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Lucas spürte, wie es ihm die Kehle zuschnürte.

»Wir sollten nicht vergessen«, sagte er betont kühl, ohne sich seine innere Unruhe anmerken zu lassen, »dass das System uns zu Sklaven gemacht hat. Die Urteile waren willkürlich, sie wurden vom Bruder kontrolliert, um den Menschen Angst zu machen, um sie auseinanderzubringen, um seine Freunde zu belohnen und seine Feinde zu bestrafen. Das System war korrupt.«

»Aber trotzdem«, erwiderte Amy und kniff die Augen zusammen, »war die Stadt ein Ort der Sicherheit und des Friedens. Heute verschwinden unsere jungen Leute einfach. Jede Woche wird jemand entführt, zu Hause oder auf der Straße, und ist wie vom Erdboden verschluckt. Sie haben dir vertraut, ihre Familien haben dir vertraut. Sie haben gedacht, sie wären sicher und du würdest die Bösen von der Stadt fernhalten. Aber du hast sie enttäuscht und du enttäuschst sie immer noch. Was sagst du dazu?«

Lucas schloss die Augen. Man nannte sie die Verschwundenen. Jungen und Mädchen, Teenager, alle vermisst. Noch vor ein paar Wochen hatten Jane Anderson, Bill Grainger, Edward Ashleigh und all die anderen ganz normal gearbeitet, gegessen, geschlafen … Und dann war plötzlich einer nach dem anderen verschwunden. Sechs Jugendliche, in einer Stadt mit hohen Mauern, die zum Schutze aller errichtet worden waren. Verschwunden in einer Stadt, die jahrelang als sicher galt und in der es angeblich nichts Böses mehr gab. Verschwunden ohne eine Erklärung, ohne irgendeinen Hinweis darauf, was mit ihnen passiert war.

Lucas öffnete die Augen wieder, stand auf und ging zum Fenster, eine schmale Öffnung, die genügend Tageslicht hereinließ, aber die Kälte draußen hielt. Zweckmäßig eben, wie alles andere in der Stadt. Bis vor Kurzem war es Lucas gar nicht aufgefallen, wie trostlos alles war und dass es innerhalb der Stadtmauern kaum etwas Schönes gab. Er hatte sich viel zu sehr auf die Machenschaften der Regierung konzentriert und darauf, Raffy und Evie zu schützen und mit einem alten Kameraden seines Vaters irgendwo da draußen heimlich zu kommunizieren. Aber jetzt waren sein Bruder und Evie fort, jetzt gab es keine Tricks, kein Doppelleben und keine Geheimnisse mehr. Lucas hatte gehofft, er würde sich jetzt besser fühlen und wäre glücklicher, aber stattdessen fühlte er sich einfach nur leer.

Und jetzt das. Früher war Lucas den anderen immer einen Schritt voraus gewesen und wusste Bescheid über Dinge, von denen sie nichts wussten. Doch jetzt fühlte er sich hilflos, aber Hilflosigkeit passte nicht zu ihm.

»Wir suchen Tag und Nacht nach ihnen«, erklärte er. »Wir haben schon jeden Quadratzentimeter dieser Stadt abgesucht.«

»Und trotzdem habt ihr sie nicht gefunden«, erwiderte Amy mit brüchiger Stimme. »Meine kleine Schwester zum Beispiel. Sie ist seit drei Wochen verschwunden. Sie war zu Hause. Ich hab ihr noch Gute Nacht gesagt, und am nächsten Morgen war sie weg. Und du erzählst mir was von Suchmannschaften? Was nützen Suchmannschaften, wenn sie nichts finden? Wenn du, unser selbst ernannter Anführer, uns so etwas antust? Bist du froh, wenn wir alle verschwunden sind? Ist es das, was du willst?«

Amy hatte Tränen in den Augen, aber Lucas blinzelte nicht, er ging einfach zu ihr hin. »Ich möchte die Stadt zu einem guten Ort machen«, erklärte er, »wo die Menschen frei entscheiden und ohne das Stigma von Rängen leben können.«

»Wo man von den Bösen verschleppt wird?«, fragte Amy mit erstickter Stimme. »Wo man Angst haben muss, allein auf die Straße zu gehen? Wo man sich nur in großen Gruppen durch die Stadt bewegen kann? Wo nachts alle Fenster geschlossen und Möbel vor die Tür geschoben werden müssen? Ist es das, was du dir für uns wünschst?«

Ihre Unterlippe zitterte, während sie sprach. Mit ihrem herausfordernden Blick und ihrer Weigerung, etwas anderes zu akzeptieren als die Wahrheit, erinnerte sie Lucas an Evie. Er fragte sich, was Evie jetzt wohl zu ihm sagen würde. Würde sie ihm vorwerfen, dass er nicht genug tat? Würde sie ihn genauso wütend anstarren wie Amy und ihm erklären, dass er die Menschen und die Stadt im Stich gelassen hatte? Ja, das würde sie. Und sie hätte recht.

