»Du hast eine Menge Arbeit in diesen Laden gesteckt«, sagte Hazel schließlich. »Ich kann nicht glauben, daß das hier das gleiche alte Schlangenloch ist, in dem ich früher verkehrt bin.«
»Ich bin zu etwas Geld gekommen«, erwiderte Cyder und lächelte zurückhaltend. »Ich war in der Lage, mich zu… verbessern.«
»Wo steckt Katze?«
»Irgendwo draußen. So viele Menschen machen ihn nervös.« Cyder warf Owen einen spitzbübischen Blick zu. »Weiß dieser junge Herr hier von deiner Vergangenheit, Hazel? Hast du ihm erzählt, wie du das meiste von deinem Geld hier in Nebelhafen verdient hast?«
»Nein, und das wirst du ebenfalls nicht tun! Das braucht er nicht zu wissen.«
»Wieso? Es ist doch ein vollkommen ehrenwerter Beruf.
Wir alle haben ein paar Dinge getan, wenn das Geld knapp wurde, an die wir uns heute lieber nicht mehr erinnern.«
»Das mag sein, wie es will.« Hazel funkelte Owen böse an.
»Und du kannst dir diesen Blick abschminken, Todtsteltzer!
Ich weiß, was du jetzt denkst. Du irrst dich.«
»Ich habe nichts gedacht!« widersprach Owen und versuchte krampfhaft, nicht das Wort Hure zu denken. Oder sich zumindest nicht anmerken zu lassen, daß er es dachte.
Cyder lachte laut. »Mach dir keine Gedanken, Hazel. Dein Geheimnis ist bei mir sicher. Ziemlich lange her, daß du und ich und John Silver dick im Geschäft waren und gemeinsam nach einem Sinn in unserem Leben suchten, was? Er ein Pirat, ich eine Hehlerin, und du… hast getan, was du eben getan hast. Und jetzt ist John der Chef der Sicherheitsbehörde von Nebelhafen. Ausgerechnet John! Und ich bin die höchst ehrenwerte Besitzerin einer hochprofitablen Taverne. Auch eine ganz nette Karriere. Schon zehn Minuten nach der Landung eures… ein wenig auffälligen Schiffs ging die Meldung von eurer Ankunft um. Ich hätte nicht gedacht, daß jemals ein echter Lord seinen Fuß in meine Taverne setzen könnte. Geschweige denn jemand so Berühmtes wie Ihr, Lord Todtsteltzer.«
»Nennt mich Owen«, sagt Owen kühl. »Der Titel ist mir weggenommen worden. Seit wann wißt Ihr von uns?«
»Beruhigt Euch, mein Lieber. Ich liefere keine alten
Freunde aus. Das habe ich nicht mehr nötig, und außerdem gibt es gewisse Gründe, weswegen auch ich das Imperium hasse.«
Cyders Hand strich über ein paar schmale Narben in ihrem Gesicht. »Die halbe Stadt ist auf den Beinen und sucht nach euch beiden. Man hat euch bisher nur deswegen noch nicht gefaßt, weil ihr soviel herumgelaufen seid. Das ist der einzige Grund. Gott sei Dank ist bisher noch niemand auf die Idee gekommen, eine Verbindung zwischen dir und deinem letzten Aufenthalt auf Nebelwelt herzustellen, Hazel. Sonst würden sie deine alten Verstecke und Lokale überwachen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgend einer von ihnen Glück hat.
Deswegen bin ich mit euch nach oben gegangen. Neugierigen Blicken aus dem Weg. Die Zeiten hier in Nebelhafen sind verdammt hart, ganz besonders, seit die Typhus-Marie die Stadt auseinandergenommen hat.[1] Der Preis auf eure beiden Köpfe ist so unglaublich hoch, daß jeder in Versuchung gerät.
Selbst ich – wenn ich nicht einen ausgesprochenen persönlichen Groll gegen das Imperium hätte. In dieser Stadt gibt es keinen Ort mehr, an dem ihr in Sicherheit wärt, und ihr könnt niemandem trauen außer euch selbst.
Vergeßt die Idee, das Schiff zu verkaufen. Niemand wird es berühren wollen, egal zu welchem Preis. Das Imperium hat bereits verkündet, daß es das Schiff in Stücke schießen wird, sobald es sich irgendwo blicken läßt, ganz egal, wer es fliegt.
Ich fürchte, ihr beide seid ab jetzt aufeinander angewiesen.
Jeder andere ist ein potentieller Feind. Selbst mir dürft ihr nicht trauen, wenn ihr noch lange bleibt. Freundschaft ist eine feine Sache, Hazel, aber Rechnungen kann man davon nicht bezahlen.«
»Zur Not gibt es auch noch Ruby Reise«, sagte Hazel, und Cyder verzog das Gesicht.
