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Der Abend hatte sich niedergelassen, der Abend vor Pfingsten: da erwachte Karl. Die Amme erkannte es an seinem Atem allein. Sie machte Licht und sieh, sein Bluten hatte aufgehört. Dafür war er jetzt überaus schwach, mit Anstrengung erhob er die Hand, um ihr zu bedeuten, was er wollte. Sie verstand nicht, obwohl sie ihn aufsetzte und das Ohr an seine Lippen legte. «Navarra», hauchte er, und sie erriet es.

Sie rief den Befehl des Königs zur Tür hinaus, die Wachen gaben ihn weiter, und jemand lief, ihn zu überbringen. Nicht zu Henri eilte der Offizier, sondern natürlich zu Madame Catherine. Sie war denn auch die erste, die anlangte bei ihrem sterbenden Sohn. Die Amme hatte ihm das Gesicht gewaschen; es schien weiß wie Stein und unsäglich abweisend gegen jede Zudringlichkeit der Lebenden. Madame Catherine, mit der blutwarmen Natur einer Mörderin, stößt auf Fremdes, gar nicht Geheures. So sterben die sonst nicht. Zu vornehm! Kenn ich nicht. Ist nie aus meinem Schoß gekrochen! Nur gut, daß noch jemand hier erwartet wird.

Henri Navarra indessen ging einen Weg der Ängste — durch enge gewölbte Gänge, starrend von Bewaffneten. Ihm wurde kalt bei all dem entblößten Eisen, den Arkebusen, Hellebarden, Partisanen. Er erkannte den Tod, nicht anders als Karl selbst — hatte aber dabei all sein Blut, sowie die Füße zum Entlaufen. Wirklich stockte er und wäre umgekehrt. Kam dennoch an, trat ein und ließ sich auf die Knie. Von der Tür bis an den Fuß des Bettes ging Henri auf den Knien. Hier vernahm er, was Karl hauchte. «Mein Bruder, jetzt verlieren Sie mich, aber Sie selbst wären längst nicht mehr am Leben. Ich allein habe den anderen abgeschlagen, was sie vorhatten. Dafür wollen Sie sich künftig meiner Frau und meines Kindes annehmen. Künftig», wiederholte er — und so leise er sprach, das Wort hallte. ‹Er weiß, daß ich soll König von Frankreich sein! Wer stirbt, sieht in die Zukunft.›

So ist es, daher ein großes Unbehagen bei Madame Catherine. Horoskope und Dämpfe der Metalle stehen allerdings gegen das Wort des Sterbenden. Gleichwohl sind solche Worte folgenschwer, darum aufgepaßt! Karl ringt, um Henri noch eins zu hinterlassen. Es soll eine Warnung sein, das ist ihm anzusehen. «Trau nicht meinem —» beginnt er, da fährt sie schon hinein. «Sag das nicht!» Weil nun Karl endgültig erschöpft war und zurück auf das Kissen fiel, blieb unentschieden, wen Henri mehr zu fürchten hatte, ob d’Anjou, der ihn haßte, oder d’Alençon, seinen eigenen unsicheren Gefährten. Er beschloß, sich vor beiden zu hüten.

Madame Catherine verließ das Sterbezimmer, als sie sich überzeugt hatte, daß Karl nicht mehr sprechen würde. Henri harrte, immer kniend, solange aus, bis der Todeskampf begonnen hatte.

Bei ihrem Pflegling blieb schließlich allein zurück die Amme. Über ihn geneigt, fing sie seine Seufzer auf — nicht als hätte sie gefühlt mit dem, der selbst nicht mehr fühlte, sondern einfach, damit sie genau feststellte, wann der letzte abbräche. Sie wußte wohclass="underline" In diesem vergehenden Geist gespensterte nur noch das Früheste, lang Vergessene, niemandem bekannt als ihnen beiden. Ihr fiel es wieder ein zugleich mit ihm, und dem Entschlafenden zur Seite kehrte sie in alte Tage zurück. Nur seine kurzen Seufzer bewegten seine Lippen, dennoch verstand sie «Wald», dennoch verstand sie «Nacht», und «müde». Das Kind hat sich verirrt im Wald von Fontainebleau, jetzt fürchtet es sich im Dunkeln. Vorzeiten geschah dies, und geschieht zuletzt nochmals. Sie summt statt seiner die Worte. Eintönig wiederholte Worte fügen sich ungewollt aneinander, und sie summt:

«Mein Kind, es ist schon kalt, Es wird schon Nacht, du Kind, Es ist schon Nacht im Wald, Es ist schon kalt im Wind.»

Summt es lange, schläfert auch sich damit ein.

«So klein, findst keinen Weg —»

Hier merkt sie insgeheim: etwas ist eingetreten.

«So müd und keine Ruhe —»

Bei Gott, es war der letzte, war sein letzter Seufzer. Sogleich richtet sie sich auf, und seine Lider schließend spricht sie stark:

«Ich Amme aber leg Dich in die sichere Truhe.»

