Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
Den Wurme nagen, Staub bedeckt,
Den bis ans hohe … [8]
… immer, bringt er sich sogar noch selbst um jenes kleine, kostbare Fragment. Ein Teil von ihm wendet sich gegen ihn und handelt wie eine andere Person, besiegt ihn von innen heraus. Ein Mensch innerhalb eines Menschen. Und damit letztlich überhaupt kein Mensch.«
Mit einem bedeutungsschweren Nicken, so, als sei er von der Weisheit der nichtexistenten Worte auf jener Seite tief bewegt, schloß er das großformatige, in rotes Leder eingebundene und mit güldenen Lettern geschmückte Große illustrierte Buch der körperlichen Liebe wieder und stellte es auf seinen angestammten Platz im Regal zurück. Hoffentlich, dachte er, zoomen die Kameras nicht auf den Buchumschlag und lassen meinen kleinen Schwindel auffliegen.
*
Charles Freck, der angesichts dessen, was mit allen seinen Bekannten geschah, immer deprimierter wurde, beschloß zu guter Letzt, sich ein für allemal davonzumachen. In den Kreisen, in denen er verkehrte, war es kein Problem, seinem Leben ein Ende zu setzen; man kaufte sich einfach eine größere Ladung Reds und schluckte sie mit etwas billigem Wein, spät in der Nacht, nachdem man zuvor den Telefonhörer neben die Gabel gelegt hatte, um von niemandem gestört zu werden.
Natürlich mußte ein solcher Abgang sorgfältig geplant werden. Im Mittelpunkt der Vorbereitungen standen dabei die Artefakte, die spätere Archäologen dereinst finden sollten. Es galt, sie so auszuwählen, daß diese Archäologen auch wissen würden, aus welcher Schicht man kam. Und sich außerdem ein Bild davon zusammenpuzzlen konnten, was zum Zeitpunkt der Durchführung deiner Tat in deinem Kopfe vorging.
Deshalb verwandte er mehrere Tage darauf, über die Zusammenstellung der Artefakte zu entscheiden. Viel länger, als er darauf verwandt hatte, zu beschließen, sich zu töten, und ungefähr die gleiche Zeit, die er benötigt hatte, um sich eine hinreichend große Menge von Reds zu beschaffen. Man würde ihn in seinem Bett finden, auf dem Rücken liegend, neben sich ein Exemplar von Ayn Rands The Fountainhead (welches Zeugnis davon ablegen würde, daß er ein unverstandener Obermensch gewesen war, verkannt von den Massen und daher in gewisser Weise ein Opfer ihrer schmählichen Mißachtung) und einen unvollendeten Brief an Esso, in dem er gegen die Annullierung seiner Benzin-Kreditkarte protestierte. Auf diese Weise würde er das System anklagen und durch seinen Tod etwas bewirken, das über das hinausging, was der Tod für ihn selbst bewirkte. Tatsächlich war er sich über das, was der Tod für ihn selbst bewirken mochte, längst nicht so im klaren wie über das, was die beiden Artefakte bewirken würden; aber jedenfalls summierte sich alles auf, und er begann, die letzten Vorbereitungen zu treffen, wie ein Tier, das spürt, daß seine Zeit gekommen ist, und nun nach dem Instinktprogramm handelt, das die Natur ihm für den Augenblick mitgegeben hat, da sein unvermeidliches Ende naht.
Im letzten Moment (der Sand in seinem Stundenglas war beinah schon verronnen) änderte er seinen Plan in einem entscheidenden Punkt ab und beschloß, die Reds mit einem Connaisseur-Wein statt mit Lambrusco oder Ripple ‘runterzuspülen, und so machte er sich auf zu seiner letzten Fahrt, hinüber zu Joe’s Laden, einem Fachgeschäft für Weine, und erstand dort eine Flasche 1971er Mondavi Cabernet Sauvignon, was ihn um nahezu dreißig Dollar ärmer machte – und das war alles, was er hatte.
Wieder daheim, entkorkte er die Flasche und gab der Blume Zeit, sich in aller Ruhe zu entfalten. Dann trank er ein paar Gläser, verbrachte ein paar Minuten damit, sich in seine Lieblingsseite im Großen illustrierten Buch der körperlichen Liebe zu versenken, die ein Mädchen zeigte, das rittlings auf einem Mann hockte, stellte den Plastikbeutel mit den Reds neben sein Bett und legte sich schließlich mit dem Ayn Rand-Buch und dem unvollendeten Brief an Esso hin und versuchte, an etwas Bedeutungsvolles zu denken, aber das wollte ihm einfach nicht gelingen; statt dessen sah er immer nur das rittlings auf dem Mann hockende Mädchen vor seinem inneren Auge. Und dann kippte er mit einem Glas Cabernet Sauvignon alle Reds auf einmal hinunter. Nach vollbrachter Tat ließ er sich zurücksinken, das Ayn Rand-Buch und den Brief auf seiner Brust, und wartete.
