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«Die Gentlemen?»

«Ja. Das war mal eine ganz große Familie. Der Älteste, Mr. Edmund, ist im Krieg gefallen. Dann ist da Mr. Cedric, der lebt irgendwo im Ausland. Ist ledig geblieben. Treibt sich in der Weltgeschichte rum und malt Bilder. Mr. Harold arbeitet in der City und wohnt in London – hat eine Grafentochter geheiratet. Dann gibt’s Mr. Alfred, der ist ganz umgänglich, hat aber was vom schwarzen Schaf und ist schon ein paar Mal in die Zwickmühle geraten – schließlich ist da noch der Mann von Miss Edith, Mr. Bryan, der ist unheimlich nett und – sie ist vor ein paar Jahren verstorben, aber er gehört immer noch zur Familie. Ach ja, und Master Alexander, das ist der kleine Junge von Miss Edith. Der geht zur Schule, ist aber in den Ferien meistens hier. Miss Emma vergöttert ihn richtig.»

Lucy verdaute all diese Neuigkeiten und drängte ihrer Informantin immer wieder Tee auf. Schließlich stand Mrs. Kidder widerstrebend auf.

«Jetzt haben wir uns ja richtig verquatscht», sagte sie verwundert. «Soll ich Ihnen bei den Kartoffeln helfen, Liebes?»

«Die sind schon fertig.»

«Na, Sie kriegen ja ganz schön was geschafft! Dann mach ich mich wohl besser auf die Socken, wenn es hier eh nichts mehr zu tun gibt.»

Mrs. Kidder ging, und da Lucy noch Zeit hatte, scheuerte sie den Küchentisch. Das hatte sie die ganze Zeit vorgehabt, aber aufgeschoben, um Mrs. Kidder nicht zu kränken, zu deren Aufgaben es eigentlich gehörte. Dann polierte sie das Tafelsilber, bis es blitzte und funkelte. Sie kochte Mittagessen, räumte ab, spülte das Geschirr, und um halb drei konnte sie auf Entdeckungsreise gehen. Das Teegeschirr hatte sie auf einem Tablett bereitgestellt und Sandwiches, Brot und Butter mit einer feuchten Serviette abgedeckt, um alles frisch zu halten.

Sie schlenderte durch die Gärten, was ja nur normal war. Im Küchengarten gab es ein paar Gemüsebeete. Von den Gewächshäusern waren nur Ruinen übrig. Alle Wege waren von Unkraut überwuchert. Nur eine Staudenrabatte am Haus war gejätet und gepflegt, und Lucy nahm an, dass dies Emmas Werk war. Der Gärtner war ein schwerhöriger alter Mann, der nur so tat, als arbeite er. Lucy unterhielt sich freundlich mit ihm. Er wohnte in einem Cottage unmittelbar neben den Stallungen.

Hinter den Stallungen führte die eingezäunte Lieferantenzufahrt durch den Park und unter der Eisenbahn hindurch auf einen Feldweg.

Alle paar Minuten donnerte oben auf dem Bahndamm ein Zug über die Hauptstrecke. Lucy beobachtete, wie die Züge verlangsamten, wenn sie sich in die scharfe Kurve legten, die das Anwesen der Crackenthorpes einfasste. Sie schritt durch die Unterführung und ging den Feldweg entlang. Er wurde anscheinend selten benutzt. Auf der einen Seite lag der Bahndamm, auf der anderen stand eine hohe Mauer, die emporragende Fabrikbauten einschloss. Lucy folgte dem Feldweg, bis er auf eine Straße mit kleinen Häusern mündete. Ein Stück weiter hörte sie den Verkehrslärm einer Durchgangsstraße. Sie sah auf die Uhr. Eine Frau kam aus einem Haus, und Lucy richtete das Wort an sie.

«Entschuldigen Sie bitte, aber können Sie mir sagen, ob es hier in der Nähe einen öffentlichen Fernsprecher gibt?»

«Das Postamt ist gleich da unten an der Straßenecke.»

Lucy bedankte sich und ging zum Postamt, das gleichzeitig ein Kaufladen war. An der Seite stand eine Telefonzelle. Lucy trat hinein, wählte und bat darum, Miss Marple zu sprechen. Eine Frauenstimme antwortete barsch:

«Sie hat sich hingelegt, und ich werde sie unter keinen Umständen stören!! Sie braucht ihre Ruhe – sie ist eine alte Dame! Von wem soll ich etwas ausrichten?»

«Miss Eyelesbarrow. Sie brauchen Sie nicht zu stören. Sagen Sie ihr bitte nur, ich sei angekommen, alles entwickle sich bestens, und ich werde mich melden, soweit ich etwas Neues weiß.»

