Auf dem halben Wege dazwischen, entschied er. Immer noch halb Connie; aber zugleich auch schon halb Donna. Am besten übergebe ich das hier dem Labor, dachte er; da hat ein Experte dran rumgedreht. Man hat mir manipulierte Bänder untergeschoben. Aber wer? fragte er sich. Er trat aus dem Holo-Kubus, ließ ihn zusammenbrechen und veränderte die Einstellung, bis wieder acht kleine Kuben an seine Stelle getreten waren. Saß erneut da, fieberhaft nachdenkend.
Jemand hatte die Bänder frisiert, indem er Connies Bild mit dem Donnas überlagerte. Sorgfältig gefälschte Beweise dafür, daß Arctor die kleine Hawthorne bumste. Und? Ein guter Techniker konnte das schon immer bei Tonbändern oder auch bei Videobändern machen, und nun hielt er eben den Beweis in der Hand, daß so etwas auch bei Holo-Bändern möglich war. Sicherlich eine schwierige Aufgabe, aber …
Wenn unsere Abtastkameras nur in Intervallen arbeiten würden, dachte er, hätten wir jetzt eine Sequenz, die zeigt, wie Arctor mit einem Mädchen im Bett liegt, das er vielleicht nie ins Bett gekriegt hat und auch nie ins Bett kriegen wird. Aber auf dem Band ist genau das zu sehen.
Oder handelt es sich vielleicht nur um einen elektronischen Bildfehler oder Bildzusammenbruch? überlegte er. Was man bei Tonbändern Durchmagnetisierung nennt. Eine Art elektronische Durchmagnetisierung von einem Abschnitt des Bandes auf einen anderen. Wenn die Bildimpulse bei der Aufnahme zu hoch verstärkt waren und zwei Bandsektionen zu lange in Berührung miteinander kamen, dann mochten die Impulse sozusagen abfärben. Himmel, dachte er. Das Bild Donnas stammt aus einer vorangegangenen oder einer nachfolgenden Szene, vielleicht aus der im Wohnzimmer.
Wenn ich bloß mehr über die technische Seite des Überwachungsvorganges wüßte, dachte er. Ich verschaffe mir lieber mehr Hintergrundinformationen darüber, bevor ich die Sache an die große Glocke hänge. Manchmal gibt es ja auch beim Rundfunk Wellensalat; ein Sender überlagert einen – Überlagerungseffekte, entschied er. Zufällige Überlagerungseffekte.
Wie die Geisterbilder auf einem Fernsehbildschirm. Technisch bedingt, eine Fehlfunktion. Störimpulse eines anderen Senders. Wieder ließ er das Band vorwärts laufen. Der Schirm zeigte jetzt wieder nur Connie und würde auch weiterhin nur Connie zeigen. Und dann … wieder sah Fred, wie Donnas Gesicht sich in das Bild stahl, und diesmal wachte der schlafende Mann neben ihr im Bett – Bob Arctor – nach einem Augenblick auf und setzte sich mit einem Ruck hin, tastete dann nach der Lampe auf dem Nachttisch; die Lampe fiel zu Boden, und Arctor saß da und starrte unverwandt auf das schlafende Mädchen, auf die schlafende Donna.
Als Connies Gesicht ganz allmählich wieder Donnas Gesicht verdrängte, entspannte sich Arctor, und schließlich sank er wieder zurück und schlief weiter. Aber sein Schlaf war nicht mehr so ruhig wie zuvor.
Tja, das erledigt wohl die Theorie mit den technisch bedingten Fehlfunktionen, dachte Fred. Hat sich was mit elektronischem Abfärben oder Überlagerungseffekten. Arctor hat es auch gesehen. Ist aufgewacht, hat es gesehen, hingestarrt und dann aufgegeben.
Heiliger Himmel, dachte Fred und desaktivierte die ganze Anlage vor ihm vollständig. »Schätze, ich hab’ genug für heute«, erklärte er und erhob sich zittrig auf die Füße. »Mir reicht’s.«
»Wohl ein bißchen abartigen Sex gesehen, was?« fragte ein Jedermann-Anzug. »Na, du wirst dich schon an diesen Job gewöhnen.«
»Ich werde mich nie an diesen Job gewöhnen«, sagte Fred. »Darauf kannst du wetten.«
XI
Da jetzt nicht mehr nur sein Cephskop, sondern sein Wagen reif für eine Reparatur war, fuhr er am nächsten Morgen mit dem Taxi bei der Schlosserei Englesohn vor, vierzig Dollar in bar in der Tasche und eine gute Dosis Besorgnis im Herzen.
