»Machen wir weiter«, sagte Arctor zu Luckman. Die beiden wandten sich wieder der Reparatur des Vergasers zu, während Freck sich ängstlich bei seinem eigenen Wagen herumdrückte und sich fragte, warum er bloß auf die Idee gekommen war, heute hier reinzuschauen. Von der lockeren Atmosphäre, die sonst hier herrschte, war nichts, aber auch rein gar nichts zu spüren. Schon von Anfang an hatte er die häßlichen Untertöne beim Herumalbern bemerkt. Was, zum Teufel, ist eigentlich nicht in Ordnung? fragte er sich und stieg in düsterer Stimmung wieder in seinen Wagen, um den Motor anzulassen.
Wird sich hier auch alles zum Schlimmeren wenden, fragte er sich, so wie in Jerry Fabins Haus während der letzten Wochen mit ihm? Früher ging’s da ja auch immer ganz locker zu, dachte er. Alle machten sich einen Lenz und törnten sich an, während sie auf Acid-Rock, besonders auf den Stones, abfuhren. Donna saß da, in Lederjäckchen und Stiefeln, und füllte Kapseln; Luckman drehte Joints und erzählte dabei von dem Seminar über Doperauchen und Jointdrehen, das er an der UCLA[3] abzuhalten gedachte, und von dem absolut perfekten Joint, den er eines Tages plötzlich drehen würde und den man als Teil der amerikanischen Geschichte zusammen mit all den anderen Reliquien, die für das amerikanische Nationalbewußtsein von so großer Wichtigkeit waren, unter Glas – in einer mit Helium gefüllten Vitrine – in der Constitution Hall ausstellen würde. Wenn ich zurückblicke, dachte Freck, sogar nur bis zu dem Tag, als Jim Barris und ich neulich bei Fiddler’s saßen … sogar da war noch alles besser. Jerry war der Anfang, dachte er; und jetzt geht genau das, was uns Jerry weggenommen hat, auch hier los. Wie können Tage und Ereignisse und Augenblicke, die so gut waren, bloß so schnell häßlich werden, und das ohne jeden Grund, ohne jeden wirklichen Grund? Einfach nur – ein Wandel. Und da ist nichts, was ihn verursacht.
»Ich verzieh’ mich«, sagte er zu Luckman und Arctor, die zu ihm hinüberschauten, als er den Motor im Leerlauf aufheulen ließ.
»He, Mensch, bleib doch noch was«, sagte Luckman mit einem wannen Lächeln. »Wir brauchen dich. Du bist unser Bruder.«
»Ach Scheiß, ich hab’ keine Lust mehr.«
Barris erschien vorsichtig in der Haustür. Er hielt einen Hammer in der Hand. »Falsch verbunden«, rief er, als er zögernd näher kam, wobei er immer wieder innehielt und umherspähte wie die Monsterkrabbe in einem billigen Horrorfilm.
»Wofür brauchst du den Hammer?« fragte Luckman.
Arctor sagte: »Um den Motor zu reparieren.«
»Ich dachte, ich bring’ ihn einfach mal mit«, erklärte Barris, während er zaghaft wieder zu dem Olds hinüberging, »weil ich gerade im Haus war und ihn da rumliegen sah.«
»Niemand ist so gefährlich wie der«, sagte Arctor, »der sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet.« Das war das letzte, was Freck noch mitbekam, bevor er wegfuhr; er zerbrach sich den Kopf darüber, was Arctor damit wohl meinte. Vielleicht war das auf ihn, Charles Freck, gemünzt gewesen? Er fühlte sich beschämt. Aber Scheiße noch mal, dachte er, warum weiter hier rumhängen, wenn’s einen so abtörnt? Das bringt doch sowieso nichts. Nur immer schön auf Abstand bleiben, wenn irgendwo Trouble im Anmarsch ist, befahl er sich selbst; das war sein Leitspruch im Leben. Und darum fuhr er jetzt weg, ohne noch einmal zurückzuschauen. Sollen sie sich doch gegenseitig in die Pfanne hauen, dachte er. Was hab’ ich denn überhaupt mit denen am Hut? Aber er fühlte sich mies, echt mies, weil er einfach so wegfuhr und sie allein ließ und weil er miterlebt hatte, wie auch hier der Wandel einsetzte, der alles verdunkelte. Und wieder fragte er sich, warum es bloß dazu gekommen war und wie das alles noch enden würde. Aber dann kam ihm der Gedanke, daß die Dinge später vielleicht wieder anders laufen würden, daß es auch wieder bergauf gehen konnte, und das hob seine Stimmung, ja, es veranlaßte ihn sogar dazu, in seinem Kopf eine kurze Phantasienummer abzuspulen, während er so dahinkreuzte, sorgsam darauf bedacht, keinem der unsichtbaren Polizeiwagen in die Quere zu kommen.
