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Jetzt erreichte die Kutsche das bessere Stück Landstraße, die letzten drei Meilen bis zur Küste; und er dachte an die hektischen und anstrengenden Tage seit seiner und des neuen Admirals Ankunft.

Einen Menschen wie Broughton hatte er noch nie erlebt. Gewöhnlich wirkte er ganz ungezwungen; aber seine Stimmungen wechselten schnell, und er wurde anscheinend nie müde.

Bolitho erinnerte sich an das Dinner in der großen Kajüte; wie er da das Gespräch der versammelten Offiziere in Gang gehalten hatte, ohne es jemals an sich zu reißen, und doch wußte jeder einzelne, daß er ständig kontrolliert wurde.

Bolitho war keineswegs sicher, daß er genau ergründet hatte, was für ein Mann hinter dieser Maske aus Charme und Eleganz steckte. Wenn Bolitho Sir Lucius manchmal kalt und unnahbar fand, so war das, wie er genau wußte, nur ein anderes Wort für sein Unbehagen und Mißtrauen gegenüber vielem, was der Admiral verkörperte: die Privilegien, die unbestrittene Macht, diese ganz andere Welt, an der Bolitho keinen Anteil hatte und auch keinen Anteil wollte.

Wenn Broughton von seinem Haus in London sprach, von den Leuten mit großen Namen und großem Einfluß, die dort ständig ein und aus gingen, dann war das keineswegs leere Prahlerei. Es war seine natürliche Art zu leben, etwas, das ihm einfach zustand.

Wenn man ihn in der leicht schwankenden Kajüte des großen Drei-deckers und beim gemütlich kreisenden Wein so reden hörte, konnte man sich des Gedankens nicht erwehren, daß alle wichtigen Entscheidungen in diesem Kriege gegen Frankreich und seine immer zahlreicheren Alliierten nicht in der Admiralität getroffen wurden, sondern bei Gesellschaften an Londoner Kaffeetafeln und in Häusern wie dem Broughtons.

Trotzdem zweifelte Bolitho nicht, daß Sir Lucius eine ganze Menge von Strategie und internationaler Flottenpolitik verstand. Vor drei Monaten hatte Broughton in der Seeschlacht von St. Vincent[18] mitgekämpft; und sein taktischer Verstand, seine Fähigkeit, ein anschauliches Bild vom Verlauf des Kampfes zu geben, hatten Bolitho sehr beeindruckt.

Bolitho konnte sich noch daran erinnern, mit wieviel Neid und Bitterkeit er die Nachricht von Jervis' großem Sieg aufgenommen hatte, während er selbst diese elende Routineblockade vor Südirland fuhr. Hätte der Feind wirklich eine Invasion von Irland versucht und dabei die Euryalus mitsamt ihrem kleinen Geschwader in ein Gefecht verwickelt, so wäre ihm anders zumute gewesen. Beim eifrigen Studium der Berichte über Jervis' Sieg war ihm wieder einmal klargeworden, wieviel Glück dazu gehörte.

Der alte Admiral Jervis war daraufhin zum Earl St. Vincent ernannt worden; und ein anderer Name, Kommodore[19] Nelson, ließ Hoffnung für die Zukunft anklingen. Bolitho erinnerte sich daran, den jungen Nelson anläßlich der unglückseligen Aktion von Toulon[20] kurz gesehen zu haben. Nelson war zwei Jahre jünger als er und doch schon Kommodore; wenn er am Leben blieb, würde er bald noch höher auf der Rangliste steigen.

Einem so begabten Seeoffizier neidete Bolitho seine verdienten Erfolge nicht. Doch dabei war er sich bewußt, daß er selbst ins Hintertreffen geraten war — oder so kam es ihm jedenfalls vor.

Drei weitere Linienschiffe, lauter Vierundsiebziger, waren zur Eu-ryalus gestoßen, sowie noch eine Fregatte außer der Auriga, und eine kleine Korvette. Prächtig in der Bucht von Falmouth nebeneinander aufgereiht, boten sie einen eindrucksvollen Anblick; aber er wußte aus bitterer Erfahrung, daß sie, einmal auf hoher See und in der wogenden Leere verstreut, nicht mehr so machtvoll und unbesiegbar aussehen würden. Unwahrscheinlich, daß Broughtons kleines Geschwader anders als am Rande größerer Unternehmungen eingesetzt werden würde.

