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Drittes Kapitel

Emil setzt sich in Bewegung

Die schlimmen Tage und Stunden, auf die man warten muß, kommen mit Windeseile. Sie nahen wie schwarze, regenschwere Wolken, die der Sturm am Himmel vor sich hertreibt.

Die heiteren Tage jedoch, die lassen sich Zeit. Es ist, als sei das Jahr ein Labyrinth, und sie fänden den Weg nicht heraus und erst recht nicht zu uns.

Aber eines Morgens sind die Sommerferien schließlich doch da! Zeitig wie immer wacht man auf und will aus dem Bett springen. Dann besinnt man sich. Man muß ja gar nicht zur Schule! Faul dreht man sich zur Wand und schließt die Augen.

Ferien! Das klingt wie zwei Portionen gemischtes Eis mit Schlagsahne. Noch dazu Große Ferien!

Dann blinzelt man vorsichtig zum Fenster hinüber und merkt: Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Der Nußbaum vorm Fenster rührt kein Blatt. Es ist, als stehe er auf den Zehen und blinzle ins Schlafzimmer. Man ist stillvergnügt und selig und bisse sich, wenn man nicht zu faul dazu wäre, am liebsten in die Nase.

Doch plötzlich springt man wie angestochen aus den Federn.

Alle Wetter, man muß ja verreisen! Der Koffer ist noch nicht fertiggepackt!

Man rast, ohne in die Pantoffeln zu fahren, aus der Schlafstube hinaus und schreit schon im Korridor: "Muttchen, wie spät ist es eigentlich?"

Schließlich stand Emil auf dem Bahnsteig. Die Mutter hielt seine Hand gefaßt. Oberwachtmeister Jeschke, der sich außer der Reihe eine Stunde freigemacht hatte, trug den Koffer und das Stullenpaket und hielt sich, weil er nicht stören wollte, im Hintergrund.

"Und schreibe mir jeden zweiten Tag", bat Frau Tischbein.

"Daß du nicht zu weit hinausschwimmen wirst, hast du mir versprochen. Aber ich werde trotzdem in Unruhe sein. So viele Jungens auf einem Haufen! Was da alles passieren kann!"

"Na erlaube mal!" sagte Emil. "Du kennst mich doch.

Wenn ich was verspreche, halte ich’s. Ich sorge mich aber deinetwegen, und das ist viel schlimmer. Was wirst du denn die ganze Zeit ohne deinen Sohn anfangen?"

"Ich habe ja zu arbeiten. Und wenn ich Zeit habe, gehe ich spazieren. Sonntags werde ich mit Jeschke Ausflüge machen. In die Meierei. Oder in den Amselgrund. Wenn er dienstfrei hat, heißt das. Das Essen nehmen wir mit. Und wenn er nicht frei hat, bessere ich Wäsche aus. Ein paar Bettüberzüge sind gar nicht mehr schön. Oder ich schreibe dir einen langen Brief, gelt?"

"Recht oft, bitte", sagte Emil und drückte ihre Hand.

"Und wenn irgend was los ist, telegraphierst du. Und dann komme ich sofort zurück."

"Was soll denn los sein?" fragte Frau Tischbein.

"Das kann man nie vorher wissen. Wenn du mich brauchst, komme ich. Und wenn gerade kein Zug fährt, komme ich zu Fuß.

Ich bin kein kleiner Junge mehr. Das darfst du nicht vergessen.

Ich will nicht mehr, daß du mir deine Sorgen und alles andere verheimlichst."

Frau Tischbein sah Emil erschrocken an. "Was verheimliche ich dir denn ?"

Sie schwiegen beide und blickten auf die blanken Schienen.

"Ich meine nichts Bestimmtes", sagte der Junge. "Und heute abend, wenn wir an der Ostsee sind, schreibe ich dir sofort eine Karte. Aber vielleicht kriegst du sie erst übermorgen.

Wer weiß, wie oft da oben an der Küste die Briefkästen geleert werden."

"Und ich schreibe dir gleich, wenn ich nach Hause komme", erklärte die Mutter. "Damit du bald ein Lebenszeichen von mir hast. Sonst fühlst du dich so fremd."

Na, und dann kam der Zug nach Berlin angerattert. Oberwachtmeister Jeschke stürzte, als die Eisenbahn ächzend hielt, in ein Abteil 3. Klasse, belegte einen Fensterplatz, verstaute Emils Koffer sorgsam im Gepäcknetz und wartete, bis der Junge ins Abteil geklettert kam.

"Verbindlichen Dank", sagte Emil. "Du bist furchtbar nett zu mir."

Jeschke winkte ab. "Nicht der Rede wert, mein Junge."