DA SASSEN SIE ALLE WIEDER BEISAMMEN WIE FRÜHER
Sogar die Leute, die entweder tot oder ausgebrannt waren, wie etwa Jerry Fabin. Sie alle saßen da, in so einer Art klarem, weißem Licht, das kein Tageslicht war, sondern etwas viel Besseres, eine Art Meer aus Licht, das sie gleichmäßig von allen Seiten umgab.
Und Donna und die anderen Puppen sahen so scharf aus – sie hatten rückenfreie T-shirts und Hot Pants an oder auch halb durchscheinende Blusen aus indischer Baumwolle, natürlich ohne BH. Er konnte Musik hören, ohne allerdings in der Lage zu sein, zu sagen, was für eine Nummer es war und von welcher LP sie stammte. Vielleicht Hendrix! dachte er. Yeah, eine alte Hendrix-Nummer, oder nun, ganz plötzlich, etwas von Janis Joplin. Die Nummer stammte von ihnen allen zugleich: von Jim Croce und von J. J. aber in erster Linie von Hendrix. »Bevor ich sterbe«, murmelte Hendrix gerade, »laßt mich mein Leben so leben, wie ich es möchte«, und an dieser Stelle riß der Film in seinem Kopf, weil er vergessen hatte, daß Hendrix tot war und wie Hendrix und auch Janis gestorben waren, von Croce gar nicht zu reden. Hendrix und J. J. krepiert an einer Überdosis Smack, alle beide, zwei so dufte und coole Typen wie sie, zwei Menschen, die mit ungeheurer Intensität lebten, und er erinnerte sich, einmal gehört zu haben, daß Janis’ Manager ihr nur dann und wann mal ein paar hundert Eier ausgezahlt hatte; den Rest – praktisch alles, was sie verdiente – wollte er ihr wegen ihrer Heroinsucht nicht geben. Und dann hörte Freck in seinem Kopf Janis’ Song »All Is Loneliness«, und er begann zu weinen. Und in diesem Zustand fuhr er weiter in Richtung Heimat.
*
Als Robert Arctor zusammen mit seinen Freunden im Wohnzimmer saß und zu einer Entscheidung darüber zu gelangen versuchte, ob er nun den Vergaser überholen lassen oder sich nicht doch vielleicht einen neuen Vergaser oder sogar einen modifizierten Vergaser – plus einem neuen Verteiler – anschaffen sollte, spürte er die schweigende, nie aussetzende Überwachung durch die Holo-Kameras, ihre elektronische Allgegenwart. Es war ein beruhigendes Gefühl.
»Du machst so ‘n gutgelaunten Eindruck«, sagte Luckman. »Wenn ich hundert Eier rausschieben müßte, wär’ ich nicht so guter Laune.«
»Ich hab’ gerade beschlossen, so lange rumzuziehen, bis ich auf einen Olds wie meinen stoße«, erklärte Arctor. »Und dann montiere ich denen ihren Vergaser raus und bezahle gar nichts. So machen’s doch alle, die wir kennen.«
»Besonders Donna«, sagte Barris beipflichtend. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn sie nicht ins Haus gekommen wäre, während wir neulich weg waren. Donna stiehlt alles, was sie wegtragen kann, und wenn sie’s nicht alleine wegtragen kann, dann ruft sie eben ihre Bande von Klaubrüdern an, und die kreuzen auf und tragen’s für sie weg.«
»Ich will euch mal eine Geschichte erzählen, die ich über Donna gehört habe«, sagte Luckman. »Also: Irgendwann hat Donna mal ‘n Vierteldollar in einen dieser Briefmarkenautomaten reingesteckt – ihr wißt schon, so einen mit Rollenmarken drin –, und die Maschine ist ausgeflippt und hat gar nicht mehr damit aufgehört, Briefmarken rauszukurbein. Nach ‘ner Zeit hatte sie schon einen ganzen Einkaufskorb voll. Aber der Automat hat immer noch mehr von dem Zeug ausgespuckt. Am Ende hatte sie so ungefähr – sie und ihre Klaubrüder haben sie gezählt – gut achtzehntausend 15-Cent-Marken. Tja, das war ja schon mal ‘ne heiße Sache – nur: Was sollte Donna Hawthorne damit machen? Schließlich hat sie noch nie in ihrem ganzen Leben einen Brief geschrieben, außer damals, als sie ihre Rechtsanwalt damit beauftragt hat, einen Typen zu belangen, der sie bei einem Deal gelinkt hatte.«