Читать онлайн "Das Buch der Unruhe" автора Pessoa Fernando - RuLit - Страница 41

 
 
     



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Dies ist ein Tag, an dem die Eintönigkeit aller Dinge mich bedrückt, als käme ich in den Kerker. Diese Eintönigkeit ist jedoch nichts anderes als die meine. Jedes Gesicht, auch wenn wir es gestern gesehen haben, ist heute ein anderes, denn heute ist nicht gestern. Jeder Tag ist der Tag, der er ist, und nie hat es auf der Welt einen ebensolchen gegeben. Identität ist auf unsere Seele beschränkt – die empfundene, wenn auch trügerische Identität mit sich selbst –, durch die alles sich ähnlich wird und vereinfacht. Die Welt besteht aus verschiedenen Dingen und unterschiedlichen Kanten; sind wir aber kurzsichtig, wirkt sie wie ein undurchschaubarer, beständiger Nebel.

Ich würde am liebsten flüchten. Flüchten vor dem, was ich kenne, flüchten vor dem, was mein ist, flüchten vor dem, was ich liebe. Ich möchte auf und davon – und dabei denke ich nicht an unmögliche Indien oder die großen Inseln im Süden aller Dinge, sondern an irgendeinen Ort – Dorf oder Einöde –, der anders ist als dieser hier. Ich mag diese Gesichter, diese Gewohnheiten und diese Tage nicht länger sehen. Ich möchte als Fremder ausruhen von dem mir in Fleisch und Blut übergegangenen Vortäuschen. Ich möchte fühlen, wie der Schlaf als Leben zu mir kommt, nicht als Erholung. Eine Hütte am Meer, ja selbst eine Höhle an einem zerklüfteten Gebirgshang könnte mir dies geben. Doch vermag dies leider mein Wille nicht.

Sklaverei ist das Gesetz des Lebens, und es gibt kein anderes Gesetz, denn dieses hier muß befolgt werden, es ist unumgänglich, und kein Aufbegehren ist möglich. Manche kommen als Sklaven auf die Welt, andere werden zu Sklaven, und wieder anderen ist die Sklaverei gegeben. Die feige Liebe, die wir alle zur Freiheit hegen – über die wir, besäßen wir sie, nur staunten und sie alsbald von uns wiesen –, zeigt deutlich, wie sehr uns die Sklaverei bestimmt. Ich selbst, der ich soeben sagte, ich wünschte mir eine Hütte oder Höhle, in der ich frei sein könnte von der Eintönigkeit aller Dinge, die meine eigene ist, würde ich es wohl wagen, zu dieser Hütte oder Höhle aufzubrechen, wenn meine Erfahrung mir sagte, daß mich die Eintönigkeit, die doch die meine ist, mich allzeit begleitet? Wo aber könnte ich, der ich ersticke, wo ich bin und weil ich bin, freier atmen, wenn die Krankheit von meinen Lungen herrührt und nicht von den mich umgebenden Dingen? Ich selbst, der ich mich laut nach der reinen Sonne und dem freien Feld sehne, nach dem sichtbaren Meer und dem unverstellten Horizont, wer sagt mir denn, daß ich nicht ein anderes Bett befremdlich fände, ein anderes Essen oder die Tatsache, nicht mehr die vier Stockwerke bis nach unten zu gehen, nicht in den Tabakladen an der Ecke zu treten und keinen Gruß mit dem müßig herumstehenden Friseur zu tauschen?

Alles, was uns umgibt, wird ein Teil unserer selbst, dringt ein in unser körperliches Empfinden und unser Lebensgefühl und bindet uns fein, wie der Speichel der großen Spinne, an das Naheliegende, fesselt uns an das leichte Lager eines langsamen Todes, das der Wind wiegt. Alles ist wir, und wir sind alles, doch wozu, wenn alles nichts ist? Ein Sonnenstrahl, eine Wolke, deren plötzlicher Schatten besagt, daß sie vorüberzieht, eine aufkommende Brise, die Stille, die auf ihr Verwehen folgt, dies oder jenes Gesicht, Stimmen hier und da, ihr gelegentliches Gelächter, und dann die Nacht, und sinnlos aufgehend die zerbrochenen Hieroglyphen der Sterne.

