Выбрать главу

Partridge schneuzte sich heftig in ein grünes Taschentuch und erstarrte unter dem wütenden Blick des Admirals. Aber Broughton sagte nichts; der weißhaarige Master steckte das anstoßerregende Tuch in die Manteltasche und grinste Tothill verlegen zu.

Bolitho hatte die Hand auf dem Degengriff. Das Schiff war lebendig, ein vitales, vielschichtiges Kriegsinstrument. Er dachte an den Kampf auf der Navarra, den harten Kontrast zwischen dieser geschulten, geordneten Welt und der primitiven Mann-gegen-Mann-Verteidigung dort drüben. An die Spanier, deren anfängliche Angst sich in blutrünstige Wildheit verwandelt hatte; an die halbnackten Frauen, die schweißglänzend von ihrer schweren Arbeit an den Pumpen ausruhten. An Meheux' Fluchen, als er auf dem Blut des spanischen Kapitäns ausrutschte, und an Ashtons helle Knabenstimme, die sich über den Kampfeslärm erhob, als er die Geschützbedienungen in seinem unbeholfenen Spanisch anfeuerte, schneller zu laden.

Und an den kleinen Pareja. Der sich solche Mühe gegeben hatte. Der, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, das Gefühl hatte, wirklich gebraucht zu werden. Auch an seine Witwe dachte er. Was würde sie wohl jetzt tun? War sie noch böse auf ihn, weil sie seinetwegen den Mann verloren hatte? Oder auf die Umstände, durch die sie überhaupt nach Spanien gekommen war? Schwer zu sagen. So eine seltsame Frau war ihm noch nie begegnet: sie trug die Kleidung, den Schmuck einer vornehmen Dame mit der kühnen, feurigen Arroganz einer Frau, die ein weit lustigeres Leben gewohnt war, als Pareja ihr geboten hatte.

Tothills Stimme riß ihn aus seinen Gedanken.»Die Tanais gibt ein Signal der Zeus an uns weiter, Sir!«Er kritzelte etwas auf seine Schiefertafel.»>Feind in Sicht<, Sir.»

«Verdammte Schweinerei!«fluchte Broughton halblaut.

Die Segel der Tanais hatten Rattrays Signal vor dem Flaggschiff verdeckt; und so war durch die Weitergabe von Schiff zu Schiff eine Verzögerung entstanden. Bolitho runzelte die Stirn. Auch aus diesem Grund wäre es besser gewesen, wenn die Euryalus die Führung übernommen hätte. Er konnte sich vorstellen, wie Rattray einem Mids-hipman vom Schlage Tothills seinen Befehl gegeben hatte. Er würde sich seiner Position als erstes Schiff sehr bewußt sein und darauf dringen, daß seine Signale so schnell wie möglich gehißt wurden. Nun stand aber im ganzen Signalhandbuch nichts, was dem Wort Djafou irgendwie nahekam. Der Eile halber, und weil er vermeiden wollte, den Namen auszubuchstabieren, hatte er statt dessen ein geläufigeres Signal genommen. Captain Falcon hätte an seiner Stelle etwas mehr Phantasie entwickelt — oder überhaupt nichts gesagt. Kannte man den Kapitän, so wußte man auch, wie es auf seinem Schiff zuging.

Das Land hatte andere Farben bekommen, während die Sonne sich höher über ihr Spiegelbild im Wasser hob: das Purpurrot war zu einem matten Grünbraun geworden, die grauen Klippen und Schluchten zeichneten sich deutlich ab, wie auf einem Holzstich in der Gazette.[28] Aber im großen und ganzen hatte sich der erste Eindruck nicht verändert: baumlos, ohne ein Zeichen von Leben, die Luft bereits flirrend vor Hitze oder vielleicht auch vor Staub, den der stetige Landwind aufwirbelte. Der westliche Arm der Bucht wurde von dem anderen, schnabelförmigen, noch im tiefen Schatten liegenden Arm überschnitten. Genau voraus lag ein runder Hügel, dessen Vorderseite durch einen Erdrutsch ins Meer gestürzt war. Die Entfernung betrug etwa vier Meilen, doch konnte Bolitho sehen, wie die See in weißen Federn auf dem steinigen Strand auflief und sich einen kleinen Priel an diesem trübseligen Küstenstrich suchte.

Die Zeus würde jetzt in Höhe der nächstgelegenen Landzunge sein und bei dieser klaren Luft gute Sicht auf das Fort haben. Rattray würde sich inzwischen schon selbst ein Bild davon machen können, was ihn in den nächsten Stunden erwartete.

«Die Zeus soll anfangen, die Marine-Infanterie zu landen!«befahl Broughton. Dabei sah er Calvert an.»Kümmern Sie sich um das Signal und versuchen Sie, sich wenigstens ein bißchen nützlich zu ma-

chen!»

