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(Das chinesische Geschütz sprach zweimal während seines Auftritts, und eine der Granaten krepierte weniger als eine Viertelmeile abseits des Lagers; die Deutschen konnten nicht richtig nachjustieren, weil sie zu weit entfernt standen und die Einschläge nicht beobachten konnten. Es war ein Spiel mit dem Zufall, das wir alle verdrängten.)[31]

Diese Prozession von General Galligasken mit seinem Gefolge von Untergebenen und Standartenträgern war schon ein bisschen mehr Brimborium, als man daheim in Williams Ford für angemessen gehalten hätte; doch der General war nicht nur gekommen, um eine Schau abzuziehen. Er traf sich an diesem Abend mit seinen Bataillonskommandeuren, um Kriegsrat zu halten. Letzte Feinheiten wurden verhandelt, und wir wurden angewiesen, »auf unseren Waffen zu schlafen« und uns zum Abmarsch bereitzuhalten.

Noch vor Tagesanbruch zogen wir in den Krieg.

Anfangs war es ein Marsch »ohne Tritt«, also auch ohne strikte Formation; obwohl unser Regiment eingedenk seines »unblutigen« Zustands die stattliche Viererreihe einhielt. Wir kamen nur langsam voran, es war noch dunkel, die Wege feucht, so dass die Maultierkolonnen und Pferdefuhrwerke mit Morast zu kämpfen hatten. Als der Horizont perlmuttfarben anlief, schwoll in die Geräuschkulisse aus Marschtritt, Lederknarren, rasselnden Feldküchen und klimpernden Sporen der ungereimte, freudige Chorgesang der Vögel. Es war Frühling, und die Vögel nisteten, ohne zu wissen, dass vielleicht all ihr Mühen heute oder irgendwann von Artillerieoder Gewehrfeuer zunichtegemacht wurde.

Das Gelände, das wir durchquerten, war zur Zeit der Säkularen Alten bebaut gewesen, aber nur wenige Spuren dieser hemmungslosen Ära hatten überdauert; ein ganzer Wald war seitdem hier gewachsen, Ahorn, Birke, Kiefer, die Wurzeln fraglos mit Artefakten aus der Blütezeit des Öls verflochten und mit den Gebeinen ihrer Besitzer. Unsere Welt, hatte Julian einmal gesagt, sei nichts anderes als ein gigantischer Friedhof, der von der Natur zurückgefordert werde. Jeder Schritt, den wir tun, dröhne in den Schädeln unserer Vorfahren, und ich hatte das Gefühl, Jahrhunderte statt Erdboden unter den Füßen zu haben.

Kaum hatte die Sonne den Horizont blank geputzt, begann das Scharmützel, oder es hatte schon vorher begonnen, denn wir befanden uns ziemlich hinten im Zug, und das hügelige Gelände ringsherum verschluckte den Gefechtslärm. In Wahrheit kündigte sich das Gefecht ähnlich wie ein heraufziehendes Unwetter an: zuerst die Rauchglocke über dem hügeligen Gelände vor uns; dann das leise Grollen der Artillerie; dann das Knattern von Handfeuerwaffen und schließlich der beißende Geruch von Schießpulver. Als die Sonne aufging, nahmen diese Anzeichen eines Kampfgeschehens an Umfang und Heftigkeit zu, und dann bekamen wir zu sehen, was jeden Soldaten mutlos macht: Fuhren von Getöteten, die nach hinten transportiert wurden. »Da muss ja wie verrückt gekämpft werden«, sagte ich verhalten, als eine Dominion-Kutsche vorbeiholperte (wie diese behelfsmäßigen Ambulanzen genannt wurden). Die Insassen waren den Blicken entzogen, dafür war ihr Stöhnen und Brüllen umso deutlicher zu hören.

Dann marschierten wir über den nächsten Hügel, und unversehens lag das Schlachtfeld wie ein Spielbrett vor uns — viele Spielfelder wurden allerdings von Rauch verdeckt. Ich glaubte General Galligasken auf demselben Hügelkamm zu sehen, hier standen auch unsere schwersten Geschütze und krachten und prallten eins ums andere zurück, immer wieder. Da unten lag der erste feindliche Schützengraben.

Ich sah zum ersten Mal Deutsche.[32]

Beim Anblick ihres geballten Heeres konnte ich kaum an mich halten. Mein ganzes Leben lang hatte ich von den fürchterlichen und aggressiven Mitteleuropäern gehört, bis sie für mich zur Legende geworden waren, oft erwähnt, aber nie gesehen. Da unten waren sie leibhaftig, und selbst von hier oben und durch die Rauchschwaden und das Geschützfeuer hindurch bekam ich flüchtig die charakteristischen schwarzen Uniformen und blauen Helme zu sehen und die seltsamen Kreuz-und-Lorbeer-Fahnen.

Aus dieser Höhe erschienen ihre Stellungen uneinnehmbar: Ihre Gräben bildeten einen weiten Halbkreis, der innen mit lauter Lünetten, Redouten und Stacheldrahtverhauen gesprenkelt war und mit beiden Flanken an ein Flussufer stieß, das streng von feindlicher Artillerie bewacht wurde. Zurzeit trug eine amerikanische Division einen reichlich unverfrorenen, von seitlichem Ablenkungsgeplänkel begleiteten Frontalangriff vor, der sich aber, nach den vielen Verlusten zu urteilen, die sich vor den deutschen Gräben sammelten, nicht gut entwickelte.

