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Erstaunlicherweise hat Werner sein Zimmer nicht einmal schweren Herzens aufgegeben. Im Gegenteiclass="underline" »Die Bude hier war für einen sowieso viel zu groß. Jetzt passt es!«, stellte er zufrieden fest, nachdem alle Möbel umgeräumt waren. Wer hätte gedacht, dass Werner auf seine alten Tage noch mal eine Familie bekommen würde!

In Kiras Zimmer angekommen, lassen sich die Mädchen auf das Bett fallen. Ich warte einen kurzen Augenblick, dann hüpfe ich hinterher und lege mich daneben.

»Sag mal, sind deine Mutter und Professor Hagedorn jetzt irgendwie zusammen?«, erkundigt sich Pauli bei Kira.

»Nee! Wie kommst du denn auf die Idee?«, wundert die sich.

»Na ja, das sah ja eben sehr kuschelig aus. Eben nach zwei Leuten, die sich echt mögen.«

»Klar mögen die sich. Aber zusammen sind sie deswegen nicht. Mama mag den Professor als Mensch. Nicht als Mann.«

Heilige Ölsardine! Das ist wieder so ein typischer Menschensprech! Mann oder Mensch – wo ist denn da der Unterschied? Männer sind doch auch Menschen, oder etwa nicht? Auch Pauli scheint diese Unterscheidung seltsam zu finden. Jedenfalls legt sie die Stirn in Falten und sagt »Aha«.

Kira seufzt. »Also, Pauli, es ist so: Nach der Pleite mit ihrem Exfreund Vadim hat meine Mutter von Männern die Nase voll. Ich glaube, sie ist echt froh, wieder Single zu sein.«

Man kann Werner und Vadim zwar überhaupt nicht miteinander vergleichen, weil Ersterer ein sehr netter, fürsorglicher Professor und Letzterer ein unsympathischer, gefährlicher Verbrecher ist – aber mal abgesehen davon finde ich diese Nachricht gar nicht schlecht. Schließlich ist uns Annas Schwester Olga abhandengekommen, weil sie sich in einen gewissen Dieter verliebt hat und mit ihm an einen fernen Ort namens Köln gezogen ist. Nur deswegen hat Werner Anna als Haushälterin eingestellt. Wenn sich nun aber auch Anna wieder in einen Mann verlieben würde und wir deswegen auf einmal ohne sie dastünden, wäre das schlecht. Zum einen, weil es keine weiteren Schwestern von Anna und Olga gibt. Zum anderen, weil dann auch Kira wegziehen würde, und das wäre wirklich schlimm. Schließlich sind wir mittlerweile beste Freunde. Also ist es gut, dass Anna von Männern nichts mehr wissen will. Etwas anderes wäre es nur, wenn sie sich in Werner verlieben würde. Dann müsste sie nicht wegziehen. Aber wenn Kira mit ihrer Männerthese recht hat, dann bleibt hier auch so alles beim Alten. Sehr schön. Ich für meinen Teil bin nämlich kein Freund von großen Veränderungen.

Pauli kichert. »Also alle Männer sind Schweine?«

Hä? Schweine? Mit vier Beinen und einem Rüssel? Wie kommt sie denn darauf? Dass Menschen Ziegen sein können, weiß ich ja mittlerweile, aber Männer Schweine? Das ist doch bestimmt nicht nett gemeint! Wieso müssen eigentlich immer wir Tiere dafür herhalten, wenn es um die unangenehmen Eigenschaften von Menschen geht? Das ist wirklich eine Frechheit!

Kira schüttelt den Kopf. »Nee, so auch wieder nicht. Wie gesagt, Werner als Mensch mag sie ja gern. Gegen Männer generell hat meine Mutter nichts. Nur gegen Männer als Männer.«

Ach, was ist das wieder für eine komplizierte Menschenlogik. So ein Unsinn! Männer sind auch Menschen, miau!

»Also meine Mutter wäre liebend gern nicht mehr Single«, erzählt Pauli. »Das sagt sie zwar nicht so offen, aber ich weiß, dass es so ist. Jedes Mal wenn ein halbwegs gut aussehender Typ auftaucht, gibt sie sich mit ihren Klamotten richtig Mühe und schminkt sich auch und so. Außerdem hat sie sich bei so einer Kontaktbörse im Internet angemeldet, wo man andere Singles kennenlernen kann.« Pauli kichert. »Das ist aber streng geheim. Sie hat es nicht mal mir erzählt, aber ich habe es gesehen, weil sie ihren Rechner neulich angelassen hat.«

Kontaktbörse im Internet? Was das wohl ist? Ich dachte bisher immer, das Internet sei ein Ort in dem kleinen Fernseher, der sich Computer nennt. Kira hat es mir mal gezeigt, als sie an Annas Schreibtisch ihre Hausaufgaben gemacht hat. Da hat sie im Internet nach irgendwelchen Lösungen für Mathe gesucht. Das Internet schien mir eine Art Lexikon zu sein. Also kein Ort, an den man wirklich gehen kann. Wie soll man da jemanden kennenlernen?

