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Ich merke, jedesmal wenn ich ein Buch schreibe, wiederholt sich derselbe Prozeß: Morgens wache ich um neun auf, bereit, mich gleich nach dem Frühstückskaffee an den Computer zu setzen; ich lese die Zeitungen, mache einen Spaziergang, gehe in die nächste Bar, um mit den Leuten zu reden, kehre nach Hause zurück, starre den Computer an.

Nun ist es bereits Mittagszeit, eigentlich hätte ich seit elf schreiben sollen, aber jetzt brauche ich etwas Schlaf, wache um fünf Uhr nachmittags auf, schalte endlich den Computer ein, will meine EMails durchsehen, da fällt mir ein, daß ich ja mein Modem zerstört habe und mir darum nichts anderes übrigbleibt, als in den nächsten Ort und dort ins Internetcafe zu gehen. Aber sollte ich nicht, nur um mein Gewissen zu beruhigen, vorher mindestens eine halbe Stunde lang schreiben?

Ich beginne aus Pflichtgefühl − aber plötzlich übernimmt

›es‹ mich, und ich kann nicht mehr aufhören. Die Hausangestellte ruft mich zum Abendessen, ich bitte sie, mich nicht zu unterbrechen, eine Stunde später ruft sie mich wieder, ich habe zwar Hunger, aber eine Zeile, einen Satz, eine Seite muß ich noch schreiben. Als ich mich an den Tisch setze, sind die Speisen kalt, ich schlinge sie hinunter und eile zurück an den Computer − jetzt bin nicht ich es mehr, der alles kontrolliert, die Insel enthüllt sich mir, ich gehe ihre Wege entlang, als schöbe mich etwas an, ich begegne Dingen, an die ich nie zuvor gedacht habe, die ich mir nie hätte träumen lassen. Ich trinke eine Tasse Kaffee und noch eine, und erst um zwei Uhr morgens, als mir vor Müdigkeit die Augen zufallen, höre ich mit dem Schreiben auf.

Ich gehe zu Bett, mache mir noch eine Stunde lang Notizen zu den Dingen, die ich im nächsten Absatz benutzen will, die sich aber immer wieder als vollkommen nutzlos erweisen − das Notieren dient nur dazu, meinen Kopf zu leeren, bis der Schlaf kommt. Ich gebe mir selber das Versprechen, am nächsten Tag schon um elf anzufangen. Doch der nächste Tag verläuft wie der Tag zuvor: Spaziergang, Plausch in der Bar, Mittagessen, Schlafen, schlechtes Gewissen, Wut, weil ich das Modem kaputtgemacht habe. Ich zwinge mich zur ersten Seite, und so weiter und so fort.

Plötzlich sind zwei, drei, vier, elf Wochen vergangen, ich weiß, daß das Ende kurz bevorsteht. Ein Gefühl von Leere überkommt mich, das Gefühl, etwas in Worte gefaßt zu haben, was ich hätte für mich behalten sollen. Aber jetzt muß ich bis zum letzten Satz durchhalten − und ich schaffe es.

Früher, als ich noch Schriftstellerbiographien las, fand ich, daß sie mit Aussagen wie »das Buch schreibt sich selber«

oder »der Schriftsteller ist nur jemand, der auf der Schreibmaschine schreibt« ihre Arbeit kleinredeten. Heute weiß ich, daß es stimmt. Niemand weiß, warum die Strömung einen zu einer anderen Insel treibt als zu der, die wir zu erreichen träumten. Nun fange ich an, wie ein Besessener zu überarbeiten, zu kürzen, und wenn ich es nicht mehr ertrage, immer dieselben Worte zu lesen, schicke ich dem Verleger das Manuskript, der es noch einmal überarbeitet und dann publiziert.

Und jedesmal wieder stelle ich überrascht fest, daß andere Menschen zugleich mit mir auf der Suche nach derselben Insel sind und sie im Buch finden. Einer erzählt es dem anderen, die geheimnisvolle Kette wird immer länger, und aus dem, was für den Schriftsteller einsame Arbeit war, wird eine Brücke, ein Schiff, ein Mittel, über das die Seelen miteinander kommunizieren.

Jetzt bin ich nicht mehr einer, der sich im Sturm verirrt hat: Ich begegne mir selber durch meine Leser, begreife selbst erst richtig, was ich geschrieben habe, wenn ich sehe, daß und wie es die anderen auch verstehen − nicht vorher.

Bei einigen wenigen Anlässen wie dieser Signierstunde, die jetzt gleich beginnen wird, kann ich in ihre Augen blicken und erfahren, daß meine Seele tatsächlich nicht allein ist.

