Henri schnellte auf den Abgehenden zu, umarmte ihn nochmals und sagte ihm ins Ohr: «Ich habe keine Werke. Aber ich kann sie machen.»
Moralité
Le grand danger du penseur est d’en savoir trop, et du prisonnier d’hésiter trop longtemps. Voilà ce captif de luxe, qui à des loisirs et des femmes, retenu par ses plai-sirs en même temps que par les amusements désabusés de son esprit. Cependant il voit des fanatiques cupides entamer la moelle même d’un royaume que plus tard il devra redresser. Heureusement qu’il lui reste des amis pour I’admonester, une sœur pour le gifler à temps, et que même un spectre le relance afin de lui rappeler son devoir. Au fond il n’en faut pas tant, et son jour venu de lui même il prendra son essor. C’est sa belle sante morale qui lui donne l’avantage sur tous les immodérés de son époque. Comme un certuin gentilhomme de ses amis, l’immodération dans la poursuite du bien même, si elle ne l’offense, elle l’étonne et le met en peine de la, baptiser. Par contre, il possède le mot propre par quoil il signale et ses qualités et ses droits. En appuyant sur son titre de prince du sang c’est en réalite sur les prérogatives de sa personnalité morale qu’il insiste.[8]
Die Mühlen des Lebens
«Mein kleines Gefecht»
Nérac ist eine Stadt im Lande, die Vögel fliegen über sie hin, die Hammel ziehen vor ihre Tore mit Getrappel, und weite, flache Felder umgeben sie äußerst fruchtbar: dies alles schon tausend Jahre. Die Menschen hämmern auf Holz und Leder, zerschneiden Stein oder Fleisch, an der grünen Baïse stehn sie und angeln. Sooft aber bewaffnete Reiter auf der Straße den Staub erheben, bringt man die bewegliche Habe in Sicherheit und nähert sich ihnen mit leeren Händen in der Hoffnung, verschont zu bleiben. Es ist kein Verlaß auf die Mauern und Gräben, auch nicht auf die Herren, ob katholisch, ob hugenottisch, die gerade befehlen. Die nächsten, die schon unterwegs sind, werden sie erschlagen oder verjagen. Das Heil des Bürgers ist einzig, sich zu ergeben jedem, der will, und das tun sie. In Nérac gehen die einen zur Messe, die anderen zur Predigt, und je nach der Religion des neuen Eroberers behaupten sie, dies oder jenes zu glauben.
Der junge König von Navarra, als er glücklich frei war, vermied seine Hauptstadt Pau: dort hatte seine Mutter, die Königin Jeanne, in ihrem hohen Glaubenseifer den Protestantismus unduldsam gemacht. Er erwählte das ländliche Nérac für seinen Wohnsitz und Hof. Denn es lag in der Grafschaft Albret, dem alten Besitz seiner mütterlichen Vorfahren, und hielt ziemlich genau die Mitte des Landes, das er fortan verwalten sollte. Dies war zusammengesetzt aus seinem eigenen Königreich und der Provinz Guyenne mit ihrer Hauptstadt Bordeaux. Sein Königreich, das waren noch immer die Gebiete Albret, Armagnac, Bearn, Bigorre und Navarra. Seine Edelleute und Hugenotten hatten, indessen er selbst im Louvre saß, abgeschlagen sowohl den alten Montluc, der im Auftrag des Königs von Frankreich bei ihnen eindrang, wie die spanischen Haufen, die von den Bergen herabstiegen. Das Land des neuen Gouverneurs, der auch König hieß, reichte entlang den Pyrenäen und der Küste des Ozeans bis dort, wo die Gironde in ihn fällt. Das ist der Südwesten.
