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Also der weitschauende Turm. Psyche säumt nicht. Sie geht nach Tänar; versieht sich vorgeschriebenerweise mit den Stübern und Fladen, steigt damit in den Höllenschlund hinab, zieht stillschweigend an dem gebrechlichen Eseltreiber vorüber, zollt dem Schiffer das bestimmte Fährgeld, achte nicht des nachschwimmenden, alten Gespenstes Begehren, nicht der tückischen Weberinnen hinterlistige Bitte, schläfert des bösen Höllenhundes Wut durch einen vorgeworfenen Kuchen ein und dringt bis zu Proserpinens Gemach.

Allda widersteht sie jeder freundlichen Einladung. Nicht der weichgepolsterte Thron der Königin der Hölle, nicht ihre Göttertafel verführt sie. Demütig setzt sie sich zu den Füßen ihrer leutseligen Wirtin auf den harten Boden, begnügt sich mit dem schwarzem Brote und richtet alsdann getreulich der Venus Gesandtschaft aus.

In kurzem bekommt sie die Büchse, insgeheim mit dem Verlangten gefüllt, zurück.

Sie verschließt nun wieder mit dem andern Kuchen des Zerberus fürchterlichen Rachen, fährt für den andern Stüber zurück über den schleichenden Acheron[61], und schon verläßt sie hochgemut die Hölle; schon erblickt sie, schon trinkt ihr Auge wieder mit Wonne das schimmernde Tageslicht und beflügelt sich mit Eile ihr Fuß, im Nu das gefährliche Geschäft zu vollenden – indem, so beschleicht, betört verwegener Vorwitz ihren Sinn.

›Siehe‹, spricht sie, ›wärest du nicht eine Törin, Psyche! Du hättest hier die Götterschönheit in Händen und legtest dir nicht einmal ein ganz klein wenig davon auf? Dadurch könntest du ja allein deinem schönen Liebhaber wieder gefallen!‹

Gedacht, versucht. Auf ist die Büchse. Allein wehe! Da ist keine Schönheit, da ist nicht das Geringste darin. Nur ein höllischer Schlaf, ein wahrer Todesschlaf.

Sobald der Deckel geöffnet ist, fährt er hervor, ergreift Psyche, gieß sich in einem Gewölk schwerer Schlummerdünste um all ihre Glieder und streckt sie sofort unbeweglich am Boden hin. Da liegt sie auf dem Wege, eine schlafende Leiche!

Aber Cupido war allbereits wiederhergestellt von seiner Wunde und vermochte nicht länger die langwierige Abwesenheit seiner Psyche zu ertragen. Er entschlüpft durch ein Fenster aus der Kammer, worin er eingesperrt gehalten wurde, und seine Flügel, die desto mehr Schwingkraft durch die lange Ruhe erhalten hatten, tragen ihn schneller als je davon, hin zu seiner Psyche.

Sorgfältig nimmt er sogleich den Schlaf von ihr hinweg, verschießt ihn wiederum in die Büchse und erweckt dann Psychen mit der Spitze eines unschädlichen Pfeiles.

›Sieh‹, sagt er zu ihr, ›warst du nicht schon wieder durch deinen Vorwitz verloren? Doch gehe nur jetzt und entledige dich geflissentlich deines Auftrages bei meiner Mutter, ich will schon weiter für uns sorgen.‹

Mit den Worten hebt sich der holde Flieger in die Luft; Psyche aber trägt allsofort der Venus Proserpinens Geschenk hin.

Cupido, nicht minder von der Liebe zu Psyche als von der Furcht genagt, seine Mutter möge ihn doch noch der Mäßigkeit übergeben, da ihr Blick noch immer zürnet, nimmt hinwiederum zu seinen gewöhnlichen Ränken seine Zuflucht. Er schwingt sich auf rüstigem Gefieder zum hohen Pole des Himmels, klagt da dem großen Jupiter seine Not und macht denselben alsbald seinen Wünschen geneigt.

Liebreich küßt ihn Zeus, mit der einen Hand den kleinen Mund sanft zudrückend, mit der andern ihn zu sich hinziehend, und spricht zu ihm also:

›Du kleiner loser Schelm! hast dich zwar jederzeit mehr als mein Herr betragen, denn als mein Sohn, hast mir nie die von allen Göttern mir einhellig zugestandene Ehre erzeigt! So könnte ich es denn nun wohl ahnden, daß du mich, den Gesetzgeber der Elemente, mich, den Roller der Sphären, fast beständig zum Ziele deiner Pfeile genommen und zu so vielen Torheiten mit irdischen Schönen, zu so vielen Verstößen gegen alle Gesetze der Zucht und Ehrbarkeit verleitet hast, daß ich beinahe allen Anspruch auf Ehre und Glimpf verloren habe. Hat mich doch dein Mutwille bis zu Drachen, zu Feuer, zu Vögeln, zu allerhand wilden und zahmen Tieren herabgewürdigt. Allein, ich will mich nur meiner Liebe zu dir erinnern. Du bist ja unter meinen Augen aufgewachsen. Ich will alles tun, dich glücklich zu machen; nur bleibt die Sorge, dich vor Nebenbuhlern zu schützen, dein eigen! Doch weißt du, was ich mir bei dir kleinem Schalk für diese Huld zur Vergeltung ausbedinge? Das hübscheste Mädchen auf Erden!‹

Er sprach’s und erteilte dem Merkur Befehl, augenblicklich die gesamten Götter zur Versammlung zu berufen und anzukündigen, wer fehle, solle mit zehntausend Nummen büßen. Aus Furcht vor der Strafe ist in kurzem kein Platz im weiten himmlischen Versammlungssaale mehr leer.

Majestätisch vom erhabenen Throne herab spricht nun Jupiter also:

›Ihr sämtlichen Götter und Göttinnen, deren Namen in den Denkbüchern der Musen verzeichnet sind, ihr kennt alle diesen Jüngling, der hier unter meinen Augen auferzogen worden. Es ist jetzt meines Erachtens Zeit, dem feurigen Ungestüm seiner ersten Jugend einen Zügel anzulegen. Schon übel genug ist er durch allerlei böse Nachrede von Ehebruch und anderen Ausschweifungen berüchtigt. Laßt uns ihm die Gelegenheit rauben, auf dem Wege weiter fortzugehen, laßt uns seinen jugendlichen Flattersinn mit den Fesseln der Ehe binden. Er hat sich schon selbst ein Mädchen gewählt und mit ihr gebuhlt. Diese laßt uns zu eigen ihm geben! Er vermähle sich mit ihr diesen Augenblick! In Psychens Umarmung genieße er fortan ewige Fülle der Liebe!‹

›Du aber‹ – fährt er fort, zur Venus sich wendend –, ›meine Tochter, darfst dich keineswegs darüber betrüben. Nicht im mindesten soll dein hohes Geschlecht und dein Stand unter dieser Verbindung deines Sohnes mit einer Sterblichen leiden. Ich will stracks allem abhelfen, was dabei dem Wohlstande oder den Gesetzen entgegen sein könnte.‹

Jetzt winkt er, und Merkur verschwindet, holt Psyche und führt sie in den Himmel ein.

Der Gott der Götter reicht ihr selbst den Becher der Unsterblichkeit dar. ›Nimm, Psyche‹, spricht er, ›und sei unsterblich! Niemals wird Cupido wieder von dir weichen, denn euch verknüpft von nun an ein ewiges Band!‹

Fröhlich wird alsbald das herrlichste Hochzeitsmahl gerüstet.

Man lagert sich umher; obenan Psyche, ihrem Neuvermählten im Schoß. In gleicher Lage Jupiter und daneben seine Juno. Dann die sämtlichen Götter nach der Reihe.

Dem Jupiter reicht sein Mundschenk Ganymed, der schöngelockte Hirt vom Ida, den Nektar. Die übrigen bedient Bacchus. Vulkan legt vor.

Die Horen bepurpurnen Tafel, Polster und Fußboden mit frischen Rosen und anderen Blumen.

Die Grazien erfüllen die Luft mit Wohlgeruch des Balsams, und die Musen ergötzen die Gäste mit silbernen Stimmen.

Zuweilen singt auch Apoll zu der gewölbten Leier melodischen Saiten; Venus tanzt mit entzückender Anmut, jede ihrer Bewegungen in bezaubernder Harmonie mit der angegebenen Weise; die Musen stimmen alsdann dazu im Chore Lieder an, und wechselweise begleitet sie jetzt die Doppelpfeife eines Satyrs und die Flöte eines jungen Pans.

Also ward Psyche feierlich mit Cupido vermählt. Sie genas bald einer Tochter, die in der Sprache der Sterblichen ›Wollust‹ genannt wird.«

Also erzählte die alte verwirrte Saufschwester dem entführten Mädchen vor. Ich, der ich nicht weit davon stand, beklagte herzlich, daß ich weder Schreibtafel noch Griffel hatte, ein so herrliches Märchen niederzuschreiben.

In dem Augenblick kehren die Räuber von irgendeinem großen Gefechte wieder ganz beladen nach Hause. Die muntersten unter ihnen eilen, die Verwundeten zu verbinden und zu Bette zu bringen, um dann, wie sie sagten, wieder fortzuziehen, den in einer Höhle versteckten Überrest der Beute nachzuholen.

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61

Der Hauptstrom der Unterwelt.