Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 10

 
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Alles, was ich tat, dachte und war, ist eine Reihe von Unterwerfungen, sei es unter ein erdachtes Wesen, das ich für mein eigenes hielt, da ich aus ihm heraus handelte, sei es unter eine Last von Umständen, die ich für die Luft hielt, die ich atmete. Ich bin in diesem Augenblick der Einsicht ein plötzlich Vereinsamter, der sich an einen Ort verbannt sieht, an dem er immer Bürger war. Im Innersten dessen, was ich dachte, war ich nicht ich.

Ein sarkastisches Grauen vor dem Leben überkommt mich, eine Niedergeschlagenheit, die hinausgeht über mein bewußtes Wesen. Ich weiß, daß ich Irrtum und Abwegigkeit war, daß ich nie gelebt, daß ich nur insofern existiert habe, als ich die Zeit mit Bewußtsein und Denken ausfüllte. Ich empfinde mich als einen Menschen, der aus einem Schlaf voll wirklicher Träume erwacht oder von einem Erdbeben aus dem spärlichen Licht eines Kerkers befreit wurde, an das er sich gewöhnt hatte.

Diese jähe Einsicht in mein wahres Wesen, das stets schläfrig hin- und herreiste zwischen dem, was es fühlt, und dem, was es sieht, bedrückt mich, bedrückt mich tatsächlich wie eine bevorstehende Verurteilung.

Es ist so schwer zu beschreiben, was man fühlt, wenn man fühlt, daß man wirklich existiert und die Seele eine wirkliche Wesenheit ist; ich weiß nicht, welche menschlichen Worte dies überhaupt könnten. Ich weiß nicht, ob ich fiebere, wie ich vermeine, oder ob mein fiebriges Lebenschlafen, verflogen ist. Ja, ich wiederhole es, ich bin wie ein Reisender, der sich plötzlich an einem fremden Ort befindet, ohne zu wissen, wie er dorthin gelangt ist; und mir kommen all jene in den Sinn, die ihr Gedächtnis verlieren und über lange Zeit andere sind. Ich selbst war lange ein anderer – seit meiner Geburt und meinem Bewußtwerden –, und jetzt erwache ich mitten auf der Brücke, über den Fluß gebeugt, und weiß, daß ich beständiger existiere als jener andere, der ich bisher war. Doch die Stadt ist mir unbekannt, die Straßen sind mir fremd, und dieses Übel kennt keine Heilung. Und so warte ich, über das Geländer gelehnt, daß die Wahrheit an mir vorübergeht und ich wieder genese zu einem nichtigen, erdachten, denkfähigen und natürlichen Wesen.

Es war nur einen Augenblick lang. Und schon sehe ich wieder die Möbel um mich her, die Muster auf den alten Tapeten, die Sonne durch die staubigen Fensterscheiben. Ich habe für einen Augenblick die Wahrheit geschaut. Ich bin einen Augenblick lang bewußt gewesen, was die großen Männer ein Leben lang sind. Ich erinnere mich an ihre Worte und Taten, und frage mich, ob nicht auch sie erfolgreich vom Dämon der Wirklichkeit versucht wurden. Sich nicht kennen heißt leben. Sich kaum kennen heißt denken. Sich erkennen, plötzlich wie in diesem läuternden Augenblick, heißt eine flüchtige Vorstellung von der inneren Monade zu gewinnen, vom magischen Wort der Seele. Doch dieses plötzliche Licht verbrennt, verzehrt alles. Entblößt uns sogar von uns selbst.

Ich habe mich gesehen, wenn auch nur einen Augenblick lang. Und nun vermag ich nicht einmal mehr zu sagen, was ich war. Letztendlich bin ich müde, denn ich meine, warum weiß ich nicht, daß aller Sinn im Schlafen liegt.

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Bisweilen verspüre ich, warum weiß ich nicht, ein Vorzeichen des Todes … Vielleicht ist es eine unbestimmte Krankheit, die sich nicht in Schmerz materialisiert und daher eher in einem Ende vergeistigt, möglicherweise ist es auch eine Müdigkeit, die einen so tiefen Schlaf verlangt, daß bloßes Schlafen ihr nicht genügt – auf alle Fälle aber fühle ich mich wie ein Kranker, dessen Zustand sich so weit verschlechtert hat, daß er seine schwachen Hände nur noch ohne Aufbegehren oder Bedauern über die Bettdecke breiten kann, die er unter seinen Fingern fühlt …

