So tun, überlegte er, als sei man ein Hochstapler. Einer, der unter parkenden Wagen lebt und Dreck frißt. Nicht ein weltberühmter Chirurg oder Romancier oder Politiker; jemand, um den sich keine Fernsehanstalt reißen würde. Das ist kein Leben, das irgend jemand, der noch bei Verstand ist …
Dem Wurme gleich’ ich, der den Staub durchwühlt,
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.[9]
Ja, das trifft es ganz genau, dachte er. Dieses Gedicht. Luckman muß es mir vorgelesen haben, oder vielleicht haben wir es mal in der Schule durchgenommen. Lustig, was da manchmal aus den Tiefen der Erinnerung wieder an die Oberfläche kommt. Was das Gehirn so alles speichert.
Arctors verdrehte Worte wollten ihm nicht aus dem Kopf gehen, obwohl er doch das Band schon längst gestoppt hatte. Ich wünschte mir, ich könnte sie vergessen, dachte er. Ich wünschte mir, ich könnte – wenigstens für eine Zeitlang – ihn vergessen.
»Irgendwie krieg’ ich das Gefühl«, sagte Fred, »daß ich manchmal weiß, was sie im nächsten Augenblick sagen werden. Noch bevor sie es aussprechen. Ihre genauen Worte.«
»Das nennt man Déjà vu«, nickte einer der Jedermann-Anzüge. »Paß mal auf, ich will dir mal ‘n paar gute Tips geben. Spul das Band immer über einen längeren Aufnahmezeitraum vor, also nicht nur eine Stunde sondern, sagen wir mal, sechs Stunden. Wenn sich da nichts Bemerkenswertes ereignet, dann spulst du es zurück, bis du auf etwas stößt. Rückwärts, verstehst du, statt vorwärts. Auf diese Weise kommst du nicht in ihren Rhythmus. Du schwimmst sozusagen gegen den Strom. Sechs oder sogar acht Stunden vorwärts, dann in großen Sprüngen zurück … Du wirst den Dreh bald raushaben und ein Gespür dafür kriegen, ob du nun Kilometer um Kilometer von diesem Nichts vor dir hast oder ob irgendwo was Verwertbares darunter ist.«
»Und du wirst eigentlich gar nicht wirklich zuhören«, sagte der andere Jedermann-Anzug. »Bis du wirklich auf etwas stößt. Wie eine Mutter, wenn sie schläft – nichts macht sie wach, nicht einmal ein vorbeifahrender Lastwagen, bis sie ihr Baby weinen hört. Das weckt sie – das erregt ihre Aufmerksamkeit. Ganz egal, wie schwach das Weinen auch immer sein mag. Das Unterbewußtsein arbeitet selektiv, wenn es erst einmal gelernt hat, auf was es achten muß.«
»Ich weiß«, sagte Fred. »Ich habe selbst zwei Kinder.«
»Jungen?«
»Mädchen«, sagte er. »Zwei kleine Mädchen.«
»Ist ja suuuuper«, sagte einer der Jedermann-Anzüge. »Ich hab’ auch ein Mädchen, ein Jahr alt.«
»Bitte keine Namen«, sagte der andere Jedermann-Anzug, und sie alle lachten. Ein bißchen.
Jedenfalls, sagte Fred zu sich selbst, gibt es jetzt endlich etwas, das sich aus dem ganzen Zeug auf den Bändern auszusondern und weiterzuleiten lohnt. Diese kryptische Äußerung darüber, »sich als ein Rauschgift-Agent auszugeben«. Die anderen Männer bei Arctor im Haus – auch die hat diese Äußerung überrascht. Wenn ich morgen um drei rübergehe, werde ich eine Kopie davon mitnehmen – ein Band allein mit dem Ton müßte reichen – und das mal mit Hank durchdiskutieren. Das und alles andere, was ich bis morgen noch finde.
Aber selbst wenn das alles ist, was ich Hank vorlegen kann, dachte er, so ist es immerhin doch ein Anfang. Es zeigt, daß diese Rund-um-die-Uhr-Überwachung Arctors keine Verschwendung ist.
Es zeigt, dachte er, daß ich recht hatte.
Diese Bemerkung war ein Ausrutscher. Arctor hat sich verplappert.
Was diese Äußerung allerdings bedeuten sollte, wußte er bisher noch nicht.
Aber das, sagte er zu sich selbst, werden wir schon noch herausfinden. Wir werden so lange an Bob Arctor dranbleiben, bis er reif ist. Auch wenn es noch so unerquicklich ist, ihm und seinen Kumpels die ganze Zeit über zusehen und zuhören zu müssen. Diese Kumpels von ihm, dachte er, sind genauso schlimm wie er selbst. Wie habe ich es bloß jemals aushalten können, die ganze Zeit über mit denen allen in diesem Haus rumzuhängen? Was für eine Art, sein Leben zu verbringen; was für ein, wie der andere Beamte es genannt hatte, endloses Nichts.