Lucas nahm seinen ganzen Mut zusammen und schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Natürlich nicht.«

Amy sah Lucas prüfend an. »Und was willst du uns sagen, um uns zu beschwichtigen?«, fragte sie. »Den Eltern der vermissten Kinder? Ihren Familien? Und allen, die Angst haben, schlafen zu gehen? Was willst du ihnen und uns sagen?«

Lucas wich ihrem Blick nicht aus. »Ich werde herausfinden, wer dahintersteckt. Ich werde die Schuldigen finden und sie bestrafen. Ich will Gerechtigkeit. Und ich werde unsere jungen Leute finden und sie zu ihren Familien zurückbringen.«

»Wie denn?«, wollte Amy wissen, aber Lucas war schon zur Tür gegangen, öffnete sie und gab ihr damit zu verstehen, dass das Gespräch beendet war.

Denn er hatte keine Antwort auf ihre Frage. Und er war sich nicht sicher, ob er überhaupt auf irgendetwas eine Antwort hatte.

Aber er wusste, dass er eine Antwort finden würde, und er würde nicht ruhen, bis derjenige, der das tat, gefasst war und ihm der Prozess gemacht wurde. Sonst wäre alles umsonst, wofür er und sein Vater gekämpft hatten. Wer diese jungen Leute entführte, der raubte damit der Stadt ihren Frieden. Und es war seine Aufgabe, den Frieden wiederherzustellen.

Lucas verließ sein Büro, er musste hinaus an die frische Luft. Amy hatte recht: Er hatte die Menschen enttäuscht. Er hatte das System aufgelöst, das System, das jeden verfolgt hatte, das System, das ihm jetzt zeigen könnte, wo die Verschwundenen waren und was mit ihnen passiert war. Er, Linus, Evie und Raffy hatten das System freudig und triumphierend zerstört. Aber Lucas hatte dabei nicht erkannt, was für eine Stütze es für die Stadt gewesen war, und dass ohne das System allmählich alles zerfallen würde.

Eigentlich stimmte das nicht ganz. Linus hatte versucht, es Lucas zu erklären, aber Lucas hatte nicht zugehört, oder besser gesagt, er wollte nicht zuhören. Er wollte einfach sein neues Leben anfangen und die Aufgabe weiterführen, mit der sein Vater ihn Jahre zuvor betraut hatte.

Es war jetzt fast ein Jahr her, dass Linus, Raffy, Evie und die anderen mit Lucas’ Hilfe die Stadt gestürmt hatten. Sie hatten das System, das die Bürger so lange kontrolliert hatte, außer Kraft gesetzt und die Wahrheit ans Licht gebracht, die der Bruder ihnen vorenthalten hatte. Das System hatte alles gewusst, alles gesehen, alles verstanden. Linus hatte es ursprünglich aufgebaut, um die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen und eine neue Welt zu schaffen, in der Glück nicht nur Wunschdenken war, sondern wo es Glück tatsächlich gab. Doch schon bald hatte der Bruder das System für seine Zwecke missbraucht und manipuliert. Er spielte Polizist statt den Wohltäter und überwachte die Bürger der Stadt, um sicherzugehen, dass sie nicht aus der Reihe tanzten.

Linus hatte Lucas erklärt, dass es nicht genügen würde, das System abzuschalten, sondern dass jedes Überbleibsel des alten Regimes zerstört werden müsse, damit die Menschen keine andere Wahl hatten, als den Wandel zu akzeptieren. Aber Lucas hatte ihm nicht geglaubt. Genauso wenig wie er Linus’ Vorhersage geglaubt hatte, dass die Menschen ihm nicht dankbar sein, sondern dass sie ihm die Schuld geben und ihn am Ende hassen würden.

Und nun kam er zu dem verzweifelten Schluss, dass Linus recht gehabt hatte. Die Menschen hassten ihn tatsächlich. Er sah es in ihren Augen. Die Bürger der Stadt hatten jetzt mehr Angst als je zuvor, und das war seine Schuld, denn trotz seinem ganzen Gerede von einem Neuanfang konnte er nicht verhindern, dass immer wieder Jugendliche verschwanden. Und er hatte absolut keine Erklärung dafür.