Und etwas ruhiger zu Bolitho:»Sobald Rattrays Boote weg sind, signalisieren Sie: >Geschwader in Linie halsen!< Wir haben dann den äußeren Verteidigungsgürtel gesehen und können den Angriff kalkulieren.»

Bolitho nickte. Das klang vernünftig. Halsen und auf Gegenkurs zurücksegeln war weniger gefährlich, als jetzt gleich anzugreifen, da sie Schiff um Schiff die Öffnung der Bucht kreuzen mußten. Wenn sie beim ersten Blick auf das Fort merkten, daß die Pläne und die flüchtigen Notizen nicht stimmten, dann würden sie immer noch Zeit haben, von der Küste freizukommen. Aufjeden Fall konnte Rattray, wenn die Zeus gehalst hatte und wieder Führungsschiff war, hoffentlich ein wachsames Auge auf Land und Wind haben. Wenn der Wind plötzlich auffrischte oder ausschoß,[29] dann würden sie allesamt reichlich zu tun haben, um von den Felsen klarzukommen, und kaum Zeit finden, sich auf ein Artillerieduell einzulassen. Er beobachtete, wie die Signalflaggen zur Rah aufstiegen und sich im Winde entfalteten; Sekunden später sah er, wie es daraufhin an Deck der Zeus lebendig wurde und sich immer mehr Leinwand an den Rahen bauschte.

Bis jetzt hatte jeder Kommandant genau nach Broughtons Plan gehandelt. Rattray würde vielleicht eine Stunde brauchen, bis alle seine Boote weg waren, und inzwischen konnten die anderen Schiffe vor der Bucht auf ihren Positionen bleiben.

Bolitho sah nach oben, denn von dort kam der Ruf:»Da ist die Coquette, Sir! In Luv, zwei Strich achterlicher als dwars!»

Bolitho zupfte an seinem Hemd. Es war schon ganz naßgeschwitzt, und in Kürze würde es noch erheblich heißer sein. Er mußte trotz seiner trüben Gedanken lächeln: heißer in mehr als einer Hinsicht.

Partridge hatte das flüchtige Lächeln bemerkt. Er stieß den Leutnant in die Seite und flüsterte:»Sehen Sie das? Der Alte ist so kühl wie'n Zofenkuß!»

Leutnant Lucey, normalerweise ein munterer, etwas leichtsinniger junger Mann, hatte Angst vor dem Morgenrot gehabt und vor dem, was es ihm bringen mochte. Als er sah, wie der Kommandant vor sich hin lächelte, wurde ihm ein bißchen besser.

Da waren sie auch schon in Höhe der ersten Landzunge. Nach der langen und langsamen Anfahrt schienen alle überrascht zu sein, daß sie schon da waren. Als sie die Landspitze achteraus hatten, sah er das mächtige Fort blaugrau in der Morgensonne liegen und fühlte sich sonderbar erleichtert: es war genauso, wie er es sich vorgestellt hatte. Ein massiver, kreisrunder Bau, innen ein kleinerer Turm mit einem Fahnenmast, der in der Sonne weiß glänzte. Aber es wehte noch keine Flagge daran, und auch sonst deutete nichts darauf hin, daß Alarm gegeben worden war. Alles sah so still aus, daß es ihn an ein großes, einsames Grabmal erinnerte.

Unbeirrt kreuzte das Schiff die träge Küstendünung, und er konnte jetzt tiefer in die Bucht hineinsehen. Ein kleines Fahrzeug lag vor Anker, wahrscheinlich eine Brigg, und ein paar Dhaus. Wie mochten Giffard und seine Marine-Infanteristen wohl vorangekommen sein? Würden sie den Fährdamm einnehmen können?

Er sah, wie die Restless vorsichtig seewärts kreuzte. Gott sei Dank hatte Poate, ihr junger Kommandant, zwei Lotgasten in die Rüsten beordert. Der Meeresboden fiel hier sehr steil ab, aber es war immerhin möglich, daß jemand bei der letzten Kartenkorrektur eine Sandbank oder ein Riff übersehen hatte.

Da die andere Landzunge weiter vorstieß, passierten sie sie in wesentlich kürzerer Entfernung, und als sie den stillen Bau des Forts verdeckte, rief Keverne aus:»Sehen Sie mal, Sir! Da ist jemand wach!»

Bolitho nahm ein Teleskop und stellte es auf die Schräge der schnabelförmigen Landzunge ein. Zwei Reiter, reglos wie aus Stein; nur manchmal schlugen die Pferde mit den Schweifen oder die langen weißen Burnusse wehten im Wind. Sie sahen auf die Schiffe hinunter, die da weit vor ihnen langsam im zunehmenden Sonnenlicht segelten. Dann, wie auf Signal, wendeten beide ihre Pferde und verschwanden hinter der Kante, ohne Eile, ohne Zeichen von Erregung.

вернуться

28

das halbamtliche Marine-Journal

вернуться

29

rechtsdrehte, also in diesem Falle nach Norden