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»Der ist nämlich ein großer Taktiker«, sagte der alte Fürst und zeigte auf den Baumeister.

Das Gespräch drehte sich nun wieder um den Krieg, um Bonaparte und um die jetzigen Generäle und Minister. Der alte Fürst war anscheinend nicht nur überzeugt, daß alle jetzigen Staatsmänner grüne Jungen seien, die nicht einmal von den Anfangsgründen des Kriegsund Staatswesens eine Ahnung hätten, sondern er hielt sogar Bonaparte für ein armseliges Französlein, das nur eben darum Erfolg hatte, weil man ihm keine Männer wie Potemkin und Soworow entgegenstellen konnte. Er war sogar überzeugt, daß es gar keine politischen Schwierigkeiten in Europa gebe, und daß dies überhaupt kein richtiger Krieg sei. Das Ganze sei nur eine Art Puppenkomödie, aufgeführt von den Männern, die jetzt am Ruder säßen, um sich den Anschein zu geben, daß sie wirklich etwas leisteten. Fürst Andrej nahm mit heiterer Miene die Spötteleien seines Vaters über die Männer der jetzigen Zeit in aller Ruhe hin. Mit offensichtlicher Freude stachelte er seinen Vater zum Weiterführen des Gesprächs an und hörte ihm zu.

»Alles, was früher gewesen ist, erscheint einem jetzt schön und gut«, sagte er, »ist aber Suworow nicht auch in die Falle gegangen, die ihm Moreau gestellt hat, und hat er es etwa verstanden, sich da herauszuwickeln?«

»Wer hat dir das gesagt? Wer hat das gesagt?« rief der Fürst. »Suworow!« – er stieß einen Teller beiseite, den Tichon geschickt auffing – »Suworow! Hast du dir auch überlegt, was du sagst, Fürst Andrej? Es hat nur zwei Feldherrn je gegeben: Friedrich und Suworow … Moreau! Moreau wäre gefangengenommen worden, wenn Suworow die Hände frei gehabt hätte. Aber ihm waren ja die Hände durch diesen Hofkriegswurstschnapsrat gebunden! Mit so einem kommt kein Teufel zu Rande. Geht nur, ihr werdet diese Hofkriegswursträte schon kennen lernen. Suworow ist mit ihnen nicht fertig geworden, wie soll da Michail Kutusow mit ihnen fertig werden? Nein, Freundchen«, sagte er, »ihr könnt mit euren Generälen gegen Bonaparte nichts ausrichten; man muß sich Franzosen holen, damit sie einander totschlagen, ohne einander zu erkennen. Den Deutschen Pahlen hat man ja auch nach New York, nach Amerika, geschickt, um den Franzosen Moreau zu holen«, sagte er und spielte damit auf die Tatsache an, daß in diesem Jahr eine Aufforderung an den Franzosen ergangen war, in russische Dienste zu treten. »Da staunt man bloß! Sind denn Leute wie Potemkin, Suworow und Orlow Deutsche gewesen? Nein, mein Freund, entweder seid ihr alle verrückt geworden oder ich bin es. Na, Gott mit euch! Wir werden ja sehen. Dieser Bonaparte ist also nach Ansicht dieser Leute ein großer Heerführer! Hm!«

»Ich behaupte keineswegs, daß alle Anordnungen gut sind«, sagte Fürst Andrej. »Nur kann ich es nicht verstehen, wie Sie so über Bonaparte urteilen können. Lachen Sie, soviel Sie wollen, aber Bonaparte ist doch ein großer Feldherr.«

»Michail Iwanowitsch!« rief der alte Fürst dem Baumeister zu, der sich gerade mit einem Stück Braten beschäftigte und gehofft hatte, vergessen zu sein. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Bonaparte ein großer Taktiker ist? Der hier sagt es auch!«

»Natürlich, Euer Durchlaucht!« entgegnete der Baumeister.

Der Fürst lachte wieder in seiner kalten Art.

»Bonaparte ist ein Glücksmensch«, sagte er. »Er hat prächtige Soldaten und ist zuerst über die Deutschen hergefallen. Nur ein ganz schlapper Kerl kann die Deutschen nicht besiegen. Seit die Welt steht, sind die Deutschen von ihren Feinden stets besiegt worden. Sie haben nie ihre Gegner geschlagen. Das haben sie nur untereinander fertig gebracht. Bei ihnen hat er sich seine Lorbeeren geholt.«

Und nun begann der Fürst alle Fehler darzulegen, die Napoleon seiner Meinung nach in allen seinen Kriegen und sogar in seiner Politik gemacht habe. Sein Sohn entgegnete nichts, aber man konnte ihm ansehen, daß er genauso wenig wie der Vater seine Ansichten ändern würde, was für Beweise man ihm auch entgegenhalten sollte. Er hörte zu und enthielt sich jeder Entgegnung, wunderte sich aber unwillkürlich darüber, wie dieser alte Mann, der nun schon so viele Jahre allein auf dem Lande lebte, ohne jemals fortzukommen, alle kriegerischen und politischen Ereignisse, die sich in den letzten Jahren in Europa abgespielt hatten, mit solcher Genauigkeit in all ihren Einzelheiten wissen und beurteilen konnte.