»Ruby Reise. Ich hätte wissen müssen, daß du diesen Namen ins Spiel bringen würdest. Ich habe nie verstanden, was du an ihr findest. Ich dachte immer, ich wäre eine kaltherzige Hexe, aber Ruby spielt in einer eigenen Klasse. Du hast doch nicht ernsthaft vor, dich ihrer Gnade auszuliefern? Sie ist eine Kopfgeldjägerin!«
»Wie ich gesagt habe!« brummte Todtsteltzer.
»Sie ist meine Freundin!« widersprach Hazel.
»Kopfgeldjäger haben keine Freunde«, sagte Cyder.
»Weiß du, wo ich sie finden kann?«
»Glücklicherweise habe ich nicht die leiseste Ahnung. Sie wird irgendwo in der Gegend sein. Zweifelsohne ist sie im Augenblick damit beschäftigt, jemanden für Geld umzubringen. Oder auch einfach nur, weil sie Spaß daran hat…«
»Sie ist nicht so schlecht!«
»Sie ist eine sadistische, amoralische Psychopathin. Und das sind noch ihre guten Seiten.«
»Aber du hast selbst gesagt, daß Nebelhafen vor Imperialen Agenten, Spürhunden und Amateurmördern nur so wimmelt«, sagte Hazel leise. »Wenn der Aristo und ich diese Sauerei überleben sollen, dann brauchen wir jemanden wie Ruby auf unserer Seite, und wenn es nur dazu dient, andere zu verschrecken. Hat du überhaupt keine Idee, wo wir nach ihr suchen können?«
Cyder schüttelte unschlüssig den Kopf und nannte Hazel zögernd ein paar Plätze, wo sie nach Ruby Reise suchen konnte. Meist schien es sich um Tavernen zu handeln, wofür Owen recht dankbar war. Er spürte ein dringendes Bedürfnis nach einem harten Drink. Besser gleich nach mehreren. Plötzlich bemerkte er, daß Hazel ihn verdrießlich musterte. Ruckhaft setzte er sich gerade hin und bemühte sich, den Anschein zu erwecken, das Gespräch der beiden Frauen die ganze Zeit aufmerksam verfolgt zu haben.
»Ich hasse den Gedanken, Todtsteltzer, aber es scheint, daß wir am Ende doch zusammen in der Klemme stecken. Wenn wir uns trennen, machen wir es unseren Gegnern nur leichter, uns zu fangen. Außerdem kennst du jemanden, der sich vielleicht noch als nützlich erweisen wird. Jakob Ohnesorg.«
Cyder hob eine silberne Augenbraue. »Er ist hier in Nebelhafen? Das wußte ich nicht. Das letzte Mal, als ich von Jakob Ohnesorg hörte, hatte man ihm auf Vodyani IV seine Armee unter dem Hintern weggeschossen, und das Imperium war dabei, ihn von allen Seiten einzukreisen. Aber das ist jetzt schon beinahe zwei Jahre her. Es sollte mich eigentlich nicht überraschen, wenn er wieder wie durch ein Wunder die Flucht geschafft hätte. Darin ist er unschlagbar. Wenn ihr nach einem Verbündeten sucht, dann könntet ihr es weiß Gott schlechter treffen. Wahrscheinlich ist Ohnesorg die einzige Person auf Nebelwelt, die die Eiserne Hexe noch lieber als euch in den Fingern haben will. Am besten, ihr versucht es im Abraxus-Informationszentrum, unten in der
Wiederauferstehungsstraße. Ich war lange nicht mehr da, und es ist nur ein kleiner Laden, aber wenn überhaupt jemand weiß, wo Jakob steckt, dann Abraxus.«
»Danke für den Namen, Cyder, aber wir wissen schon, wo wir ihn finden können. Nicht wahr, Owen Todtsteltzer?«
Hazel warf Owen einen demonstrativen Blick zu. Der Todtsteltzer seufzte resignierend. Dann aktivierte er sein Komm-Implantat und nahm Kontakt mit Ozymandius auf.
»Alles in Ordnung an Bord, Oz?«
»Oh, aber natürlich. Ein paar Penner haben versucht einzubrechen, aber die Sicherheitssysteme der Jacht haben sich um sie gekümmert. Das Bodenpersonal kam vorbei und hat die Leichen mitgenommen. Sie haben auch ein paarmal versucht, in meine Systeme einzudringen, aber nichts, womit ich nicht fertig geworden wäre. Alles Amateure hier, wenn du mich fragst. Diese Leute würden ein hochentwickeltes System nicht einmal dann erkennen, wenn sie im Rinnstein darüber stolpern.«