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Selbstverständlich glaube ich an Engel. Ich glaube sogar, daß die Engel mit kleinen Kindern reden, aber wenn Jugendliche oder Erwachsene Visionen haben, ist das etwas anderes. Ich kenne zahlreiche Geschichten von Hirtenkindern und anderen Menschen, die auf dem Land gelebt haben und behaupteten, sie hätten eine weißgekleidete Frau gesehen

– und das hat am Ende ihr Leben zerstört, denn sofort kommen Leute zu ihnen, die Wunder erwarten. Die Pfarrer machen sich Sorgen, die Dörfer werden zu Wallfahrtsorten, und die armen Hirtenkinder beenden ihr Leben im Kloster. Ich habe mir also wegen dieser Geschichte Sorgen gemacht. In ihrem Alter sollte Sherine sich mehr für Make-up interessieren, ihre Nägel lackieren und im Fernsehen romantische Serien ansehen. Etwas stimmte nicht mit meiner Tochter, und ich suchte einen Spezialisten auf.

»Beruhigen Sie sich«, sagte er.

Für den Kinderpsychologen waren wie für die meisten Ärzte, die ähnliche Fälle behandeln, diese unsichtbaren Freunde eine Art Projektion kindlicher Träume, die dem Kind halfen, seine Wünsche herauszufinden, seine Gefühle auszudrücken, was aber ganz und gar unbedenklich sei.

»Aber eine weißgekleidete Frau ?«

Er antwortete, daß möglicherweise unsere Art, die Welt zu sehen und zu erklären, von Sherine nicht ganz richtig verstanden würde. Er schlug vor, ganz allmählich das Terrain dafür vorzubereiten, um ihr dann auch sagen zu können, daß sie adoptiert worden sei. Der Psychologe meinte, das Schlimmste wäre, wenn sie es selbst herausfinden würde – sie würde dann alles anzweifeln. Niemand wüßte, wie sie dann reagieren würde.

Von diesem Augenblick an haben wir anders mit ihr geredet als vorher. Ich weiß nicht, ob der Mensch sich an Dinge erinnern kann, die geschehen sind, als er noch ein Baby war, aber wir haben versucht, ihr zu zeigen, wie sehr wir sie liebten und daß es keinen Grund gab, sich in eine imaginäre Welt zu flüchten. Sie mußte begreifen, daß die Welt, in der sie lebte, wunderschön war, mit Stränden, Sonne, freundlichen Menschen.

Und daß ihre Eltern sie über alles liebten und sie vor jeder Gefahr beschützten. Ich sprach sie nicht direkt auf diese »Frau« an, verbrachte aber mehr Zeit mit meiner Tochter, lud ihre Schulfreunde zu uns nach Hause ein, ließ keine Gelegenheit aus, sie unsere Zuneigung spüren zu lassen.

Es zeigte sich bald, daß dies der richtige Weg war. Mein Mann war viel auf Reisen, und Sherine vermißte ihn sehr. Aus Liebe zu ihr bemühte er sich, häufiger zu Hause zu sein. Sie war jetzt weniger allein und verbrachte mehr Zeit mit uns.

Es lief alles gut, bis sie eines Nachts weinend in unser Schlafzimmer kam und sagte, sie habe Angst, die Hölle sei nahe.

Ich war allein im Haus – mein Mann war wieder einmal auf Reisen – und glaubte anfangs, dies sei der Grund für ihre Verzweiflung. Aber die Hölle? Was brachten sie ihr bloß in der Schule oder in der Kirche bei? Ich beschloß, am nächsten Tag mit ihrer Lehrerin zu sprechen.

Sherine hörte aber nicht auf zu weinen. Ich ging mit ihr ans Fenster und zeigte ihr das vom Vollmond beschienene Mittelmeer. Ich sagte ihr, es gebe keine Dämonen, dafür Sterne am Himmel und Leute, die auf dem Boulevard vor unserer Wohnung flanierten. Ich erklärte ihr, daß sie keine Angst zu haben brauche, aber sie weinte und zitterte weiter. Nachdem ich fast eine halbe Stunde lang umsonst versucht hatte, sie zu beruhigen, wurde ich nervös. Ich bat sie, jetzt endlich damit aufzuhören, sie sei doch kein Kind mehr. Auch fragte ich mich, ob sie vielleicht ihre erste Menstruation bekommen hatte, und fragte sie diskret, ob Blut fließen würde.

»Sehr viel.«

Ich nahm eine Mullbinde, bat meine Tochter, sich hinzulegen, damit ich ihre »Verletzung« behandeln könne. Sie hatte allerdings nicht ihre Menstruation bekommen. Sie weinte noch ein wenig, aber sie war wohl müde, denn sie schlief bald ein.