Die Luft der Freiheit berauscht wie der Wein, in Wind und Sonne getrunken. Das Brot der Freiheit ist süß, wenn es gleich trocken wäre. Durch das Land reiten nach langer Gefangenschaft! Nur selten nach Haus kommen und überall zu Haus sein. Keine Wächter und Aufpasser, lauter Freunde. So ist es gut zu atmen, davon wird jede Viehmagd schöner, als dem Gefangenen die Prinzessin war. Ihr seht zwar nicht zum besten aus, werte Landsleute. Seid reichlich verkommen, während wir fort waren. Das haben verschuldet Montluc, die Spanier und eure beiden Religionen. Wer hält sie denn aus, den Glaubenseifer und die ständige Lebensgefahr. Wir können davon mitreden. Meistens verließet ihr eure zerstampften Felder und verbrannten Häuser, es werden in der Provinz viertausend sein. Seid selbst endlich Räuber geworden, und ich begreif es. Dem aber will ich ein Ende setzen, und hier soll Fried sein.
Er hatte die Zuversicht, weil er neu anfing, daß alle könnten neu werden. Heiter und duldsam sein, ist doch leicht? Die kleinen Städte aber sind verbockt und verstockt durch schlechte Erfahrungen, sie ziehen die Brücke hoch, wenn wir kommen. «Turenne, deine Stimme trägt gut, ruf ihnen hinauf, daß der Gouverneur alles Geschehene verzeiht, und was wir nehmen, bezahlen wir. Sie wollen nicht? Sag ihnen, sie sollen vernünftig sein. Sind wir erst mit Gewalt bei ihnen eingedrungen, dann wird geplündert. Mein Rosny spitzt schon drauf. Ist auch in der Ordnung und war nie anders.»
Dann wurde etwas geplündert, etwas vergewaltigt und aufgehängt nach gutem altem Verfahren. Die kleine böse Stadt mußte doch wissen, woran sie war mit dem neuen Herrn. Dann wurde ein Hauptmann zurückgelassen mit wenigen Soldaten, und wieder galt die königliche Befehlsmacht um einige Meilen weiter. Der Prinz von Geblüt verteidigte sie im Umherreiten. Er sagte etwas leichthin zu einem Freund, d’Aubigné, dem blutjungen Rosny sogar: «Dich nehm ich in meinen Geheimen Rat auf.» Als eines Tages auch Mornay eintraf, wollte er, daß der Geheime Rat des Fürsten tatsächlich zusammenträte im Schloß von Nérac: Du Plessis-Mornay war Staatsmann und Diplomat. Vorerst kam es dazu selten. Auf einem Heimweg erhielt der Fürst die Nachricht, daß Kaufleute auf der Straße wären ausgeraubt worden. Dorthin im Galopp! Wer seine Habe zurückbekam, zahlte gern die Abgaben — anders als der Bauer, der sein Geld nicht aus der Erde grub, mochten die Räuber ihm sogar den Hof anzünden. Aber er blieb fortan verbunden dem Gouverneur, der ihm das Leben gerettet hatte und seinen Töchtern die Ehre. Freiwillig empfingen diese einen der jungen Herren bei sich; meistens war es der Gouverneur. Der Vater durfte es wissen oder auch nicht. Derart vollbrachte Henri Taten auf kleinem Bereich, das aber der Anfang eines großen war, und um die Ordnung, Pflege und baldige Wiederbevölkerung des kleinen bemühte er sich vorerst.