Der Laden hatte eine altertümliche, hölzerne Ausstrahlung; zwar war das Ladenschild eher modern gehalten, aber in den Schaufenstern lagen seltsame messingne Zierstücke von einer Art aus, wie man sie bei einer Schlosserei eben erwarten konnte: irre zierliche Briefkästen, ausgeflippte Türknäufe, die so geformt waren, daß sie menschlichen Köpfen ähnelten, große Attrappen schwarzer, eiserner Schlüssel. Er trat ein. Halbdunkel umgab ihn. Wie in der Bude eines Dopers, dachte er und genoß die Ironie.
An einem Ladentisch, der von zwei großen Maschinen zum Fräsen und Polieren von Schlüsselbärten und Tausenden von unfertigen, von Gestellen herabbaumelnden Schlüsseln überragt wurde, begrüßte ihn eine ältliche, mollige Dame. »Guten Morgen, Sir. Sie wünschen?«
Arctor sagte: »Ich bin hier …
Ihr Instrumente freilich spottet mein,
Mit Rad und Kämmen, Walz’ und Bügeclass="underline"
Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein;
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel[4]
… um einen von mir ausgestellten Scheck auszulösen, den die Bank retourniert hat. Er ist über zwanzig Dollar, glaube ich.«
»Oh.« Die Dame holte liebenswürdig einen mit einem Deckel verschlossenen Karteikasten aus Metall unter der Theke hervor, suchte nach dem dazugehörigen Schlüssel und entdeckte dann, daß der Karteikasten gar nicht abgeschlossen war. Sie öffnete ihn und fand den Scheck auf der Stelle; ein Zettel war drangeheftet. »Mr. Arctor?«
»Ja«, sagte er, das Geld schon in der Hand.
»Ja, zwanzig Dollar.« Nachdem sie den Zettel von dem Scheck abgemacht hatte, begann sie ungelenk etwas auf den Zettel zu schreiben, wahrscheinlich eine Notiz, daß er aufgetaucht war und seinen Scheck ausgelöst hatte.
»Es tut mir aufrichtig leid«, sagte er zu ihr, »aber ich habe durch ein Versehen den Scheck statt auf mein derzeitiges Konto auf ein längst erloschenes ausgestellt.«
»Ummm«, sagte die Dame lächelnd, während sie schrieb.
»Ich wäre Ihnen zudem sehr verbunden«, sagte er, »wenn Sie Ihrem Gatten, der mich kürzlich angerufen hat, sagen könnten –«
»Mein Bruder Carl«, sagte die Dame, »um genau zu sein.« Sie warf ihm über ihre Schulter einen Blick zu. »Falls Carl mit Ihnen gesprochen hat…« Sie gestikulierte lächelnd. »Er regt sich manchmal so auf, wenn es um Schecks geht … ich möchte mich in seinem Namen entschuldigen, falls er ein wenig heftig … Sie wissen schon.«
»Sagen Sie ihm bitte«, spulte Arctor seine auswendig gelernte Ansprache ab, »daß ich zu dem Zeitpunkt, als er anrief, selbst etwas durcheinander war, und daß auch ich mich meinerseits für mein Verhalten entschuldigen möchte.«
»Ich glaube, er sagte irgend etwas davon, ja.« Sie gab ihm den Scheck; er gab ihr zwanzig Dollar.
»Irgendwelche Nebenkosten?« sagte Arctor.
»Keine Nebenkosten.«
»Ich war durcheinander«, sagte er und warf einen kurzen Blick auf den Scheck, um ihn dann in seiner Tasche verschwinden zu lassen, »weil ein Freund von mir gerade unerwartet verstorben war.«
»Du meine Güte«, sagte die Dame.
Ohne selbst so recht zu wissen, warum er eigentlich seinen Abgang immer noch hinauszögerte, sagte Arctor: »Er ist erstickt, ganz allein in seinem Zimmer, an einem Stück Fleisch. Niemand hat ihn gehört.«
»Wußten Sie, daß sich mehr solcher Todesfälle ereignen, als die meisten Leute ahnen? Ich habe gelesen, daß, wenn man mit einem Freund diniert und dieser eine Zeit lang nichts sagt, sondern einfach nur dasitzt, man sich vorbeugen und ihn fragen soll, ob er sprechen kann. Weil er nämlich vielleicht nicht mehr dazu in der Lage ist. Stellen Sie sich das nur vor – er mag ersticken und kann es einem nicht einmal sagen.«
»Ja«, sagte Arctor. »Danke. Das ist wahr. Und danke wegen des Schecks.«
»Das tut mir leid, das mit Ihrem Freund«, sagte die Dame.