«Ich kann die Tanais sehen, Sir«, sagte Keverne.
Bolitho nickte. Der rote Schein lag auf der Großrah des Vierundsiebzigers wie Feenglanz in den Wäldern von Cornwall, dachte er. Seine Hecklaterne verblaßte bereits; und als er zum Verklicker der Euryalus emporsah, glänzte das Großmarssegel feucht im Frühtau, und mit jeder Sekunde vertiefte sich der Widerschein der Morgenröte auf seiner Fläche.
Man hörte leichte Schritte, und Keverne flüsterte:»Der Admiral,
Sir.»
Broughton schritt zum Achterdeck und starrte auf den fernen Berg. Bolitho machte seine dienstliche Meldung.
«Klar zum Gefecht, Sir. Die Rahen sind angekettet, die Schutznetze aufgeriggt.»
Bei dem Krach, mit dem diese Vorbereitungen verbunden waren — Zwischenwände abreißen, die Zurrings von den Kanonen nehmen, das Tappen nackter Füße, wenn die Matrosen sich selbst und ihr Schiff kampffähig machten — mußte auch Broughton das wissen. Aber Meldung mußte nun einmal gemacht werden.
«Haben wir schon Sichtverbindung mit dem Geschwader?«knurrte Broughton.
«Mit der Tanais, Sir. Aber wir werden bald mit allen direkte Signalverbindung aufnehmen können.»
Der Admiral ging zur Leeseite und spähte zum Land hinüber. Es war nicht mehr als ein dunkler Schatten, über dem der Berggipfel frei im Raum zu hängen schien.»Ich bin froh«, sagte er,»wenn das Geschwader über Stag gehen kann. Ich hasse es, vor einer Leeküste zu stehen, wenn die Sicht so schlecht ist.»
Er fiel wieder in Schweigen, und Bolitho hörte schwere regelmäßige Schritte auf dem Steuerborddecksgang; es klang, als schlüge jemand mit einem Hammer gegen einen Baumstamm.
«Sagen Sie diesem Offizier, er soll nicht so laut sein, hol ihn der Teufel«, blaffte Broughton.
Keverne gab diesen plötzlichen Ausbruch des Unwillens an den Schuldigen weiter, und Bolitho hörte Meheux rufen:»Bitte um Entschuldigung, Sir Lucius!«Aber es klang trotzdem ganz vergnügt. Bolitho hatte ihn von der Navarra zurückberufen, damit er wieder seine geliebte obere Batterie von Zwölfpfündern übernahm, und Me-heux grinste beinahe unaufhörlich, seit er wieder an Bord war.
Immerhin war das ein Zeichen, daß es Broughton nicht recht wohl bei dem ganzen Unternehmen war.
«Ich habe den Gefangenen ins Orlopdeck[27] bringen lassen, Sir Lucius.»
Der Admiral schnob verächtlich.»Dieser verdammte Witrand! Der sollte lieber hier oben bleiben — würde ihm guttun!»
Bolitho lächelte.»Eines ist jedenfalls sicher: er weiß über diese Gegend besser Bescheid, als ich zuerst dachte. Als Keverne ihn nach unten bringen wollte, war er schon fertig angezogen und durchaus darauf vorbereitet — jemand, der von militärischen Dingen nichts versteht, wäre zumindest überrascht gewesen.»
«Das war umsichtig von Keverne«, entgegnete Broughton, aber es klang nur ganz beiläufig. Vermutlich dachte er nach wie vor daran, was dort drüben hinter den Schatten lag.
Wieder waren laute Schritte an Deck zu vernehmen, und Broughton fuhr herum: Calvert stolperte ungeschickt über die Taljen eines Geschützes.
«Passen Sie gefälligst auf Ihre Füße auf! Sie machen ja mehr Krach als ein Blinder mit 'nem Holzbein!»
Im Halbdunkel murmelte Calvert irgend etwas, und Bolitho sah, wie die Männer der nächstliegenden Geschützbedienung einander wissend angrinsten. Calverts prekäres Verhältnis zum Admiral mußte im ganzen Schiff bekannt sein.
«Guten Morgen, Gentlemen!«Draffen kam unter der Kampanje heraus. Er trug ein plissiertes weißes Hemd und eine dunkle Kniehose, in deren Gürtel eine Pistole stak, und wirkte wohlausgeruht, wie soeben aus tiefem, traumlosem Schlaf erwacht.