Aber er war abgelinkt worden. Die Kapseln waren gar keine Barbiturate, wie ein Dealer behauptet hatte, sondern eine Art verrückter psychedelischer Drogen, und zwar eine Sorte, die er noch nie zuvor eingepfiffen hatte. Vielleicht eine Mischung, die neu auf dem Markt war. Statt ruhig zu ersticken, begann Charles Freck zu halluzinieren. Tja, dachte er philosophisch, das ist nun einmal mein Geschick. Immer werde ich beschissen. Angesichts der Menge der Kapseln, die er geschluckt hatte, richtete er sich vorsorglich schon einmal darauf ein, daß ihm ein ganz schön höllischer Trip bevorstand.
Seine erste Wahrnehmung war ein Geschöpf von irgendwo zwischen den Dimensionen, das neben seinem Bett stand und mißbilligend auf ihn herabschaute.
Das Geschöpf hatte viele Augen, die gleichmäßig über seine Körperoberfläche verteilt waren, trug ultramoderne, teuer aussehende Kleidung und ragte ungefähr zweieinhalb Meter hoch auf. Außerdem hielt es eine gewaltige Schriftrolle.
»Du wirst mir meine Sünden vorlesen«, sagte Charles Freck. Das Geschöpf nickte und erbrach das Siegel der Schriftrolle. Freck, hilflos auf seinem Bett liegend, sagte: »Und das wird hunderttausend Stunden dauern.«
Das Geschöpf von irgendwo zwischen den Dimensionen bedachte ihn mit einem scharfen Blick aus seinen unzähligen, wie aus Facetten zusammengesetzten Augen und sagte: »Wir sind nicht länger im weltlichen Universum. Kategorien wie ›Raum und Zeit‹ die den Niederungen materiellen Seins angehören, treffen auf dich nicht länger zu. Du bist auf die Ebene transzendenten Seins erhoben worden. Deine Sünden werden dir ohne Unterlaß vorgelegen werden, in alle Ewigkeit, im Schichtdienst. Die Liste wird nie enden.«
Vertrau nie einem Dealer, dachte Charles Freck und wünschte sich, die letzte halbe Stunde seines Lebens ungeschehen machen zu können.
Tausend Jahre später lag er immer noch da auf seinem Bett, das Ayn Rand-Buch und den Brief an Esso auf der Brust, und hörte ihnen dabei zu, wie sie ihm seine Sünden vorlasen. Sie waren jetzt bei der ersten Klasse angelangt, und er war damals gerade sechs Jahre alt gewesen.
Zehntausend Jahre später hatten sie die sechste Klasse erreicht.
Das Jahr, in dem er die Masturbation entdeckt hatte. Er schloß die Augen, aber trotzdem konnte er immer noch das vieläugige, zweieinhalb Meter große Wesen mit der endlosen Schriftrolle sehen, das las und las und las…
»Und als nächstes –«, sagte es gerade.
Charles Freck dachte: Wenigstens war der Wein gut.
XII
Zwei Tage später beobachtete Fred verwirrt auf dem Schirm von Holo-Kamera Drei, wie sein Objekt offensichtlich nach Zufallskriterien ein Buch aus dem Bücherschrank im Wohnzimmer seines Hauses nahm. Ein Versteck für Dope? fragte Fred und zoomte mit der Kameralinse näher heran. Oder hatte er sich in diesem Band vielleicht eine Telefonnummer oder eine Adresse notiert? Er konnte auf den ersten Blick sehen, daß Arctor das Buch nicht hervorgeholt hatte, um darin zu lesen; Arctor hatte gerade eben erst das Haus betreten und trug immer noch seinen Mantel. Eine eigentümliche Aura umgab ihn; er wirkte gleichzeitig angespannt und ausgelaugt. Als stehe er unter emotionaler Hochspannung und sei doch zugleich völlig abgestumpft.
Die Zoom-Linse zeigte, daß sich auf der von Arctor aufgeschlagenen Seite ein Farbfoto eines Mannes befand, der an der rechten Brustwarze einer Frau knabberte; beide Individuen waren nackt. Die Frau hatte offensichtlich gerade einen Orgasmus; ihre Augen hatten sich halb geschlossen, und ihr Mund klaffte in einem unhörbaren Stöhnen offen. Vielleicht benutzt Arctor das dazu, um sich aufzugeilen, dachte Fred, während er zuschaute. Aber Arctor schenkte dem Bild keine große Aufmerksamkeit; statt dessen rezitierte er zu Freds Verblüffung mit knarrender Stimme einen höchst merkwürdigen Text, teilweise in Deutsch, offenbar, um jeden zu verwirren, der ihn zufällig belauschen sollte. Vielleicht nahm er an, daß seine Mitbewohner irgendwo im Haus waren, und wollte sie auf diese Weise ins Wohnzimmer locken, mutmaßte Fred.