Und am nächsten Morgen floß tatsächlich Blut.

Vier Männer wurden umgebracht. Für mich handelte es sich nur um einen dieser ewigen Stammeskämpfe, an die mein Volk gewöhnt war. Sherine erwähnte ihren Alptraum der vergangenen Nacht mit keinem Wort, er schien keine Bedeutung mehr für sie zu haben.

Dennoch rückte der Tag, an dem im Libanon die Hölle losbrach, immer näher. Noch am selben Tag wurden aus Rache für den Mord sechsundzwanzig Palästinenser in einem Bus getötet. Vierundzwanzig Stunden später konnte man sich wegen der Schüsse, die von allen Seiten kamen, schon nicht mehr auf die Straße wagen. Die Schulen wurden geschlossen, Sherine wurde eilig von einer ihrer Lehrerinnen nach Hause gebracht, und von da an geriet die Lage außer Kontrolle. Mein Mann unterbrach seine Reise und kam nach Hause, telefonierte den ganzen Tag mit seinen Freunden in der Regierung, aber niemand konnte ihm eine vernünftige Auskunft geben. Sherine hörte die Schüsse draußen und im Haus das aufgeregte, laute Reden meines Mannes.

Doch zu meiner Überraschung verlor sie kein Wort darüber. Ich sagte ihr, daß das alles bald vorbei wäre, daß wir bald wieder an den Strand gehen würden, doch sie wandte den Blick ab und bat mich um ein Buch, das sie lesen, oder eine Platte, die sie hören könnte. Und während der Libanon ganz allmählich im Krieg versank, las Sherine und hörte Musik.

Ich möchte nicht mehr daran denken. Ich möchte bitte nicht mehr an die Drohungen denken, die wir erhielten, daran, wer recht hatte, wer schuldig und wer unschuldig war. Tatsache ist, daß man sich nicht mehr normal bewegen konnte, nicht mehr einfach die Straße überqueren oder an Bord eines Schiffes gehen.

Ein Jahr lang verließen wir unser Haus fast gar nicht, warteten immer darauf, daß sich die Lage besserte und daß die Regierung am Ende wieder Herr der Lage würde. Eines Morgens, als Sherine eine Platte auf ihrem kleinen tragbaren Plattenspieler hörte, machte sie ein paar Tanzschritte und sagte dabei so etwas wie: »Es wird lange dauern, sehr lange.«

Ich wollte sie unterbrechen, aber mein Mann packte mich am Arm – ich sah, daß er aufmerksam zuhörte und die Worte des Mädchens ernst nahm. Ich habe nie begriffen wieso, und bis heute haben wir nie darüber geredet. Es ist tabu zwischen uns.

Am nächsten Tag begann er unsere Flucht vorzubereiten. Zwei Wochen später schifften wir uns nach London ein. Später sollten wir erfahren, daß in diesen zwei Jahren Bürgerkrieg etwa vierundvierzigtausend Menschen gestorben sind, einhundertachtzigtausend verletzt und Tausende obdachlos wurden. Das Land wurde von ausländischen Truppen besetzt, und die Hölle geht bis heute weiter.

»Es wird lange dauern«, hatte Sherine gesagt. Mein Gott, leider hatte sie recht.

Lukas Jessen-Petersen, 32 Jahre, Ex-Ehemann

Als ich Athena zum ersten Mal begegnete, wußte sie schon, daß sie von ihren Eltern adoptiert worden war. Sie war neunzehn Jahre alt und stand kurz davor, in der Cafeteria der Universität einen Streit anzufangen, weil eine Mitstudentin, die Athena aufgrund ihres hellen Teints, des glatten Haares und ihrer zwischen Grün und Grau wechselnden Augenfarbe für eine Engländerin hielt, einen abfälligen Kommentar über den Nahen Osten gemacht hatte.

Es war der erste Tag im Semester, und die meisten kannten sich noch nicht. Aber Athena stand auf, packte die andere am Kragen und fing an, wie eine Verrückte zu schreien:

»Rassistin!«

Ich sah den erschrockenen Blick des anderen Mädchens, die aufgeregten Blicke der männlichen Studenten, die scharf darauf waren zu sehen, was nun passieren würde. Da ich in einem höheren Semester war, wußte ich, welche Konsequenzen eine Prügelei haben könnte: Vorladung ins Büro des Rektors, Möglichkeit eines Uni-Verweises, polizeiliche Untersuchung wegen Rassismus usw. Alle hatten etwas zu verlieren.