Sie legte die Finger an die Lippen und stieß selbst einen schrillen Pfiff aus. Sie hatte Reyk abgerichtet, ihr überallhin zu folgen, wenn sie ihn frei fliegen ließ. Der Falke stieß herab und ließ sich auf ihrem Arm nieder. Sie nahm Fußriemen und Haube aus ihrem Gürtel und streichelte ihren kleinen Freund, ehe sie ihn Dismas übergab.
Dann nahm sie Walegrins Arm. »Kommt mit ins Haus, Kommandant. Da ist noch mehr Wein und etwas zu essen.« Sie rief den beiden ehemaligen Dieben zu: »Weckt die anderen auf, auch Daphne. Es geht sie alle an.«
Es war an der Zeit, über Hochverrat zu reden. Acht Mann. Das war alles, was von der Volksfront für die Befreiung Freistatts übrig war, versicherte ihr Zip. Mehr waren es nicht mehr. Und als sie ihm in die Augen schaute, glaubte sie ihm.
Sie waren ein zerlumptes, bunt zusammengewürfeltes Pack. Einige hatten weder Sandalen noch Stiefel, aber sie trugen gute Nisibisiwaffen. Sie waren jung, diese acht, doch während sie so in den tiefen Schatten des Alten Marstalls gegenüber den Getreidespeichern kauerten, ließ ihre Bewaffnung Chenaya mit Schaudern an den Verrat und das Chaos denken, für das sie verantwortlich waren.
Jetzt jedoch war Zeit für ihren eigenen Verrat. Sie führte sie rasch die Straße der Satten hinunter und in die Tempelallee. Dann schlichen sie lautlos zum Tor der Götter, diese großäugigen Ratten, die es nicht erwarten konnten, an den Käse heranzukommen.
Sie blickte zu Zips Gesicht, das in der Dunkelheit kaum zu sehen war, und empfand fast etwas wie Bedauern. Er allein unter diesen Meuchlern meinte es offenbar ehrlich mit seiner ilsigischen Befreiungsaktion. Aber er hatte Rankaner gemordet – ihre Landsleute – und so viele andere, hatte Greuel im Namen der Freiheit begangen. Sie drehte ihm den Rücken zu und klopfte leise an das verschlossene Tor. Sie war froh, daß Sabellia noch nicht aufgegangen war und ihren Silberschein auf diesen Augenblick warf.
Das Tor öffnete sich einen Spalt. Leyn spähte unter dem Metallrand eines Wachhelms hinaus. Er musterte Zips Bande mißtrauisch, getreu seiner Rolle, und streckte die Hand hinaus. »Die andere Hälfte meiner Bezahlung, Lady«, forderte er flüsternd. »Sobald ich sie habe, lasse ich euch ein.«
Chenaya holte einen schweren Säckel zwischen Lederharnisch und Kittel hervor. Er klingelte, als sie ihn aushändigte. Leyn wog ihn stirnrunzelnd in der Hand und kaute an einer Schnurrbartspitze.
Zip drängte sich ungeduldig vor. »Beeil dich, Kerl, solange du noch eine Hand zum Zählen hast!« Die anderen drängten nach und ließen keinen Zweifel daran, daß sie durch das Tor kommen würden, ob der Posten nun zufrieden war oder nicht.
»Ist es auch soviel wie abgemacht?« brummte Leyn. »Verdammt, dann hinein mit euch allen zu den verdammten dreckigen Beysibern!« Er zog das Tor weit auf und trat aus dem Weg. Mit einer spöttischen Verbeugung winkte er sie herein. »Ich wünsch’ euch viel Blut heut nacht, meine Herren, viel Blut.«
Chenays führte sie eilig hinein und geduckt über den Hof, auf des Statthalters Rasen und einen kleinen Eingang in der Westmauer des Palasts zu. Sie war schon einmal hiergewesen, während ihrer ersten Woche in Freistatt, um Kadakithis vor einem Attentäter zu schützen.[3] Diesen Weg hatte sie genommen. Sie empfand es als bittere Ironie.
Weil sie auf das Geräusch gewartet hatte, hörte sie, wie das Tor hinter ihnen geschlossen wurde und der Schlüssel sich im Schloß drehte.
Aber auch Zip hörte es. Sein Schwert glitt schlangenschnell aus der Scheide, als sich überall ringsum die Schatten vom Boden hoben, wo sie flach auf dem Bauch liegend im Dunkel gewartet hatten. Schrecken sprach aus seinen Augen, als er sie anblickte, und Grimm. Aber das schlimmste war die Anklage. Er erkannte Chenaya als das, was sie war, und sie wußte, daß er es wußte.
Das hielt sie nicht zurück. Wütend griff Zip an, seine Klingenspitze suchte ihr Herz. Chenaya wich seitwärts aus und zog ihren Gladius. Mit der gleichen Rückhandbewegung schmetterte sie den Schwertknauf gegen seine Schläfe. Der Rebellenführer fiel wie ein Stein vor ihre Füße und rührte sich nicht mehr.