Sehr hell war der Himmel, silbern sein Licht, und die Abende waren so mild, wenn der Gouverneur und seine Räte, die vielmehr seine Kriegsmänner waren, nach ihrer Arbeit dem rosigen Schein entgegenritten ins Ungefähr. Das ist aber das Glück: nicht zu wissen, wo du essen und mit welcher du schlafen wirst. Im Louvre geschah alles unter mißtrauischen Blicken, und die Vorzimmer flüsterten davon. Um so lieber besuchte er jetzt arme Leute, oft kannten sie ihn noch nicht, sein geripptes Wams aus abgetragenem Samt machte nicht viel aus ihm, er ließ sich gerade den Bart wachsen und trug einen Filzhut. Geld führte er nicht mit sich, sie verlangten keins für die Suppe aus Kohl und Gänsefleisch, Garbure genannt, und für ihren Rotwein vom Faß; nachher kam dennoch das Geld zu ihnen von seiner Rechnungskammer in Pau. Die Armen waren ihm von Natur näher als die Reichen: er untersuchte nicht, warum, und hätte es schwer gefunden. Weil sie gesund rochen, nicht wie der König von Frankreich und seine Lieblinge? Seine eigene Kleidung war genauso sehr mit Schweiß durchtränkt, wenn er zwischen ihnen saß. Oder wegen ihrer kräftigen Ausdrücke, der Spitznamen, die sie jedem gaben? Auch ihm kamen immer solche, anstatt der richtigen, auf die Lippen, sogar für die ehrbarsten seiner Diener. Die Armen sind leicht guter Laune, und das war er selbst.
Übrigens war ihm bewußt, daß er gar nicht anders hätte sein dürfen. In einem Land mit viertausend Brandstätten und einer verwilderten Bevölkerung stolziert man nicht umher als der unnahbare Herr. Einen hatte es gegeben hier: er sollte nicht hart, grausam oder geizig — nur stolz, unerlaubt stolz sollte der Herr gewesen sein gegen den gemeinen Mann, darum hatte dieser ihn getötet. Henri war gewarnt; nicht umsonst sah man ihn in abgeschabten Hosen. Wenn nur kräftige Muskeln sich darin abdrückten! Außerdem veranlaßte er selbst das Gerede, zweierlei sei ihm unmöglich: ernst zu bleiben und zu lesen. Der Ernst ist für den gemeinen Mann schon halbe Überhebung, wer aber liest, der ist hier fremd und kann seiner Wege gehen, was die vornehmen Leute denn meist auch taten. Dieser nicht. Er wohnte im Lande und hatte nicht nur Schlösser, auch eine Mühle, die betrieb er wie jeder andere Müller: hieß auch so. Den Müller von Barbaste nannten sie ihn — und fragten nicht lange, wie häufig er eigentlich dort wäre in seiner Mühle, und was er dort täte. So weit forscht das Volk nicht nach. Obwohl es den Gelehrten mißtraut, genügt ihm selbst oft ein Wort, und es sucht dahinter nichts.
8
Die große Gefahr für den Denker ist, zu viel zu verstehen, und für den Gefangenen, zu lange zu zögern. Da ist er, dieser Gefangene des Luxus, der Mußestunden und Frauen hat, und der sich von seinen Vergnügungen und den unfruchtbaren Zerstreuungen seines Geistes aufhalten läßt. Indes sieht er zu, wie machtgierige Fanatiker ein Königreich, das er später wiederherstellen soll, bis ins Lebensmark gefährden. Zum Glück bleiben ihm Freunde, die ihn zurechtweisen, und eine Schwester, die ihn zu gegebener Zeit ohrfeigt, ja es taucht sogar ein Geist auf, der ihn wieder zu sich bringt, um ihn an seine Pflichten zu gemahnen. Im Grunde braucht er nicht soviel, und wenn erst sein Tag gekommen ist, wird er von selber seinen Aufschwung nehmen. Seine eigene schöne moralische Gesundheit verleiht ihm den Vorteil über alle Maßlosigkeiten seines Zeitalters. Wie einem gewissen Edelmann unter seinen Freunden «verschlägt Maßlosigkeit selbst im Guten ihm die Rede, wenn sie ihm nicht geradezu zuwider ist; und er hat keinen Namen dafür». Demgegenüber weiß er das Zauberwort, mit dem er seine Begabung und seine Rechte kundgibt. Indem er sich auf seinen Titel eines «Prinzen vom Geblüt» stützt, beharrt er in Wahrheit auf den Vorrechten seiner moralischen Persönlichkeit.