Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 40

 
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Ich betrachte die Menschheit als eine der letzten Schulen dekorativer Naturmalerei. Ich sehe keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem Menschen und einem Baum; selbstverständlich ziehe ich vor, was für meine denkenden Augen dekorativer und interessanter ist. Ist der Baum Gegenstand meines Interesses, und man fällt ihn, bedrückt mich dies mehr, als stürbe der Mensch. So manch verblassender Sonnenuntergang ist für mich schmerzlicher als der Tod eines Kindes. Ich bin in allem das Fühllose, damit es fühlen kann.

Fast fühle ich mich schuldig, daß ich diese Halbgedanken in einem Augenblick niederschreibe, an dem aus dem endenden Tag ein leichter, zusehends farbiger Wind aufkommt. Nicht der Wind färbt sich, sondern die Luft, durch die er zögernd zieht; da mir aber scheint, als färbe er sich, sage ich dies, denn ich muß unbedingt sagen, was mir zu sein scheint, zumal ich ich bin.

162

Alles, was uns im Leben an Unangenehmem widerfährt, wenn wir uns lächerlich machen, gedankenlos handeln oder aus der Rolle fallen, sollte man als rein äußerliches Mißgeschick betrachten, das der Substanz unserer Seele nichts anhaben kann. Nehmen wir es wie Zahnschmerzen oder Hühneraugen des Lebens hin, Dinge, die uns stören und, obgleich uns eigen, äußerlicher Natur, sind nur für unsere organische Existenz von Belang oder unsere Körperfunktionen.

Gewinnen wir diese Einstellung, die in gewisser Weise auch die der Mystiker ist, sind wir nicht nur vor der Welt sicher, sondern auch vor uns selbst, denn wir besiegen, was in uns äußerlich, fremd und gegenteilig ist und folglich unser Feind.

Horaz[32]   sagte, der Gerechte bliebe unerschrocken, selbst wenn rings um ihn die Welt einstürzte. Das Bild ist absurd, sein Sinn richtig. Selbst wenn um uns herum einstürzte, was wir vorgeben zu sein, da wir koexistieren, sollten wir unerschrocken bleiben – nicht weil wir gerecht wären, sondern wir wir selbst sind, und wir selbst sein heißt, nichts zu tun haben mit den äußerlichen Dingen, die einstürzen, auch wenn sie über dem einstürzen, was wir für sie sind.

Das Leben sollte für die Besten ein Traum sein, der Konfrontationen ablehnt.

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Die unmittelbare Erfahrung ist das Versteck oder die Ausflucht der Phantasielosen.

Lese ich, welchen Gefahren ein Mann ausgesetzt ist, der Tiger jagt, fühle ich alle fühlenswerten Gefahren, ausgenommen der Gefahr selbst, so wenig fühlenswert, daß sie nicht mehr zu fühlen war.

Tatmenschen sind die unfreiwilligen Sklaven der Verstandesmenschen. Dinge besitzen nur den Wert, den man ihnen beimißt. Daher schaffen die einen Dinge, damit sie die anderen, indem sie ihnen eine bestimmte Bedeutung verleihen, zu Leben werden lassen. Erzählen ist erschaffen, während leben nur mehr gelebt werden ist.

164

Untätigkeit tröstet über alles hinweg. Nicht handeln gibt uns alles. Sich etwas vorstellen ist alles, solange es nicht in Handeln ausartet. Niemand kann König der Welt sein, es sei denn im Traum. Und ein jeder von uns will, sofern er sich wirklich kennt, König der Welt sein.

Nicht zu sein, obgleich man denkt, bedeutet den Thron. Nicht zu wollen, obgleich man wünscht, bedeutet die Krone. Uns gehört, worauf wir verzichten, weil wir es im Traum bewahren, unversehrt und ewig im Licht der Sonne, das es nicht gibt, oder des Mondes, das es nicht geben kann.

165

Alles, was nicht meine Seele ist, ist für mich, ob ich will oder nicht, nur Kulisse und Dekoration. Auch wenn mein Verstand mir sagt, daß ein anderer Mensch ein Lebewesen ist wie ich, hat er für mein unfreiwilliges und somit wirkliches Ich stets weniger Bedeutung als ein Baum, sofern der Baum schön ist. Daher betrachte ich seit jeher alles, was Menschen umtreibt und bewegt – die großen kollektiven Tragödien der Geschichte oder das, was wir aus ihr machen –, als bunte Friese und die Figuren darauf als seelenlos. Nie hat mich bedrückt, was an Tragischem in China geschah. Es ist eine ferne Kulisse für mich, wenngleich in den Farben von Pest und Blut.

