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Allday warf ihm einen seltsamen Blick zu.»Wenn Sie meinen, Sir?»

«An Deck! Zwei weitere Schiffe runden die Landspitze!»

Bolitho verschränkte die Hände auf dem Rücken. Also fünf gegen eins. Inchs Verzweiflung war berechtigt.

Es hatte keinen Sinn, umsonst zu kämpfen und zu sterben, Menschenleben grausam zu opfern. Sie hatten schon erreicht, was vorher fast unmöglich geschienen hatte. Neale, Browne und die vielen anderen waren nicht sinnlos gestorben.

Andererseits — fast ebenso grausam wie der Tod würde Inch den Befehl empfinden, die Flagge zu streichen und zu kapitulieren.

«An Deck!»

Bolitho starrte angestrengt zu dem Ausguckposten auf der Be-sansaling hinauf. Der Anblick des heransegelnden Feindes mußte ihn so gefesselt haben, daß er vergessen hatte, seinen eigenen Sektor zu beobachten.

«Mein Glas!»

Bolitho riß das Teleskop dem Midshipman fast aus der Hand, ignorierte die verblüfften Blicke der Umstehenden, rannte zu den Wanten und enterte in den Webeleinen so weit auf, bis er hoch über Deck stand.

«Drei Linienschiffe in Lee achteraus!»

Bolitho, der keinen Blick von den Neuankömmlingen wandte, spürte einen Kloß im Hals. Irgendwie hatte es Herrick trotz der widrigen Windverhältnisse geschafft. Bolitho wischte sich die überanstrengten Augen trocken und richtete das Glas wieder aus.

Benbow hatte die Führung übernommen. Mit ihrem vollen

Rumpf und der kühnen Galionsfigur war sie unverkennbar. Hoch oben wand sich Herricks Kommodorewimpel gequält hin und her, als das Führungsschiff und mit ihm der Rest des Geschwaders abermals über Stag gingen — wohl zum hundertsten Male — , um mühsam nach Luv aufzukreuzen und zu ihrem Admiral aufzuschließen.

Bolitho enterte aufs Achterdeck nieder und merkte, daß die anderen ihm wie Fremde entgegensahen. Leise fragte Inch:»Ihre Befehle, Sir?»

Bolitho blickte kurz zu Stirling und seinem Sortiment bunter Signalflaggen hinüber.

«Signal an alle, Mr. Stirling: >In Schlachtlinie ansegeln!<»

Allday sah den Signalflaggen nach, die knatternd zur Rah aufstiegen.»Ich wette, das haben die Musjös nicht erwartet!»

Bolitho mußte lächeln. Der Zahl nach waren sie zwar noch immer unterlegen, aber er hatte schon unter schlechteren Voraussetzungen gekämpft. Genau wie Herrick. Zu Stirling gewandt, sagte er:»Sie sehen, ich befolge Ihren Rat!»

Allday mußte den Kopf schütteln. Er verstand nicht, wie Bolitho das fertigbrachte. Denn in einer Stunde, vielleicht schon eher, würden sie alle um ihr Leben kämpfen müssen.

Den Blick auf den Wimpel im Masttopp gerichtet, ließ Bolitho ein Bild des bevorstehenden Gefechts vor seinem geistigen Auge entstehen. Wenn der Wind durchstand, konnte Schiff gegen Schiff kämpfen, aber das bot Remond einen Vorteil. Besser war es, den einzelnen Kommandanten freie Hand zu lassen, wenn die Schlachtlinie des Feindes erst einmal durchbrochen war.

Sein Blick schweifte übers Deck nach vorn, streifte die nackten Rücken der Kanoniere und die Bootsmannsgehilfen, die alles für das Aussetzen der Beiboote vorbereiteten. An Deck bedeuteten Boote nur erhöhte Splittergefahr im Falle eines Treffers, und diesmal hatten sie es nicht mit hilflosen, überraschten Landungsfahrzeugen zu tun.

Bolitho sah, daß einige Neulinge seiner Mannschaft flüsternd beisammenstanden; die Freude an ihrem ersten Sieg war ihnen wohl seit der Ankunft des starken französischen Geschwaders verdorben.»Kapitän Inch!«rief er.»Die Pfeifer sollen uns zum Gefecht aufspielen. Das gibt bessere Laune!»

Inch, der seinem Blick gefolgt war, nickte eifrig.»Dieser Krieg dauert schon so lange, Sir, daß ich es manchmal vergesse, aber es gibt tatsächlich noch Matrosen, die kein einziges wirkliches Seegefecht erlebt haben.»