Dann überlege ich, was es auf sich hat mit dem, was wir Tod nennen. Ich meine nicht das Geheimnis des Todes, das ich nicht ergründen kann, sondern die körperliche Empfindung, daß man zu leben aufhört. Die Menschheit hat Angst vor dem Tod, aber diese Angst ist unbestimmt; ein normaler Mensch läßt sich nicht unterkriegen, und ist ein normaler Mensch krank oder alt, schaut er nur selten mit Entsetzen in den Abgrund des Nichts, das er diesem Abgrund zuschreibt. Und dies alles, weil es ihm an Phantasie fehlt. Aber betrachtet ein Denkender den Tod als Schlaf, ist das nicht viel besser. Warum Schlaf, wenn Tod nicht gleich Schlaf ist? Das Wesentliche am Schlaf ist, daß man aus ihm erwacht, aber aus dem Tod, soweit wir wissen, nicht. Und wenn Tod gleich Schlaf ist, sollten wir doch annehmen können, daß man aus ihm erwacht. Aber das entspricht nicht der Vorstellung eines normalen Menschen: Er stellt sich den Tod als Schlaf vor, aus dem man nicht erwacht, was nichts besagt. Doch wie ich bereits sagte, ist Tod nicht gleich Schlaf, denn im Schlaf schläft und lebt man; ich weiß nicht, wie jemand den Tod mit irgend etwas vergleichen kann, da er weder Erfahrung mit ihm haben kann noch etwas hat, womit der Tod sich vergleichen ließe.

Mir kommt der Tod, wenn ich einen Toten sehe, wie eine Abreise vor. Der Leichnam wirkt auf mich wie ein abgelegtes Kleidungsstück. Jemand ist gegangen, ohne das einzige Kleid, das je wirklich sein war, mitnehmen zu müssen.

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Stille geht aus vom Geräusch des Regens und verbreitet sich in einem Crescendo grauer Monotonie in der engen Straße, die ich betrachte. Ich schlafe hellwach am Fenster stehend, an das ich mich, wie an alles, lehne. Ich suche in mir zu erfahren, welche Empfindungen ich habe bei dem zerfaserten Niederrinnen dunkel-lichten Wassers, das sich von den schmutzigen Fassaden und mehr noch von den geöffneten Fenstern abhebt. Doch ich weiß weder, was ich empfinde, noch, was ich empfinden will, ich weiß weder, was ich denke, noch, was ich bin.

Die ganze verspätete Bitterkeit meines Lebens legt in meinen blicklosen Augen das Gewand natürlicher Heiterkeit ab, das sie zu den vielen unerwarteten tagtäglichen Gelegenheiten trägt. Ich stelle fest, daß ich mich, sooft ich auch heiter und zufrieden bin, doch immer traurig fühle. Und was in mir dies feststellt, steht hinter mir, beugt sich gleichsam über mein Am-Fenster-Lehnen und starrt über meine Schultern und gar meinen Kopf hinweg, mit Augen, innerlicher als die meinen, auf den trägen, wellenförmig rinnenden Regen, der die graue ungute Luft ziseliert.

Könnte man doch alle Pflichten stehen- und liegenlassen, auch jene, die nichts von uns fordern, jeden heimischen Herd zurückweisen, auch den, der nicht unser ist, vom Ungenauen und von Spuren leben zwischen großem Wahnsinnspurpur und falschen Spitzenkrausen erträumter Majestäten … Etwas sein, das nicht die Last des äußeren Regens fühlt, nicht das Leid der inneren Leere … Ohne Seele und Gedanken – Empfindung ohne Empfindung – einen Weg beschreiten, der um Berge führt, durch Täler, eingebettet zwischen Steilhängen, fern und schicksalhaft … Sich in gemäldegleichen Landschaften verlieren. Nicht-Sein in Ferne und Farben …

Ein leichter Windhauch, den ich nicht spüre hinter dem Fenster, zerteilt das geradlinige Fallen des Regens in luftige Unebenheiten. Ein Teil des Himmels, den ich nicht sehe, hellt sich auf. Ich bemerke das, weil ich hinter den angeschmutzten Scheiben des gegenüberliegenden Fensters bereits undeutlich den Kalender an der Wand erkenne, den ich bisher nicht erkennen konnte.

Ich vergesse. Ich sehe nicht, denke nicht.

Der Regen hört auf, und von ihm bleibt für einen Augenblick leichter Staub aus winzigen Diamanten, als hätte man in der Höhe aus einem großen bläulichen Tischtuch Krümel geschüttelt. Man spürt, daß ein Teil des Himmels schon blau ist. Durch das gegenüberliegende Fenster ist jetzt deutlich der Kalender zu sehen. Er zeigt ein Frauengesicht, und alles andere ist einfach, weil ich mich daran erinnere, und die Zahnpastamarke ist die bekannteste von allen.

     

 

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