Mit ironischer Traurigkeit erinnere ich mich einer Arbeiterdemonstration, deren Aufrichtigkeit ich nicht einzuschätzen vermag (denn es fällt mir immer schwer, an die Aufrichtigkeit von Massenveranstaltungen zu glauben, da nur der einzelne und nur mit sich allein fähig ist zu fühlen). Es war ein geballter, ungezügelter Zusammenschluß von erhitzten Dummköpfen, die an meiner abseits stehenden Teilnahmslosigkeit vorüberzogen und dies und jenes brüllten. Plötzlich verspürte ich Ekel. Sie waren nicht einmal glaubhaft schmutzig. Die wirklich Leidenden rotten sich nicht zusammen, bilden keine Gemeinschaft. Wer leidet, leidet allein.

Was für eine klägliche Gemeinschaft! Welch Mangel an Menschlichkeit und Schmerz! Sie waren wirklich und daher unglaubwürdig. Keiner konnte mit ihnen ein Romangemälde gestalten oder eine Kulisse. Sie waren Treibgut in einem Fluß, im Fluß des Lebens. Ihr Anblick machte mich müde, erfüllte mich mit Ekel und Erhabenheit.

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Wenn ich das Leben der Menschen aufmerksam betrachte, finde ich darin nichts, was es vom Leben der Tiere unterschiede. Die einen wie die anderen werden unbewußt durch die Dinge und die Welt geworfen; die einen wie die anderen legen hin und wieder eine Pause ein, die einen wie die anderen durchleben täglich den gleichen organischen Ablauf; die einen wie die anderen denken nicht über das hinaus, was sie denken, und sie leben auch nicht über das hinaus, was sie leben. Die Katze räkelt sich in der Sonne und schläft in ihr. Der Mensch räkelt sich im Leben mit all seinen Verwicklungen und schläft in ihm. Weder Tier noch Mensch entkommen dem schicksalhaften Gesetz, zu sein, was sie sind. Niemand versucht die Last des Seins aufzuheben. Die größten unter den Menschen lieben den Ruhm, aber nicht den Ruhm der eigenen Unsterblichkeit, sondern vielmehr eine abstrakte Unsterblichkeit, an der sie womöglich keinen Anteil haben.

Diese Überlegungen, die ich häufig anstelle, erfüllen mich unweigerlich mit Bewunderung für jene Art von Menschen, die ich sonst instinktiv ablehne. Ich meine die Mystiker und die Asketen – die Einsiedler aller möglichen Tibets und die Simon Stylites aller Säulen. Sie versuchen wirklich, wenngleich auf absurde Art, sich vom Gesetz des Tierhaften zu befreien. Sie versuchen tatsächlich, wenngleich auf törichte Art, das Gesetz des Lebens zu leugnen, sich in der Sonne zu räkeln und auf den Tod zu warten, ohne an ihn zu denken. Sie sind auf der Suche, wenn auch auf einer Säule stehend; sie verzehren sich in Sehnsucht, wenn auch in einer lichtlosen Zelle; sie wollen das Unbekannte, wenn auch im selbstauferlegten Martyrium und Leid.

Wir anderen alle, die wir animalisch und mehr oder minder vielschichtig leben, überqueren die Bühne wie stumme Mitwirkende, zufrieden mit der eitlen Feierlichkeit unseres Auftritts. Hunde und Menschen, Katzen und Helden, Flöhe und Genies spielen »wir existieren und denken uns nichts dabei« (denn die Besten von uns denken nur ans Denken) unter der großen Stille der Gestirne. Die übrigen – die Mystiker des Leidens und des Opfers – spüren zumindest mit ihrem Körper und im Alltag die magische Gegenwart des Geheimnisses. Sie sind befreit, weil sie die sichtbare Sonne leugnen; sie sind erfüllt, weil sie sich der Leere der Welt entledigt haben.

Spreche ich von ihnen, werde ich selbst fast zum Mystiker, aber ich wäre außerstande, mehr als diese Worte zu sein, die ich einer zufälligen Eingebung folgend niedergeschrieben habe. Ich werde immer zur Rua dos Douradores gehören, wie die gesamte Menschheit. Ich werde immer in Vers oder Prosa ein Büroangestellter sein. Ich werde immer, mit oder ohne Mystik, ortsgebunden und unterwürfig sein, ein Sklave meiner Empfindungen und der Stunde, in der ich sie empfinden kann. Ich werde immer, unter dem großen blauen Zelt des stummen Himmels, ein Page in einem unverständlichen Ritual sein, bekleidet mit Leben, um es vollziehen zu können, und Gesten und Schritte ausführen, ohne zu wissen weshalb, bis das Fest oder meine Rolle auf diesem Fest endet und ich in den großen Buden, hinten im Park, wie es heißt, Leckerbissen verzehren kann.

     

 

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