Und so segelte Odin mit ihren 64 Kanonen und der Admiralsflagge im Besantopp dem Feind entgegen, während die Pfeifer und Trommler munter aufspielten und dabei auf ihrem teppichgroßen Stückchen Deck unaufhörlich auf und ab marschierten.

Die Mannschaft, die bisher gespannt den feindlichen Schiffen entgegengestarrt hatte, wandte sich um, sah ihnen zu und begann, mit den Füßen den Takt zu schlagen.

Im Kielwasser, das Odin und Phalarope durch die Bucht zogen, blieben schwelende Trümmer und Treibgut zurück: Bruchstücke eines zerstobenen Traums von der Invasion Englands.

XVII Stahl auf Stahl

Bolitho arbeitete im Kartenraum von Odin, als Inch eintrat und meldete, daß die Brigg Rapid langsam von Südwest her aufkreuze.

Bolitho warf den Stechzirkel auf die Seekarte zurück und schritt auf das sonnenbeschienene Deck hinaus. Trotz seiner Unterlegenheit wollte Kommandant Lapish also sein kleines Schiff dem Geschwader zuführen, in der Hoffnung, seine Kampfkraft zu verstärken.

«Signal an Rapid, und zwar so schnell wie möglich«, befahl Bo-litho.»Sie soll zu Ganymede stoßen und gemeinsam mit ihr die feindliche Nachhut stören. «Das mochte die französische Fregatte — bisher war nur eine einzige in Sicht — daran hindern, die schweren britischen Schiffe auszumanövrieren, bis Duncans Sparrowhawk aus dem nördlichen Sektor zu ihnen gestoßen war.

Inch sah den Signalflaggen nach, die blitzschnell zur Rah aufstiegen.»Warten wir, bis Kommodore Herrick sich uns angeschlossen hat, Sir?«fragte er.

Bolitho schüttelte den Kopf. Das französische Geschwader hatte sich zu einer nicht ganz exakten, aber eindrucksvollen Schlachtlinie formiert, und das zweite Schiff in der Reihe fuhr die Flagge eines Konteradmirals. Das mußte Remond sein.

«Lieber nicht. Ja, wenn wir mehr Zeit hätten… Aber jede Minute, die verstreicht, erlaubt es dem Feind, tiefer in die Bucht vorzudringen und sich die Luvposition zu verschaffen, während unser Geschwader mühsam gegen den Wind anknüppeln muß.»

Wieder hob er sein Glas und studierte das Führerschiff: ein Zweidecker, der seine Kanonen schon ausgerannt hatte, obwohl ihn noch drei Meilen von den Briten trennten. Ein mächtiges Kriegsschiff, wahrscheinlich mit achtzig Kanonen bestückt und der viel kleineren Odin auf den ersten Blick weit überlegen.

Aber jetzt mußten sich die Monate und Jahre der Blockade mit ihrem harten Patrouillendienst bei jedem Wetter zu ihren Gunsten auswirken. Denn die Franzosen verbrachten mehr Zeit im Hafen als auf See, ließen es sich gutgehen, statt zu exerzieren. Dies mochte auch der Grund dafür sein, daß Remond nicht sein Flaggschiff an die Spitze der Schlachtlinie plaziert hatte; aus zweiter Position konnte er sein Geschwader besser im Auge behalten.

Plötzlich sagte Bolitho:»Beachten Sie, daß sich das französische Flaggschiff etwas in Luv vom ersten Schiff der Reihe hält.»

Inch nickte, aber sein Gesicht verriet, daß er nichts begriff.

«Sir?»

«Wenn wir angreifen, ohne auf unsere anderen Schiffe zu warten, will der französische Admiral offenbar die Schlachtlinie teilen und uns von beiden Seiten in die Zange nehmen.»

Inch fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.»Während die drei letzten Schiffe sich zunächst zurückhalten und auf den Kommodore warten.»

Stirling rief: «Rapid hat bestätigt, Sir.»

Allday stieg auf die Hüttendecksleiter und spähte achteraus. Benbow schien noch sehr weit weg zu sein. Taktisch richtig kreuzte Herrick mit langen Schlägen in die Bucht, damit er zuletzt wenden, abfallen und mit günstigem achterlichem Wind angreifen konnte. Aber das alles brauchte furchtbar viel Zeit.

Ein dumpfer Knall hallte herüber, und mit gut einer Meile Abstand schlug die Kugel ins Wasser. Der Kommandant des ersten Franzosen hatte eine Bugkanone abfeuern lassen, wahrscheinlich nur, um die Spannung des Wartens zu brechen.

Es mußte ihn nervös machen, den Admiral so im Nacken zu haben, überlegte Allday; jeder Zug, den er wagte, wurde mit kritischen Augen beobachtet.