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»Ich habe mich nicht nach den Bannern gerichtet, meine Königin. Jeder kann ein Banner tragen. Ich habe Jurad Accan durch mein Fernglas erkannt. Accan ist durch und durch Luans Mann. Als ich das wusste ...«

Spitze raschelte, als er eine wegwerfende Geste machte. »Der Rest war nicht mehr als eine kleine Übung.«

»Und hat dieser Jurad Accan eine Botschaft von Lord Luan gebracht? Etwas Unterschriebenes und Ver siegeltes, das die Unterstützung von Haus Norwelyn für Trakand bestätigt?«

»Nichts Schriftliches, meine Königin, aber wie ich bereits sagte ...«

»Lord Luan hat sich nicht für mich erklärt, Hauptmann.«

Meilars Lächeln verblasste etwas. Er war es nicht gewöhnt, unterbrochen zu werden. »Aber meine Königin, Lady Dyelin hat gesagt, dass Luan so gut wie in Eurem Lager steht. Dass Accan hier auftaucht, ist Beweis genug ...«

»Das beweist gar nichts, Hauptmann«, sagte Elayne kalt. »Vielleicht wird Lord Luan irgendwann in meinem Lager sein, Hauptmann, aber bis er es öffentlich verkündet, habt Ihr mir achtzig Männer verschafft, die beobachtet werden müssen.« Achtzig von hundert. Und wie viele ihrer Leute hatte er dabei verloren? Und dafür hatte er Caemlyn riskiert? Sollte er zu Asche ver — brennen! »Da Ihr während Eurer Pflichten in der Garde die Zeit findet, Ausfälle anzuführen, werdet Ihr auch die Zeit finden, ihre Bewachung zu veranlassen. Lasst Meister Accan und seine Burschen die Männer drillen, die ich von den Herrenhäusern mitgebracht habe. Das wird sie den größten Teil des Tages beschäftigen und aus allen Schwierigkeiten heraushalten, aber ich über — lasse es Euch, wie Ihr sie den Rest von den Mauern fern haltet. Und ich erwarte, dass man sie von den Mauern fern hält und sie keinen Ärger machen, Hauptmann. Ihr dürft gehen und Euch darum kümmern.«

Mellar starrte sie verblüfft an. Noch nie zuvor hatte sie ihn zur Rede gestellt, und es gefiel ihm nicht, vor allem nicht vor so vielen Zeugen. Jetzt gab es kein strahlendes Lächeln mehr. Seine Lippen zuckten, ein verdrossenes Feuer trat in seine Augen. Aber er konnte nichts anderes tun, als sich erneut zu verneigen, heiser ein »wie meine Königin befiehlt« zu murmeln und mit so viel Anstand zu gehen, wie er aufbringen konnte. Er war keine drei Schritte weit gegangen, als er auch schon den Korridor entlangstürmte, als wollte er jeden niedertrampeln, der sich ihm in den Weg stellte. Elayne nahm sich vor, Rasoria zu warnen. Vielleicht würde er versuchen, seine Wut an denen auszulassen, die Zeuge des Vorfalls geworden waren. Merilille und Careane nickten beinahe gleichzeitig; sie hätten Mellar schon vor langer Zeit zur Rede gestellt und danach am liebsten aus dem Palast verwiesen.

»Selbst wenn er etwas falsch gemacht hat«, sagte Sareitha vorsichtig, »und ich bin nicht davon über zeugt, dass es sich so verhält, hat Hauptmann Mellar sein Leben riskiert, um Euch und Lady Dyelin vor dem Tod zu bewahren. War es wirklich nötig, ihn vor uns allen zu demütigen?«

»Glaubt nie, dass ich meine Schulden nicht bezahle, Sareitha.« Elayne fühlte, wie Aviendha ihre eine Hand und Birgitte die andere ergriff. Sie drückte beide leicht. Wenn man von Feinden umzingelt war, dann war es gut, eine Schwester und eine Freundin in der Nähe zu haben. »Ich werde jetzt ein heißes Bad nehmen, und falls keine von Euch mir den Rücken schrubben will ...«

Sie erkannten eine Verabschiedung, wenn es nötig war, und sie gingen mit mehr Anstand als Hauptmann Mellar. Careane und Sareitha diskutierten bereits darüber, ob die Windsucherinnen heute überhaupt Unterricht haben wollten oder nicht, Merilille versuchte in alle Richtungen gleichzeitig zu schauen in der Hoffnung, jeder Windsucherin aus dem Weg zu gehen. Aber worüber würden sie später sprechen? Ob Elayne Streit mit dem Vater ihres Kindes hatte? Ob sie ihre Schuld an der Ermordung Adeleas erfolgreich verbor — gen hatten?

Ich zahle immer meine Schulden, dachte Elayne und sah ihnen hinterher. Und ich helfe meinen Freunden, die ihren zu begleichen.

