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Ich frage mich, was Barris weiß, was wir nicht wissen, dachte er. Vielleicht sollten wir ihn ins Behördenzentrum schleifen und ihn danach fragen. Andererseits ist es natürlich günstiger, über Material zu verfügen, das unabhängig von Barris zusammengetragen worden ist; andernfalls würden die Erkenntnisse eine bloße Verdopplung jener Erkenntnisse sein, über die Barris – wer immer er auch war oder was immer er auch darstellen mochte – verfügte.

Und dann dachte er: Was, zum Teufel, habe ich da eigentlich gerade gedacht? Ich muß verrückt sein. Ich kenne Bob Arctor doch; er ist ein guter Mensch. Er ist in nichts verwickelt.

Jedenfalls in keine üblen Sachen. Er arbeitet ja sogar, dachte er, für das Sheriff-Büro von Orange County, in einer Tarnidentität. Was möglicherweise der Grund dafür ist …

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen:

Die eine hält, in derber Liebeslust,

Sich an die Welt mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.[7]

warum Barris hinter ihm her ist.

Aber, dachte er, das erklärt noch nicht, warum das Sheriff-Büro von Orange County hinter ihm her ist – und zwar so sehr, daß sie diese ganzen Holos installiert und einen Full-Time-Agenten damit beauftragt haben, ihn zu überwachen und über ihn Bericht zu erstatten. Das läßt sich damit nicht erklären.

Das paßt alles nicht zusammen, dachte er. Da muß noch mehr, noch viel mehr in jenem Haus vor sich gehen, jenem heruntergewirtschafteten, schuttgefüllten Haus mit dem unkrautüberwucherten Hinterhof und den Katzenklos, die nie geleert werden, jenem Haus, wo die Tiere auf dem Küchentisch herumspazieren und die Abfalleimer überquellen, weil nie jemand den ganzen Müll nach draußen trägt.

Was für eine Verschwendung, dachte er, ein so gutes und solides Haus derartig herunterkommen zu lassen. Man könnte so viel damit machen. In diesem Haus könnte eine Familie leben, Kinder und eine Frau. Dafür war es ausgelegt: drei Schlafzimmer. So eine Verschwendung; so eine beschissene Verschwendung! Sie sollten es ihm wegnehmen, dachte er; sie sollten auf der Stelle eingreifen und die Zwangsräumung anordnen. Vielleicht werden sie das ja auch machen. Und es einer besseren Verwendung zuführen; dieses Haus schreit geradezu danach. Dieses Haus hat auch schon viel bessere Tage gesehen, vor langer Zeit. Jene Tage könnten wiederkehren. Wenn jemand, der nicht so ist wie Arctor und seine Kumpane, darin wohnen würde und es gut in Schuß hielte.

Besonders den Hof, dachte er, als das Taxi in die mit alten Zeitungen übersäte Auffahrt einbog.

Er bezahlte den Fahrer, holte seinen Türschlüssel heraus und betrat das Haus.

Sogleich spürte er, daß da etwas war, das ihn beobachtete: die auf ihn gerichteten Holo-Kameras. Von dem Moment an, da er über seine eigene Türschwelle getreten war. Er war ganz allein – keiner außer ihm im Haus. Falsch! Keiner außer ihm und den heimlichen, unsichtbaren Kameras, die ihn beobachteten und alles aufnahmen. Alles, was er tat. Alles, was er sagte.

Unwillkürlich mußte er an die Kritzeleien denken, die man manchmal sah, wenn man zum Pinkeln auf ein öffentliches Pissoir ging. LÄCHLE! DU WIRST FÜR »VORSICHT, KAMERA« GEFILMT! Und die Kamera surrt los, dachte er, sobald ich das Haus betrete. Gespenstisch. Er mochte das nicht. Er fühlte sich gehemmt; diese Empfindung war seit dem ersten Tag, vom ersten Augenblick an, nachdem sie wieder nach Hause gekommen waren, immer stärker geworden. Seit dem »Hundescheiße-Tag«, wie er ihn bei sich nannte – eine Bezeichnung, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Und mit jedem Tag war das Bewußtsein um die Anwesenheit der Kameras gewachsen.