Moralité

Le malheur peut apporter une chance inespérée d’apprendre la vie. Un prince si bien né ne semblait pas de-stiné à être comblé par l’adversité. Intrépide, dédaignant les avertissements, il est tombé dans la misère comme dans un traquenard. Impossible de s’en tirer: alors il va profiter de sa nouvelle Situation. Désormais la vie lui offre d’autres aspects cue les seuls aspects accessibles aux heureux de ce monde. Les leçons qu’elle lui octroie sont sévères, mais combien plus émouvantes aussi que tout ce qui l’occupait du temps de sa joyeuse ignorance. Il apprend à craindre et à dissimuler. Cela peut toujours servir, comme, d’autre part, on ne perd jamais rien à essuyer des humiliations, et à ressentir la haine, et à voir l’amour se mourir à force d’être maltraite. Avec du talent, on approfondit tout cela jusqu’à en faire des connaissances morales bien acquises. Un peu plus, ce sera le chemin du doute; et d’avoir pratiqué la condition des opprimés un jeune seigneur qui, autrefois, ne doutait de rien, se trouvera changé en un homme averti, sceptique, indulgent autant par bonté que par mépris et qui saura se juger tout en agissant.

Ayant beaucoup remué sans rime ni raison il n’agira plus, à l’avenir, qu’à bon escient et en se mefiant des impulsions trop promptes. Si alors on peut dire de lui que, par son intelligence, il est au dessus de ses passions ce sera grâce à cette ancienne captivité où il les avait pénétrées. C’est vrai qu’il fallait être merveilleusement équilibré pour ne pas déchoir pendant cette longue épreuve. Seule une nature tempérée et moyenne pouvait impunément s’adonner aux mceurs relâchées de cette cour. Seule aussi elle pouvait se risquer au fond d’une pensée tourmentée tout en restant apte à reprendre cette sérénite d’âme dans laquelle s’accomplissent les grandes actions généreuses, et même les simples realisations commandees par le bon sens.[7]

Die Blässe des Gedankens

Ein unerwartetes Bündnis

Was war es mit Margot? Plötzlich erklärte sie sich bereit, beiden, dem König von Navarra und ihrem Bruder d’Alençon, zur Flucht zu verhelfen. Einer von ihnen sollte als Frau verkleidet neben ihr in der Kutsche sitzen, wenn sie aus dem Louvre fuhr. Sie hatte das Recht, eine Begleiterin mitzunehmen, und diese durfte eine Maske tragen. Da die Flüchtlinge aber zwei waren und keiner weichen wollte, unterblieb der Plan, wie andere mehr. Übrigens hatte Henri nie an ihn geglaubt, zu viele waren mißlungen. Er fand Margot in ihrem Eifer reizend und sagte daher nicht nein. Sie bereute beim Anblick seines großen Unglücks, daß sie selbst ihn eines Tages ihrer Mutter verraten hatte. Das rührte ihn, obwohl er auch ihren persönlichen Beweggrund durchschaute. Sie wollte sich rächen an Madame Catherine für den Tod ihres La Mole.

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7

Das Unglück kann die unverhoffte Möglichkeit bieten, das Leben kennenzulernen. Ein so hochgeborener Prinz war offensichtlich nicht dazu bestimmt, vom Mißgeschick erdrückt zu werden. Unerschrocken, die Warnungen in den Wind schlagend, ist er in das Elend geraten wie in eine Falle. Unmöglich, sich daraus zu befreien: dann wird er also aus seiner neuen Lage Nutzen ziehen. Von nun an gewährt ihm das Leben noch andere Einblicke als die nur, die den Glücklichen dieser Welt offenstehen. Die Lehren, die es ihm erteilt, sind streng, aber auch um wieviel ergreifender als alles, was ihn in den Zeiten seiner jugendlichen Ahnungslosigkeit beschäftigte. Er lernt sich fürchten und sich verstellen. Das kann immer zu etwas nützen, wie man anderseits nichts dabei verliert, wenn man Demütigungen erträgt, Haß empfindet und die fortgesetzt mißhandelte Liebe sterben sieht. Mit Begabung vertieft man das alles, bis man wohlerworbene Moralansichten daraus gemacht hat. Etwas weiter — und man ist auf dem Wege des Zweifels; und wenn man die Lebensverhältnisse der Unterdrückten selber durchlebt hat, findet man sich eines Tages als junger Landesherr in einen wissenden und skeptischen Mann verwandelt, der ebenso sehr aus Güte wie aus Verachtung nachsichtig geworden ist, und der sich wohl zu beurteilen weiß, während er handelt.

Nachdem er lange ohne Sinn und Verstand sich betätigt hat, wird er in Zukunft nur noch mit gutem Vorbehalt handeln und allen zu jähen Impulsen mißtrauen. Wenn man nach alledem von ihm sagen kann, daß er sich — vermöge seiner Vernunft — über seine Leidenschaften erhoben hat, so dankt er es der Zeit der Gefangenschaft, während der er sie durchdacht hat. Wahrhaftig, es bedurfte einer wunderbaren Ausgeglichenheit, um nicht während einer solch langen Prüfungszeit zu fallen. Einzig eine so maßvolle und so ausgeglichene Natur konnte sich ungestraft den lockeren Sitten dieses Hofes hingeben. Auch sie einzig nur konnte sich in die Tiefe eines wilderregten Gedankens hinabwagen und bei alledem doch noch fähig bleiben, zu jener Heiterkeit der Seele zurückzufinden, in der sich die großmütigen Taten vollziehen, ja sogar noch die einfachsten Handlungen, die der gesunde Menschenverstand verlangt.