Sam lehnte sich zu Julian und fragte nach Lehrerart: »Was siehst du?«

»Eine Schlacht«, sagte Julian mit brüchiger Stimme, sein Gesicht war von Natur aus blass, aber ich hatte es noch nie so blutleer gesehen.

»Das ist mir zu wenig! Reiß dich zusammen, Julian, und sag mir, was du siehst!«

Julian musste sich sichtlich anstrengen, seine Angst zu unterdrücken. »Ich sehe … na ja, einen konventionellen Angriff … mutig vorgetragen, aber ich begreife nicht, warum der General so viele Verluste in Kauf nimmt … wo ist die Strategie? Ich sehe nur brutale Gewalt.«

»Galligasken ist gerissener, als du denkst. Was siehst du nicht, Julian?«

Julian starrte ein bisschen länger, dann nickte er. »Die Kavallerie.«

»Und wo ist sie?«

»Woanders. Willst du damit sagen, er hat doch eine Strategie, die mit unserer berittenen Truppe zu tun hat?«

»Ich will es hoffen.«

Es stimmte, dass der Angriff kühn, aber nutzlos schien. Er erlahmte zusehends — eine unserer kampferprobten Divisionen war unter besonders heftigen Beschuss geraten, und der Kommandeur versäumte es, seine Truppen zu sammeln. Ein Standartenträger fiel; seine Fahne wurde nicht geborgen. Entsetzte Männer blieben regungslos liegen oder sprangen auf und rannten zurück, und es wäre vielleicht zu einer wilden Flucht gekommen, wenn unser Regiment nicht zur Verstärkung in den Kampf geschickt worden wäre.

Aus Rauch und Lärm kam mir ein Soldat mit zerschmettertem Arm entgegen. Der linke Unterarm war so gut wie abgetrennt — nur noch durch ein paar schleimige Fäden mit dem Ellbogen verbunden —, und der Mann drückte ihn mit der rechten Hand an den Leib wie ein Kind, das eine Tüte Süßigkeiten vor aufdringlichen Spielkameraden schützen will. Seine Uniform war blutdurchnässt. Er schien uns nicht zu sehen und öffnete immer wieder den Mund, ohne einen Laut von sich zu geben »Nicht hingucken, Mann!«, schimpfte Sam. »Augen nach vorne, Adam!«

Sam war der Einzige mit Kampferfahrung unter uns. Er rückte geduckt vor, das Pittsburgh-Gewehr im Anschlag. Der Rest von uns bewegte sich über die zernarbte Wiese wie Rindviecher, die zur Schlachtbank geführt werden (davon hatte mir Lymon Pugh erzählt). Unser Kompaniechef brüllte, ob wir lebensmüde seien, weil wir wie die Kletten aneinanderhingen; also gingen wir getrennte Wege, wenn auch widerstrebend. Unter diesen Umständen sehnt sich jeder normale Mensch nach der Nähe eines anderen, wenn auch nur, um sich (notfalls) hinter ihm verstecken zu können.

Eine Zeit lang schützten uns die nach Kordit und Blut stinkenden, dichten Rauchschwaden, die über dem Schlachtfeld hingen, obschon ringsherum feindliche Artilleriegranaten krepierten und manche von Schrapnellkugeln getroffen wurden. Doch als wir uns den feindlichen Linien näherten, flogen uns Salven von Gewehrkugeln um die Ohren, und es gab erste Verluste in unserer Kompanie. Ich sah zwei Männer fallen, einer war im Gesicht verwundet; einen unserer Männer aus der Vorausabteilung trafen wir als Leiche in einem Bombentrichter wieder — er war so weit über die blutige Erde verstreut, dass wir aufpassen mussten, nicht auf seine dampfenden Eingeweide zu treten. Das war so unwirklich, dass ich zu der Überzeugung gelangte, ich sei wahnsinnig oder die Welt sei es plötzlich geworden. Der Krieg in den Romanen von Mr. Charles Curtis Easton wurde nicht mit solcher Grausamkeit geführt. Mr. Eastons Krieg ließ Platz für Tapferkeit, Mut und Patriotismus und diese ganze Sippschaft von beruhigenden Tugenden. In unserem Krieg schien dafür kein Platz zu sein; es ging nur ums Töten oder Getötetwerden, wie der Zufall es wollte (oder die Umstände). Ich hielt mein Gewehr schussbereit und feuerte zweimal auf Schemen im Rauch — ich würde nie erfahren, ob ich getroffen hatte.

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31

Das chinesische Geschütz, meinte Sam, benutze eine teure Spezialmunition, die sich die Deutschen vermutlich für künftige und heftigere Kämpfe aufhoben.

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32

Deutsche, weil Deutschland Herz und Verstand von Mitteleuropa ist. Aber viele ausländische Soldaten in Labrador und die meisten ausländischen Siedler waren Niederländer, die in jüngster Vergangenheit einen erheblichen Teil ihrer Heimat an das Meer verloren hatten.