, der sich über seinem Bauch spannte, versuchte mit Hilfe eines nur unwesentlich jüngeren Gardesoldaten für Ordnung zu sorgen — vermutlich waren beide aus dem Ruhestand zurückgekehrt, wie so viele andere auch —, aber ein anderer Junge schien sein zotteliges Pferd in den Palast führen zu wollen, und Birgitte musste ihm befehlen, aus dem Weg zu gehen, bevor Elayne eintreten konnte. Der Junge, der nicht älter als vierzehn sein konnte, starrte Birgitte so unverhohlen an wie zuvor den Palast. In ihrer Uniform war sie sicherlich weitaus malerischer als die Tochter-Erbin im Reitkleid, davon abgesehen hatte er die Tochter-Erbin bereits gesehen. Rasoria stieß ihn in Richtung des alten Bannerträgers zurück und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß verflucht noch mal nicht, was ich mit ihnen anfangen soll«, knurrte Birgitte in der kleinen Vorhalle, als eine Dienerin in roter und weißer Livree Elayne Umhang und Handschuhe abnahm. Klein im Sinne des Königlichen Palasts. Zwar war die Decke nicht ganz so hoch wie Matherins Eingangshalle, aber der Raum war mindestens halb so groß, und zwischen schmalen, kannelierten weißen Säulen flackerten vergoldete Kandelaber. Eine andere Dienerin mit dem Weißen Löwen auf der linken Brustseite ihres Mantels, die kaum älter als der Junge sein konnte, der sein Pferd ins Haus hatte führen wollen, bot auf einem mit Flechtwerk verzierten Silbertablett hohe Pokale mit gewürztem Wein an, bevor finstere Blicke von Aviendha und Birgitte sie zurückweichen ließen. »Auf der Wache schlafen die verfluchten Jungen ein«, fuhr Birgitte fort und sah die sich zurückziehende Dienerin weiterhin finster an. »Die alten Männer bleiben wach, aber die Hälfte weiß nicht mehr, was zu tun ist, wenn sie jemanden die verdammte Mauer hochsteigen sehen, und die andere Hälfte könnte nicht sechs Schafhirten mit einem Hund zurückschlagen.« Aviendha sah Elayne mit hochgezogener Braue an und nickte.