Выбрать главу

»Hinter meinem Rücken?« Sie schlug wieder auf die Bank und bereute es sogleich.

»Seit wann heißt mit deiner Mutter zu sprechen etwas hinter deinem Rücken zu tun? Sie weiß, daß das Geld irgendwoher kommen muß.«

»Ich besorg mir Arbeit. Ich geh wieder in die Seidenfabrik.«

»Die stellen niemanden ein.«

»Woher weißt du das?«

»Weil ich dort zuerst war.«

Entrüstet sprang Juts hoch und trat so fest gegen die Bank, daß sie umkippte. Sie knallte die Tür zu und eilte die Straße hinun­ter.

Chessy seufzte. Sie würde ihm mit Sicherheit das Leben schwer machen, solange es ihr paßte. Er hielt es für das Beste, bei Cadwalder hereinzuschauen, um ein Sandwich zu essen. Heute würde er kein Abendbrot bekommen.

4

Der Wind nahm zu. Juts schritt mit gesenktem Kopf aus. Neben ihr hupte es zweimal. Sie blickte auf. Louise saß am Steuer von Pauls schwarzem Ford Model A und winkte ihr zu. Juts lief zum Wagen und sprang hinein, froh, dem Wind zu entkommen.

»Wo ist Pearlie?«

»Zu Hause.«

»Weiß er, daß du den Wagen hast? Den gibt er dir doch nie.«

»Ich bin aus dem Haus gestürmt und hab ihn mir genommen.«

»Ach, Louise.«

»Ich hab's satt, mir von ihm sagen zu lassen, was ich tun darf und wann ich es tun darf. Ich habe in diese verdammte alte Klapperkiste genauso viel investiert wie er. Vielleicht nicht an Dollars und Cents, aber an harter Arbeit. Wenn ich das Auto fahren will, kann er meinetwegen auf Kohlen sitzen. Er ist ein­fach zu geizig, um einen neuen Wagen zu kaufen. Er sagt, wir müssen den hier fahren, bis er den Geist aufgibt. Na dann, Schwesterherz, fahren wir ihn, bis er den Geist aufgibt.«

Zur Bekräftigung drückte Wheezie aufs Gaspedal, ließ die Kupplung kommen, und sie ruckelten los.

»Habt ihr Knatsch?« Julia sprach aus, was auf der Hand lag.

»Scheißkerl.« Da Louise selten Schimpfwörter benutzte, muß­te der Ausbruch ein regelrechter Vulkan gewesen sein.

»Wir auch. Rife?«

Louise nickte. »Du und ich, wir haben uns gestern gestritten. Im Drugstore sind ein paar Sachen zu Bruch gegangen. Mein Mann führt sich auf, als wären wir nach Atlanta marschiert und hätten es niedergebrannt.« Louise klang ausgesprochen nüch­tern, ihre Stimme verströmte Reife.

»DerClarion hat die Lage nicht gerade verbessert.«

»Wenn ich Popeye Huffstetler in die Finger kriege, werden ihm die Glupschaugen rausflutschen. Außerdem kann er nicht schreiben.«

»Er tut sehr viel für St. Rose, also werden ihm alle den Rücken stärken. Die Leute glauben, was sie da lesen.« Julia sprach von der katholischen Kirche St. Rose of Lima, wo Louise treues Mitglied war und Popeye Küsterdienste verrichtete. Julia war strikte Protestantin, teils aus Überzeugung, teils, um ihre ältere Schwester zur Weißglut zu bringen.

Louise nahm eine Kurve auf zwei Rädern.»>Verwurstet<, hat er behauptet - wir hätten bei Cadwalder die Einrichtung>ver­wurstet<. Und der alte Flavius Cadwalder berechnet den Einzel­handelspreis für den Schaden. Das Mindeste wäre gewesen, uns den Großhandelspreis zu berechnen, nach den hohen Umsätzen, die wir ihm einbringen. Und es heißtverwüstet, nichtverwur­stet. Ich hab ja gesagt, er kann nicht schreiben.«

»Alle geben ihm Aufträge. Er hat ein Monopol.« Sie atmete hörbar ein. »Louise, fahr langsamer.«

»Angsthase.«

»Ich komm vielleicht in den Himmel oder in die Hölle, aber komm ich nach Hause?«

»Klugschwätzerin.« Louise zog ein Gesicht, ging aber vom Gas.