»Echt?« Jetzt kichert auch Kira. »Deine Mutter ist auf der Suche nach einem Typen?«

Pauli nickt. »Ja, ich glaube, sie will sich endlich mal wieder richtig verlieben.«

Interessant! Das menschliche Konzept von Liebe ist mir nach wie vor schleierhaft. Wenn man mit jemandem zusammen sein will, ist es offenbar wichtig, verliebt zu sein. Sonst könnten ja auch Werner und Anna einfach zusammen sein. Wir wohnen alle in einer Wohnung, verstehen tun wir uns auch – wieso reicht das nicht? Und wieso kann man im Computer jemanden kennenlernen, in den man sich verliebt? Ohne dass man ihn überhaupt schon mal gesehen hat? Verstehe ich nicht. Ehrlich: Ich bin sehr froh, dass mein Werner mit diesem ganzen Liebeszeugs nichts am Hut hat. Liebe scheint etwas sehr Kompliziertes zu sein, das wir hier absolut nicht brauchen. Wir leben einfach weiter friedlich zusammen in der Hochallee – miau!

»Vor allem, seit mein Vater wieder geheiratet hat, ist das Thema für meine Mutter wichtig«, erzählt Pauli weiter. »Das hat sie richtig geärgert und wahrscheinlich beneidet sie ihn deswegen.«

»Hm.« Mehr sagt Kira dazu nicht.

Pauli betrachtet sie nachdenklich. »Was ist eigentlich mit deinem Vater? Lebt der auch in Hamburg?«

Kira richtet sich vom Bett auf und zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht. Mama spricht nie über ihn. Er hat uns verlassen, als ich noch ganz klein war. Ich kann mich kaum an ihn erinnern.«

»Vermisst du ihn?«, fragt Pauli neugierig nach.

Kira schüttelt den Kopf. »Nee. Ich sag ja: Ich weiß kaum noch etwas von ihm. Ein bisschen so, wie wenn man morgens versucht, sich an einen Traum zu erinnern. Man weiß, dass da etwas war, aber man weiß nicht mehr genau, was.«

»Na ja, ist ja auch nicht so wichtig. Manchmal denke ich, es wäre sowieso einfacher, wenn man von vornherein nur ein Elternteil hätte. Einer allein kann sich schließlich nicht mit sich streiten. Es wäre also immer friedlich. Ein echter Vorteil!«

»Ja.« Mehr sagt Kira dazu nicht und ich habe das Gefühl, dass sie einfach nicht mehr über das Thema reden will. Woran das wohl liegt? Sonst ist sie doch nicht so schweigsam. Ich bin nun richtig neugierig geworden und versuche mir vorzustellen, wie Kiras Vater wohl aussehen könnte. Kira sieht eigentlich ihrer Mutter ziemlich ähnlich: Sie ist schmal und blond, mit blauen Augen. Die hatte sie lustigerweise auch behalten, als sie in meinem Körper steckte, ich wiederum hatte als Mädchen immer noch meine grünen Winston-Augen. Wir mussten höllisch aufpassen, damit Anna das nicht merkte. Sie hätte sonst gleich gewusst, dass etwas mit uns nicht stimmt. Ich bin deshalb häufiger mit einer Sonnenbrille am Frühstückstisch aufgekreuzt. Aber das nur am Rande … also, was könnte Kira von ihrem Vater haben? Vielleicht die Art, wie sie manchmal den Kopf schief legt? Das macht Anna nie. Oder die leichten Wellen in Kiras langen Haaren? Schließlich sind die von Anna ganz glatt.

»Nun lass uns mal mit den Hausaufgaben anfangen«, wechselt Kira schließlich das Thema. »In Englisch müssen wir uns richtig reinhängen, da schreiben wir nächste Woche eine Arbeit.«

Pauli nickt. »Ja, du hast recht. Meine letzte Arbeit war nicht so glanzvoll. Fast so schlecht wie die von Emilia und die hat nun wirklich überhaupt keinen Plan.« Sie kichert. »Das wird noch lustig für Tom, wenn er jetzt für ihre Hausaufgaben zuständig ist.«