Dann holte er sein Portemonnaie aus der Tasche, griff hinein, drückte Emil zwei Fünfmarkstücke in die Hand und meinte: "Ein bißchen Taschengeld. Das kann man immer brauchen. Und viel Vergnügen. Das Wetter soll ja in den nächsten Wochen schön bleiben. Es stand wenigstens in der Zeitung. Na, und was ich dir am Obermarkt versprochen habe, halte ich selbstverständlich. Ich schaue täglich nach deiner Mutter. Und wenn’s nur ein Stündchen ist."

Emil steckte die zwei Fünfmarkstücke sorgfältig ein.

Dann schüttelte er dem Oberwachtmeister die Hand. "Vielen Dank, Heinrich."

"Schon gut, mein Junge." Jeschke versuchte den Koffer noch tiefer nach hinten zu schieben. "Sonst fällt er dir bei der ersten Kurve auf den Kopf. Und nun will ich mal abschieben."

Er verfügte sich auf den Bahnsteig und trat hinter Frau Tischbein.

Sie kam dicht ans Abteilfenster, aus dem Emil herausblickte, und trug ihm viele Grüße an die Großmutter, an Pony und an alle übrigen auf. "Und gehe nicht erhitzt ins Wasser!

Sonst kriegt man den Herzschlag."

"Und das hat keinen Zweck!" rief Jeschke und lachte verlegen.

"Vergiß nicht, die Stullen zu essen!" meinte die Mutter.

"Sie werden sonst altbacken."

Der Stationsvorsteher hob den Signalstab. Der Zug gab sich einen Ruck.

"Behalte mich lieb", sagte der Junge. Aber er sagte es so leise, daß die Mutter es nicht verstand. Er war hinterher ganz froh darüber.

Der Zug fuhr langsam an.

"Und beschmiert keine Denkmäler!" rief Oberwachtmeister Jeschke lachend.

Dann wurde nur noch gewinkt.

Die Reise ging dieses Mal ohne Träume und Diebstähle vonstatten.

Emil hatte sein Lehrbuch der Geographie - I. Teil, Deutschland - mitgenommen und unterrichtete sich noch einmal ganz genau über die Lübecker Bucht, über die Mecklenburgische Seenplatte, über Pommern, die Insel Rügen und die Ostseeküste. Er bereitete sich fast wie auf eine Prüfung vor.

Gründlichkeit war nun einmal eine Gewohnheit von ihm.

(Es gibt schlechtere Gewohnheiten.) Als er alles, was in dem Lehrbuch stand, zweimal gelesen hatte, klappte er den Band zu, blickte zum Fenster hinaus und betrachtete die friedliche Landschaft, die der Zug durcheilte.

Die Lektüre ging ihm, während er die reifenden Felder anschaute, wie ein Dutzend Mühlräder im Kopf herum: die vergebliche Belagerung von Stralsund und die Holsteinische Schweiz, die Backsteingotik und der Geburtsort des Feldmarschalls Blücher, die Kreidefelsen von Rügen und die mecklenburgische Viehzucht, die Köhlereien, der Wacholderschnaps und das Lübecker Marzipan, die Landung Gustav Adolfs von Schweden und der Kantor Buxtehude, alles vermischte sich wie in einem Kaleidoskop, das man dreht.

Um sich zu beruhigen, aß Emil seine Stullen auf. Mit Stumpf und Stiel. Das Papier warf er aus dem Fenster. Es raschelte, knatterte und blieb schließlich drüben auf einem Kürbisbeet liegen, das zu einem Bahnwärterhäuschen gehörte. Die Bahnschranke war geschlossen. Dahinter wartete ein Fuhrwerk.

Neben dem Kutscher saß ein Junge und winkte. Emil winkte wieder.

Manchmal stiegen Leute aus. Manchmal stiegen Leute ein.

Manchmal kletterte der Schaffner ins Abteil und machte auf der Rückseite der Fahrkarten dicke Bleistiftstriche.

Für Abwechslung war also gesorgt.

Und viel, viel schneller als damals vor zwei Jahren näherte sich der Zug der Hauptstadt des Deutschen Reiches.

Es ist immer dasselbe. Ob es sich nun um einen kleinen Spaziergang oder um eine Eisenbahnfahrt handelt, - das zweite Mal erscheint die gleiche Strecke viel kürzer als das erste Mal.

(Das gilt übrigens nicht nur für Strecken, die nach Metern und Zentimetern meßbar sind.) Emils Großmutter und Pony schoben sich am Bahnhof Friedrichstraße durch die Sperre. "Renne nicht so", sagte die Großmutter. "Eine alte Frau ist kein Schnellzug." Ihr schwarzes Kapotthütchen war schiefgerutscht.

"In einer Minute kommt der Junge an", erwiderte Pony ungeduldig. "Wir hätten ruhig etwas pünktlicher sein können."