Aber das entschuldigte Barris immer noch nicht dafür, daß er vorsätzlich vorgetäuscht hatte, Arctor zu sein, als dieser Telefonanruf kam. So, wie es jetzt aussah, hatte er sich das nur spontan ausgedacht – improvisiert. Scheiße, vielleicht war Barris an jenem Abend einfach nur abgefüllt gewesen und hatte das getan, was eine Menge Macker tun, wenn sie weggetreten sind: nämlich auf allem abfahren, was sich gerade so ergibt. Arctor hatte den Scheck geschrieben, daran konnte es jetzt keinen Zweifel mehr geben; Barris hatte nur zufällig den Hörer abgehoben. Und in seinem angefressenen Kopf gedacht, daß es ein irre cooler Gag war. Er hatte nur unverantwortlich gehandelt, sonst nichts.
Und auch Arctor, überlegte er, als er erneut die Taxizentrale rief, hat nicht sehr verantwortungsbewußt gehandelt, als er den Scheck während dieser ganzen langen Zeitspanne nicht ersetzte. Wessen Fehler war das gewesen? Er holte den Scheck noch einmal heraus, um das Datum festzustellen. Anderthalb Monate. Jesus, und da hatte er Barris mangelndes Verantwortungsbewußtsein vorgeworfen! Beinahe hätte Arctor sich dafür die schwedischen Gardinen von innen ansehen können; nur dank Gottes unergründlicher Gnade war dieser Schwachkopf Carl nicht längst zum Bezirksstaatsanwalt gerannt. Ober vielleicht hatte ihn auch nur seine putzige alte Schwester davon abgehalten.
Arctor, entschied er, sollte seinen Arsch jetzt besser in Bewegung setzen; er hat selbst ein paar bescheuerte Sachen gemacht, von denen ich bisher noch nichts wußte. Barris ist da nicht der einzige und vielleicht nicht einmal der Hauptübeltäter. Erstens einmal muß immer noch der Grund geklärt werden, aus dem Barris Arctor mit so abgefeimter Bösartigkeit verfolgt. Woher kommt dieser brennende Haß? Kein Mensch unternimmt doch über eine längere Zeitspanne hinweg alle nur erdenklichen Anstrengungen, um jemanden fertigzumachen, wenn er keinen Grund dafür hat. Und Barris versucht nicht, irgendwen sonst fertigzumachen, sagen wir, Luckman oder Charles Freck oder Donna Hawthorne; er hat sich mehr als jeder andere darum gekümmert, daß Jerry Fabin in die Staatliche Nervenklinik kam, und er kümmert sich geradezu rührend um alle Tiere im Haus.
Einmal war Arctor kurz davor gewesen, einen der Hunde – wie zum Teufel hatte der kleine schwarze Köter doch gleich geheißen, Popo oder so ähnlich? – ins Tierheim zu bringen und dort einschläfern zu lassen, weil die Hündin sich nicht abrichten ließ. Barris hatte Stunden, ja, eigentlich sogar Tage mit Popo verbracht und sie abgerichtet und mit ihr gesprochen, bis sie sich beruhigte und dressiert werden konnte und deshalb nicht mehr weg mußte, um eingeschläfert zu werden. Falls Barris’ Bösartigkeit sich gegen alle richtete, dann würde er doch wohl keine Nummern – keine guten Nummern – wie die abziehen.
»Taxizentrale«, sagte das Telefon.
Er gab die Adresse der Shell-Tankstelle durch.
Und wenn Carl, der Schlosser, gemerkt hat, daß Arctor schwer drogensüchtig ist, überlegte er, während er in düsterer Stimmung herumlungerte und auf das Taxi wartete, dann ist das auch nicht Barris’ Schuld; als Carl damals um fünf Uhr morgens in seinem Lieferwagen aufgetaucht war, um einen Schlüssel für Arctors Olds zu machen, war Arctor möglicherweise gerade auf puddingweichen Bürgersteigen entlangspaziert und die Wände hochgegangen, oder er hatte mit Fischaugen Schlagball gespielt oder ein paar von den anderen Dingen getan, die man auf einem Dope-Trip so tun konnte. Carl hatte schon da seine Schlußfolgerungen gezogen. Als Carl den neuen Schlüssel geschliffen hatte, war Arctor vielleicht gerade verkehrt herum durch die Luft geschwebt oder auf seinem Kopf herumgeteichelt, während er zugleich seitwärts sprach. Kein Wunder, daß Carl nicht sonderlich erfreut gewesen war.