Der einzige Lichtblick in diesen ersten hektischen Tagen von Broughtons Kommando war, daß er Bolithos Vorschläge und Bitten für die Auriga-Besatzung doch noch akzeptiert hatte. Bootsmannsmaat Taylor saß in Arrest und würde zweifellos degradiert werden. Kapitän Brice und sein Erster Offizier waren noch an Land in der Garnison, und der Dienstbetrieb an Bord der Auriga lief erstaunlich glatt. Außer ihren eigenen neu eingetroffenen Marine-Infanteristen war keine besondere Wache an Bord, und Bolitho hatte Leutnant Keverne als vorläufigen Kommandanten hinübergeschickt, bis ein neuer ernannt wurde. Die Tatsache, daß Keverne offiziell und mit Zustimmung Brough-tons ausgewählt worden war, ließ durchaus vermuten, daß er bald befördert und in seinem Kommando bestätigt werden sollte. Bolitho verlor ihn nur ungern, freute sich aber auch, daß er eine so unerwartet Chance bekam.

Die Pferde gingen langsamer und erreichten die höchste Stelle der Straße, so daß Bolitho Meer und Hafen wie eine bunte Landkarte vor sich ausgebreitet sah. Das vor Anker liegende Geschwader, das geschäftige Kommen und Gehen von Captain Rooks Patrouillebooten vermittelten den Eindruck bester Planung und Bereitschaft. Auf hoher See würde es also nicht allzu lange dauern, bis sich die Kommandanten so aufeinander eingestellt hatten, daß die Schiffe im Verband zusammenwirken und gemeinsam nach den Befehlen ihres Admirals manövrieren konnten. Aber wann sie endlich segeln und welchen endgültigen Auftrag sie bekommen würden, das blieb immer noch Geheimnis. Broughton wußte bestimmt eine ganze Menge mehr, als er verlauten ließ, und hatte wiederholt gesagt:»Machen Sie nur meine Schiffe segelfertig, Bolitho. Das andere erledige ich dann schon, sobald ich von London Bescheid habe.»

Broughton war anscheinend davon überzeugt, daß sich alles zu seiner Befriedigung entwickeln würde. An den Schiffen wurde von Sonnenaufgang bis — Untergang gearbeitet: Übernahme von Verpflegung und Trinkwasser, von Ersatzteilen, Gerät, und auch ihrem Anteil an menschlicher Ware, die Rooks Preßkommandos brachten. Der Admi-ral war meist in seiner Kajüte oder an Land, wo er mit irgendwelchen städtischen Beamten speiste, die ihm bei der Ausrüstung von Nutzen sein konnten.

Die düstere Spannung, welche die Ankunft der Auriga verursacht hatte, war größtenteils geschwunden, und Bolitho registrierte dankbar, daß Broughton die Affäre so human und nachsichtig behandelte. Was in Spithead passiert war, durfte nie wieder passieren, und er würde nicht nur die Auriga, sondern jedes Schiff des Geschwaders genau im Auge behalten müssen, um dessen völlig sicher zu sein.

Bolitho nahm seinen Degen vom Nebensitz auf. Die Berline rollte über das abgefahrene Kopfsteinpflaster und hielt quietschend vor dem Gasthof am Kai. Die nassen Pferde wandten die Köpfe, warteten ungeduldig auf Futter und Ruhe.

Ein paar Stadtbewohner spazierten auf dem Markt herum, doch Bo-litho fielen sofort die rotröckigen Soldaten auf und eine Atmosphäre allgemeiner Spannung, die noch nicht geherrscht hatte, als er mit Thelwalls Leichnam nach Truro aufgebrochen war. Jetzt kam ihm Rook entgegen, offenbar erleichtert, aber auch besorgt.

«Was ist los?«Bolitho nahm ihn beim Arm und zog ihn in den Schatten des Gasthofes.

Rook blickte sich vorsichtig um.»Die Meuterei in der Nore-Flotte hat sich ausgebreitet: die ganze Flotte ist in der Hand der Meuterer und unter Waffen!«Er senkte die Stimme.»Eine Brigg aus Plymouth hat die Nachricht gebracht. Ihr Admiral ist mächtig wütend.»

Bolitho schritt mit ihm zusammen weiter, äußerlich ruhig, doch seine Gedanken rasten angesichts dieser neuen Entwicklung.

«Wie kommt es, daß wir das erst jetzt erfahren?»

Rook zerrte an seiner Halsbinde, als ersticke sie ihn.»Eine Patrouille fand den Kurier aus London tot in einer Hecke, mit durchschnittener Kehle und leerer Depeschentasche. Jemand hat gewußt, daß er hierher ritt, und dafür gesorgt, daß Admiral Broughton so lange wie möglich nichts erfuhr!«Rook winkte einem Matrosen am Kai:»Rufen Sie ein Boot her, Mann!»

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18

Sieg der Engländer unter Admiral Jervis am 14. 2. 1797 über die Spanier bei Kap St. Vincent, Spanien

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19

Kommandant eines kleinen Geschwaders, nicht im Admiralsrang.

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20

siehe >Nahkampf der Giganten<