»Ja«, sagte er. »Er war wohl der beste Freund, den ich hatte.«
»Das ist ja ganz schrecklich«, sagte die Dame. »Wie alt war er denn, Mr. Arctor?«
»Anfang Dreißig«, sagte Arctor, was auch stimmte: Luckman war zweiunddreißig.
»Oh, wie furchtbar. Ich werde es Carl erzählen. Und vielen Dank, daß Sie den langen Weg hier heruntergekommen sind.«
»Ich habe Ihnen zu danken«, sagte Arctor. »Und sagen Sie bitte auch Mr. Englesohn meinen aufrichten Dank. Ich bin Ihnen beiden ja so dankbar.« Er verließ den Laden und trat wieder hinaus auf den warmen, morgendlichen Bürgersteig. Das grelle Licht und die dumpfige Luft ließen ihn blinzeln.
Er bestellte sich telefonisch ein Taxi, und auf der Rückfahrt zu seinem Haus saß er einfach nur da und lobte sich selbst dafür, wie gut er doch aus diesem von Barris gesponnenen Netz herausgekommen war, ganz ohne häßlichen Eklat. Hätte ein ganzes Stück schlimmer kommen können, machte er sich selber klar. Der Scheck war immer noch da. Und ich mußte nicht dem Macker selbst gegenübertreten.
Er holte den Scheck hervor, um nachzusehen, wie gut es Barris gelungen war, seine Handschrift nachzuahmen. Ja, es handelte sich tatsächlich um ein aufgelöstes Konto; er erkannte die Farbe des Schecks auf der Stelle, ein endgültig geschlossenes Konto, und die Bank hatte einen Stempel mit den Worten KONTO ERLOSCHEN daraufgedrückt. Er fragte sich, ob der Schlosser daraufhin wohl ausgeflippt war. Und dann, als er den Scheck genau betrachtete, während sich das Taxi einen Weg durch das Verkehrsgewühl suchte, sah Arctor, daß die Handschrift seine war.
Sie erinnerte nicht im geringsten an die von Barris. Eine perfekte Fälschung. Er hätte nie und nimmer darauf kommen können, daß es nicht seine eigene Schrift war, außer dadurch, daß er sich daran erinnerte, diesen Scheck nicht ausgestellt zu haben.
Mein Gott, dachte er, wie viele dieser Schecks hat Barris bis heute wohl schon in Umlauf gesetzt? Vielleicht hat er mich längst um die Hälfte all dessen gebracht, was ich besitze!
Barris, dachte er, ist ein Genie. Andererseits könnte er die Schrift natürlich durchgepaust oder jedenfalls auf mechanischem Wege kopiert haben, etwa mit einem Pantographen. Aber ich habe doch nie einen Scheck für diese Schlosserei Englesohn ausgestellt … wie also könnte es eine auf mechanischem Wege hergestellte Fälschung sein? Für diesen Scheck gibt es doch keine Vorlage. Ich werde ihn rüber zur graphologischen Abteilung schicken, entschied er. Sollen die doch herausknobeln, wie es gemacht worden ist. Vielleicht nur Übung, Übung, Übung.
Und was den Schwindel mit den Pilzen anging –
Er dachte: Ich werde einfach direkt auf ihn zugehen und ihm sagen, daß mehrere Leute mir erzählt hätten, er habe versucht, ihnen Pilz-Hits zu verkaufen. Und daß er Schluß mit diesem Scheiß machen sollte. Genau – ich habe eine Rückfrage von jemanden bekommen, der sich wegen der Pilz-Hits Sorgen machte. Was ja auch nur zu verständlich ist.
Aber diese ganzen Einzelpunkte, dachte er, sind letztlich doch nur zufällige Indikatoren für das, was er eigentlich vorhat. Was ich bei der ersten Durchsicht der Bänder entdeckt habe, stellt nur eine Zufallsauswahl aus der Gesamtheit dessen dar, gegen das ich angehen muß. Weiß der Himmel, was er sonst noch alles angestellt hat: Schließlich hat er alle Zeit der Welt zur Verfügung gehabt, um herumzustöbern und Nachschlagewerke zu lesen und Anschläge und Intrigen und Verschwörungen und was nicht noch alles sonst auszuhecken … Vielleicht, dachte er übergangslos, sollte ich besser mein Telefon durchchecken lassen, um zu sehen, ob es angezapft ist. Barris hat eine ganze Kiste voller elektronischer Bauteile, und sogar eine Firma wie Sony hat beispielsweise eine Induktionsspule auf den Markt gebracht, die als Anzapfvorrichtung für ein Telefon verwendet werden kann. Wahrscheinlich ist das Telefon tatsächlich angezapft. Möglicherweise schon seit geraumer Zeit.
