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Dodger war schon lange vor dem ersten Tageslicht fleißig gewesen, als Nebel, Dampf und rauchige Finsternis ihm reichlich Deckung gaben, und jetzt, als die Welt ein Stück entfernt erwachte, konnte man eine arme alte Frau sehen, die an den Polizisten vorbeihumpelte – falls jemand Gefallen daran fand, arme alte Frauen zu beobachten, von denen es auf dem Markt jede Menge gab, weil sie oft ihre Ehemänner überlebten und niemanden hatten, der sich um sie kümmerte. Dodger hielt es für traurig. Das war es immer, und manchmal sah man die alten Mädchen ihr kümmerliches Dasein fristen, wie sie Haushaltsstaub siebten, in der schwachen Hoffnung, darin noch irgendetwas Nützliches zu finden[7]. Und obwohl sie draußen arbeiteten, trugen sie nicht einmal einen anständigen Mantel. Und sie waren unheimlich und gruselig. Ja, das waren sie wirklich. Schrecklich leuchtende Augen hatten manche von ihnen, wenn sie eine klauenartige Hand ausstreckten und um einen Viertelpenny bettelten. Zahnlose alte Frauen mit verschrumpelten Gesichtern, die an Hexen erinnerten. Und man fand sie überall, überall dort, wo es ein wenig Schutz vor dem Regen gab.

Aber in diesem Fall handelte es sich um eine etwas rüstigere Alte, die einen Handkarren – ein Vehikel mit hohem Ansehen in diesem Teil der Stadt – durch Straßen und Gassen zog, was ihr offenbar erhebliche Mühe bereitete. Ein Beobachter auf dem Mond hätte gesehen, wie sie sich im Zickzack dem Ufer der Themse näherte, wo sie einen Penny für eine Überfahrt anbot. Allerdings bezahlte sie nur einen Viertelpenny, was nicht der offizielle Preis für die Überfahrt war, wie der Beobachter vielleicht wusste, aber der Kahnführer hatte noch nie eine Alte in so traurigem Zustand gesehen. Er dachte an die greise Mutter daheim, entdeckte eine gewisse Großzügigkeit in sich und bot der Alten sogar an, zu warten und sie erneut überzusetzen, wenn sie alles erledigt hatte. Als sie wenig später zu ihm zurückkehrte, musste er feststellen, dass eine eingewickelte Leiche auf ihrem Karren lag. Das war, offen gestanden, ein Problem, doch dann hielt einer seiner Kollegen am Kai und setzte einen Passagier ab. Der Kahnführer deutete auf das alte Mädchen und brachte seinen Kumpel dazu, ihm mit der Leiche zu helfen, die zum Glück noch nicht steif geworden war.

Dodger – denn das war die Alte in Wirklichkeit: Dodger – war mit dem Stand der Dinge recht zufrieden. Und er war auch ein bisschen verlegen, denn der Coroner von Four Farthings und sein Beamter hatten der alten Frau beim Beladen des Karrens geholfen und ihr versichert, dass die sterblichen Überreste ihrer Nichte die ganze Zeit über mit großem Respekt behandelt worden seien. Zweifellos ein Hinweis, der das Herz erfreute.

Dann gab es natürlich noch die Heimreise, diesmal gegen die Flut, und der Kahnführer begriff, dass er in dieser Situation nicht damit rechnen durfte, reich zu werden, weshalb er schroff sagte: »Na schön, wer A sagt, muss auch B sagen, ein Viertelpenny pro Kopf, und damit hat es sich.«

Die Fahrt übers Wasser dauerte nicht sehr lange, war aber recht unruhig wegen der Wellen, und anschließend half der Mann der armen Alten, den Karren aufs Kopfsteinpflaster zu setzen, und er traute seinen Augen nicht, als sie ihm nicht zwei Viertelpennys gab, sondern drei glänzende Sixpences und ihn den letzten Gentleman von London nannte. Dieses Erlebnis behielt er lange Zeit in liebevoller Erinnerung.

Die alte Frau befand sich nun wieder auf der richtigen Seite der Themse, und der Beobachter auf dem Mond konnte beobachten, wie sie ihren Karren durch eine dunkle, neblige Gasse zog, was sicher nicht ungefährlich war, und dort gab es eine schattenhafte Gestalt, die nach Gin roch, und ein sehr betrunkener und sehr gemein aussehender Mann fragte: »Hast du in deiner Tasche was für mich, Mütterchen?«

Ein auf der Bordsteinkante sitzender Schuhputzer, der sein Frühstück verzehrte, wurde Zeuge der Szene. Er dachte gerade, dass er dem Mütterchen vielleicht helfen sollte, als etwas Sonderbares geschah: Die Alte schien plötzlich zu verschwinden, und dann lag der Betrunkene am Boden, und das Mütterchen trat ihm ordentlich zwischen die Beine und rief: »Wenn ich dich hier noch einmal erwische, brate ich deine Innereien in meiner Grillpfanne, wart’s nur ab!« Und dann, nachdem sie ihr Kleid ein wenig zurechtgezogen hatte, wurde die Alte wieder zu … nun, zu einer Alten, und der Schuhputzer starrte noch immer, die Pellkartoffel halb zum offenen Mund gehoben. Das liebe alte Mütterchen winkte ihm fröhlich zu und sagte: »Junger Mann, von wem stammen denn die leckeren Pellkartoffeln?«

