Gott! Welch Dunkel hier! O grauenvolle Stille!
Öd’ ist es um mich her. Nichts lebet außer mir…[12]
Selbst wenn mein Gehirn nicht ausgebrannt ist, begriff er, wenn ich später wieder im Dienst sein werde, wird jemand anders zu ihrer Überwachung eingesetzt worden sein. Oder sie werden tot sein oder im Knast oder in Staatlichen Nervenkliniken oder einfach nur in alle Winde verstreut, verstreut, verstreut. Ausgebrannt und zerstört, so wie ich, unfähig, herauszuknobeln, was zum Teufel eigentlich läuft. Für mich ist alles irgendwie an einem Endpunkt angekommen. Ich habe, ohne es zu wissen, längst adieu gesagt.
Alles, was ich irgendwann tun könnte, dachte er, ist, die Holo-Bänder wieder abzuspielen, um mich an sie zu erinnern.
»Ich sollte ins Kontroll-Zentrum gehen …« Er blickte um sich und verstummte. Ich sollte ins Kontroll-Zentrum gehen und die Bänder jetzt klauen, dachte er. Solange ich noch dazu in der Lage bin. Später mögen sie gelöscht werden, und später werde ich sowieso keinen Zugang mehr zu ihnen haben. Scheiß was auf die Abteilung, dachte er; sie können die Materialkosten ja mit meinem ausstehenden Gehalt verrechnen. Aufgrund jeder ethischen Erwägung gehören mir die Bänder von jenem Haus und den Leuten darin. Und jetzt, jetzt sind diese Bänder alles, was ich von all dem übrigbehalten habe; das ist alles, was ich mitzunehmen hoffen kann.
Aber zum Abspielen der Bänder, dachte er gehetzt, brauche ich auch das komplette holografische Projektionssystem aus dem Kontroll-Zentrum. Ich werde es demontieren und Stück für Stück wegkarren müssen. Die Kameras und die Aufzeichnungskomponenten werde ich ja nicht benötigen – nur die Abspielvorrichtung und die Mitschauanlage. Ja, besonders die Schirme. Sie werden mich zwar auffordern, den Schlüssel abzuliefern, aber ich kann mir ein Duplikat davon machen lassen, kurz bevor ich ihn abgebe; es ist ein ganz gewöhnlicher BKS-Schlüssel. Ich kann es schaffen! Er fühlte sich sogleich wohler, als er das begriff; in seinem Innern spürte er grimmige Entschlossenheit und eine neue innere Stärke. Und ein wenig Zorn. Auf jedermann. Und Befriedigung darüber, wie gut er alles regeln würde.
Wenn ich andererseits auch die Kameras und die Aufzeichnungsgeräte und das ganze andere Zeug klauen würde, dachte er, könnte ich die Überwachung fortführen. Auf eigene Faust. Könnte die Kontrolle am Leben erhalten, wie ich es bisher getan habe. Zumindest für eine Weile. Aber schließlich ist alles im Leben nur für eine Weile – wie das hier beweist.
Die Überwachung, dachte er, muß erhalten bleiben, das ist das Wichtigste. Und, wenn möglich, die Überwachung durch mich. Ich sollte bis in alle Ewigkeit beobachten, beobachten und auswerten, selbst wenn ich nie irgend etwas hinsichtlich dessen, was ich sehe, unternehme; selbst wenn ich einfach nur dasitze und still überwache, ungesehen: das allein ist wichtig, allein die Tatsache, daß ich an meinem Platz bin und alles überwache, was passiert.
Nicht um ihretwillen. Um meinetwillen.
Yeah, verbesserte er sich, auch um ihretwillen. Falls etwas passiert, so wie damals, als Luckman erstickte. Wenn jemand zuschaut – wenn ich zuschaue –, kann ich es bemerken und Hilfe holen. Um Hilfe telefonieren. Ihnen auf der Stelle Beistand leisten. Den richtigen Beistand.
Sonst, dachte er, könnten sie sterben, und niemand würde darum wissen! Darum wissen oder sich vielleicht auch nur einen Scheißdreck darum kümmern.
Irgendwer muß doch in so erbärmliche kleine Leben wie die ihren eingreifen. Oder wenigstens ihre traurigen Auftritte und Abgänge registrieren. Registrieren und, wenn möglich, dauerhaft aufzeichnen, damit man sich an sie erinnere und ihrer gedenke. An einem besseren Tag, später mal, wenn die Menschen begreifen werden.
*
In Hanks Büro saß er mit Hank und einem uniformierten Beamten und dem schwitzenden, grinsenden Informanten Jim Barris zusammen, während auf dem Tisch vor ihnen eine von Barris’ Cassetten ablief. Ein zweites Gerät zeichnete die Einspielungen auf, damit auch für den Abteilungsgebrauch eine Kopie zur Verfügung stand.