«Die Zeus in Sicht, Sir!«rief Midshipman Tothill.
Bolitho schritt zur Achterdecksreling und spähte nach vorn. Stetig wuchs die Tanais aus dem Schatten heraus, und hinter ihr, etwas nach Backbord, konnte er eben noch den führenden Vierundsiebziger ausmachen; die oberen Rahen schimmerten bereits im Widerschein des Morgenrots.
Der Rand der Sonne stieg langsam und gleichmäßig über die Kimm, das warme Licht erreichte beide Seiten des Bugs, rührte an die lebhaften Wogenkämme, breitete sich weiter aus.
«Da ist ja Land, Sir!«schrie Tothill plötzlich.
Das war nun kaum eine vorschriftsmäßige Sichtmeldung, aber sie waren alle viel zu aufgeregt, um diesen Formfehler zu bemerken. Und in Anbetracht von Broughtons Gereiztheit war das auch besser so, dachte Bolitho.»Danke, Mr. Tothill«, antwortete er kühl.»Sie merken auch alles.»
Im rasch zunehmenden Sonnenlicht konnte man sehen, daß der Midshipman rot anlief, aber er war klug genug, den Mund zu halten.
Bolitho wandte sich um und beobachtete, wie das Land immer deutlicher aus dem zurückweichenden Schatten hervortrat: langgestreckte Hügel, jetzt noch grau und purpurn, aber schon wurden die kahlen Abhänge sichtbar, in deren dunkleren Flächen sich Schluchten und tiefe Spalten verbargen.
«Die Valorous ist in Sicht, Sir. «Lucey, der Fünfte Offizier, der auch die Achterdeck-Neunpfünder unter sich hatte, meldete es mit gedämpfter Stimme.»Sie hat die Bramsegel gesetzt.»
Bolitho ging die Deckschräge zur Luvseite hinan und starrte über die Hängemattsnetze. Der Vierundsiebziger, das letzte Schiff der Reihe, bot ein schönes Bild, wie es stürmisch hinter den langsameren Schiffen aufkam; die Mars- und Bramsegel schimmerten wie polierte Muscheln, während der Rumpf sich noch im Schatten verbarg. Bald schon würde ein Ausguck die Fregatte weit draußen auf See sichten können, und dann auch die kleine Restless, die sich näher an die Küste heranschlich, und endlich auch das letzte Schiff, das die Finsternis freigab: ihre Prise, die Navarra, sollte auf Signaldistanz bleiben, aber nicht näher kommen. Es konnte nichts schaden, wenn die Verteidiger von Djafou dachten, daß Broughton mindestens noch ein weiteres Kriegsschiff zur Verfügung hätte. Bolitho hatte sogar vorgeschlagen, daß der Steuermannsmaat, der zur Ablösung Meheux' hinübergeschickt worden war, irgendwelche beliebigen Signale hissen sollte, damit der Eindruck entstünde, hinter der Kimm befänden sich noch mehr Schiffe.
Es hing so viel von der ersten Attacke ab. Der Widerstandswille der Spanier würde rascher erlahmen, wenn sie nach einem ersten Angriff, der bereits erheblichen Schaden verursacht hatte, noch mit einem größeren Schiffsverband rechnen mußten.
Bolitho zwang sich dazu, langsam an der Luvseite auf und ab zugehen. Der Admiral blieb regungslos am Fuß des Großmastes stehen.
Kampanje und Netze wirkten seltsam nackt ohne die gewohnten scharlachroten Reihen der Seesoldaten, die immer ein gewisses Gefühl der Sicherheit gaben. Aber davon abgesehen, war sein Schiff kampfbereit. Auf dem Oberdeck, neben den beiden Reihen der Geschütze, warteten bereits die halbnackten Bedienungen auf den Feuerbefehl. Die Männer hatten bunte Tücher um die Ohren gebunden, damit ihr Trommelfell durch das Krachen der Kanonen nicht beschädigt wurde. Oben in den Masten waren, wie er durch die Schutznetze sehen konnte, die Drehbassen geladen; weitere Matrosen, die zur Zeit nichts zu tun hatten, warteten an den Brassen und Fallen auf Kommandos vom Achterdeck.