Vielleicht, spekulierte er, versucht Barris ja sogar bloß, Arctors zunehmende Fehlleistungen wieder auszubügeln. Arctor hält sein Fahrzeug nicht länger so gut in Schuß, wie er das früher mal getan hat, er stellt faule Schecks aus, und das alles nicht aus böser Absicht, sondern weil sein gottverdammtes Gehirn durch den ganzen Stoff zermatscht ist. Aber das macht die Angelegenheit eher nur noch schlimmer. Barris tut, was er kann; das kann durchaus sein. Nur ist auch sein Gehirn zermatscht. Alle ihre Gehirne sind…
Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwühlt.
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.[6]
… zermatscht und beeinflussen sich gegenseitig auf zermatschte Art und Weise. Die Zermatschten führen die Zermatschten. Und zwar geradewegs ins Verderben.
Vielleicht, mutmaßte er, hat Arctor selbst die ganzen Drähte durchgeknipst und verbogen und die ganzen Kurzschlüsse in seinem Cephskop verursacht. Mitten in der Nacht. Aber aus welchen Gründen?
Eben das würde die Kardinalsfrage sein: Warum? Aber bei zermatschten Gehirnen war alles möglich, alles denkbar, selbst Motive, die so verdreht wie die Drähte waren. Während seiner Tätigkeit als Geheimer Rauschgift-Agent hatte er das selbst gesehen, viele, viele Male. Diese Tragödie war ihm nicht neu; das alles war nur ein Routinefall mehr in den Computerspeichern. Das hier war das Stadium, das der Reise in die Staatliche Nervenklinik unmittelbar vorausging. Wie bei Jerry Fabin.
Alle diese Typen bewegten sich auf demselben Spielfeld; sie standen jetzt nur auf verschiedenen Feldern in unterschiedlicher Entfernung vom Ziel und würden es zu verschiedenen Zeiten erreichen. Aber am Ende würden sie doch alle an diesem Ziel ankommen: in der Staatlichen Nervenklinik.
Das war in ihr Nervengewebe einprogrammiert. Oder in das, was immer davon übriggeblieben war. Nichts konnte dem noch Einhalt gebieten oder es verhindern. Jetzt nicht mehr.
Und, so glaubte er nun zu wissen, besonders nicht mehr für Bob Arctor. Diese langsam in ihm aufdämmernde Erkenntnis gewann er rein intuitiv; sie war nicht von dem abhängig, was Barris getan hat. Es war eine neue, eine professionelle Erkenntnis.
Und auch seine Vorgesetzten im Sheriff-Büro von Orange County hatten ja beschlossen, Bob Arctor in den Brennpunkt ihres Interesses zu rücken; sie hatten zweifellos gute Gründe dafür, Grunde, über die er nichts wußte. Vielleicht bestätigten diese gleichzeitigen Entwicklungen einander: Das wachsende Interesse der Behörden an Arctor – immerhin hatte es die Abteilung eine ganz schöne Stange Geld gekostet, die Holo-Kameras in Arctors Haus zu installieren und ihn dafür zu bezahlen, daß er die Ergebnisse dieser Überwachungstätigkeit analysierte, und dann waren da ja auch noch die anderen Beamten weiter oben, die sich das abschließende Urteil über das Material bilden mußten, das er in regelmäßigen Abständen an sie weiterleitete – dieses Interesse paßte gut zu der Tatsache, daß Barris seine Aufmerksamkeit in einem unüblichen Maße auf Arctor richtete; beide Parteien hatten Arctor zu ihrem Primärziel gemacht. Aber was hatte er selbst an Arctors Verhalten bemerkt, das ihm als ungewöhnlich ins Auge gestochen war? Durch unmittelbare Beobachtung, unabhängig von den Einschätzungen der beiden anderen Parteien?
Während das Taxi weiterfuhr, überlegte er sich, daß er höchstwahrscheinlich eine ganze Weile würde Ausschau halten müssen, um auf etwas zu stoßen; die Wahrheit würde sich den Kameras und den Schirmen nicht binnen eines Tages offenbaren. Er würde viel Geduld aufbringen müssen; er würde sich darein schicken müssen, über einen langen Zeitraum Nachforschungen anzustellen und sich in einen Bewußtseinszustand zu versetzen, in dem er die notwendige Bereitschaft zum Warten aufbrachte.
Aber dann, sobald er etwas auf den Holo-Schirmen sah, irgendein dunkles, rätselhaftes Verhalten von Arctors Seite, würde Arctor plötzlich im Schnittpunkt einer Peilung von drei Fixpunkten aus stehen, und es würde eine dritte Absicherung für die Einschätzungen der anderen Parteien geben. Gewiß würde das die endgültige Bestätigung liefern. Und damit den Kostenaufwand und die Zeit rechtfertigen und den Interessen aller beteiligten Parteien dienlich sein.