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Mary Gray hatte sich ein verstohlenes Gespräch mit Hugh Gregory erlaubt, um ihm zu versichern, ihre Liebe zu ihm werde, ganz gleich, wozu ihre Tochterpflichten sie zwingen mochten, unbeirrt und unvermindert bestehenbleiben, solange sie lebe. Bilder wurden ausgetauscht und Haarlocken, es kam zu einem todtraurigen Abschied, und das war das Ende. Die Liebenden erspähten einander ab und zu in der Kirche und andernorts, aber selten tauschten sie Blicke, Worte niemals. Beide wirkten lustlos, des Lebens überdrüssig.

Der Fremde war mittlerweile zu großer Bekanntheit aufgestiegen. Er betätigte sich als Lehrer für Sprachen, Musik und alles mögliche andere, das in dieser Hinterwäldlergemeinde neu und aufregend war. Eine Zeitlang hatte er über seine Herkunft mysteriöses Stillschweigen bewahrt; doch dann hatte er, während er sich noch von seiner Krankheit erholte, den Grays gelegentlich das eine oder andere vertrauliche Wort zugeraunt. Nach seiner Genesung machte er häufig seine Aufwartung im Hause, wo er gern gesehen war; denn sein Auftreten war von nobler Anmut, was jedermann beneidete und bewunderte, und mit seiner Redegewandtheit hätte er noch eine steinerne Statue bezaubert. Er erwarb sich Mary Grays Achtung, weil er freundlich und rücksichtsvoll war, reinen Geistes - und dazu ein hochgebildeter Liebhaber der Dichtkunst; die beiden Alten waren äußerst angetan von dem Respekt, ja der Ehrerbietigkeit, die er ihnen entgegenbrachte; Tom, den kleinen Bruder, verblüffte er regelmäßig mit wundersamen Erfindungen, wissenschaftlichen Spielzeugen gewissermaßen, deshalb hatte er in dem Jungen einen treuen Bundesgenossen. Fein dosiert und ganz im Vertrauen lernten die beiden Alten Mr. George Wayne - so nannte er sich - besser kennen, und ganz im Vertrauen gaben sie die Informationen an ihre engsten Freunde weiter, die sie stante pede der gesamten Gemeinde zur Verfügung stellten, ganz im Vertrauen.

Eines Abends kam Mrs. Gray mit einer brühwarmen Neuigkeit ins Bett. Sie sagte: «John, ich habe mich gerade so interessant mit Mr. Wayne unterhalten! Du glaubst es nicht! Aber das darfst du niemals erzählen - kein Wort, zu niemandem, auch zu ihm nicht, auf keinen Fall -, denn er sagte, es wäre gar nicht gut, wenn das jemals bekannt würde.»

«Raus damit, du alte Närrin, raus damit! Ich halte schon dicht.»

«Na, du weißt doch, daß er jedesmal zuklappte wie ‘ne Muschel, wenn wir ihn gefragt haben, was er für ein Landsmann wär’. Mal haben wir gedacht, er wäre Italiäner, dann Spanjer, und mal sogar, er wär’ vielleicht Arabier. Ist er aber gar nicht. Er ist ein Franzose. Hat er mir erzählt. Und das ist noch nicht alles, von wegen. Seine Familie ist furchtbar reich und vornehm.»

«Nein! Was du nicht sagst! Hab’ ich mir’s doch schon immer gedacht. Jawoll, immer hab’ ich’s mir gedacht.»

«Und das ist immer noch nicht alles. Sein Vater ist ein Adliger!»

«Nein!»

«Doch! Und er nämlich auch!» «Großmächtiger Caesar!»

«So wahr wie du vor mir liegst, er hat’s gesagt. Er ist ein Graf! Stell dir mal vor!»

«Himmel noch mal! Und was geht so einer dann von zu Hause weg?»

«Dazu komme ich ja gleich. Sein Vater wollte, daß er ein hochwohlgeborenes Mädchen heiratete, weil es reich und vornehm war. Er wollte aber nicht; er sagte, entweder aus Liebe oder gar nicht. Dann gab es Streit. - Und dann noch eine politische Verwicklung. Er ist nämlich gar nicht gut zu sprechen auf den König oder den Kaiser oder was sie da haben, und das kam raus, und dann mußte er schleunigst aus dem Land. Zwei Jahre lang geht er nicht zurück, sagt er - bis die Sache verjährt ist -, sonst schmeißen sie ihn ins Gefängnis und lassen ihn außerdem noch zahlen, bis er schwarz wird.»