»… Oh, hallo. Hör mal, ich kann jetzt nicht sprechen.«
»Wann denn?«
»Ich ruf dich zurück.
»Aber es ist dringend.«
»Worum geht’s denn?«
»Wir planen –«
Hank hob die Hand und gab Barris ein Zeichen, das Band anzuhalten. »Würden Sie bitte die Stimmen für uns identifizieren, Mr. Barris?« sagte Hank.
»Aber natürlich«, erklärte Barris eifrig. »Die weibliche Stimme ist die von Donna Hawthorne, die männliche die von Robert Arctor.«
»All right«, sagte Hank nickend und blickte dann Fred an. Er hatte Freds medizinischen Befund vor sich liegen und blickte immer wieder hinein. »Lassen Sie das Band weiterlaufen.«
»… halb Südkalifornien morgen nacht«, fuhr die Männerstimme, die der Informant als die Bob Arctors identifiziert hatte, fort. »Das Luftwaffendepot in Vandenberg AFB soll überfallen werden, um automatische und halbautomatische Waffen –«
Hank hielt in der Lektüre des medizinischen Berichts inne und hörte zu, wobei er den vom Jedermann-Anzug verwischten Kopf hin und her wiegte.
Barris, der bisher still vor sich hin gegrinst hatte, grinste nun alle im Raum offen an; seine Finger spielten mit Büroklammern, die er vom Tisch genommen hatte, fummelten und fummelten, als wolle er aus Draht ein Metallnetz stricken. Er strickte und fummelte und schwitzte und strickte.
Die weibliche Person, die als Donna Hawthorne identifiziert worden war, sagte: »Was ist mit dieser Desorientierungsdroge, die die Motorradfreaks für uns geklaut haben? Wann bringen wir dieses Dreckszeug hoch zur Wasserscheide, um –«
»Die Organisation braucht zuerst die Waffen«, sagte die Stimme des Mannes. »Das andere ist Stufe B.«
»Okay, aber jetzt muß ich Schluß machen; ich habe einen Kunden.«
Klick. Klick.
Barris verlagerte sein Gewicht im Stuhl und sagte laut:
»Ich kann die eben erwähnte Motorrad-Gang identifizieren. Sie wird noch auf einem anderen –«
»Haben Sie noch mehr Material von dieser Sorte?« sagte Hank. »Um diese Erkenntnisse zu vertiefen? Oder handelt es sich im wesentlichen nur um dieses eine Band?«
»Viel mehr.«
»Aber es dreht sich im Grunde immer um das gleiche.«
»Sicher, es bezieht sich auf die gleiche konspirative Organisation und ihre Pläne, ja. Insbesondere auf dieses Komplott.«
»Was sind das für Leute?« sagte Hank. »Und was ist das für eine Organisation?«
»Es ist eine weltweite –«
»Nennen Sie uns Namen. Sie spekulieren schon wieder.«
»Robert Arctor, Donna Hawthorne, in erster Linie. Ich habe hier auch verschlüsselte Nachrichten …« Barris fummelte mit einem schmutzigen Notizbuch herum, ließ es beinahe fallen, als er versuchte, es aufzuschlagen.
Hank sagte: »Ich beschlagnahme das ganze Zeug hier, Mr. Barris, die Bänder und was Sie sonst noch haben. Dir Beweismaterial geht damit zeitweise in unseren Besitz über. Wir werden es selbst sichten.
»Aber meine Handschrift … und das chiffrierte Material, das ich –«
»Sie werden zur Verfügung stehen, um uns das zu erklären, wenn wir zu diesem Punkt kommen und das Gefühl haben, daß wir irgend etwas erklärt haben möchten.« Hank gab dem uniformierten Bullen, nicht Barris, ein Zeichen, die Cassette zu stoppen. Barris streckte die Hand zur Abschalttaste aus. Sofort hielt ihn der Bulle auf und stieß ihn grob zurück. Blinzelnd starrte Barris die anderen Männer an, immer noch maskenhaft lächelnd. »Mr. Barris«, sagte Hank, »wir können Sie leider nicht entlassen, bis die Sichtung dieses Materials abgeschlossen ist. Damit Sie jederzeit verfügbar sind, werden Sie formal unter dem Vorwurf belangt werden, den Behörden wissentlich falsche Informationen vorgelegt zu haben. Das ist natürlich nur ein Vorwand um Ihrer eigenen Sicherheit willen, und wir alle wissen das, aber die formale Anklage wird jedenfalls erhoben werden. Sie wird an den Bezirksstaatsanwalt weitergeleitet werden, allerdings mit einem Stillhaltevermerk. Ist diese Regelung zufriedenstellend?« Er wartete nicht auf eine Antwort; statt dessen gab er dem uniformierten Bullen ein Zeichen, Barris hinauszubringen. Die Beweise und der Shit und der ganze restliche Kram blieben auf dem Tisch zurück.