12

Ein Handel

Ein Bad war nicht schwer aufzutreiben, obwohl Elayne im Korridor stehen bleiben und im Licht der flackernden Kandelaber die mit geschnitzten Löwen versehenen Türen ihrer Gemächer stirnrunzelnd anstarrten musste, während Rasoria und zwei Gardistinnen eintraten, um alles zu durchsuchen. Sobald sie sich vergewissert hatten, dass dort keine Attentäter lauerten und im Korridor und dem äußeren Raum Wachen aufgestellt waren, trat Elayne ein und fand im Schlafgemach die weißhaarige Essande vor; sie wurde von Naris und Sephanie begleitet, zwei jungen Kammerzofen, die sie ausbildete. Essande war gertenschlank, auf ihrer linken Brust war Elaynes Goldene Lilie aufgestickt. Sie war die Würde in Person, was von der anmutigen Art ihrer Bewegungen noch unterstrichen wurde, allerdings trug auch ihr Alter und der Schmerz in ihren Gelenken dazu bei, den sie beharrlich ignorierte. Naris und Sephanie waren Schwestern, derb, mit rosigen Gesichtern und scheuen Blicken, sie trugen ihre Livree mit Stolz und waren glücklich, für diese Arbeit auserwählt worden zu sein, statt Korridore putzen zu müssen, aber sie hatten fast genauso viel Ehrfurcht vor Essande wie vor Elayne. Es gab erfahrenere Kammerzofen, Frauen, die seit Jahren im Palast arbeiteten, aber leider waren Mädchen, die irgendeine Arbeit gesucht hatten, viel sicherer. Man hatte einen der Teppiche zusammengerollt und ihn auf den rosafarbenen Fliesen mit einer dicken Schicht Handtücher ersetzt, auf denen zwei Kupferwannen standen, der Beweis dafür, dass die Nachricht von Elaynes Ankunft ihr vorausgeeilt war. Diener hatten ein Talent, Dinge zu erfahren, um das sie die Augen-und-Ohren der Weißen Burg beneidet hätten. Ein ordentliches Feuer im Kamin und die dichten Fensterflügel ließen den Raum nach den Korridoren warm erscheinen, und Essande wartete nur, bis sie Elayne eintreten sah, bevor sie Sephanie im Laufschritt losschickte, die Männer mit dem heißen Wasser zu holen. Das würde man in Kübeln bringen, die aus zwei Schichten Holz gefertigt und mit Deckeln versehen waren, damit ihr Inhalt auf dem Weg aus der Küche nicht abkühlte; allerdings würde sich ihr Eintreffen möglicherweise etwas verschieben, weil die Gardistinnen sie nach im Wasser verborgenen Messern durchsuchen würden.

Aviendha betrachtete die zweite Badewanne fast so misstrauisch, wie Essande Birgitte ansah; die eine fühlte sich noch immer unbehaglich dabei, sich in Wasser zu setzen, und die andere konnte noch immer nicht akzeptieren, dass während eines Bads mehr Personen als unbedingt nötig anwesend waren, aber die weißhaarige Frau verlor keine Zeit und drängte Elayne und Aviendha stumm in das Ankleidezimmer, in dem ein weiteres Feuer in einem großen Marmorkamin die Luft ihrer Kälte beraubt hatte. Es war für Elayne eine große Erleichterung, dass Essande ihr aus dem Reitgewand half, denn sie wusste, dass mehr auf sie wartete als ein hastiges Bad und gespielte Gelassenheit, während sie sich darüber sorgen musste, wie schnell sie ihr nächstes Ziel erreichen konnte. Weitere Täuschungen warteten und — beim Licht! — andere Sorgen, aber sie war zu Hause, und das zählte viel. Beinahe konnte sie das im Westen leuchtende Fanal vergessen. Beinahe. Gut, nicht mal annähernd, aber sie konnte aufhören, sich deswegen verrückt zu machen, solange sie nicht darüber nachdachte.

Als sie ausgezogen waren — Aviendha schlug Naris' Hände weg, nahm ihren Schmuck selbst ab und gab sich alle Mühe, so zu tun, als wäre die Kammerzofe gar nicht da und ihre Kleidung würde sich irgendwie von selbst ablegen —, als man sie in bestickte Seidenroben gehüllt und ihre Haare mit weißen Handtüchern zu Turbanen hochgewickelt hatte — Aviendha unternahm drei Versuche, und erst als die Konstruktion das dritte Mal zusammenbrach, erlaubte sie Naris, es zu tun, wobei sie etwas davon murmelte, so verweichlicht zu werden, dass sie bald jemanden brauchen würde, der ihr die Stiefel zuschnürte, bis Elayne anfing zu lachen und sie mit einfiel, wobei sie den Kopf zurückwarf und Naris wieder von vorn anfangen musste —, als das alles erledigt war und sie in das Schlafgemach zurückkehrten, waren die Badewannen gefüllt, und der Duft von Rosenöl, das man dem Wasser hinzugefügt hatte, schwängerte die Luft. Die Männer, die das Wasser gebracht hatten, waren natürlich weg, und Sephanie wartete mit hochgeschobenen Ärmeln für den Fall, dass jemand den Rücken gewaschen haben wollte. Birgitte saß auf der Truhe mit den Intarsien aus Türkis am Fuß des Bettes, die Ellbogen auf die Knie gestützt.