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„Ah, und da fürchtet er sich?“

„Wahrscheinlich.“

„So werde ich ihn herzitieren.“

Blücher ging in die Bibliothek, in welcher er einen Glockenzug bemerkt hatte, und gab das Zeichen. In kurzer Zeit klingelte es am Vorsaal, welcher verschlossen war. Der Marschall öffnete. Ein langer Mann stand da, in Livree gekleidet.

„Wer bist du?“ fragte Blücher.

„Der Kammerdiener“, antwortete der Mann.

„Gut, dein Herr hat längst auf dich gewartet. Wo ist dein Sohn?“

„Unten beim Portier. Er wollte sich noch nicht von mir trennen.“

„Hole ihn herauf, mein Sohn. Der Baron braucht euch notwendig.“

In der Zeit von einer Minute kam der Schauspieler, jetzt natürlich in Zivil gekleidet. Blücher nahm die beiden in Empfang und brachte sie in das Verhörzimmer.

„Ist das dein Kammerdiener?“ fragte er den Baron.

„Ja“, antwortete dieser.

„Und der andere ist dessen Sohn?“

„Ja.“

„Nun gut, so will ich mein Urteil sprechen.“

Erst jetzt merkte der Kammerdiener, in welche Falle er gegangen war. Er blickte sich nach der Tür um, sah aber, daß an ein Entkommen gar nicht zu denken war.

Blücher wandte sich an seine Grenadiere und sagte:

„Ihr habt eure Sache sehr brav gemacht, und darum will ich euch eine Erholung gönnen. Wüßte ich nur, wo recht hübsche Rütchen und Schwibbchen zu finden sind!“

Das war allerdings eine sehr freudige Überraschung für die Grenadiere. August trat sogleich vor und sagte, indem sein ganzes Gesicht schmunzelte:

„Mit Verlaub, Exzellenz, sollte in dieser Wirtschaft sich nicht ein biegsames Spazierröhrchen finden, mit einigen hübschen Knötchen drinnen?“

„Sapperlot, ja, du hast Recht. Suche einmal nach, mein Junge.“

Das ließ sich August nicht zweimal sagen. In kurzer Zeit hatte er alle Spazierstöcke des Barons beisammen.

„Wird es gehen, August?“ fragte der Alte.

„Sehr gut! Besonders hier die drei Bambusse!“

„Schön! Wollen wir anfangen. Da ist zunächst ein Kammerdiener, welcher bei Entführungen den Kutscher macht und seinen eigenen Sohn zu solchen Dingen verführt. Er soll sechzig haben, und zwar aus dem ff. Bindet ihn, und knüpft ihm auch den Mund zu, denn sein Winseln mag ich nicht hören.“

Der Kammerdiener wurde von den Grenadieren gebunden und geknebelt. Als er die sechzig erhalten hatte, kam sein Sohn an die Reihe.

„Dieser hat sich für meine Ordonnanz ausgegeben. Der Kerl hat Anlage zum größten Schwindler. Er bekommt hundert.“

So geschah es auch. Das Blut der Beiden schwamm auf dem Fußboden.

Jetzt stieß Blücher mit dem Stiefel an den Kapitän.

„Der ist schon gebunden. Wir wollen ihm den Mund nicht verschließen, denn ich will einmal sehen, ob ein Kapitän der alten Garde zu schweigen versteht. Er hat seine eigene Schwester verkauft und auf einen preußischen Offizier geschossen. Er erhält zweihundert, aber so, daß er gleich liegen bleibt. Dann sind wir wenigstens sicher, daß er binnen der ersten Zeit nicht daran denken kann, neue Schlechtigkeiten auszuhecken. Fangt an, Burschen!“

Zweihundert Hiebe sind für jeden Menschen eine böse Strafe, für einen Offizier aber geradezu eine fürchterliche. Der Kapitän hielt sie aus, ohne einen Laut auszustoßen. Als man mit ihm fertig war, sah man seine Lippen zerbissen und seine Augen ganz blutig gerötet. Er sprach kein Wort, aber sein Blick war mit dem Ausdruck teuflischer Rache auf den Marschall gerichtet.

Jetzt nun war an dem Baron die Reihe.

„Dieser hat ein Mädchen entführt und auf einen Offizier geschossen,“ entschied Blücher. „Er erhält auch zweihundert. Und für die Küsse, welche er gegeben hat, soll er ein Gegengeschenk von fünfzig Hieben außerdem haben. Schont ihn nicht, Jungens!“

Der Maire hatte bisher geschwiegen. Jetzt, da es sich um seinen Schwager handelte, glaubte er sich desselben annehmen zu müssen. Er sagte:

„Exzellenz gestatten die Frage, ob diese Fälle auch in Ihrer Kompetenz liegen.“

„Nein, nicht in meiner Kompetenz, sondern hier auf dem Fußboden liegen die Kerls mit all ihren Fällen und Hieben. Wenn Sie den Mund nicht halten, werde ich Ihnen jedoch beweisen, daß meine Kompetenz sich sogar über die Mairie dieses Arrondissements erstreckt. Meine Jungens sind einmal im Zuge, Monsieur.“

Dem Baron wurde der Mund verbunden; ihm war die Selbstüberwindung des Kapitäns nicht zuzutrauen. Er erhielt die ihm zugesprochenen zweihundertfünfzig Streiche ohne allen Abzug, und dann war das Tagewerk der Grenadiere vollbracht.

„So, jetzt können wir gehen, Kinder“, sagte der Alte. „Diese vier Messieurs werden mit uns zufrieden sein, denn wir haben sie um keinen einzigen Hieb betrogen. Der Herr Maire kann hier bleiben, um zu sehen, welche Salbe ihnen gut tun wird; die unserige jedoch ist ihnen am gesündesten gewesen. Sollte ihm übrigens meine Kompetenz nicht gefallen, so bin ich gern erbötig, den Mädchenraub und den Mordanfall auf einen preußischen Offizier noch nachträglich vor das kompetente Kriminalgericht zu bringen. Gute Nacht, Herr Maire dieses Arrondissements.“

Er ging mit seinen Grenadieren. Diese verließen das Haus nicht so, wie sie es betreten hatten, sondern auf dem gewöhnlichen Weg durch den Eingang.

Bei seinem Palais angekommen, trennte er sich von ihnen, um noch zu Frau Richemonte zu gehen, vorher aber sagte er:

„Höre, lieber August, ihr habt Euch heut durch große Taten ein ungeheures Verdienst erworben. Ihr sollt morgen jeder fünf Laubthaler ausgezahlt erhalten und so viele Pfeifen Tabak, als Ihr heut Hiebe ausgeteilt habt. Wie viele sind dies?“

„Sechshundertundzehn“, antwortete Liebmann schnell.

„Das ist ein bißchen viel Tabak, für die, welche die Hiebe erhalten haben, und auch für mich, der ich ihn Euch geben muß. Aber es ist gut; ihr habt ihn verdient. Am Liebsten hätte ich den Maire auch noch klopfen lassen und sein Arrondissement dazu, aber ich hätte dann nicht gewußt, woher ich morgen den Tabak für euch genommen hätte. Gute Nacht, Jungens!“

Er setzte seinen Weg in bester Laune fort. Er hatte Gelegenheit gehabt, einigen Franzosen deutsche Hiebe zukommen zu lassen, und dies war stets sein größtes Gaudium.