»Du glaubst wohl, ich alter Mann verstehe nichts von der gegenwärtigen Lage?« schloß er. »Aber weißt du auch, woher das kommt? Ich kann nachts immer nur wenig schlafen. Nun, wo ist denn jetzt dein großer Heerführer, wo hat er sich als solcher gezeigt?«

»Es würde zu weit führen, das auseinanderzusetzen«, antwortete der Sohn.

»Na, geh zu deinem Bonaparte. Mademoiselle Bourienne, voilà encore un admirateur de votre goujat d’empereur«, rief er in ausgezeichnetem Französisch.

»Vous savez que je ne suis pas bonapartiste, mon prince.«

»Dieu sait quand reviendra«, sang der Fürst. Aber sein Lachen klang noch falscher als sein Gesang. Er erhob sich von der Tafel und ging hinaus.

Die kleine Fürstin hatte während des Disputes geschwiegen und mit erschrockenen Blicken bald Prinzessin Marja, bald ihren Schwiegervater angesehen. Als man vom Tische aufgestanden war, nahm sie ihre Schwägerin bei der Hand und führte sie in das andere Zimmer.

»Comme c’est un homme d’esprit, votre père«, sagte sie. »C’est à cause de cela peut-être qu’il me fait peur.«

»Ach, er ist so gut, so gut«, erwiderte die Prinzessin.

28

Fürst Andrej wollte am nächsten Tag gegen Abend abreisen. Der alte Fürst wich nicht von seiner hergebrachten Ordnung ab und ging nach dem Mittagessen in sein Zimmer. Die kleine Fürstin war bei ihrer Schwägerin. Fürst Andrej, im Reiserock ohne Epauletten, packte in dem ihm zugewiesenen Zimmer mit Hilfe seines Kammerdieners seine Sachen ein. Nachdem er die Kalesche besichtigt und nachgesehen hatte, ob alles gut aufgeladen war, befahl er, die Pferde anzuspannen. Im Zimmer blieben nur noch die Sachen zurück, die der Fürst immer bei sich führte: eine Schatulle, ein großes silbernes Reiseetui, zwei türkische Pistolen und ein Säbel, Geschenke seines Vaters, die dieser bei Otschakow[50] erbeutet hatte. Seine Reisegegenstände hielt Fürst Andrej in größter Ordnung. Alles war neu und sauber und steckte in Tuchfutteralen, die sorgfältig mit Bändern zugebunden waren.

Im Augenblick einer Abreise, die eine Veränderung in der ganzen Lebensweise mit sich bringt, sind Leute, die imstande sind, über ihre eigenen Handlungen nachzudenken, meist in ernster Stimmung. In solchen Augenblicken läßt man gewöhnlich die Vergangenheit prüfend an sich vorüberziehen und schmiedet Pläne für die Zukunft. Auf dem Gesicht des Fürsten Andrej lag Nachdenklichkeit und Milde. Die Hände auf den Rücken gelegt, ging er schnell im Zimmer auf und ab, von einer Ecke zur anderen, sah starr vor sich hin und schüttelte oft nachdenklich den Kopf. War es ihm schrecklich, in den Krieg zu ziehen, oder war traurig, seine Frau verlassen zu müssen? Vielleicht beides. Jedenfalls wünschte er augenscheinlich nicht, daß jemand ihn in diesem Zustand sehen sollte. Denn als er Schritte im Flur hörte, nahm er schnell seine Hände vom Rücken und blieb am Tische stehen, als wolle er das Futteral der Schatulle zubinden; er nahm wieder seine übliche, ruhige und undurchdringliche Miene an. Es waren die schweren Schritte der Prinzessin Marja.

»Es ist mir gesagt worden, du hättest befohlen anzuspannen«, sagte sie ganz außer Atem – anscheinend war sie sehr schnell gelaufen –, »aber ich wollte doch noch so gern mit dir allein sprechen. Gott weiß, auf wie lange Zeit wir uns wieder trennen müssen. Bist du auch nicht böse, daß ich gekommen bin? Du hast dich sehr verändert, Andrjuscha«, fügte sie zur Erklärung ihrer Frage hinzu.

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50

Otschakow: türkische Festung an der Dnjepr-Mündung. Wurde im russisch-türkischen Krieg von Suworows (vgl. Anm. 34) Truppen im Sturm erobert.