Ganz tief unten, dachte er, in der Motsche, der Motsche ihres Gehirns und der Motsche, die sie von außen umgibt; überall nichts als Motsche. Und das liegt nur an ihnen selbst – daran, was für eine Art von Individuen sie sind.
Er steckte seine Zigaretten ein und ging zurück in den Waschraum, verriegelte die Tür. Dann nahm er zehn Tabletten Tod aus der Zigarettenschachtel, füllte eine Blechtasse mit Wasser und pfiff alle zehn Tabs ein. Er wünschte sich, mehr Tabs mitgenommen zu haben. Na ja, dachte er, ich kann ja noch ein paar schlucken, wenn ich die Arbeit hinter mich gebracht habe. Wenn ich nach Hause komme. Er schaute auf seine Uhr und versuchte, auszurechnen, wie lange das wohl noch hin war. Aber er konnte kaum noch klar denken; wie lange, zum Teufel, ist es bis dahin noch? fragte er sich und überlegte zugleich, was aus seinem Zeitgefühl geworden sein mochte. Das Betrachten der Schirme hat mein Zeitgefühl durcheinandergebracht, erkannte er plötzlich. Ich weiß nicht einmal mehr, wie spät es schon ist.
Ich fühle mich, als hätte ich Acid geschluckt und wäre dann durch eine Wagenwaschanlage geschickt worden, dachte er.
Unmengen von gigantischen, wirbelnden, seifigen Bürsten, die auf mich eindringen; von einer Kette immer tiefer hineingezogen in Tunnels aus schwarzem Schaum. Was für eine Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dachte er und entriegelte die Tür des Waschraumes, um widerwillig zurück an die Arbeit zu gehen.
Als er den Bandtransport erneut anstellte, sagte Arctor gerade: »– soweit ich das bisher überblicken kann, ist Gott tot.«
Luckman antwortete: »Ich wußte nicht mal, daß Er krank war.«
»Da mein Olds jetzt wohl endgültig im Arsch ist«, sagte Arctor, »habe ich beschlossen, ihn zu verscheuern und mir statt dessen eine Ente zu kaufen.«
»Wie teuer ist ‘ne Ente?« sagte Barris.
Bei sich dachte Fred: Kommt ganz aufs Gewicht an.
»Kommt ganz aufs Gewicht an«, sagte Arctor.
*
Am folgenden Nachmittag um drei Uhr wurde Fred, der sich noch schlechter fühlte als am Tag zuvor, von zwei medizinischen Assistenten – nicht denselben wie beim ersten Mal – mehreren Tests unterzogen.
»In rascher Aufeinanderfolge werden Sie nun eine Anzahl von Objekten, die Ihnen vertraut sein müßten, vor sich vorbeiziehen sehen, und zwar zunächst vor Ihrem linken und dann vor Ihrem rechten Auge. Zur gleichen Zeit werden auf dem Leuchtschirm vor Ihnen simultan Umrißzeichnungen mehrerer solcher Ihnen vertrauter Objekte erscheinen, und Sie sollen mit Hilfe des Druckstiftes markieren, welches Ihrer Ansicht nach die korrekte Umrißzeichnung des jeweils gerade sichtbaren Objektes ist. Die Objekte werden sich allerdings sehr schnell an Ihnen vorüberbewegen, also zögern Sie nicht zu lange. Neben Ihrer Trefferzahl wird auch die von Ihnen benötigte Zeit bewertet. Okay?«
»Okay«, sagte Fred, den Druckstift einsatzbereit.
Dann lief eine ganze Herde vertrauter Objekte an ihm vorbei, und er stieß mit dem Stift auf die beleuchteten Fotos darunter. Zuerst exerzierte er diese Übung mit dem linken Auge durch und dann noch einmal mit dem rechten Auge.
»Als nächstes wird vor Ihrem rechten Auge kurzzeitig das Bild eines vertrauten Objekts erscheinen; Ihr linkes Auge wird dabei abgedeckt sein. Sie sollen mit Ihrer linken Hand, ich wiederhole, Ihrer linken Hand, in eine Gruppe von Objekten hineinlangen und das eine finden, dessen Bild Sie gesehen haben.«
»Okay«, sagte Fred. Das Bild eines einzelnen Würfels wurde kurzzeitig gezeigt; mit der linken Hand tastete er zwischen vor ihm aufgebauten kleinen Objekten herum, bis er einen Würfel fand.
9