Mr. Gray setzte sich im Bett auf, so richtig aufgeregt. «Mensch, Mutter, der Schlag soll mich treffen, wenn ich mir nicht mindestens vierzigmal gedacht habe: <Dieser Musjöh ist ein König oder so was!> Und jetzt isses so, Himmel noch mal! Das hab’ ich einfach gewußt gehabt; irgendwas hat’s mir offenbar eingegeben. Donnerlittchen, das ist ein Ding!»

«Also, mir ist er ja auch immer wie ein echter Kaffalier vorgekommen, ganz was Besonderes.»

«Mutter» - flüsternd -, «weißt du nicht, daß er ein Auge auf Mary geworfen hat? Sag mal, weißt du das nicht?»

«Naja, wie du sagst, ich hab’s irgendwie auch manchmal gedacht - aber wo er doch so hochvornehm ist und so reich - »

«Da kümmer dich mal nicht drum. Hat er nicht seinem alten Vater erzählt, er würde nie heiraten, nur aus Liebe? Brauchst ihn nur zu ermutigen, sonst nichts. Ich tu’s jedenfalls, da kannst du Gift drauf nehmen.»

«Aber, John, sie verzehrt sich doch so nach dem armen Hugh

- und wenn’s nur sein könnte, wär’ ich schon auch dafür - »

«Zum Henker mit dem armen Hugh! Da sind wir noch mal gut rausgekommen. Und zwar ganz knapp. Du willst doch das Beste für deine Tochter, oder? Na also, ich auch. Stell dir mal vor, wenn sie so einen Grande heiratet! Als würde sie sich da noch lange um Hugh Gregory scheren! - Ach übrigens, sag mal - wie heißt er denn richtig?»

«Pass auf, Mann, das darfst du aber niemals weitersagen. Er heißt Graf Hubert döh Fantenblau. Isses nicht ein hübscher Name!»

«Na, gar keine Frage. - Verflixt noch mal, so ‘n Vonundzu hätt’ ich auch gern gehabt. John Gray! Mein Name taugt ja nicht mal für ‘ne Ratte! Hör zu, Sally, eins darf auf gar keinen Fall passieren, nämlich daß auch nur ein Sterbenswörtchen rumgeht, daß er ein Graf ist. Nicht ein Wort. Sonst sind alle Mädchen in vierzig Meilen Umkreis hinter ihm her.»

Ein bißchen unterhielten sie sich noch. Dann kam das Gespräch allmählich auf die Beziehung zwischen dem Grafen und Hugh Gregory. Anscheinend waren die beiden jungen Männer recht vertraut miteinander geworden und besuchten sich gegenseitig öfter. Mrs. Gray sagte, sie hätte gehört, der Graf hätte schon mehrfach versucht, Frieden zwischen Hugh und dem alten David Gray zu stiften, aber jedesmal auf Granit gebissen. - David hätte sich inzwischen geradezu für den Grafen erwärmt und freue sich auch, wenn er ihn im Büro auf ein Schwätzchen besuchen käme, würde sich aber beharrlich weiter weigern, mit Jung-Gregory Frieden zu schließen.

Allmählich versiegte das Gespräch der beiden Grays, die langsam einnickten. Doch da fuhr John Gray plötzlich wieder hoch und wisperte seiner Frau heiser ins Ohr: «Sag mal, Sally, noch was. Von dem Tag an, als ich den jungen Mr. Fantenblau da draußen im Schnee fand, haben wir ihn doch alle gedrängt, uns zu erzählen, wie er da hinkam, ohne eine Spur zu hinterlassen - aber er hat nie ein Sterbenswörtchen gesagt und schnell das Thema gewechselt, wenn wir es ansprachen. Also -wie ist er denn nun da hingekommen? Hat er dazu was gesagt?»

«Nein. Bloß daß er es lieber erst nach und nach erzählen wollte. Sonst würd’ es nur die Runde machen, und es gäbe gute Gründe dagegen. Aber er meinte, uns würd’ er’s nach und nach schon erzählen.»

«Na ja, na gut, wenn’s nicht anders geht. Dann beherrsche ich mich eben noch eine Weile, aber ich platze bald vor Neugier.»

Kapitel 4

Irgendwo gab es ein Leck. - Binnen einer Woche sprachen alle flüsternd von «Graf Fontainebleau» und seinen unglaublichen Reichtümern. Außerdem hieß es, der Graf mache Mary Gray eindeutig den Hof und sie werde von John Gray - heftig - und seiner Frau - mäßig - dazu gedrängt, die gräfliche Werbung wohlwollend zu betrachten.

In Wahrheit saß Mary in der Klemme. Sie tat, was sie konnte, um sich den Wünschen ihrer Eltern zu beugen, doch des Nachts küßte sie immer wieder heimlich ein gewisses Bild und vergoß Tränen über einer gewissen Locke.