»Willentlich?« sagte er in ungläubigem Staunen.
»Es hat Ihnen ja niemand eine Pistole an den Kopf gehalten und Sie mit dem Zeug vollgepumpt. Niemand hat Ihnen etwas in den Kaffee getan. Sie haben wissentlich und willentlich eine suchtbildende Droge eingenommen, eine Droge, die zu Gehirnschäden und Desorientierungserscheinungen führt.«
»Aber ich mußte doch!«
Hank sagte: »Sie hätten es auch vortäuschen können. Die meisten Beamten schaffen es, damit klarzukommen. Und wenn man die Menge in Betracht zieht, die Sie laut diesem Bericht schlucken –«
»Sie behandeln mich wie einen Gauner. Ich bin kein Gauner.«[16]
Hank griff nach einem Notizblock und einem Stift und begann zu rechnen. »Wie hoch sind Sie jetzt eigentlich, gehaltsmäßig, meine ich? Ich kann das Ganze ja mal durchrechnen, wenn –«
»Könnte ich die Geldbuße nicht später bezahlen? Vielleicht in einer Reihe von monatlichen Raten, verteilt über zwei Jahre?«
Hank sagte: »Na, hören Sie mal, Fred.«
»Okay«, sagte er.
»Wieviel kriegen Sie pro Stunde?«
Er konnte sich nicht daran erinnern.
»Wissen Sie wenigstens, wie viele eingetragene Stunden Sie haben?«
Daran auch nicht.
Hank warf den Schreibblock wieder hin. »Möchten Sie eine Zigarette?« Er bot Fred seine Schachtel an.
»Ich werde mir auch das abgewöhnen«, sagte Fred. »Alles. Eingeschlossen Erdnüsse und …« Er konnte nicht mehr denken. Sie saßen beide einfach nur da, beide in ihren Jedermann-Anzügen, beide schweigend.
»Wie ich meinen Kindern immer sage«, begann Hank.
»Ich habe zwei Kinder«, sagte Fred. »Zwei Mädchen.«
»Ich glaube nicht; von Rechts wegen dürften Sie keine haben.«
»Vielleicht nicht.« Er hatte den Versuch unternommen, darüber nachzudenken, wann wohl die Entzugssymptome einsetzen würden, und jetzt unternahm er den Versuch, darüber nachzudenken, wie viele Tabletten Substanz T er an allen möglichen Stellen versteckt hatte. Und ob das Geld, das er in Zukunft am Zahltag kriegte, wohl reichen würde, genügend Nachschub ranzuschaffen.
»Soll ich denn nun für Sie ausrechnen, wie hoch Ihr Ruhestandsgehalt sein wird, oder was?« sagte Hank.
»Okay«, sagte er und nickte heftig. »Tun Sie das.« Er saß da und wartete angespannt, trommelte auf dem Tisch. Wie Barris.
»Wieviel kriegen Sie also jetzt pro Stunde?« wiederholte Hank und griff dann resigniert zum Telefon. »Ich werde mal die Gehaltsstelle anrufen.«
Fred sagte nichts, sondern starrte nur auf den Boden und wartete. Er dachte: Vielleicht kann Donna mir helfen. Donna, dachte er, bitte hilf mir jetzt.
»Ich glaube nicht, daß Sie es bis in die Berge schaffen werden«, sagte Hank. »Selbst, wenn jemand Sie hinfährt.«
»Nein.«
»Wohin wollen Sie dann?«
»Lassen Sie mich noch ein bißchen hier sitzen und nachdenken.«
»Staatliche Nervenklinik?«
»Nein.«
Sie saßen da.
Er fragte sich, was von Rechts wegen wohl bedeuten mochte.
»Wollen Sie vielleicht rüber zu Donna Hawthorne?« sagte Hank. »Aufgrund der ganzen Informationen, die ich von Ihnen und allen anderen Agenten erhalten habe, weiß ich, daß Sie sich nahestehen.«
»Ja.« Er nickte. »Tun wir.« Und dann blickte er auf und sagte: »Wie haben Sie das herausgefunden?«
Hank sagte: »Durch einen Eliminationsprozeß. Ich weiß, wer Sie nicht sind, und die Zahl der Verdächtigen in dieser Gruppe ist nicht unendlich groß – tatsächlich handelt es sich ja sogar um eine sehr kleine Gruppe. Wir dachten, wir würden auf dem Weg über diesen Personenkreis weiter nach oben vorstoßen, und vielleicht gelingt uns das ja tatsächlich – durch Barris. Sie und ich haben eine Menge Zeit damit verbracht, miteinander zu plaudern. Ich hab’s schon vor langer Zeit rausgeknobelt. Daß Sie Arctor sind.«
»Ich bin wer?« sagte er und starrte auf Hank, den Jedermann-Anzug, der ihm gegenübersaß. »Ich bin Bob Arctor?« Er konnte es nicht glauben. Es ergab keinen Sinn für ihn. Es paßte mit nichts von dem zusammen, was er getan oder gedacht hatte; es war grotesk.