Ich meine, dachte er, zusätzlich zu der kürzlich mit meinem Einverständnis vorgenommenen – der notwendigen – Anzapfung.
Erneut studierte er den Scheck, während das Taxi durch die Straßen holperte, und ganz plötzlich dachte er: Was, wenn ich ihn selber ausgestellt hätte? Was, wenn Arctor das hier geschrieben hat? Ich glaube, ich hab’s getan, dachte er; ich glaube, dieses spinnerte Arschloch Arctor hat diesen Scheck höchstpersönlich ausgeschrieben, zwischen Tür und Angel – die Buchstaben kippen alle –, weil er aus irgendeinem Grund in Eile war; wollte den Scheck eben rausknallen und hat dabei das falsche Scheckbuch erwischt, und hinterher hat er das alles vergessen. Hat die ganze Angelegenheit total vergessen.
Den Tag vergessen, dachte er, an dem Arctor…
Was grinsest du mir, hohler Schädel, her?
Als daß dein Hirn, wie meines, einst verwirret
Den leichten Tag gesucht und in der
Dämmrung seh wer
Mit Lust nach Wahrheit, jämmerlich geirret.[5]
… wieder aus dem Dunst der gewaltigen Dope-Happenings in Santa Ana aufgetaucht war, auf dem er diese kleine, blonde Puppe mit den komischen Zähnen, den langen blonden Haaren und dem dicken Arsch kennengelernt hatte; keine große Schönheit, aber so tatkräftig und freundlich … er hatte den Wagen nicht ans Laufen kriegen können; er war bis zum Stehkragen mit Dope abgefüllt gewesen. Er hatte die Sache mit dem Wagen einfach nicht mehr geregelt gekriegt – an diesem Abend war er so unglaublich viel Dope eingepfiffen und geschossen und geschnieft worden, und das Happening hatte sich beinahe bis zur Morgendämmerung hingezogen. So viel Substanz T, und alles echt primo. Sehr, sehr primo. Sein Stoff.
Indem er sich vorbeugte, sagte er: »Halten Sie bitte an der Shell-Tankstelle da drüben. Ich möchte aussteigen.«
Er stieg aus, bezahlte den Taxifahrer und betrat die Telefonzelle, schaute die Nummer des Schlossers nach und rief an.
Die alte Dame war am Apparat. »Schlosserei Englesohn, guten –«
»Hier spricht noch einmal Arctor. Tut mir leid, daß ich Sie schon wieder belästigen muß. Von was für einer Adresse ist damals der Anruf gekommen, durch den der Auftrag erteilt wurde, für den hinterher der Scheck ausgestellt worden ist?«
»Nun, da muß ich erst einmal nachsehen. Einen kleinen Moment bitte, Mr. Arctor.« In seinem Ohr dröhnte es, als sie den Telefonhörer auf die Theke legte.
Die ferne, gedämpfte Stimme eines Mannes: »Wer ist dran? Dieser Arctor?«
»Ja, Carl, aber sag bitte nichts, bitte. Er ist vorhin hereingekommen und –«
»Laß mich mit ihm sprechen.«
Pause. Dann wieder die alte Dame. »Ja, ich habe die Adresse, Mr. Arctor.« Sie las seine Heimatadresse ab.
»Dorthin ist ihr Bruder bestellt worden? Um den Schlüssel zu machen?«
»Einen Moment, bitte. Carl? Erinnerst du dich noch, wo du mit dem Lieferwagen hingefahren bist, um den Schlüssel für Mr. Arctor zu machen?«
Das weit entfernte Brummen einer Männerstimme: »Zum Katella Boulevard.«
»Nicht zu ihm nach Hause?«
»Zum Katella Boulevard. «
»Zum Katella Boulevard, Mr. Arctor. In Anaheim. Nein, warten Sie – Carl sagt gerade, es war in Santa Ana, an der Main Street. Hilft Ihnen das –«
»Danke«, sagte er und legte auf. Santa Ana. Main Street – dort hat die Scheiß-Dopeparty stattgefunden; ich muß in dieser Nacht mindestens dreißig Namen und ebenso viele Nummernschilder notiert haben. Das war nicht nur eine von diesen gewöhnlichen Drogenparties. Eine große Lieferung war gerade aus Mexico eingetroffen; die großen Dealer teilten die Ware unter sich auf und testeten sie an, wie es dabei so üblich ist. Die Hälfte von ihnen ist jetzt möglicherweise schon von als Käufern getarnten Agents provocateurs hopsgenommen worden … Wow, dachte er, ich erinnere mich immer noch an diese Nacht – oder besser gesagt: Ich werde mich wohl nie mehr so genau daran erinnern können.