Was für Verbrechen man in diesen Anzügen begehen könnte! philosophierte er. Aber nicht nur richtige Verbrechen, sondern auch läßlichere Sünden – Sachen eben, die man sonst nie tat; immer tun wollte, aber nie tat.
»Miß« sagte er zu dem Mädchen mit dem engen blauen Sweater, »Sie haben aber verdammt hübsche Beine. Aber ich vermute, das wissen Sie längst, oder Sie würden nicht so einen Mikrorock wie den da tragen.«
Das Mädchen schnappte nach Luft. »Eh«, sagte sie. »Oh, jetzt weiß ich, wer Sie sind.«
»Wirklich?« sagte er überrascht.
»Pete Wickam«, sagte das Mädchen.
»Was?« sagte er.
»Sind Sie nicht Pete Wickam? Sie sitzen mir immer bei Tisch gegenüber – Sie sind’s doch, Pete?«
»Bin ich der Typ«, sagte er, »der immer dasitzt und Ihre Beine mustert und eine Menge über Sie-wissen-schon-was nachgrübelt?«
Sie nickte.
»Habe ich eine Chance?« sagte er.
»Nun, kommt ganz drauf an.«
»Darf ich Sie demnächst mal abends zum Essen einladen?«
»Vielleicht.«
»Kann ich Ihre Telefonnummer haben? Damit ich Sie anrufen kann?«
Das Mädchen murmelte: »Geben Sie mir lieber Ihre.«
»Ich werde Sie Ihnen geben«, sagte er, »wenn Sie sich jetzt zu mir hersetzen und mit mir essen. Was immer Sie haben möchten.«
»Nein, da drüben sitzt eine Freundin von mir – sie wartet auf mich.«
»Dann könnte ich mich doch zu Ihnen setzen, zu Ihnen beiden.«
»Wir wollen was Persönliches besprechen.«
»Okay«, sagte er.
»Tja, dann bis demnächst mal, Pete.« Sie ließ ihn stehen und trat mit ihrem Tablett, auf dem Besteck und eine Serviette lagen, zur Essensausgabe.
Er holte sich einen Kaffee und ein Sandwich, suchte sich einen freien Tisch und setzte sich alleine hin. Ließ kleine Brocken von dem Sandwich in den Kaffee fallen. Starrte darauf.
Sie werden mich von Arctor abziehen, entschied er. Verdammte Scheiße. Ich werde in Syanon oder im Neuen Pfad oder in einem anderen dieser Heime sitzen und auf Entzug sein, und sie werden jemand anders damit beauftragen, ihn zu beobachten und die Erkenntnisse über ihn auszuwerten. Irgendein Arschloch, das einen Scheißdreck über Arctor weiß. Sie werden noch einmal ganz von vorne anfangen müssen.
Wenigstens können sie mich Barris’ Beweise begutachten lassen, dachte er. Mich erst in den zeitweiligen Ruhestand versetzen, nachdem wir das Zeug durchgecheckt haben, was immer es auch ist.
Wenn ich sie wirklich mal bumsen würde, und wie würde schwanger, grübelte er. Die Babys – keine Gesichter. Nur vage Flecken. Er schauderte.
Ich weiß, daß man mir den Fall entziehen muß. Aber warum ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt? Wenn ich nur noch ein paar Dinge tun könnte … Barris’ Informationen bearbeiten, an der Entscheidung teilhaben. Oder einfach nur dasitzen und sehen, was er vorlegt. Um meines eigenen Seelenfriedens willen endlich herausfinden, in was Arctor eigentlich verwickelt ist. Ist er überhaupt in etwas verwickelt? Oder etwa doch nicht?
Sie sind es mir schuldig, mir zu gestatten, lange genug dabeizubleiben, um das herauszufinden.
Wenn ich bloß einfach nur zuhören und zuschauen könnte, sogar ohne etwas zu sagen.
Er saß da und starrte vor sich hin, und irgendwann später bemerkte er, daß das Mädchen in dem engen blauen Sweater und ihre Freundin, die kurze, schwarze Haare hatte, von ihrem Tisch aufstanden und sich anschickten, hinauszugehen. Die Freundin, die nicht besonders scharf aussah, zögerte plötzlich und kam dann auf den Tisch zu, an dem Fred vornübergebeugt vor seinem Kaffee und den Überresten des Sandwichs saß.
»Pete?« sagte das Mädchen mit den kurzen Haaren.
Er schaute auf.
»Äh, Pete«, sagte sie nervös. »Ich habe nur einen winzigen Augenblick Zeit. Äh, wollte es Ihnen eigentlich selbst sagen, aber dann hatte sie doch nicht die Traute. Pete, sie wäre schon längst mit Ihnen ausgegangen, vielleicht schon vor einem Monat oder so, vielleicht sogar schon im März. Wenn –«
»Wenn was?« sagte er.