»Machen Sie sich nichts draus«, sagte Hank. »Wie ist Donnas Telefonnummer?«
»Sie ist vielleicht gerade auf der Arbeit.« Seine Stimme zitterte. »In der Parfumerie. Die Nummer ist –« Er konnte seine Stimme nicht mehr unter Kontrolle halten, und er konnte sich nicht an die Nummer erinnern. Wer, zum Teufel, soll ich sein? sagte er zu sich selbst. Ich bin nicht Bob Arctor. Aber wer bin ich dann? Vielleicht bin ich –
»Geben Sie mir die Telefonnummer von Donna Hawthornes Arbeitsstelle«, sagte Hank gerade rasch in die Sprechmuschel des Telefons. »Hier«, sagte er und hielt Fred den Hörer hin. »Sprechen Sie selbst mit ihr. Nein, vielleicht besser doch nicht. Ich werde ihr sagen, sie soll Sie abholen … wo? Wir werden Sie hinfahren und dort absetzen; Sie können sie schließlich nicht hier treffen. Wüßten Sie einen guten Ort? Wo treffen Sie sich für gewöhnlich?«
»Bringen Sie mich zu ihrer Wohnung«, sagte er. »Ich weiß, wie man reinkommt. «
»Ich werde ihr sagen, daß Sie hier neben mir sitzen und auf Entzug sind. Ich werde einfach sagen, ich sei ein Bekannter von Ihnen und daß Sie mich gebeten haben, anzurufen.«
»Spitze«, sagte Fred. »Find’ ich ja echt dufte. Danke, Mann.«
Hank nickte und wählte erneut, diesmal eine Nummer im öffentlichen Netz. Fred kam es so vor, als wähle er von Ziffer zu Ziffer langsamer, als dauere der Wählvorgang ewig, und er schloß die Augen, atmete schwer vor sich hin und dachte: Wow. Ich bin echt hinüber.
Da haste recht mit, stimmte er zu. Ausgeklinkt, ausgeflippt, ausgebrannt und abgenibbelt. Und angeschissen. Total im Arsch. Er hatte das unwiderstehliche Bedürfnis, laut zu lachen.
»Wir werden Sie zu ihr rüberbringen –«, begann Hank, unterbrach sich dann aber und wandte seine Aufmerksamkeit dem Telefon zu. Er sagte: »Hey, Donna, hier is’ ‘n Kumpel von Bob, hörste? Hey, Mann, ihm geht’s unheimlich beschissen, nein, echt, ich will dich nich’ verarschen. Hey, er –«
So was von dufte, dachten zwei Stimmen unisono in seinem Geist, als er hörte, wie sein Kumpel Donna die Sache verklickerte. Und vergiß nicht, ihr zu sagen, daß sie mir was mitbringen soll; ich geh’ echt aufm Zahnfleisch! Kann sie für mich Nachschub besorgen oder so? Mich vielleicht aufladen, wie sie’s sonst immer tut? Er streckte seine Hand aus, um Hank zu berühren, schaffte es aber nicht; seine Hand griff zu kurz.
»Du, ich mach’ das bestimmt auch mal für dich«, versprach er, als Hank auflegte.
»Bleiben Sie nur ganz ruhig da sitzen, bis der Wagen draußensteht. Ich werde jetzt einen bestellen.« Wieder telefonierte Hank; dieses Mal sagte er: »Wagenpark? Ich brauche einen nicht als Polizeifahrzeug kenntlichen Wagen und einen Beamten in Zivil. Was ist derzeit verfügbar?«
Im Innern des Jedermann-Anzugs, des vagen Flecks, schlossen sie die Augen, um zu warten.
»Vielleicht sollte ich doch lieber veranlassen, daß Sie in ein Krankenhaus gebracht werden«, sagte Hank. »Ihnen geht’s ja wirklich unheimlich dreckig; vielleicht hat Jim Barris Sie vergiftet. In Wirklichkeit waren und sind wir an Barris interessiert, nicht an Ihnen; die Installation der Kameras im Haus sollte in erster Linie dazu dienen, Barris unter Überwachung zu halten. Wir hofften, ihn auf diese Weise hierherlocken zu können … und das haben wir ja auch geschafft.« Hank schwieg. »Eben aus diesem Grunde bin ich mir ziemlich sicher, daß seine Bänder und die anderen Beweisstücke gefälscht sind. Das Labor wird das bestätigen. Aber Barris ist in eine ganz große Sache verwickelt. Eine ganz üble Geschichte. Es hat was mit Waffen zu tun.«
16