»Keiner daheim, nehme ich an«, erklärte er wie üblich mit lauter Stimme und war sich dabei der Tatsache bewußt, daß die mit den Kameras gekoppelten Mikrophone diese Worte aufgenommen hatten. Aber er mußte immer aufpassen; er durfte ja die Position der Kameras nicht kennen. Wie ein Schauspieler vor einer Filmkamera, dachte er. Du mußt spielen, als würde die Kamera gar nicht existieren, sonst schmeißt du die Szene. Und dann ist alles vorbei.

Denn bei dieser Scheiße gibt es keine Wiederholungsaufnahmen.

Statt dessen muß man damit rechnen, von den Bändern gelöscht zu werden. Ich meine, ich muß damit rechnen. Nicht die Leute hinter den Kameras, sondern ich.

Was ich tun sollte, dachte er, um aus all dem herauszukommen, ist das Haus zu verkaufen; es ist ja sowieso heruntergewirtschaftet. Aber … ich liebe dieses Haus. Punktum!

Es ist mein Haus.

Niemand kann mich hier rausbringen.

Aus welchen Gründen auch immer sie das tun würden oder wenigstens gerne täten.

Immer vorausgesetzt, daß es da überhaupt ein »Sie« gibt.

Vielleicht existieren die »Sie«, die mich beobachten, ja auch einfach nur in meiner Einbildung. Paranoia. Oder besser: nicht die »Sie«, sondern das »Es«. Das entpersönlichte »Es«.

Was immer es ist, das mich beobachtet – ein Mensch ist es nicht. Jedenfalls nicht nach meinen Maßstäben. Es ist nichts, was ich als Menschen erkennen könnte.

So albern das alles auch ist, dachte er, so beängstigend ist es zugleich. Etwas wird mir angetan, von einem bloßen Ding, hier in meinem Haus. Direkt vor meinen Augen.

Vor den Augen eines Etwas; im Blickfeld irgendeines Dings. Das, ungleich meiner kleinen, dunkeläugigen Donna, niemals blinzelt. Was sieht eine Kamera eigentlich? fragte er sich. Ich meine, was sieht sie wirklich? Sieht sie in den Kopf hinein? Oder in das menschliche Herz? Sieht eine starr montierte Infrarot-Kamera, wie man sie früher zu verwenden pflegte, oder eine 3-D-Abtastkamera, wie man sie heute verwendet, das neueste Modell, in mich – in uns – hinein, und ist das Bild, das auf den Schirmen erscheint, klar oder dunkel und verschwommen? Ich hoffe, daß wenigstens das Bild auf den Schirmen klar ist, dachte er, weil ich in letzter Zeit nicht länger in mich selbst hineinsehen kann. Ich sehe nur Matsch. Matsch draußen; Matsch drinnen. Um unser aller willen hoffe ich, daß die Kameras es besser können. Denn, so dachte er, wenn die Kameras nur dunkle Bilder liefern, so dunkle wie die, die ich selber sehe, dann sind wir alle verdammt, sind wieder verdammt, wie wir es schon von jeher gewesen sind, und dann werden wir am Ende unwissend sterben, und selbst das bißchen, das wir wissen, jenes winzige Fragment der Wahrheit, noch falsch ausgelegt haben.

Nach Zufallskriterien nahm er einen Band aus dem Bücherschrank im Wohnzimmer; es handelte sich, wie er feststellte, um Das große illustrierte Buch der körperlichen Liebe. Als er es nach Zufallskriterien aufschlug, entdeckte er eine Seite, die einen Mann zeigte, der mit seligem Lächeln an der über ihn ragenden rechten Titte einer vor Lust keuchenden Puppe knabberte, und er sagte laut, ganz so, als lese er etwas aus dem Buch vor, als zitiere er die Worte eines berühmten, altehrwürdigen, überragenden Philosophen (was natürlich nicht der Fall war):

»Jedweder Mensch sieht nur einen winzigen Teil der einen, alles umfassenden Wahrheit, und sehr oft, ja sogar nahezu …

Weh! steck’ich in dem Kerker noch?

Verfluchtes dumpfes Mauerloch,

Wo selbst das liebe Himmelslicht

Trüb durch gemalte Scheiben bricht!

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7

Anm. d. Übers.: Deutsch im Original