»Geschwister streiten sich nun mal. Ich versteh gar nicht, warum alle auf uns herumhacken. Wir vertragen uns doch jedes Mal wieder.«

»Korrekt.« Louise hatte diesen Ausdruck in ihrem Lieblings­hörspiel aufgeschnappt, das das tapfere England verherrlichte. »Ja, haben wir, aber dieser neuralgische.«

Juts unterbrach sie. »Neurotische.«

»Du weißt, was ich meine, verbessere mich nicht, dieser fette Harper Wheeler hat zugesehen, daß sein Bild zwischen uns beide in die Zeitung kommt. Der wird doch bloß wieder ge­wählt, weil sonst keiner den Posten haben will. Nächstes Jahr tritt er wieder an.«

»Wir könnten als Sheriff kandidieren.«

Die Idee flackerte auf und erstarb. »Wir müßten Betrunkene aufgreifen, die uns den Rücksitz voll kotzen würden.«

Julia ließ ihre Idee fallen. »Wie wär's mit einem Blumenla­den?«

»Den haben sich die Biancas gesichert. Runnymede ist zu klein für zwei Blumenläden.«

Juts plumpste in ihren Sitz, als Louise die Kupplung erneut ruckeln ließ. »Bestimmt friert es wieder heute Nacht. Mir ist kalt«, jammerte Juts.

»Zieh dir die Decke um die Beine.« Louise klopfte auf die ka­rierte Decke, die ordentlich zusammengefaltet zwischen ihnen auf dem Sitz lag, und geriet dabei ins Schleudern.

Juts griff ins Steuer, worauf Louise es noch heftiger in die an­dere Richtung riß. »Paß auf, wo du hinfährst.«

»Hände weg!« Louise fing den großen Schlenker auf, ängstig­te jedoch eine entgegenkommende Fahrerin fast zu Tode.

»Frances Finster sah nicht wohl aus«, bemerkte Juts über die Fahrerin.

Sie fuhren schweigend über die holprigen Landstraßen west­lich der Stadt. Louise schwenkte wieder nach Osten; die langen roten Strahlen der sinkenden Sonne verliehen den wogenden Hügeln von Maryland eine melancholische Färbung.

Julia brach das Schweigen. »Wir müssen etwas unternehmen, Louise. Sonst gehen unsere Männer in Rifes Rüstungsfabrik arbeiten.«

»Ich hab Pearlie gesagt, daß ich ihn verlasse, wenn er das tut.«

Julia stieß einen Pfiff aus. »So weit bin ja nicht mal ich ge­gangen.«

»Der 17. März 1917 scheint gar nicht so lange her. So ist es nun mal mit der Erinnerung.« Ehe es ihr bewußt wurde, war Louise zur Dead Man's Curve gefahren, einer gefährlichen Straßenbiegung, die jetzt im Sonnenuntergang blutrot aussah. Sie hielt den Ford an. Die Schwestern stiegen aus und spähten über den steilen Abhang, wo Aimes Rankin, der Geliebte ihrer Mutter, vor vielen Jahren zu Tode gekommen war; mit zer­trümmertem Schädel war er in der Biegung den Hang hinunter geschleudert. Niemand glaubte an einen Motorradunfall. Aimes hatte versucht, in Rifes Rüstungsfabrik, die dank des Ersten Weltkriegs ein Bombengeschäft machte, eine Gewerkschaft zu gründen. Die Firma hatte sich im Bürgerkrieg etabliert, als der Gründer, Cassius Rife, der sich auf der Nordseite der Mason- Dixon-Grenze in Sicherheit wiegen konnte, lukrative Aufträge aus Washington an Land zog. Er wurde beschuldigt, Waffen in den Süden zu verschiffen. Da man ihm nichts nachweisen konn­te, war es nie zu einer Anklage gekommen. Er war nicht der einzige Kriegsgewinnler, der sich an den Toten jenes grausigen Konflikts bereicherte, doch er war der Einzige, von dem allge­mein vermutet wurde, daß er ein doppeltes Spiel gespielt hatte.

Julia schwankte über dem steilen Abhang, die kalte Luft schnitt ihr ins Gesicht. »Aimes fehlt mir.«

»Er war uns mehr ein Vater als unser eigener Vater.«

»Meinst du, wir sehen unseren Vater jemals wieder?«, fragte Juts wehmütig.

»Ich weiß es nicht, und es schert mich nicht«, antwortete Louise. Sie war damals alt genug gewesen, um sich an den Kummer ihrer Mutter zu erinnern, als Hansford John Hunsen­meir die Familie im Stich ließ.

»Mom sagt, Cassius hat hier oben auch ihren Vater umge­bracht, weil er den Kongreß aufgefordert hatte, Rifes Machen­schaften nachzugehen. Muß seine Lieblingsstelle gewesen sein. PopPop konnte Cassius' Betrügereien nicht ertragen.« Julia hielt einen Augenblick inne. »Manchmal denke ich, Haß ist wie eine Kugel. Sie kann nicht rollen, wenn ihr nicht jeder einen Stoß verpaßt.«