Zur festgesetzten Zeit beginne ich mit dem Signieren der Bücher. Ein schneller Blickkontakt, doch dabei immer ein Gefühl von Gemeinsamkeit, Freude, gegenseitiger Achtung.

Hände werden gedrückt, ich erhalte ein paar Briefe, Geschenke, ein paar Worte werden gewechselt. Neunzig Minuten lang, dann bitte ich um zehn Minuten Pause. Niemand protestiert, mein Verleger läßt (wie es bei meinen Signierstunden in Frankreich schon Tradition ist) allen, die in der Schlange stehen, ein Glas Champagner bringen. (Ich habe versucht, diese Tradition auch in anderen Ländern einzuführen, aber dort heißt es immer, französischer Champagner sei zu teuer, und dann wird Mineralwasser gereicht, was immerhin auch Achtung für die Wartenden ausdrückt.) Ich kehre an den Tisch zurück. Eigentlich müßte ich nach zwei Stunden völlig erschöpft sein, doch ich bin überhaupt nicht müde, stecke voller Energie und könnte bis spät in die Nacht so weitermachen. Aber die Buchhandlung hat ihre Türen bereits geschlossen, die Schlange wird immer kürzer, es sind noch vierzig, dann nur noch dreißig, zwanzig, elf, fünf, vier, drei, zwei ... und plötzlich treffen sich unsere Blicke.

»Ich habe bis zum Schluß gewartet. Ich wollte der letzte sein, weil ich eine Botschaft habe.«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich schaue zur Seite, Verleger, Handelsvertreter und Buchhändler, die sich angeregt unterhalten. Wir wollen gleich zum Abendessen gehen, etwas trinken, noch einmal über den Nachmittag reden und darüber, was alles an Ungewöhnlichem passiert ist, während ich signierte.

Ich habe ihn nie zuvor gesehen, weiß aber, wer er ist. Ich nehme das Buch aus seiner Hand entgegen und schreibe:

»Für Mikhail in Zuneigung.«

Ich sage nichts. Ich darf ihn nicht verlieren − ein Wort, ein Satz, eine plötzliche Bewegung könnten dazu führen, daß er geht und nie wieder kommt. Im Bruchteil einer Sekunde begreife ich, daß er und nur er mich vom Segen − oder vom Fluch − des Zahirs befreien kann, weil er der einzige ist, der weiß, wo der Zahir ist, und ich ihm endlich die Fragen werde stellen können, die ich mir schon so lange immer wieder selber stelle.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, es geht ihr gut. Und möglicherweise hat sie Ihr Buch sogar gelesen.«

Die Verleger, die Vertreter, die Buchhändler kommen, umarmen mich, sagen, es sei ein ganz besonderer Nachmittag gewesen. Nun wollen wir uns entspannen, trinken, über den Abend reden.

»Ich möchte diesen Leser gern einladen«, sage ich. »Er war der letzte in der Reihe und wird stellvertretend für alle Leser mitkommen, die heute hier waren.«

»Ich kann nicht. Ich habe schon etwas vor.«

Und, zu mir gewandt, etwas erschrocken.

»Ich bin nur hier, um eine Botschaft zu überbringen.«

»Was für eine Botschaft?« fragt einer der Vertreter.

»Er lädt sonst nie jemanden ein!« sagt mein Verleger.

»Kommen Sie, gehen wir zusammen essen.«

»Herzlichen Dank, aber ich habe donnerstagabends eine feste Verabredung.«

»Um wieviel Uhr?«

»In zwei Stunden.«

»Und wo?«

»In einem armenischen Restaurant.«

Mein Fahrer, der zufällig Armenier ist, fragt nach, in welchem genau, und sagt dann, es liege nur fünfzehn Minuten von dem Restaurant entfernt, in dem wir essen werden. Alle wollen mir zu Gefallen sein: Sie wundern sich, daß er ablehnt, weil sie glauben, er müßte sich freuen und sich geehrt fühlen und dafür alles andere absagen.

»Wie heißen Sie?« fragt Marie.

»Mikhail«

»Mikhail.« Und ich sehe, Marie hat alles verstanden.

»Kommen Sie doch auf eine Stunde mit uns. Das Restaurant, in das wir gehen, liegt ganz in der Nähe. Anschließend kann der Fahrer Sie hinbringen. Doch wenn es Ihnen lieber ist, sagen wir unsere Reservierung ab und essen alle in dem armenischen Restaurant − so haben Sie kein Problem.«

Ich werde nicht müde, ihn anzusehen. Er sieht weder besonders gut aus, noch ist er besonderes häßlich. Ist weder groß noch klein. Er ist schwarz gekleidet, einfach und elegant − und unter Eleganz verstehe ich das Fehlen von Markennamen oder Logos.

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