Was dazu führte, dass Dodger die Reise mit ziemlich vielen Kartoffeln in seiner Tasche fortsetzte, und er verteilte sie an die alten Frauen, die er mutterseelenallein am Straßenrand sitzen sah. Er hielt es für eine Buße. Und Gott musste diese Barmherzigkeit mit Wohlgefallen zur Kenntnis genommen haben, denn in der nächsten Straße entdeckte Dodger ein Lavendelmädchen, was ihm die Mühe ersparte, eins zu suchen – es wäre nicht besonders schwierig gewesen, eins zu finden, denn im Gestank von London kaufte dann und wann jeder gern ein wenig Lavendel. In diesem Fall verkaufte das Mädchen seinen ganzen Vorrat an die Alte, bedankte sich überschwänglich und ging in den nächsten Pub, während die nun wesentlich besser riechende alte Frau den Karren mit der Leiche weiterzog.

Einen Toten zu bewegen, ist nie einfach, doch im schmutzigeren Teil von Seven Dials kannte Dodger eine Gasse mit genau dem richtigen Gully. Und als er sich in der Kanalisation befand, war er natürlich in seinem Element. Er konnte seine Aufgabe erledigen, ohne dass die Menschen über ihm etwas davon bemerkten, und die Wahrscheinlichkeit, einem anderen Tosher zu begegnen, war gering. Und überhaupt, als König der Tosher konnte er tun und lassen, was er wollte. Wenn man in den Abwasserkanälen wusste, wonach es Ausschau zu halten galt, konnte man regelrechte Zimmer finden, Orte, denen die Tosher klingende Namen gegeben hatten, wie zum Beispiel Spitze oder Kleine Ruhe.

Dodger stapfte durch einen der Tunnel und machte sich an den unangenehmeren Teil der Arbeit. Dieser Abschnitt hatte bisher noch keinen Namen erhalten, und jetzt bekam er einen: Ruhe in Frieden. In den dunkleren Teilen von London war der Tod immer zugegen, und nur an einem sehr ungewöhnlichen Tag sah man keinen Trauerzug. Dies bewirkte eine besondere Art von Pragmatismus: Menschen lebten, Menschen starben, und andere Menschen mussten damit klarkommen. Dodger lag viel daran, am Leben zu bleiben, und deshalb legte er an dieser Stelle die Lumpen der Alten ab; darunter kam seine gewohnte Kleidung zum Vorschein. Er streifte große, gut eingefettete Lederhandschuhe über, wie es ihm Missus Holland geraten hatte, und er war dankbar für ihren Rat und auch dafür, dass er so viel Geld für den Lavendel ausgegeben hatte, denn wie man es auch sah: Den schweren, widerlichen, überall festhaftenden Geruch des Todes wollte er nicht länger ertragen als unbedingt nötig.

Mit dem Verkehr dicht über dem Kopf zog, drückte und hebelte er sehr gründlich, bis alles richtig aussah. Doch als er die Leiche der jungen Frau in der Ecke in Stellung brachte, seufzte sie, und ihr Kopf bewegte sich. Dodger dachte: Wenn so etwas geschieht, kann man froh sein, in einem Abwasserkanal zu stehen. Es hatte nichts zu bedeuten. Er wusste, dass Tote manchmal recht laut sein konnten, wie Missus Holland gesagt hatte. Mit all den Gasen und so weiter sprachen Leute manchmal noch nach ihrem Tod. Dodger öffnete den vorbereiteten Beutel, der Kampfer und Cayennepfeffer enthielt – das sollte die Ratten lange genug fernhalten.

Er trat zurück, betrachtete das Ergebnis seiner Bemühungen und war froh, sehr froh, dass er so etwas nie wieder tun musste. Und dann gab es nichts mehr zu tun, abgesehen davon, die Handschuhe einzupacken, und er achtete darauf, die Kanalisation ein ganzes Stück vom Tatort entfernt zu verlassen, wenn man die Stelle so nennen konnte. Er fand eine Pumpe und wusch sich die Hände mit Londoner Wasser, das verdächtig blieb, solange man es nicht abkochte, aber gute alte Laugenseife war ein zuverlässiger, wenn auch ätzender Helfer. Dann schlenderte Dodger nach Seven Dials zurück und gebärdete sich wie ein junger Mann, dem es Freude bereitete, im Sonnenschein spazieren zu gehen, der an diesem Tag ein bisschen seltsam war, als gehe weiter oben in der Luft irgendetwas vor sich.

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7

Ein solcher Anblick war keineswegs ungewöhnlich. Henry Mayhews Untersuchungen sind voller Einzelheiten, die eine Armut betreffen, wie sie heute für London und ähnliche Städte unvorstellbar wäre.