»Ich bin ein weithin bekannter Heiliger.«
Ich wollte schnurstracks zu meinem Zelt und damit beginnen, Dornwoods Vorschlag in die Tat umzusetzen, als ich durch gut drei Dutzend Soldaten abgelenkt wurde, die das Zelt des Gefreiten Langers belagerten.
Langers, der Leser wird sich erinnern, war ein Passagier des Zuges mit dem Karibugeweih: ein Kolporteur, wie er sich gerne nannte, der religiöse Traktate über delikate Dinge an einsame Männer verkaufte, die ihr Vergnügen an den Illustrationen hatten — aus Gründen, die sich nicht unbedingt mit Pietät und Glauben vertrugen. Langers war durch die Rekrutierung aus der Bahn geworfen worden und jetzt nichts weiter als ein weiterer Infanterist. Doch seine unternehmerischen Instinkte hatten die Verwandlung überlebt und es schien, als sei er wieder im Geschäft — irgendeinem —, nach der Meute zu urteilen, die ihn umringte.
Ich fragte einen Soldaten, was los sei.
»Langers war zum Begraben eingeteilt«, sagte der Mann.
»Würde mich wundern, dass er deshalb so beliebt ist.«
»Er hat den toten Deutschen alles Mögliche abgenommen. Jacken und Helme, Abzeichen und Brieftaschen, Koppelschlösser und Lederhalfter …«
Feindliche Ausrüstungsgegenstände mussten dem Quartiermeister ausgehändigt werden, aber alles andere war vermutlich »vogelfrei« und gehörte dem, der es fand. Menschen sind häufig in der Versuchung, ein, zwei Andenken an ihre getöteten Feinde mitzunehmen — vorausgesetzt, ihr Magen macht diese Art von Schatzsuche mit. Doch Langers war weit über diesen verzeihlichen Impuls hinausgegangen. Er hatte den ehemaligen Brückenkopf der Deutschen mit einem mittleren Korb abgeerntet und alle Früchte fein säuberlich ausgestellt. Dutzende von Trophäen lagen in Reih und Glied auf einer Decke vor seinem Zelt; auf einem Schild stand: EVERY-THING $ 1.
Ich fand den Preis komisch. Ein paar Sachen waren offensichtlich mehr wert, wie zum Beispiel die Sammlungen deutscher Münzen, für die man in Montreal gutes Geld bekommen würde. Aber die meisten Sachen waren viel weniger wert. Fast alle Jacken hatten Schusslöcher; und das Glasauge, so lebensecht es war, hatte einen hässlichen Sprung. Der Soldat hinter mir klärte mich auf.
»Das heißt nicht, dass du einen Dollar bezahlst und nehmen kannst, was du willst. Überall liegt eine Nummer daneben — siehst du die Papierschnipsel? —, und Langers hat einen Topf mit genau solchen Schnipseln. Wenn du deinen Dollar zahlst, sagt er: ›Greif in den Topf‹, und das machst du und ziehst eine Nummer und kannst nachsehen, was du gekauft hast. Wenn du Glück hast, bekommst du vielleicht diese Gürtelschnalle mit der Meerjungfrau. Aber es kann auch so ein dusseliges Lederbeutelchen sein oder ein deutscher Stiefel mit einem amerikanischen Loch.«
»Ist das nicht Glücksspiel?«
»Quatsch«, sagte der Soldat. »Das macht nicht halb so viel Spaß.«
Ich war von klein auf vor Glücksspiel gewarnt worden, von meiner Mutter und vom Dominion Reader for Young Persons, obwohl das einzige Glücksspiel, das ich jemals zu Gesicht bekam, die unter abhängigen Arbeitern verbreitete Variante war, in der mit Würfeln oder Karten um Tabak oder Alkohol gespielt wurde. Diese Spiele endeten meist in Faustkämpfen und hatten mich nie gereizt. Doch dem Losverfahren des Gefreiten Langers war nicht so leicht zu widerstehen. Ich war neugierig auf die Deutschen und fand, ich sollte vielleicht das eine oder andere über die Leute erfahren, auf die ich geschossen und die ich manchmal auch getötet hatte. Etwas von ihnen zu besitzen schien mir ein fast religiöses Bedürfnis zu sein (man verzeihe mir diese kleine Ketzerei), ganz ähnlich dem Brauch primitiver Völker, das Herz ihrer Feinde zu verzehren — eine eher christliche Inszenierung desselben Motivs.