Sie hängte ein und machte sich auf den Rückweg nach Rutherford Hall.

Fünftes Kapitel

I

«Haben Sie etwas dagegen, wenn ich im Park meinen Golfschwung übe?», fragte Lucy.

«Aber natürlich nicht. Spielen Sie gern Golf?»

«Ich spiele nicht besonders gut, aber ich bleibe gern in Übung. Es ist eine angenehmere Bewegungsform als das bloße Spazierengehen.»

«Außerhalb unseres Anwesens kann man nirgends spazieren gehen», knurrte Mr. Crackenthorpe. «Nur Gehwege und erbärmliche kleine Hutschachteln von Häusern. Alle wollen bloß mein Land in die Finger kriegen und noch mehr Häuser draufstellen. Aber nur über meine Leiche. Und ich werde nicht so bald sterben, bloß um irgendwem einen Gefallen zu tun. Das kann ich Ihnen sagen! Ich tue niemandem einen Gefallen!»

Emma Crackenthorpe legte sich ins Mitteclass="underline"

«Nun lass doch, Vater.»

«Ich weiß doch, was die vorhaben – und worauf sie bloß warten. Alle, wie sie da sind. Cedric und dieser schlaue Fuchs Harold mit seinem süffisanten Grinsen. Und bei Alfred wundere ich mich bloß, dass er nicht längst versucht hat, mich kaltzumachen. Hat er an Weihnachten vielleicht auch. Da hatte ich ganz komische Krankheitsanzeichen. War dem alten Quimper ein Rätsel. Hat mir jede Menge dezente Fragen gestellt.»

«Jeder bekommt mal eine Magenverstimmung, Vater.»

«Schon gut, schon gut, sag doch ruhig, dass ich zu viel gegessen hatte! Darauf willst du doch hinaus. Und warum habe ich zu viel gegessen? Weil zu viel Essen serviert wurde, viel zu viel. Alles Luxus und Verschwendung. Da fällt mir ein – Sie da, junge Frau. Fünf Kartoffeln haben Sie zum Mittagessen aufgetischt – und zwar ziemlich große. Niemand isst doch mehr als zwei Kartoffeln. Also servieren Sie in Zukunft nicht mehr als vier. Die fünfte war heute verschwendet.»

«Sie war nicht verschwendet, Mr. Crackenthorpe. Ich wollte sie heute Abend für eine spanische Omelette verwenden.»

«Pfui Deibel!» Als Lucy mit dem Kaffeetablett das Zimmer verließ, hörte sie ihn noch sagen: «Patente junge Frau, das, nie um eine Antwort verlegen. Kocht gut – und hübsch ist das Mädchen auch.»

Lucy Eyelesbarrow nahm ein leichtes Eisen aus dem Golfschlägersatz, den sie in weiser Voraussicht mitgebracht hatte, ging in den Park hinaus und schwang sich über den Zaun.

Sie schlug eine Reihe von Bällen. Nach etwa fünf Minuten landete ein augenscheinlich angeschnittener Ball am Bahndamm. Lucy ging hinterher und suchte ihn. Sie sah zum Haus zurück. Es war weit weg, und niemanden kümmerte ihr Tun. Sie suchte weiter ihren Golfball. Ab und zu schlug sie Bälle vom Bahndamm ins Gras hinunter. Im Lauf des Nachmittags suchte sie etwa ein Drittel des Bahndamms ab. Nichts. Sie spielte ihren Ball zum Haus zurück.

Am Tag darauf fand sie etwas. Ein auf halber Höhe des Bahndamms wachsender Dornbusch war abgeknickt. Einzelne Zweige lagen verstreut am Boden. Lucy untersuchte den Strauch. An einem Dorn hatte sich ein Pelzfetzen verfangen. Er hatte fast dieselbe Farbe wie das Holz, ein blasses Braun. Lucy begutachtete ihn kurz, dann holte sie eine Schere aus der Tasche und schnitt ihn vorsichtig durch. Die abgeschnittene Hälfte schob sie in einen Briefumschlag und steckte ihn in die Tasche. Dann stieg sie den steilen Hang hinab und hielt Ausschau nach weiteren Anhaltspunkten. Sorgfältig suchte sie die unebene Wiese ab. Sie glaubte, eine Art Trampelpfad auszumachen, der durch das hohe Gras führte. Aber er war kaum zu erkennen – weit weniger deutlich als ihre eigenen Fußspuren. Er musste schon vor einiger Zeit entstanden sein und war nur so schwach zu erkennen, dass sie ihn sich vielleicht bloß einbildete.