»Nun, sie hat mich gebeten, Ihnen zu sagen, daß sie Ihnen schon seit einiger Zeit den Tip geben wollte, daß Sie viel mehr Erfolg hätten, wenn Sie eines dieser Mittel benutzen würden … sagen wir, Odol.«
»Ich wünschte, ich hätte das früher gewußt«, sagte er ohne Begeisterung.
»Okay, Pete«, sagte das Mädchen und wandte sich sichtlich erleichtert zum Gehen. »Bis später mal.« Grinsend eilte sie davon.
Der arme Teufel, dachte er bei sich selbst. War das nun wirklich gut gemeint? Oder einfach nur eine Verarscherei, um Pete endgültig durcheinanderzubringen? Ausgekocht von zwei gehässigen Weibsbildern, als sie sahen, wie er – ich – hier so alleine saß. Einfach nur ein mieser kleiner Seitenhieb, um – Ach, zur Hölle damit, dachte er.
Oder es könnte auch wahr sein, entschied er, während er sich den Mund abwischte, seine Serviette zerknüllte und sich steif erhob. Ich möchte zu gerne wissen, ob der heilige Paulus Mundgeruch hatte. Er schlenderte aus der Cafeteria, die Hände wieder in den Taschen vergraben. In den Taschen des Jedermann-Anzugs und dann auch in den richtigen Anzugtaschen darunter. Vielleicht war das der Grund dafür, warum Paulus in den späteren Jahren seines Lebens dauernd im Gefängnis saß. Sie haben ihn deswegen reingesteckt.
Auf solche beschissenen Trips wird man ausgerechnet immer dann geschickt, wenn sowieso schon alles schiefläuft, dachte er, als er die Cafeteria verließ. Erst diese ganzen Tiefschläge, und dann knallt einem so eine Puppe glatt noch mal einen vor den Latz. Als ob die gebauten Weisheiten dieser Psychologen-Macker, die sich für unfehlbarer als der Papst halten, nicht schon ausreichen würden. Anscheinend nicht. Scheiße, dachte er. Er fühlte sich jetzt sogar noch schlechter als vorher; er konnte kaum noch gehen, kaum noch denken; sein Gehirn summte, so durcheinander war er. Durcheinander und verzweifelt. Jedenfalls, dachte er, bringt’s Odol nicht; Lavons ist besser. Außer, daß es, wenn du’s wieder ausspuckst, so aussieht, als würdest du Blut spucken. Vielleicht Micrin, dachte er. Das könnte das Richtige sein.
Wenn es in diesem Gebäude einen Drugstore gäbe, dachte er, könnte ich mir eine Flasche kaufen und das Zeug anwenden, bevor ich raufgehe, um Hank gegenüberzutreten. Und dann – dann würde ich vielleicht selbstsicherer auftreten können. Vielleicht würde ich eine bessere Chance haben.
Ich könnte jetzt alles gebrauchen, überlegte er, was mir irgendwie helfen könnte. Ganz egal, was. Jeden Fingerzeig, wie den, den mir dieses Mädchen gegeben hat. Jeden guten Rat. Er fühlte sich niedergeschlagen und ängstlich. Scheiße, dachte er, was soll ich bloß machen?
Wenn ich von allem runter bin, dachte er, dann werde ich keinen von ihnen mehr wiedersehen, keinen meiner Freunde, der Leute, die ich beobachtet und gekannt habe. Ich werde endgültig draußen sein; ich werde vielleicht für den Rest meines Lebens außer Dienst sein. Auf jeden Fall werde ich sie nie wieder zu Gesicht kriegen, weder Arctor noch Luckman noch Jerry Fabin noch Charles Freck. Und, was am schlimmsten ist. auch Donna Hawthorne nicht. Ich werde keinen meiner Freunde wiedersehen, für den Rest der Ewigkeit. Es ist aus.
Donna. Dun fiel ein Lied ein, das sein Großonkel vor Jahren zu singen pflegte, in Deutsch.
»Ich seh’, wie ein Engel im rosigen Duft
Sich tröstend zur Seite mir stellet.«[11]
Sein Großonkel hatte ihm die Zeilen übersetzt und ihm erklärt, mit dem Engel sei die Frau gemeint, die er liebte, die Frau, die ihn rettete (im Lied). Im Lied, nicht im wirklichen Leben. Jetzt war sein Großonkel schon tot, und es war lange her, daß er jene Worte gehört hatte. Die Stimme seines in Deutschland geborenen Großonkels, der im Haus sang oder laut las.