Also drängte ich mich nach vorne, nahm einen Comstock-Dollar heraus und legte ihn hin, damit ich in den Glückstopf des Gefreiten Langers greifen durfte. Ich zog die Nummer 32, die einem kleinen Lederranzen gehörte, der ziemlich abgewetzt und enttäuschend schmal war. Der Ranzen gehörte augenscheinlich nicht zu den wertvollen Dingen, und Langers lächelte zufrieden, als er den Dollar wegsteckte und mir den Ranzen aushändigte. Aber meine Enttäuschung verflog schnell; denn der Ranzen enthielt einen Brief, den vermutlich ein deutscher Soldat kurz vor seinem Tod verfasst hatte. Noch einmaclass="underline" Einen Geldwert besaß der Ranzen nicht, und Langers hatte allen Grund zu frohlocken; doch als Andenken an das Leben eines Menschen und als Blick durchs Schlüsselloch der mitteleuropäischen Infanterie fand ich den Brief unheimlich interessant.
Ich faltete die beiden handgeschriebenen Seiten auseinander und versuchte mir den Deutschen vorzustellen, wie er dasaß und den Brief schrieb, ohne zu ahnen, dass die Zeilen erst einem leichenfleddernden Kolporteur in die Hände fallen würden, um dann in den Besitz eines Pächterjungen aus Williams Ford zu gelangen. In meinem Zelt starrte ich nahezu eine Stunde lang auf die beiden Seiten und philosophierte über Schicksal, Tod und andere bedeutungsschwere Dinge.
Lymon Pugh schaute vorbei und scheuchte mich aus meiner Grübelei. Ich zeigte ihm den Brief.
Er rätselte einen Moment lang, ehe er sagte: »Da muss ich wohl noch viel Unterricht nehmen, was?«
»Ist doch klar, dass du das nicht lesen kannst. Das ist Deutsch.«
»Deutsch? Sie reden das Geraspel nicht bloß, sie schreiben es auch auf?«
»So sind sie.«
»Aber Sie können doch alle Buchstaben, Adam. Können Sie das nicht entziffern?«
»Oh, ich kann die Buchstaben lesen — genau wie du, aber du hast bestimmt noch Probleme mit der Handschrift. Dieses Wort hier zum Beispieclass="underline" L-I-E-F-S-T-E; das sind lauter bekannte Buchstaben.«
»Und wie spricht man das?«
»Sieht aus, als würde es ›leafst‹ ausgesprochen. Oder ›leafstee‹, kommt drauf an, wie sie die Endvokale sprechen.«
»Das ist doch kein Wort«, sagte Lymon Pugh mit Verachtung.
»Ganz bestimmt kein englisches …«
»Wenn die Deutschen schon schreiben, dann sollen sie gefälligst anständig schreiben! Kein Wunder, dass wir sie verjagen müssen«, schimpfte Lymon. »Moment mal! Und wenn das gar nicht verstanden werden soll? Von uns, meine ich. Vielleicht ist das ein Code. Vielleicht ist das, was Sie da in der Hand halten, ein Schlachtplan, den ein General dem anderen schicken wollte.«
So weit hatte ich noch gar nicht gedacht. Die Vorstellung war beunruhigend, und ich beschloss, den Brief Major Ramsden zu zeigen. Major Ramsden sprach ein bisschen Deutsch; sein Vater war ein deutscher Seemann gewesen, der irgendwo an der amerikanischen Küste gestrandet war. Deshalb musste Ramsden die Gefangenen verhören.
Er lag dösend in seinem Zelt und genoss die Sonntagsruhe; er war überhaupt nicht erfreut über meinen Besuch, war aber bereit sich anzusehen, was ich mitgebracht hatte.
Er hielt den Brief halb seitwärts, schielte auf die Zeilen und folgte ihnen mit dem Finger und fing endlich an, vor sich hinzubrummen. Er sträubte sich derart gegen eine Übersetzung, dass ich mich schon fragte, ob er vielleicht ein Analphabet war — also Deutsch sprechen, aber nicht lesen konnte. Doch als ich darauf anspielte, erntete ich nur einen giftigen Blick und hakte nicht erst nach.
Über viele Jahre habe ich den Brief aufgehoben, und er liegt neben mir, wenn ich schreibe, und so sah er aus, obwohl die Tinte inzwischen verblasst ist und manche Buchstaben undeutlich geworden sind:
Liefste Hannie,
Ik hoop dat je deze brief krijgt. Ik probeer hem met de postboot vanuit Goose Bay te versturen.
Ik mis je heel erg. Dit is een afschuwelijke oorlog in een vreseleijk land — ijzig koud in de winter en walgelijk heet en vochtig in de zomer. De vliegen eten je levend, en de bestuurders hier zijn tirannen. Ik verlang er zo naar om je in mijn armen te houden![34]
34
Dass wir es hier in erster Linie mit Niederländern und nicht mit Deutschen zu tun hatten, wurde schon gesagt.