»Tut mir leid, Liebster«, murmelte sie ehrlich und stellte sich dem nächsten, der soviel Mut hatte, daß er versuchen wollte, Zip zu rächen. Klingen schlugen klirrend in einem hohen Bogen zusammen, dann duckte sie sich und zog die Schneide über seinen ungeschützten Bauch. Als er sich schreiend krümmte, schnitt sie aufwärts durch seine Kehle.
Die Vobfs schrien wie Wahnsinnige, als die Gladiatoren auf sie zustürmten. Die Rankaner stießen ihren eigenen Kampfruf aus, einen rachsüchtigen Schrei, aus dem ihre ganze Wut über die Ermordung ihrer Landsleute gellte. Sie kannten kein Erbarmen, und Zips Bande dachte nicht daran, um Gnade zu winseln. Klingen blitzten und klirrten, daß weißblaue Funken sprühten. Blut spritzte dick und schwarz in der Nacht. Schreie und Ächzen und Röcheln füllte den Palasthof. Walegrins Männer kamen angerannt.
Dann brach die Hölle aus. Ringsum loderten Flammen auf. Inmitten des glühenden Geysirs schrie ein Rankaner gellend, warf hilflos die Arme in die Höhe und rannte flammenzuckend dahin wie ein Dämon.
Eine weitere Bombe explodierte. Feuer breitete sich wie eine tödliche Flüssigkeit auf dem Boden aus. Rankaner und Vobfs schrien und brannten gleichermaßen. Jemand kam brüllend, ganz in Feuer gehüllt, auf sie zugerannt. Ob Freund oder Feind, war unmöglich zu erkennen, aber sie schenkte ihm einen schnellen Tod.
Sie hatte vorgehabt, bei Zip zu bleiben, ihn zu bewachen und dafür zu sorgen, daß er von dem Gemetzel verschont blieb. Doch nun wirbelte sie herum und hielt Ausschau nach dem Bombenwerfer. Er stellte jetzt die größte Gefahr dar.
Sie entdeckte ihn, als er gerade eine weitere Flasche mit der seltsamen Flüssigkeit warf. Der Blitz blendete sie; Hitze versengte ihre linke Gesichtseite. Der Geruch von verbranntem Haar stieg beißend in ihre Nase – ihres eigenen Haares, wie sie plötzlich erkannte. Und obwohl sie wußte, daß sie auf diese Weise nicht sterben konnte – Savankala selbst hatte ihr gezeigt, wie sie den Tod finden würde –, empfand sie in diesem Augenblick Angst.
Mit dem blutigen Schwert in der Faust ging sie auf ihn zu.
Aber plötzlich weiteten sich die Augen des Burschen, und sein Mund öffnete sich zu einem gräßlichen Schrei. Er hob die Hände, als wolle er die Götter anflehen. Dann kippte er nach vorn und war tot.
Daphne blickte Chenaya über den Hof hinweg an. Von ihrem Schwert troff das Blut des Bombenwerfers, und ein von Wahnsinn zeugendes Grinsen breitete sich über ihr kleines Gesicht. Als sie sicher war, daß Chenaya sie beobachtete, warf die rankanische Prinzessin den dunkelhaarigen Kopf zurück und lachte grauenvoll.
Chenaya blickte über die Schulter auf den Palast. Lichter waren in bisher dunklen Fenstern zu sehen. Köpfe blickten hinaus auf das Gemetzel. Bewaffnete Beysiber, kaum bekleidet, rannten heraus, um sich ins Getümmel zu stürzen.
Danach war es rasch zu Ende. Gladiatoren, Standortsoldaten, nackte Beysiber schauten sich nach weiteren Feinden um und entdeckten keine.
Verschlossen wie immer wischten die Fischäugigen ihre Klingen an der Kleidung von Toten ab und kehrten zurück ins Bett. Walegrin erteilte Befehle, und seine Männer zerrten die Toten davon.
Leyn eilte an Chenayas Seite und gab ihr den Säckel mit Gold zurück. Er hatte den Wachhelm weggeworfen oder im Kampf verloren. Seine blonden Locken schimmerten im Glühen der noch brennenden Feuer. »Herrin«, meldete er schwer, »wir haben zwei unserer Männer verloren.« Er nannte ihr die Namen.
Chenaya holte tief Atem. »Durch Feuer oder Schwert?« fragte sie.
Leyn wandte den Blick ab. »Einen durchs Feuer, den anderen durchs Schwert.«
Ihr Herz verkrampfte sich vor Leid um den, der verbrannt war. Das war keine Todesart für einen Krieger. »Wenn es möglich ist, dann laß dir von Walegrin die Leichen geben. Wir wollen das Bestattungsritual in Landende selbst durchführen und ihre Asche dann in den Fuchsfohlenfluß streuen.«