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… Und ich, der ich furchtsam das Leben hasse, fürchte fasziniert den Tod. Ich fürchte dieses Nichts, das etwas anderes sein kann, und fürchte es zugleich als Nichts und etwas anderes, als könnten sich darin das Nichtige und das Schreckliche vereinigen, als schlösse man mir im Sarg den ewigen Atem einer körperlichen Seele ein, als könnte man das Unsterbliche mit Abgeschlossenheit quälen. Die Vorstellung von der Hölle, die nur eine satanische Seele erfunden haben kann, scheint mir einer derartigen Verwirrung entsprungen – dem Vermischen von zweierlei Ängsten, die einander widersprechen und verderben.

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Abschnitt für Abschnitt lese ich nochmals langsam und hellwach alles, was ich geschrieben habe. Und alles erscheint mir belanglos; es wäre besser gewesen, ich hätte es nicht geschrieben. Allem Verwirklichten, seien es Imperien oder Sätze, haftet, eben weil es verwirklicht wurde, das Schlimmste alles Wirklichen an: die Gewißheit, daß es vergänglich ist. Doch nicht das empfinde ich als schmerzlich in diesen langsamen Augenblicken erneuten Lesens. Mich schmerzt, daß diese Seiten nicht der Mühe lohnten und daß die Illusion, sie täten es, die ich in der mit diesem Tun verlorenen Zeit gewann, sich nunmehr zerschlagen hat.

Alles, was wir betreiben, betreiben wir aus Ehrgeiz, doch entweder werden wir diesem Ehrgeiz nicht gerecht und sind arm dran oder vermeinen, wir wären es, und sind reiche Narren.

Mich schmerzt, daß mein Bestes schlecht ist und ein anderer, wenn er denn so wäre, wie ich ihn mir erträume, Besseres zustande gebracht hätte. Alles, was wir tun, in der Kunst oder im Leben, ist nur die unvollkommene Kopie dessen, was wir vermeinten zu tun. Es erreicht weder die äußere noch die innere Vollkommenheit; es verstößt nicht nur gegen die Regeln dessen, was sein müßte, sondern auch gegen die Regeln dessen, was wir für möglich hielten. Wir sind nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich hohl, Parias der Vorwegnahme und der Verheißung.

Mit welcher Kraft einer einsamen Seele schrieb ich Seite um Seite diesen einsiedlerischen Text und erlebte Silbe um Silbe die falsche Magie nicht des von mir Geschriebenen, sondern dessen, was ich glaubte zu schreiben! Unter welch ironischem Zauber, welchem Bann hielt ich mich für den Dichter meiner Prosa, in jenen beflügelten Augenblicken, in denen sie, rascher als die Bewegungen meiner Feder, wie eine trügerische Vergeltung für alle Schmach des Lebens entstand! Und heute, endlich, beim nochmaligen Lesen, nehme ich meine Hampelmänner wahr, wie es sie zerreißt, das Stroh aus ihnen quillt – ausgeweidet, ohne je gewesen zu sein …

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3061931

Seit die letzten Regenwolken nach Süden abgezogen sind und nur der Wind zurückgeblieben ist, der sie fortfegte, ist die Heiterkeit der sicheren Sonne zu den Hügeln der Stadt zurückgekehrt, und viel weiße Wäsche hängt und flattert an straff gespannten Leinen oben vor den Fenstern der vielfarbigen Häuser.

Und auch ich war zufrieden mit meinem Dasein. Ich verließ das Haus mit dem einen großen Ziel, rechtzeitig ins Büro zu kommen. Doch heute verband sich der dem Leben innewohnende Zwang mit jenem anderen wohltuenden Zwang, der die Sonne zu den im Almanach vorgesehenen Zeiten je nach Längen- und Breitengrad der verschiedenen Orte dieser Erde scheinen läßt. Ich fühlte mich glücklich, weil ich mich nicht unglücklich fühlen konnte. Ich ging gelassen die Straße hinunter, voller Gewißheit, waren doch das mir bekannte Büro und die mir bekannten Menschen aus diesem Büro ebenfalls Gewißheiten. Kein Wunder, daß ich mich frei fühle, ohne zu wissen wovon. In den Körben auf den Bürgersteigen der Rua da Prata leuchteten die feilgebotenen Bananen strahlend gelb.

     

 

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